Betreut von Djehutimes
Heurige Neujahrsansprache von Merienptah

Heute, 16. Juni 2013, zum Neujahrsfest Kemets möchte ich allen Remetju und Freunden der Kultur des schwarzen Landes ein gesundes neues Jahr wünschen und einmal auf den Ursprung unseres Festes vom Jahresbeginn zu sprechen kommen, der doch in unserer modernen Welt oftmals in Vergessenheit gerät.
Thanks to: © Gretchen Sveda

 

Der Leib des Amun ist Nun; was darin ist, ist Hapi.
Er ist entstanden an den Grenzen der Erde, er opfert Osiris als die große Flut, holt die Pflanzen heraus, lässt das Verdorrte grün werden und durchbricht die Dämme während der Überschwemmungszeit.

Hapi, die Flut des großen Stromes Iteru, brachte jedes Jahr zur selben Zeit mit dem abgelagerten Schlamm Fruchtbarkeit und Leben nach Kemet. Dieses Geschehen war dem Volk so wichtig und heilig, dass es seine Jahreszählung danach ausrichtete und den Jahresbeginn auf den Zeitpunkt des eintreffenden Hochwassers fixierte. Da dieses Eintreffen der Flut mit dem Erscheinen der Sopdet, dem Stern Sirius, am Himmel einherging, ließ sich der genaue Zeitpunkt durch Himmelsbeobachtung ziemlich exakt bestimmen. Heutzutage, nach über 5.000 Jahren, stimmen kalendarischer Jahresbeginn, der sich an der Zeit der Einigung unseres Landes orientiert, der Zeitpunkt der Flut, und das Erscheinen der Sopdet aufgrund klimatischer und kosmischer Veränderungen und Verschiebungen nicht mehr akkurat überein. Die Sopdet erscheint mittlerweile acht Wochen nach dem kalendarischen Jahresbeginn am Himmel und das Nilhochwasser würde etwa zweieinhalb Wochen später den Boden Kemets erreichen.
Auf das lebensspendende Hochwasser und unseren heutigen Umgang damit möchte ich zu Beginn dieses Jahres einmal etwas genauer eingehen. Im Jahr 1898 begann man mit dem Bau des alten Assuan-Staudammes am ersten Katarakt des Nils und staute so ab 1902 erstmals den Strom auf, wie man sagte: „um die Flut zu regulieren“. Durch die 180 Schleusen des Dammes war es damals noch möglich zum Zeitpunkt der Flut das Durchströmen des Wassers zuzulassen, welches es ermöglichte, dass der für Kemet und seine Bevölkerung lebensnotwendige Nilschlamm auch weiterhin die Felder nördlich der Staumauer erreichte und fruchtbar machte.
Doch als man 1960 etwa sieben Kilometer südlich der alten Staumauer mit dem Bau des Sadd el-Ali Hochdammes begann, der seit 1964 den Nasser- oder Nubia-See auf mehr als 500 km Länge aufstaut, sollte die fruchtbare Zeit in Kemet ein Ende haben. Dieser Damm ermöglicht keinen Durchfluss des fruchtbaren Schlammes mehr und riegelt den Fluss völlig ab. Man hat mit diesem brutalen Eingriff den Strom Iteru in Ketten gelegt und unser Land der Unfruchtbarkeit preisgegeben, da Hapi, die lebensspendende Nilflut, diese über 100 Meter hohe und fast 4.000 Meter breite Mauer nicht überwinden kann.

