Betreut von Djehutimes
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets    Teil III

Das Thema Sterben und Tod beherrscht viele Kulturen und Religionen, doch keine andere hat sich wohl im Laufe der Zeit einen so komplizierten Totenkult erdacht wie das alte Kemet.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Damit ist die Sache aber nicht zu Ende. Die Achu (Mehrzahl von Ach), können diese Gefilde aber auch zeitweise verlassen und in die irdische Welt zurückkehren um mit ihren hier lebenden Angehörigen in Kontakt zu treten, sie zu beschützen, zu warnen, ihnen zu helfen, aber auch um sie für Sünden zu bestrafen. Die Achu können gar als Rachegeister oder Gespenster in die Welt der lebenden zurückkehren und diejenigen heimsuchen, die sich gegen die Gesetze der Maat versündigen oder Rache an denjenigen nehmen, die ihnen zu ihren irdischen Lebzeiten ein Leid angetan haben.

Aus diesem Grunde wird ihnen im Totenkult gehuldigt und durch Gebete und Opfergaben versucht, sie gnädig zu stimmen. Oft wird der Ach eines Ahnen auch angerufen, um Schutz vor Verwünschungen und Beistand vor Gericht zu erbitten. Ein Ach hat ja nun das Gericht der Gerichte in der „Halle der vollständigen Wahrheit“ bestanden und kann wie kein anderer hilfreiche Tipps geben um eine Gerichtsverhandlung auch erfolgreich zu bestehen.

Und nun kommen wir zum wichtigsten Punkt dieses Wiederbelebungsprozesses und zum wesentlichsten Unterschied zwischen dem Totenglauben des alten Kemets und dem der heutigen Zeit. Die „Achwerdung“ aus heutiger Sicht unterscheidet sich durchaus von den Auffassungen über diesen Prozess in den alten Tagen Kemets und somit ergeben sich auch unübersehbare Unterschiede in der Bestattungspraxis zwischen heute und damals.

Wenn der Shut das Totengericht bestanden hat, der Ka weiterhin am Leben und der Ba unbeschadet nach 70 Tagen von seiner Reise zurückgekehrt ist, findet die „Achwerdung“ statt. Dafür ist allerdings ein unversehrter Leichnam notwendig. Denn diese Wiedergeburt als Ach findet im Inneren des Körpers (Chet) statt, andernorts ist sie unmöglich da sich der Ka, der Ba, der gerechtfertigte Shut und der Ren nur im Chet zum Ach vereinen können. Ohne den unversehrten Körper als der „gottgegebenen wahren Heimstatt der Wesensteile“ ist diese magische Neuverbindung und somit die Wiedergeburt als Ach nicht möglich. Die Zerstörung des Leichnams wäre gleichbedeutend mit dem endgültigen Tod als einer absoluten Vernichtung des Verstorbenen und somit das größte anzunehmende Übel überhaupt.

Das ist der Grund dafür dass alle Kemeten jedwede Form von Bestattung kategorisch ablehnen, die den Leichnam zerstört oder den natürlichen Zersetzungsprozess beschleunigt. Im Unterschied zum alten Kemet ist aber in unserem modernen Totenkult der Körper nur noch zu diesem Zeitpunkt notwendig. Im alten Kemet bestanden Ka, Ba, Shut und Ren nach der Achwerdung weiterhin als eigenständige Wesenheiten fort. Diese Wesenheiten benötigten den unversehrten Körper als Schnittstelle um sich immer wieder zusammenzufinden. Dafür musste der Leichnam für alle Zeit erhalten werden, was die Mumifizierung notwendig machte; dieser benötigte eine Stätte an der er sich aufhalten konnte, was eine ewige Grabstatt voraussetzte und da Ka und Ba für alle Zeit versorgt werden mussten um nicht doch noch zu sterben, waren Grabbeigaben mit allerlei notwendigen Dingen von Nöten. Das ist heute nicht mehr so.

