Betreut von Djehutimes
Von der Schöpfung der Welt   Teil IV

Das alte Kemet hat in seiner vieltausendjährigen Geschichte wohl mehr Schöpfungsmythen hervorgebracht als jede andere alte Kultur. Die scheinbare Ironie an der Sache ist, dass diese Kosmogonien und Theogonien auf den ersten Blick widersprüchliche Darstellungen ihrer mythischen Entstehung und Beherrschung des Kosmos beinhalten und dass sie im Laufe der gesamten Geschichte Kemets nie zu einer einzigen, allgemeingültigen Schöpfungsgeschichte verschmolzen wurden.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Diese unterschiedlichen Darstellungen von der Schöpfung der Welt spiegeln allerdings nicht nur die gegensätzlichen Überlieferungen verschiedener lokaler Kultzentren wieder, sondern stattdessen die unterschiedlichen Aspekte eines Einvernehmens darüber, wie die Welt und ihre Schöpfergötter entstanden sind. Denn so unterschiedlich die kemetischen Kosmogonien auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, sind sie sich doch in den meisten Punkten ähnlicher, als es zunächst den Anschein hat. Man könnte diese Mythen als verschiedene Gedichte über das gleiche Thema betrachten. Wie man nämlich unschwer erkennen kann, läuft die Schöpfung als Prozess in allen Kosmogonien Kemets gleich ab. Den Beginn markiert das Auftauchen des Urhügels aus dem Nun mit der darauf folgenden Geburt des Sonnengottes und der Entstehung der verschiedenen Göttergeschlechter.
Dies führte zur Entstehung der bekannten Welt und schlussendlich zur Schöpfung von Mensch und Tier. Der einzige Unterschied in all diesen Schöpfungsmythen ist die personifizierte Universalzündung des Ganzen. Den Anstoß zur Schöpfung gibt jeweils die Hauptgottheit einer lokalen Götterfamilie. Der weitere Verlauf des Schöpfungsprozesses ist dann wieder überall gleich. Nachdem die Göttergeschlechter entstanden sind, herrschten diese über viele tausend Jahre über die Welt, das sogenannte „goldene Zeitalter“ brach an. Während dieser Zeit erschufen die Götter die Umwelt und Natur die wir heute kennen. In dieser Zeit spielen auch die meisten der Mythen über die Götter und ihr Verhältnis zueinander, wie zum Beispiel der berühmte Osirismythos.

Als die Götter auf dem Erdenthron sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst wurden, zogen sie sich nach und nach auf dem Rücken der Himmelskuh an das Himmelsgewölbe zurück, wo man sie noch heute als Sterne sehen kann. Als dann auch die Göttin Maat, als letzte Vertreterin der göttlichen Herrscherdynastie die Erde verließ, übergab sie die Herrschaft und die Verantwortung für die Schöpfung den Menschen, die in ihrem Sinne, also nach dem Prinzip der Maat, die Welt und die Wesen in ihr lenken sollten.

Warum nun die Kosmogonien von Heliopolis, Hermopolis, Memphis und Theben im Laufe der Zeit die anderen überstrahlt haben, freilich ohne sie jemals gänzlich zu ersetzen, mag unterschiedliche Gründe haben. Bei Memphis und Theben sind es unzweifelhaft auch politische Beweggründe die die Hauptgötter der beiden Reichshauptstädte (Memphis war seit Beginn des Alten Reiches die Verwaltungshauptstadt und Theben seit dem Mittleren Reich die Residenz der Könige) zu landesweit verehrten Schöpfern werden ließen. Heliopolis ist unzweifelhaft eine der ältesten Tempelstädte Kemets und ihr Sonnenkult wohl überhaupt der älteste Kult des Landes, was eine überregionale Verbreitung begünstigt. Dies merkt man auch daran, dass beinahe alle Kosmogonien in Heliopolis „abgeschrieben“ haben und nur ihren eigenen Schöpfergott dieser Geschichte hinzugefügt oder sie dadurch ergänzt haben. Als ebenfalls eine der ältesten Kultstädte Kemets und Heimat des Weisheitsgottes Thot, der den Menschen die Schrift gab, gilt auch Hermopolis als eine der „Stätten des ersten Males“ und somit hatte die Achtheit der Stadt auch viel Zeit ihre Version der Schöpfung über das Land zu verbreiten.

