Betreut von Djehutimes
Vom Ursprung der Dinge   Teil I

Wie schon im Artikel über die Schöpfung der Welt wollen wir noch einmal an den Anfang allen Seins zurückblicken, denn die Welt, wie sie ist, erklärt sich von ihren Anfängen her.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Aus diesem Grund kommt den Mythen über die Entstehung des Universums eine tragende Bedeutung zu. Nur die Rückbesinnung auf den ideal und vollkommen gesehenen Uranfang des Seins und des Menschen ermöglicht immer wieder einen Neubeginn, eine Überwindung aller Probleme und Krisen.

Mit der Bezeichnung „das Erste Mal“ (sep tepi), mit der in Kemet die Schöpfung bezeichnet wird, wird zugleich der Zauber und die Kraft beschworen, der von jedem Anbeginn, von jedem „Ersten Mal“ eines Vorgangs, ausgeht. In der Schöpfung war alles zum ersten Mal da, aber das erste Mal ist ja nicht das einzige, es fordert Wiederholung und Wiederkehr und setzt damit einen unaufhaltsamen Prozess in Gang. Die Benennung zeigt bereits, dass die Schöpfung im kemetischen Weltbild kein einmaliger Vorgang ist, sondern auf stetige Wiederholung hinausläuft. Die Welt kann immer wieder so neu und so vollkommen werden, wie sie am Anbeginn der Schöpfung war. Aus dieser Überzeugung zieht die Kultur Kemets einen großen Teil ihrer Kraft.

Bei genauer Betrachtung können die alten Texte enttäuschen wenn man sie auf direkte Aussagen über den Uranfang befragt, denn es gibt bis zum heutigen Tage keinen einheitlichen und fortlaufenden kemetischen Schöpfungsbericht, der sich auch nur im Entferntesten mit der christlichen Genesis oder der Enuma eliš der alten Babylonier vergleichen ließe. Was unsere Texte uns liefern sind eine Fülle von Anspielungen und von vereinzelten Aussagen aus verschiedenen Zeiten; dazu treten Bilder einzelner Vorgänge, vor allem der Trennung von Himmel und Erde. Diese Versatzstücke wurden erst in späterer Zeit zu verschiedenen Kosmogonien (s. Artikel „Von der Schöpfung der Welt“) verknüpft.

Insgesamt ergibt sich aus all diesen Versatzstücken, verschiedenartigen Aussagen oder Darstellungen dennoch ein äußerst reiches und differenziertes; ein beinahe greifbares Bild der Schöpfung. Die Texte liefern eine Vielzahl von Schöpfungsmythen, die sich der bis heute ungelösten Frage nach der Entstehung der Welt und des Seins von den verschiedensten Seiten her nähern. Im kemetischen Weltbild wird klar, dass sich dieser Vorgang nicht auf eine einzige, einfache Formel bringen lässt und dass man zum Verständnis des eigentlich Unbeschreiblichen und Unerklärlichen immer wieder neue Wege suchen und neue Symbole setzen muss. Wenn der Urschöpfer nach der einen Vorstellung aus seinem Samen, nach der anderen durch sein Wort oder durch seine gestaltenden Hände schafft und bildet, dann geht es stets um die elementare Frage wie aus dem Nichtsein Seiendes und aus Einem Vieles werden kann.

Schöpfung bedeutet, dass die Welt einen Anfang hat. Daraus lässt sich die weitere Konsequenz bilden, dass die Welt räumlich und zeitlich begrenzt ist, auch wenn diese Grenzen in „Millionen“ von Jahren und „Millionen“ von Meilen verschwimmen und sich letztendlich ins Unsehbare verlieren. Selbst die moderne Wissenschaft kann diese Einsicht bis zum heutigen Tage nicht ersetzen, sie untermauert und präzisiert diese sogar. Messergebnisse und Berechnungen definieren mittlerweile den räumlichen und zeitlichen Rahmen der Welt und legen unseren Horizont fest, aber dennoch ist er nicht deutlich erkennbar geworden und in seiner Größe unfassbar.

