Betreut von Djehutimes
Ma'at als Schöpfungsprinzip

Wenn etwas die Kemeten (eigentl. „Remetiu Kemeti“ – „Menschen des schwarzen Landes“) im besonderen Maße auszeichnete dann ihr Pragmatismus und ihre Bodenständigkeit. Das mag vielleicht ungewöhnlich anmuten, da wohl kaum eine Kultur so ausgeprägte kultische und mythologische Aspekte besitzt wie die der Ägypter.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Die Ägypter, ein Agrarvolk

Dennoch waren sie vor allem eines: ein Agrarvolk, das in enger Verbundenheit mit den Zyklen der Natur lebte. Daher ist es  nicht verwunderlich, dass Ma’at ein Prinzip ist, das der intensiven Beobachtung und dem Erleben der natürlichen Rhythmen entspringt, derer es in Kemet viele gab. Die stets aufs Neue wiederkehrende Nilschwemme, die den fruchtbaren schwarzen Schlamm über die Felder brachte, der Lauf der Sonne, die auf der östlichen Seite des Nils aufging und im Westen wieder unterging, die Bahnen verschiedener Sterne und Sternbilder, die Zeiten von Aussaat, Wachstum und Ernte…


Götter in der Schöpfung

Um Ma’at als Prinzip der Schöpfung zu begreifen, ist es zunächst wichtig zu verstehen, dass die Götter Ägyptens nicht in einer Sphäre fernab der menschlichen Welt existierten, sondern in der Natur - um nicht zu sagen, die Götter waren die Natur selbst. Die kemetische Religion ist keine Religion im eigentlichen Sinne, denn ein „religio“ - also eine Rückverbindung an das Göttliche - war praktisch nicht erforderlich, waren doch die Götter allgegenwärtig und greifbar. Auch die Frage nach Existenz oder Nichtexistenz der Götter stellt sich folglich gar nicht erst. So war z.B. der Nil das Ka* des Osiris in seiner Rolle als Fruchtbarkeitsgott oder der Wind das Ka des Luftgottes Schu oder die Milchstraße die Gestalt der Himmelsgöttin Nut. Es ist also naheliegend, dass auch Ma’at nicht nur kosmisches Prinzip ist sondern auch eine Gottheit. Diese Doppelbedeutung – Person und Prinzip – lässt sich bei jeder der ägyptischen Gottheiten nachvollziehen. Das eine ist dabei vom anderen nicht scharf abgegrenzt, sondern geht ineinander über. Ma’at ist eine oft kniend dargestellte Frau mit ausgebreiteten Schwingen und einer Straußenfeder auf dem Kopf. Die ausgebreiteten Schwingen und die Feder symbolisieren ihren luftigen und damit transzendenten Aspekt, der alle Formen des Seins zu durchdringen vermag.


Schöpfung als Prozess

Die Göttin Ma'atDie Vorstellung der Kemeten von der sie umgebenden Schöpfung war, dass sie in unendlich vielen ineinandergreifenden Zyklen funktioniere und diesen unzähligen Zyklen ein initialer Akt, also ein „erstes Mal“ vorausging. Die Kosmongonie ist also kein Akt eines immanenten Schöpfers, sondern ein Vorgang des Sich-selbst-Entfaltens. Damit ist die Schöpfung vielmehr ein Prozess, der fortwährend aufs Neue beginnt, gelingen muss und als solcher auch stets erneut vom Scheitern bedroht ist. Dies führt dann zum antagonistischen Prinzip von Ma’at, nämlich Isfet, welches oft mit „Chaos“ übersetzt wird, aber an Dramatik und Destruktivität doch weit über diesen Begriff hinausgeht. Das schöpferische Potential muss also in eine Form fließen, eine Ordnung, so dass diese Schöpfungskraft in greifbare Erscheinung treten kann. Diese Ordnung ist Ma’at. Man kann sich also den Verlauf des Schöpfungsprozesses in etwa wie einen Dominoeffekt vorstellen.

