Betreut von Djehutimes
Kemetische Religiösität, oder: Den Göttern das Ihre geben!   Teil III

Diesmal möchte ich ein paar grundlegende Überlegungen zu den viel strapazierten und sich häufig vermischenden Begriffe „Spiritualität“ und „Frömmigkeit“ anstellen. Es lohnt sich diese beiden Begriffe genauer zu betrachten, da sie in der Umgangssprache oft ungenau verwendet werden. Dabei werde ich auch ganz kurz auf die jeweilige Begriffsgeschichte eingehen.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Heute möchte ich euch zwei historisch überlieferte Möglichkeiten vorstellen, wie wir uns an die Götter wenden können, die ich in der Literatur gefunden habe. Natürlich sind die Möglichkeiten mit Göttern zu kommunizieren, mindestens so vielfältig, wie zwischen uns Menschen. Die meistverwendete Kommunikationsart ist freilich, wie wir das aus dem Alltag ja auch kennen, die freie Rede, das freie Gebet. Aber manchmal, mir geht es manchmal so, möchten wir uns auf die Art und Weise an die Götter wenden, wie es auch schon unsere Vorfahren vor tausenden von Jahren getan haben. Es gibt uns ein Gefühl von Sicherheit, dass das was wir tun und wie wir es tun nicht verkehrt ist, aber auch, und ich denke das ist vielleicht fast noch entscheidender, ein Gefühl von Eingebundensein in etwas die Zeit Überdauerndes. Ebenso kann es uns aber auch ein Gefühl von Verbundenheit mit unseren kulturellen Wurzeln geben. So sind die beiden folgenden Beispiele, eine Schulschrift an Djehuti aus der Zeit Ramses II. (ca. 1279 v.Chr.) und Briefe in das Jenseits an Verstorbene, von mir auch exemplarisch als Inspiration für diejenigen gedacht, die sich gerne zu besonderen Anlässen oder auch aus freudigem Interesse an überlieferten Formen orientieren.

Eine Schulschrift an Djehuti

Diese Schulschrift stammt aus der Zeit des Neuen Reiches. Sie ist an Djehuti (Thot) gerichtet und diente primär wohl dem Zweck den Schülern ein generelles Verständnis für den Aufbau eines Schreibens an ihn zu vermitteln:

Komm zu mir, THOT,

du erlauchter Ibis, du Gott, nach dem sich Hermopolis sehnt,

du Briefschreiber der Neunheit, Großer in Hermopolis!


Komm zu mir, dass du für mich Vorsorge triffst,

dass du mich kundig sein lassest in deinem Beruf,

(denn) dein Beruf ist schöner als alle Berufe.


Er macht groß: der, der darin kundig ist, wird fähig befunden Beamter zu sein.

Ich habe viele gesehen, für die du gehandelt hast und die nun im Richterkollegium sitzen,

die reich und mächtig sind durch das, was du getan hast.

Du bist es, der Vorsorge trifft.


Du bist es, der Vorsorge trifft für den, der keine Mutter hat;

Schicksal und Gedeihen sind in deiner Hand.

Komm zu mir, dass du für mich Vorsorge triffst,

ich bin ein Diener deines Hauses!

Mögest du mich von deinen Siegestaten künden lassen in jedem Land, wo ich bin.


Dann sagt die Menge der Menschen:

„Wie groß ist, was THOT getan hat!“

Dann kommen sie mit ihren Kindern,

um sie zu „stempeln“ für deinen Beruf,

den schönen Beruf des Herrn der Stärke,

es freut sich, wer ihn ausübt.


Fecht hat 1965 für diesen und andere an Thot adressierte Schriften folgenden formalen Aufbau herausgearbeitet:

Formaler Aufbau Längst nicht jede jemals gefundene an Djehuti adressierte Schrift folgt exakt diesem Schema, auch hier gibt es wie überall viele Möglichkeiten, die oft genug auch vom konkreten Anliegen abhängen. Dennoch ist es ein schönes Bespiel für einen Brief an den Ordnungs- und Formalitäten liebenden Gott und Erfinder der Schrift, Djehuti. Interessant ist der Aufbau: Der Brief ist in drei Abschnitte geteilt. Abschnitt zwei und drei haben insgesamt jeweils 9 Zeilen, was eine versteckte Anspielung auf die Götterneunheit von Heliopolis sein könnte, als dessen Briefschreiber er in der Anrede angesprochen wird. Interessant ist außerdem die Verdoppelung der Verszahl von drei auf sechs im Verkündigungsversprechen, was als Bekräftigung wirkt.

In dem Schreiben wird auch der ma'at'sche Grundsatz „Handle für den, der für dich handelt“ deutlich! Es ist weder eine einseitige Bitte an den Gott, noch eine einseitige Forderung an den Verfasser. Es ist etwas Gegenseitiges angesprochen, nämlich dass der Verfasser für den Gott handelt, wenn dieser ihm hilft Beamter/Schreiber zu werden, als auch dass der zukünftige Beamte für den Gott handeln wird und, durch das (ab-)schreiben dieses Schultextes, ebenfalls jetzt handelt. Der Brief ist aus der Sicht eines Schülers geschrieben: Wenn Djehuti dem Schüler hilft die Schule zu bestehen und Beamter, d.h. Schreiber, zu werden, so verspricht der Schüler als Beamter stets im Sinne Djehutis zu handeln. Handle für den, der für dich handelt.


