Betreut von Djehutimes
Von der Weisheit Kemets   Teil I

Im alten Kemet wurde die gesprochene Sprache erstmals in der Geschichte der Menschheit künstlerisch geformt und für die Nachwelt schriftlich festgehalten. So wurde ein Fundament geschaffen, auf dem sich seit über fünf Jahrtausenden große Dichtungen entwickelten, die noch heute zur Weltliteratur gehören.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Da unsere Schrift und unsere Sprache in späterer Zeit aber in der Welt größtenteils in Vergessenheit gerieten verband man unsere Kultur lange Zeit nicht mit literarischen Kunstwerken wie Dramen, Märchen, Erzählungen und Lyrik oder mit religiösen Vorstellungen, Hymnen und Gebeten, sondern vor allem mit imposanten Bauten wie den Pyramiden und den Tempeln entlang des Nils.

Die Literatur, dieser bedeutende Teil der kemetischen Kultur blieb aber über die Jahrhunderte der Stille hinweg in unserer Gemeinschaft zum Teil erhalten, da unsere Priesterschaft tausende Abschriften der alten kemetischen Schriftstücke aufbewahrte.

Seitdem die Welt in den letzten zwei Jahrhunderten wieder erlernt hat unsere Schrift zu lesen und unsere Sprache zu verstehen gelangen immer wieder Teile unserer Literatur ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurück und werfen ein etwas differenzierteres Licht auf unsere alte Kultur, die mehr zu bieten hat als gigantische Baudenkmäler und vergoldete Mumien.

Im Laufe der Geschichte unserer Kultur blühte unsere Literatur auf, verbreitete sich in der Zeit des Hellenismus über nahezu die gesamte bekannte Welt und verschwand danach am Ende der Antike nahezu vollständig aus dem Bewusstsein der Menschen.

Nach der Befreiung Kemets von den Persern durch Alexander den Großen kam es zu einer religiösen und kulturellen Annäherung zwischen der hellenistisch-griechischen Kultur und der Kemets; und als unsere Heimat drei Jahrhunderte später ihre Unabhängigkeit und Freiheit endgültig verlor und im römischen Imperium aufging verbreiteten sich unsere Kulte und Schriften im gesamten Reich bis hinauf nach Britannien. Die Geschichte unserer Könige und die Bräuche unserer Kultur wurden von griechischen und römischen Autoren niedergeschrieben, teilweise aber auch fantastisch ausgeschmückt und übertrieben.

Der Griechische Geschichtsschreiber Herodot, der im 5. Jahrhundert v.Chr. unser Land bereiste und der von der westlichen Kultur oftmals als „Vater der Geschichtsschreibung“ bezeichnet wird zeichnete in seinen Historien seine unterschiedlichen Eindrücke und teilweise missverstandenen Informationen auf. Daneben trugen vor allem die Geschichtsbücher des Diodor (1. Jhd. v.Chr.), das geographische Werk des Strabon (63 v.-19 n.Chr.) sowie die Naturgeschichte von Plinius dem Älteren (23 - 79 n.Chr.) in der Welt zur Kenntnis über unser Land und unsere Kultur bei, auch wenn einige Punkte dabei missinterpretiert und somit verfälscht oder verzerrt wiedergegeben wurden.

In der Phase der Ägyptomanie der römischen Kaiserzeit, als es in der Oberschicht Roms Mode war sich ägyptisch zu kleiden, ägyptische Kunstwerke in seinem Heim aufzustellen und als Touristen das Land am Nil zu besuchen kamen neue Impulse zur Rezeption über unser Land hinzu. Selbst gewaltige Kunstwerke wurden aus unserem Land verschleppt und im ganzen Imperium verteilt, so zum Beispiel die Obelisken die nach Rom verschifft wurden um als Zeiger für Sonnenuhren oder Wendemarken im Zirkus zu dienen. Daran sieht man gut dass schon zur damaligen Zeit unsere Kultur nicht mehr genau verstanden wurde und dass man sie mehr als Kuriositätenkabinett benütze.