Das Denken Kemets überschreitet diesen Horizont, denn es trifft Aussagen über den Zustand vor der Schöpfung und zeichnet Bilder des Raumes jenseits der geschaffenen Welt. Nach diesem Denkmuster kommt die Welt aus der Urfinsternis (keku semau) und aus der Urflut (nun), die beide miteinander vermischt waren und so gemeinsam das Ungeschaffene anschaulich machen.

Dieser Urzustand wird in den alten Texten oft als Verneinung aller Gegebenheiten, welche die geschaffene Welt auszeichnen, umschrieben. Dazu bedient man sich der Umschreibung „als noch nicht … war“. Götter und Menschen sind noch nicht entstanden, Himmel und Erde, Tag und Nacht ruhen noch ungetrennt voneinander in der allumfassenden Finsternis, die raumlos und zeitlos ist. Da es noch kein Leben gibt, gibt es auch keinen Tod. Noch ist kein Name genannt, keine Form und „kein Ding“ erschaffen worden; und mit der alten Formulierung „als noch kein Streit entstanden war“ verneint man nicht nur den mythischen Streit zwischen Horus und Seth, sondern jedwede Auseinandersetzung und Bewegung in diesem trägen, noch nicht differenzierten und vermischten Urzustand. Es heißt von dieser Zeit es habe „noch nicht zwei Dinge gegeben“, also nur eine einzige undifferenzierte Einheit.

In dieser „Ursuppe“ treibt der Schöpfer, ohne den festen Halt zu finden, den er für sein Werk, den Akt der Schöpfung, braucht. Aber der Schlamm dieser Urflut, die im Urozean gelöste Materie ballt sich zusammen und taucht als Urhügel empor - ein Bild, das der Kemet jeden Herbst mit eigenen Augen sehen konnte, wenn die Wasser der jährlichen Nilüberschwemmung das mit frischem Schlamm bedeckte Land erneut freigaben. Festes Land grenzt sich ab gegen die Wasserflut; auf ihm kann der Schöpfergott stehen, auf diesem festen und klar definierten Boden kann sein Werk entstehen.

In anderen Texten denkt man sich eine Achtheit von Göttern, vier Paare von mächtigen Urwesen, deren Namen sie noch dem Ungeschaffenen zuweisen: Urgewässer, Unendlichkeit, Urfinsternis, Verborgenheit. Erst durch sie und ihr Zusammenwirken bildet sich festes Land im Urozean und der Urhügel erhebt sich aus den Fluten als Geburtsort der Sonne und durch das „Erste Mal“ ihres Aufganges setzt sie den zeitlichen Anfang des Seins.

Das Motiv des Auftauchens aus den Fluten wird nicht nur mit dem Urhügel verbunden, dessen ins Monumentale übersteigerte Abbilder die Pyramiden sind; deren kemetischer Name „achet“ sie als Horizont und somit als Aufgangsort der Sonne bezeichnet. Nicht weniger beliebt in den alten Texten ist das Bild der Lotosblüte, die aus der schlammigen, dunklen Tiefe auftaucht. Aus ihrem Blütenkelch erhebt sich als Sinnbild allen Seins wiederrum die Sonne. Dargestellt wird diese „Geburt der Welt“ als kindlicher Sonnengott, der dem Urlotos entsteigt.

Nach einer weiteren, sehr alten, Vorstellung tauchte aus der Urflut eine gewaltige Kuh auf, welche die Sonne zwischen ihren Hörnern trägt. In den Pyramidentexten erscheint sie unter dem Namen mehet-weret, die „Große Schwimmerin“, später auch als Ihet oder Ahet und Erscheinungsform von Göttinnen wie Hathor oder Neith. Es ist die Himmelskuh, die bereits in vorgeschichtlicher Zeit als Kuhkopf mit Sternen bezeugt ist und die in den Sargtexten als Mutter des Sonnengottes Re bezeichnet wird, die ihn täglich aufs Neue gebiert.