Bis heute bestehen die verschiedenen Versionen der Schöpfung im kemetischen Glauben nebeneinander ohne einander jedoch jemals in Frage zu stellen. All diese Erzählungen vom Anfang des Universums und dem Beginn des immerfort andauernden Schöpfungsprozesses durch die Götter sind für uns gleich wahr. Sie sind verschiedene Sichtweisen auf die gleiche Materie; und der Zustand dass es in all den vergangenen Jahrtausenden unserer Geschichte nicht zu einer Vereinheitlichung dieser Mythen kam zeigt, dass in Kemet kein Wert auf eine absolute Wahrheit gelegt wird, wie sie so manche spätere Religion für sich in Anspruch nimmt.

Welche Gottheit nun „der Schöpfer“ ist, spielt im Ablauf des Geschehens, ebenso wie die genaue zeitliche Abfolge der einzelnen Stationen des Prozesses keine wirkliche Rolle. Das bemerkt man schon alleine daran, dass in einigen Texten nur von „Gott“ geredet wird; der Name der gemeinten Gottheit wird jedoch nicht erwähnt, ebenso wie über zeitliche Dimensionen an keiner Stelle genaue Aussage getroffen wird. Dass die Schöpfung im Gange ist sieht man jeden Tag; die Sonne taucht jeden Morgen gemäß der göttlichen Ordnung am Osthimmel auf und versinkt nach ihrer Fahrt über den Himmel wieder im Westen; Tag und Nacht wechseln sich immerfort einer zeitlichen Ordnung folgend ab; ebenso folgt der Wechsel der Jahreszeiten den Regeln der Schöpfung. Tausende Naturereignisse zeugen täglich davon, dass die Schöpfung seit dem Auftauchen des Urhügels aus dem Urozean noch immer im Gange und auch im Wandel begriffen ist. Denn entgegen den starren und auf einen bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit fixierten Schöpfungsereignissen vieler anderer Religionen ist die Schöpfung im kemetischen Denken ein dynamischer Prozess, der erst am Ende allen Seins in einer Umkehrbewegung dieser Dynamik, nach dem Tod der Götter und dem damit einhergehenden erlöschen ihrer Schöpfungskraft, ein Ende findet; zu der Zeit wenn sich das Universum wieder in den Zustand wandelt, den es vor dem Beginn des Schöpfungsprozesses innehatte. Einzig Nun als Urchaos bleibt von diesem universellen Ende ausgeschlossen. Auch diese Sicht passt erstaunlich gut auf die Theorien der modernen Kosmologie, die am Ende aller Zeit einen Sogenannten Endknall (als kosmisches Gegenstück zum Urknall) erwartet, der den Kosmos und all seine Bestandteile wieder in den Urzustand zurückversetzt.

Am Ende der Schöpfung ist nach kemetischer Sicht, ganz gleich welche Kosmogonie man dafür heranzieht; denn in dem Punkt sind sich wiederum alle Schöpfungsmythen einig, alles wieder in dem Zustand wie vor dem Beginn des Ganzen. Somit schließt sich der Kreislauf des Seins und im Nun, dem nunmehr wieder alleinexistenten Urozean kann irgendwann eine neue Schöpfung beginnen.

Die Wahrheit in Kemet liegt ganz im Auge des Betrachters, und genau deshalb sind sich unsere Kosmogonien trotz ihrer lokalen und zeitlichen Unterschiede so unwahrscheinlich ähnlich, dass sie zusammen in der Lage sind für uns ein Bild der Wahrheit zu zeichnen und uns ein Verständnis für die Zusammenhänge der göttlichen Schöpfung zu vermitteln ohne sich gegenseitig als falsch zu bezeichnen. Eine „einzig wahre Wahrheit“ will uns keine der kemetischen Mythen unterbreiten, sondern eher eine größtmögliche Annäherung an das, was damals passiert ist, das was noch heute passiert und an das, was in Zukunft passieren wird. Sie vermitteln eine dem Menschen verständliche Erklärung des Schöpfungsprozesses, der ja so groß und umfangreich ist, dass der begrenzte menschliche Geist ihn in seiner Gänze nie wirklich wird fassen können.