Unser moderner Glaube sagt aber nun das Ka, Ba und der gerechtfertigte Shut im Körper zum Ach verschmelzen, diesen dann endgültig verlassen und danach nicht mehr brauchen. Eigenständig bestehen diese Wesenheiten dann nicht weiter fort und bedürfen deswegen auch keiner „ewigen Versorgung“. Einzig der Ach bleibt weiterhin bestehen. Deswegen verzichtet Kemet heute auf die Mumifizierung, die Anlage von großen Grabstätten als „Wohnung für die Ewigkeit“, und bis auf die Spruchsammlung der Totenbücher und eventuell einen Herzskarabäus gibt es auch keine weiteren Beigaben mehr um den Verstorbenen zu versorgen.

Diese verschiedenen Komponenten sind unerlässlich dafür dass der Verstorbene zum Ach werden und bis in alle Ewigkeit entweder als Stern im Gefolge des Sonnengottes oder als Verklärter in den Binsengefilden des Herrschers der Unterwelt weiterleben kann.


Das Totengericht

Der bereits erwähnte Spruch 125 („verneinen der Sünden“) beschreibt das Totengericht als ein Bekenntnis der nicht begangenen Sünden vor einem Tribunal aus 42 Totenrichtern, die unter dem Vorsitz des Herrschers der Unterwelt Usir-Wennenefer (Osiris) ihr Urteil über den Verstorbenen fällen. Der Verstorbene muss jeweils vor jeden dieser Richter treten, sich ihm mit seinem Namen vorstellen, ihn mit Namen ansprechen und die zu ihm gehörende Sünde verneinen. Während er dies tut wird als Zeuge seiner Aussage sein Herz, der Sitz des Gewissens, vom Gott Inpu (Anubis) gegen die Feder der Göttin Maat abgewogen, die Wahrheit und Rechtschaffenheit symbolisiert. Sollte der Verstobene bei der „Anhörung“ lügen wird das Herz als Zeuge der Wahrheit schwerer sein als die Feder der Maat und somit die Lüge offenlegen. Manch einer behauptet dass die heute noch geläufige Redewendung „schweren Herzen sein“ ihren Ursprung in diesem Wiegen des Herzen hat.

Passiert das ist die Anhörung vorbei und das Herz des Verstorbenen wird der dämonischen Totenfresserin Ammit übergeben die dies verschlingt und somit den verstorbenen endgültig auslöscht.


Bild: Das Totengericht (125. Kapitel des Totenbuches)

Als einen kleinen Rettungsanker für den Verstorbenen könnte man verstehen, dass eigentlich in diesem Spruch 84 Sünden erwähnt werden, die man nicht begangen haben sollte um als wahrhaft maatgerecht zu gelten, dass man aber ganz individuell „nur“ 42 vor den Richtern verneinen muss.

Wer also schon mal einen Brotlaib gestohlen hat (was eine der 84 Sünden ist) sollte nicht unbedingt vor dem Tribunal behaupten „ich habe nie einen Laib Brot gestohlen“, derjenige sollte diesen Punkt dann besser durch einen anderen ersetzen.

Ein weiteres Mittel beim Totengericht ein wenig zu schummeln, falls man nicht mal in der Lage ist 42 Sünden, also die Hälfte der Vergehen verneinen zu können, die das Tribunal als maßgebend erachtet, ohne Gefahr zu laufen von seinem Herzen der Lüge überführt zu werden ist es, wenn man dem Verstorbenen auf seine Reise einen Herzskarabäus mitgibt. Auf diesem ist Spruch 30 („Spruch damit das Herz des Verstorbenen nicht zurückgewiesen wird“) notiert, ein Zauberspruch, der dem Herzen aufträgt nicht gegen seinen Besitzer auszusagen.

Um einmal zu verdeutlichen wie dieses negative Sündenbekenntnis aussieht und was es beinhaltet hier mal ein Beispiel von 42 Bekenntnissen, allerdings der Einfachheit halber ohne die Namen und Herrschersitze der Richter des Tribunals:

Ende Teil III


Merienptah


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