Briefe in das Jenseits

Es gibt noch eine andere Gruppe netjeru (Pl.), die uns naturgemäß näher stehen, als die Götter: Die Ba-Seelen  von verstorbenen Verwandten, Freunden und von für uns wichtiger Bezugspersonen. Jenseits und Diesseits sind ja keine wirklichen Gegensätze, sondern analog zu Ober- und Unterägypten, oder Tag und Nacht, zwei Seiten einer Sache, eine Dualität. Ober- und Unterägypten bilden zusammen Kemet, Tag und Nacht bilden zusammen den Zyklus einer Fahrt des Ra in seiner Barke (Sonnenumlauf). Jenseits und Diesseits bilden zusammen das Sein! Das Jenseits ist genauso, wie das Diesseits. Der Aufenthaltsort mancher netjeru, sowohl Götter wie z.B. Osiris, als auch der Verstorbenen, ist das Jenseits. Von dort wirken sie auf das Diesseits und wir wirken in das Jenseits, wenn wir für sie handeln. Die oben erwähnte Partnerschaft spannt sich zwischen Diesseits und Jenseits, die beide zusammen das Boot bilden, welches die von Hornung beschriebene eine Seinswelt ist.

Viele Götter leben zwar auch im Diesseits (in ihren Tempeln), ihre Wohnstatt allerdings ist der Himmel und von dort wirken sie auf die Erde (z.B. wirkt der Gott Schu auf der Erde als Wind). Die Götter leben im Himmel wie die Sterne am Firmament…

Die Gründe sich an verstorbene Angehörige, Freunde und einem sonst wie nahestehende Mitmenschen zu wenden sind vielfältig und können von einer einfachen Mitteilung über konkrete Anliegen bis hin zu Bitten um Beistand und Unterstützung bei Schicksalsschlägen und Ungerechtigkeiten reichen. Was einem gerade auf dem Herzen liegt.

Archäologisch sind diese Briefe zwar nur in gut 16 Fällen belegt und erstrecken sich über einen Zeitraum von fast 1000 Jahren (ca. 2000 – ca. 1100 v.Chr.). Sie verdeutlichen die lange Kontinuität, sich auf diese Weise an die Verstorbenen im Jenseits zu wenden. Als Materialien für die Briefe kann im Grunde so ziemlich alles dienen, was sich beschreiben lässt. Archäologisch sind belegt: Statuetten, Stelen, Papyri, kleine Tontäfelchen (sog. Ostraka), Leinwand und Keramik. Was Inhalt und Form betrifft, ist jeweils die Form sinnvoll, die derjenige an den man sich wendet bereits im Diesseits gefallen hätte (wobei E-Mails und SMS eher schwierig werden...). Dargebracht werden die Briefe an der jeweiligen Ruhe-, und/oder an der Gedenkstätte des Verstorbenen, was den heimischen Altar natürlich ebenso mit einschließt, wie den Lieblingsplatz des Verstorbenen am See oder im Wald.


Ausblick

Natürlich wurde sich auch nach 1100 v. Chr. an die Verstorbenen gewandt, ungebrochen bis heute, doch muss nicht jeder Brief auch langfristig aufbewahrt werden. Es gibt auch viele andere Möglichkeiten sich an die Verstorbenen und die Götter zu wenden, die hier vorgestellten Briefe stellen lediglich eine Möglichkeit dar und sind, wie gesagt, als Vorschlag und Inspiration gedacht. Ein Verstorbener Musiker wird sich auch sicherlich ebenso wie Hathor über ein ihm gewidmetes Stück freuen. Der Inspiration sind letztlich keine Grenzen gesetzt, je nach Persönlichkeit und Charakter des „Adressierten“ und des „Absenders“. Ich denke, die persönliche Beziehung, die man zu dem Verstorbenen im diesseitigen Leben hatte, ist eine gute Richtschnur und Basis für gesunde Kommunikation. Aber ob Verstorbene oder Götter, denkt immer daran, dass netjeru individuelle Geschöpfe mit eigenem Willen und Gefühlen sind. Sie freuen sich auch über jedes Gebet, dass frei von Herzen kommt.


Literatur
Assmann, Jan: „Ägyptische Hymnen und Gebete“, 2.erw. Auflage; Freiburg i.d. Schweiz, Göttingen 1999
Fecht, G.: „Literarische Zeugnisse zur „Persönlichen Frömmigkeit“ in Ägypten“; AHAW 1965
Janowski, B.; Wilhelm, Gernot (Hg): „Texte aus der Umwelt des Alten Testamentes, Band 3: Briefe“; Gütersloh, München 2006.


Djehutimes


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