Für den Aufbau von Schwerindustrie, die Gewinnung von Elektrizität und die Bewässerung von für den Export bestimmten Reisfeldern wurde dem einfachen Volk von Kemet die Lebensgrundlage entzogen, deren Felder nun nicht mehr auf natürliche Weise durch den Fluss gedüngt werden können. Viele der einfachen Bauernfamilien konnten es sich nicht leisten teuren Kunstdünger zuzukaufen um ihre Felder zu bestellen und waren so gezwungen ihr gewohntes Leben aufzugeben, in die großen Städte abzuwandern und dort ein Leben in Armut zu leben. Nicht nur dass in diesem über 5.000 km2 großen See aus reiner Profitgier hunderte unserer jahrtausendealten Kulturdenkmäler und Heiligtümer unwiederbringlich versenkt und damit zerstört wurden, auch wurden über 100.000 Menschen im Überflutungsgebiet aus ihrer angestammten Heimat vertrieben und die dort seit Jahrhunderten ansässige nubische Kultur nahezu vollständig vernichtet.
Durch die fehlenden Nährstoffe im Wasser die ebenfalls durch die Staumauer zurückgehalten werden sowie den sinkenden Sauerstoffgehalt, ist der Fischbestand ab Assuan im Nil zudem drastisch zurückgegangen; und sogar im Mittelmeer sind die Effekte zu spüren. Besonders im östlichen Mittelmeer sanken die Fischfänge nach dem Bau des Damms um fast die Hälfte. Auch die Fischbestände im Brackwasser des Nildeltas, werden durch das salzige Meerwasser geschädigt. Viele Fischarten sind bereits verschwunden.
Flussabwärts und vor allem im Nildelta stellt auch Erosion ein großes Problem dar. Durch den Mangel an Nilschlamm, der sonst vom Fluss dorthin transportiert wurde, werden Ackerland weggespült und Uferbefestigungen beschädigt. Daneben gibt es eine signifikante Erosion entlang der Küsten des gesamten östlichen Mittelmeeres, da der vom Nil ins Meer gespülte Sand fehlt. Auch verändert die gewaltige Wasserfläche des Nasser-Sees und die damit einhergehende immense Verdunstung das Klima im ganzen Land.

Diese Eingriffe und ihre Folgen haben die Menschen aber nichts gelehrt. Seit 1997 werden riesige Bewässerungsprojekte in Angriff genommen und große Teile der Wüste westlich des Nils im sogenannten „New Valley Project“ mit Kanälen aus dem Stausee geflutet um zeitweise als Ackerland verwendet zu werden. Auch das sogenannte „Toshka-Project“ will bis 2017 etwa 420.000 Hektar unfruchtbare Wüste westlich des Stausees, mitten in der Sahara, durch Bewässerung bewohnbar machen. Die geringe Fruchtbarkeit des Wüstenbodens völlig außer Acht lassend, werden eklatante Eingriffe in die Natur vorgenommen ohne sich über die möglichen Folgen Gedanken zu machen. Überdies verbrauchen diese gewaltigen Bewässerungsprojekte nach Fertigstellung voraussichtlich mehr Wasser als der Nasser-See zur Verfügung stellt, deshalb hat die Regierung des Sudan im Jahr 2000 Gegenmaßnahmen ergriffen und unserem heiligen Strom eine weitere Fessel angelegt.

Seit 2009 wird hinter dem Merowe-Staudamm am vierten Nilkatarakt ein weiterer etwa 200 km langer Stausee aufgestaut, der wiederum über 50.000 Menschen aus ihrer fruchtbaren Heimat im Niltal vertrieb, die nun in der unfruchtbaren Wüste ihr neues Zuhause suchen müssen. Ebenso überflutet und zerstört der Stausee des Merowe-Dammes unwiederbringlich verschiedenste, bisher kaum erforschte, Kulturdenkmäler aus über 5.000 Jahren Weltgeschichte. Auf halber Strecke zwischen Nasser- und Merowe-Stausee, in der Nähe von Dongola, ist mit dem Kajbar-Staudamm bereits ein weiteres sudanesisches Bauprojekt geplant um den Nil aufzustauen.
Auch der Jonglei-Kanal, der im Südsudan bereits seit den 1970’er Jahren im Bau ist, stellt in meinen Augen einen „terroristischen Eingriff“ in die Natur dar. Der Kanal soll nach seiner Vollendung den Weißen Nil im Bereich des Sudd, des großen Sumpflandes, umgehen, neue Transportwege schiffbar machen und die Städte Bor und Malakal mit einer 360 km langen künstlichen Wasserstrasse verbinden. Glücklicherweise hat die politische Instabilität im Sudan bisher die Vollendung des Kanalbauprojektes verhindert, denn dieser Kanal würde große Teile des Sudd trockenlegen und somit den gesamten Wasserhaushalt in ganz Nordafrika aus dem Gleichgewicht bringen. Der Sudd, dieser etwa 55.000 km2 große Wasserspeicher, würde sich langfristig gesehen durch diese Entwässerung großflächig zur Wüste verwandeln und da dadurch in diesem Gebiet viel weniger Wasser verdunstet, würde im gesamten nordafrikanischen Raum weniger oder gar kein Regen mehr fallen.