Ende Teil I


Merientptah


Kemetische Orthodoxie – Mein Weg in das House of Netjer - Teil II     Sat-Ma´at, 15.04.2017
Kemetische Orthodoxie – Mein Weg in das House of Netjer - Teil I     Sat-Ma´at, 01.04.2017
Altägyptische Symbole und ihre Bedeutungen     Djehutimes & Sat-Ma´at, 11.03.2017
Warum "Jahreskreisfeste" im Alten Ägypten keine Rolle spielten     Sat-Ma´at, 17.12.2016
Bestechen und Bedrohen von Göttern     Sat Ma´at, 21.05.2016
Ma´at im Alltag     Alice, 12.03.2016
Totenfest auf Ägyptisch     Sat-Ma´at, 07.11.2015
Keine lieben Kätzchen - Kemetische Katzengottheiten Teil III     Richard Chao, 19.09.2015
Keine lieben Kätzchen - Kemetische Katzengottheiten Teil II     Richard Chao, 05.09.2015
Keine lieben Kätzchen - Kemetische Katzengottheiten - Teil I     Richard Chao, 08.08.2015
Träume und Schlaf im Alten Ägypten     Sat-Ma´at, 12.04.2015
Von der Weisheit Kemets - Teil III     Merienptah, 17.01.2015
Von der Weisheit Kemets - Teil II     Merienptah, 13.12.2014
Von der Weisheit Kemets - Teil I     Merienptah, 22.11.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets - Teil V     Merienptah, 11.10.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets - Teil IV     Merienptah, 20.09.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets Teil III     Merienptah, 23.08.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets - Teil II     Merienptah, 02.08.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets - Teil I     Merienptah, 05.07.2014
Vom Ursprung der Dinge - Teil III     Merienptah, 15.06.2014
Vom Ursprung der Dinge - Teil II     Merientptah, 03.05.2014
Vom Ursprung der Dinge - Teil I     Merienptah, 12.04.2014
Von der Schöpfung der Welt - Teil IV     Merienptah, 25.01.2014
Von der Schöpfung der Welt - Teil II     Merienptah, 28.12.2013
Von der Schöpfung der Welt - Teil II     Merienptah, 02.11.2013
Von der Schöpfung der Welt Teil I     Merienptah, 19.10.2013
Heurige Neujahrsansprache von Merienptah     Merienptah, 29.06.2013
Kuhgestaltige Gottheiten in Ägypten     Helmsman-of-Inepu, 09.02.2013
Vom Wesen kemetischer Tempel - Teil IV     Merienptah, 12.01.2013
Vom Wesen kemetischer Tempel - Teil III     Merienptah, 22.12.2012
Vom Wesen kemetischer Tempel - Teil II     Merienptah, 08.12.2012
Kemetische Religiösität, oder: Den Göttern das Ihre geben! - Teil III     Djehutimes, 03.11.2012
Kemetische Religiösität, oder: Den Göttern das Ihre geben! - Teil II     Djehutimes, 20.10.2012
Vom Wesen kemetischer Tempel - Teil I     Merienptah, 29.09.2012
Kemetische Religiosität, oder: Den Göttern das Ihre geben! - Teil I     Djehutimes, 14.07.2012
Das kemetische Jahr - Teil II     Sat Ma´at, 23.06.2012
Das kemetische Jahr - Teil I     Sat Ma´at, 02.06.2012
Die kemetischen Seelenaspekte     Sat Ma´at, 07.04.2012
Ma´at als soziales Prinzip     Djehutimes, 17.03.2012
Ma´at als Schöpfungsprinzip     Sat-Ma´at, 28.01.2012




               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017