Bild: © Merienptah

Merienptah


Kemetische Orthodoxie – Mein Weg in das House of Netjer - Teil II     Sat-Ma´at, 15.04.2017
Kemetische Orthodoxie – Mein Weg in das House of Netjer - Teil I     Sat-Ma´at, 01.04.2017
Altägyptische Symbole und ihre Bedeutungen     Djehutimes & Sat-Ma´at, 11.03.2017
Warum "Jahreskreisfeste" im Alten Ägypten keine Rolle spielten     Sat-Ma´at, 17.12.2016
Bestechen und Bedrohen von Göttern     Sat Ma´at, 21.05.2016
Ma´at im Alltag     Alice, 12.03.2016
Totenfest auf Ägyptisch     Sat-Ma´at, 07.11.2015
Keine lieben Kätzchen - Kemetische Katzengottheiten Teil III     Richard Chao, 19.09.2015
Keine lieben Kätzchen - Kemetische Katzengottheiten Teil II     Richard Chao, 05.09.2015
Keine lieben Kätzchen - Kemetische Katzengottheiten - Teil I     Richard Chao, 08.08.2015
Träume und Schlaf im Alten Ägypten     Sat-Ma´at, 12.04.2015
Von der Weisheit Kemets - Teil III     Merienptah, 17.01.2015
Von der Weisheit Kemets - Teil II     Merienptah, 13.12.2014
Von der Weisheit Kemets - Teil I     Merienptah, 22.11.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets - Teil V     Merienptah, 11.10.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets - Teil IV     Merienptah, 20.09.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets Teil III     Merienptah, 23.08.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets - Teil II     Merienptah, 02.08.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets - Teil I     Merienptah, 05.07.2014
Vom Ursprung der Dinge - Teil III     Merienptah, 15.06.2014
Vom Ursprung der Dinge - Teil II     Merientptah, 03.05.2014
Vom Ursprung der Dinge - Teil I     Merienptah, 12.04.2014
Von der Schöpfung der Welt - Teil IV     Merienptah, 25.01.2014
Von der Schöpfung der Welt - Teil II     Merienptah, 28.12.2013
Von der Schöpfung der Welt - Teil II     Merienptah, 02.11.2013
Von der Schöpfung der Welt Teil I     Merienptah, 19.10.2013
Heurige Neujahrsansprache von Merienptah     Merienptah, 29.06.2013
Kuhgestaltige Gottheiten in Ägypten     Helmsman-of-Inepu, 09.02.2013
Vom Wesen kemetischer Tempel - Teil IV     Merienptah, 12.01.2013
Vom Wesen kemetischer Tempel - Teil III     Merienptah, 22.12.2012
Vom Wesen kemetischer Tempel - Teil II     Merienptah, 08.12.2012
Kemetische Religiösität, oder: Den Göttern das Ihre geben! - Teil III     Djehutimes, 03.11.2012
Kemetische Religiösität, oder: Den Göttern das Ihre geben! - Teil II     Djehutimes, 20.10.2012
Vom Wesen kemetischer Tempel - Teil I     Merienptah, 29.09.2012
Kemetische Religiosität, oder: Den Göttern das Ihre geben! - Teil I     Djehutimes, 14.07.2012
Das kemetische Jahr - Teil II     Sat Ma´at, 23.06.2012
Das kemetische Jahr - Teil I     Sat Ma´at, 02.06.2012
Die kemetischen Seelenaspekte     Sat Ma´at, 07.04.2012
Ma´at als soziales Prinzip     Djehutimes, 17.03.2012
Ma´at als Schöpfungsprinzip     Sat-Ma´at, 28.01.2012




               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017