Bereits heute erreichen durch Assuan-Hochdamm und Bewässerungsprojekte in der weltlichen Wüste nur noch etwa 5% des Nilwassers das Mittelmeer. Ich möchte kein politisches Statement abgeben, aber dennoch zum Nachdenken anregen. Unser Umgang mit der Umwelt und unsere brutalen Zerstörungen natürlicher Lebensräume und Ökosysteme können auf lange Sicht nicht von Vorteil für die Menschen sein. Diese riesigen und Milliarden teuren Bauprojekte schaden vielen und nutzen, wenn überhaupt, nur wenigen.

Gedankengänge wie „Was interessieren mich Staudämme oder Kanäle im Sudan, die tausende Kilometer entfernt sind“ sind sehr weit verbreitet im heutigen Denken der Menschen und ich habe sie schon zu oft gehört, aber wir dürfen nie vergessen dass derart brutale Eingriffe in die Natur überall auf der Welt stattfinden, auch direkt vor unseren Türen. Der Raubbau an der Natur, die gnadenlose Ausbeutung von Bodenschätzen, die Überfischung der Meere, das Abholzen der Wälder, die Trockenlegung von Sümpfen, Begradigungen und das Aufstauen sowie die durch die Industrie verursachte Verschmutzung von Flüssen sind globale Probleme, so etwas gibt es überall auf der Welt.

Wir Menschen sollten uns eingehend Gedanken darüber machen ob der geringe und zeitlich begrenzte Nutzen, den solch brutale Eingriffe in unsere Umwelt bringen können den Preis wert sind, den wir und unsere Kinder dafür bezahlen müssen und ob wir gewillt sind solche Projekte zukünftig zu unterstützen und zu befürworten; oder ob wir die Schöpfung, die Mensch und Tier das Überleben sichert, beschützen und erhalten wollen. Die Welt ist nicht unser Eigentum und wir dürfen nicht mit ihr tun und lassen was uns beliebt oder zulassen dass einige wenige, nur nach Gewinnmaximierung strebende Menschen, den Lebensraum von Tausenden und die Lebensgrundlage nachfolgender Generationen sowie ganzer Ökosysteme unwiederbringlich zerstören.
Mit diesen Worten möchte ich Euch ins neue Jahr schicken und ich hoffe darauf, dass dieser Denkanstoß Euer Verhalten und Handeln lenken und positiv beeinflussen kann, damit unsere Welt für die Zukunft und alle Geschöpfe, die in ihr leben, bewahrt werden kann. Wir alle beeinflussen durch unsere Lebensweise den Umgang unserer Gesellschaft mit der Umwelt in der wir leben. Wir tragen die Verantwortung für das, was Menschen in unserem Namen mit der Welt anstellen, das sollten wir nie vergessen.

Ich wünsche Euch allen ein frohes und glückliches neues Jahr, Gesundheit, die Liebe Eurer Angehörigen sowie den Segen der Götter.

Die Downloadmöglichkeit für den betreffenden Kalender findet Ihr hier: Kalender als PDF


Merienptah

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