Auszug aus einem Sargtext zur Kosmogonie von Heliopolis:

Ich bin am Schwimmen und sehr ermattet, meine Glieder sind träge.
Mein Sohn "Leben" ist es, der mein Herz erhebt.
Er wird meinen Geist beleben, nachdem er diese
meine Glieder zusammengerafft hat, die sehr müde sind.
Da sprach Nun zu Atum:
"Küsse deine Tochter Ma'at, gib sie an Deine Nase!
Dein Herz lebt, wenn sie sich nicht von Dir entfernen.
Ma'at ist Deine Tochter,
zusammen mit Deinem Sohn Schu,
dessen Name "Leben" ist.
(CT II 34g-35h)

Dieser Sargtext beschreibt das Bild von einem Schöpfergott (Atum) der ohne Bewusstsein (Mattigkeit) im Urmeer (Nun) treibt. Er verkörpert damit das Noch-Nicht-Seiende, das Prä-existente. Die Welt entsteht also nicht aus einem „Nichts“ sondern aus einem „ungeordneten Etwas“. Atums Beiname lautet auch "Der sich selbst erschaffen hat". Durch die Zeugung seiner beiden Kinder Ma'at (Ordnung) und Schu (reine ungerichtete Lebenskraft), wird Atum be-lebt. Diese Zeugung geht einher mit der Bewusstwerdung Atums, welches den Übergang vom Prä-Existenten in das Existente darstellt. Die kosmische Parthenogenese Atums taucht in den Mythen durch recht derbe Bilder wie „Ausspucken“, „Aushusten“ bzw. Masturbation auf. Indem also die reine ungerichtete Kraft in seiner Verkörperung als Schu in eine geordnete Form -nämlich  Ma‘at- fließt um Gestalt anzunehmen, zeugt sich das Seiende aus sich selbst heraus.

Hier sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, dass Ma’at in dieser Betrachtungsweise der Schöpfung synonym für Tefnut in Erscheinung tritt, was eher ungewöhnlich ist, denn in den Erläuterungen zur Kosmogonie von Heliopolis besteht das erste Götterpaar aus Schu und Tefnut. Tefnut kann daher als „Ma’at des ersten Males“ interpretiert werden, wohingegen Ma’at die Ordnung des fortlaufenden Schöpfungsprozesses darstellt.

Küssen bedeutet hier "Einatmen" und steht sinnbildlich für die Einverleibung der Ma'at. Ma’at taucht in den Mythen nämlich auch als Stirnschlange des Sonnengottes Re auf. Atum wie Re eint der solare Aspekt, da die Sonne als Verkörperung der Schöpfungskraft galt. Diese sog. Uräusschlange findet sich an allen Königskronen wieder und in vielen Darstellungen unterschiedlicher Gottheiten und erinnert so an den notwendigen Ablauf des stetig wiederkehrenden Schöpfungsaktes. Denn ausnahmslos jede Gottheit unterwirft sich der kosmischen Ordnung Ma’at und gewährleistet so das Gelingen der Schöpfung. Ma’at ist hier „der Navigator“ des Re, der mit seiner Sonnenbarke des Tages über den Himmel fährt, deren Bahn Ma’at vorgibt.

Sonnenaufgang über dem Nil

 

Ma'at - ein Begriff, viele Bedeutungen

Für Ma’at wurden schon viele Übersetzungen herangezogen, wie z.B. „Gleichgewicht“, „Harmonie“, „Weltenordnung“, „Gerechtigkeit“ oder „Gesetz“. Doch sie alle werden diesem alles umfassenden und alles durchdringenden komplexen Prinzip nicht annähernd gerecht. Ma’at ist vielmehr die Grundlage dem all diese genannten Begriffe entspringen, das unsichtbare Netz, dass diese Dinge eint um darin in Erscheinung zu treten und erfahrbar zu werden. Gerade Begriffe wie „Gerechtigkeit“ oder „Harmonie“ werden dem prozesshaften und dynamischen Charakter Ma’ats in keiner Weise gerecht. Ma’at ist „das Richtige“ das je nach Situation immer wieder neue Erscheinungsformen annehmen wird um den Schöpfungsprozess am Laufen zu halten.

*Ka: hier der „Geist“ oder das Wirken einer Gottheit


Literatur

Jan Assmann, Ma’at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten
Jan Assmann, Schöpfungsmythen und Kreativitätskonzepte im Alten Ägypten
Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte
Bilder, Wikimedia Commons


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