Ebenso geschah es mit unseren Schriften, die missinterpretiert und fehlgedeutet, weit ausgelegt übers gesamte Imperium verteilt wurden und somit ein völlig falsches Bild über unsere Kultur zeichneten. Ein gutes Beispiel dafür sind die seit der Spätantike im Umlauf befindlichen hermetischen Literaturwerke, das heißt Offenbarungen und Geheimlehren, die der ägyptische Weise Hermes Trismegistos verfasst haben soll, hinter dessen Namen sich angeblich der kemetische Gott der Weisheit Djehuti (Thot) verbirgt. Diese hermetischen Schriften, die heute die Grundlage vieler esoterischer Gruppen bilden, die sich damit auf die Weisheit Ägyptens und damit die des alten Kemet und sein jahrtausendealtes Wissen berufen sind unserer Kultur aber so fremd wie hinduistische Göttergeschichten den Büchern der Bibel. Hermetik und Kemet haben absolut nichts gemeinsam.

Über Jahrtausende hinweg sammelten unsere Priester in den Tempelarchiven das Wissen unserer Kultur was dazu führte dass Kemet lange Zeit als Wiege der Weisheit und Mutter der Kultur bezeichnet wurde, was sicherlich eine gewisse Übertreibung darstellt aber den Kern der Sache auch nicht gänzlich verfehlt.

Neben den bürokratischen Schriftstücken der Tempel- und Staatsverwaltung, also den Akten über Steuererhebungen, Kriegsbeute, den Nilstand, die Höhe der eingefahrenen Ernten, die Verteilung der Erträge an die Bevölkerung, die Opferlisten Tempel, die Schriften der diplomatischen Korrespondenz des kemetischen Königshauses usw., die sicherlich tausende Regalmeter in den Archiven der Tempel und Paläste füllten, sammelten die Archive und Bibliotheken, die den Tempelschulen angegliedert waren auch alle Lehren für das Leben als Richtschnur für ein moralisches, also ein maatgerechtes Leben. Diese Schriften werden in der literarischen Kategorie der Weisheitslehren zusammengefasst.

Die Literatur Kemets, also unsere Gedankenwelt ist die Seele unserer Kultur, der Inhalt der unsere Gemeinschaft auch in der heutigen Zeit noch am Leben erhält. Wenig genug ist erhalten geblieben. Nicht alle Werke konnten von der Priesterschaft Kemets in Sicherheit gebracht oder im Geheimen kopiert werden, vieles wurde zerstört und für immer vernichtet. In den Wirren des ersten nachchristlichen Jahrtausends, als unsere Heimat gleich zweimal eine erzwungene religiöse Umwälzung erlebte und unser Glauben sowie unsere jahrtausendealten Traditionen erst von den Christen und danach von den Muslimen verboten und verfolgt wurden, gingen unzählige Werke unserer Kultur unwiederbringlich verloren. Das Erbe von Jahrtausenden bildete offiziell nur noch einen geheimnisvollen Fremdkörper im eigenen Land, um den sich Mythen und Legenden rankten, den religiöse Eiferer als Teufelswerk des Unglaubens zu zerstören versuchten. Nicht nur die heiligen Tempel unserer Götter wurden entweiht und zerstört, sondern auch unsere Literatur. Ebenso wie die Archive unserer Tempel, also unsere Wissensspeicher, geplündert und als Teufelswerk vernichtet wurden so wurden auch die Bücher der berühmten Bibliothek und des Serapeions von Alexandria, der größten Sammlung unserer Literatur und Wissenschaft, bis auf die Schriften des Aristoteles, in den Bädern der Stadt verheizt oder verschleppt und damit ein Großteil unseres Wissens vernichtet.

Auch uns selbst gingen im Laufe der Zeit viele Schriften verloren. So ist das was wir heute noch hüten und bewahren nur noch ein kleiner Teil dessen, was einstmals unsere Kultur und den Schatz unseres Wissens und unserer Weisheit ausmachte. Hauptsächlich beinhalten unsere heutigen Archive die Schriften, die die Priesterschaft zur Ausübung des maatgerechten Kultes benötigt, also religiöse Texte und liturgische Anweisungen sowie die Schriften, die in den Tempelschulen zum Erlernen der alten kemetischen Schrift immer wieder aufs Neue kopiert und abgeschrieben werden wie Liebesgedichte, Märchen und Fabeln ebenso wie Abhandlungen über Medizin, Geschichte, Naturwissenschaften und Religion.


Ende Teil I


Merienptah


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