DrachenSabber
Entstehen in Abhängigkeit, eine persönliche Betrachtung   Teil I

Uwe hat dem WurzelWerk wieder seine Gedanken zu einem zentralen Thema der buddhistischen Praxis gespendet. Wie immer aus recht klaren und bodenständigen Blickwinkeln.

"Gut, ihr Mönche, also sagt ihr folgendes, und auch ich sage folgendes: „Wenn dies existiert, ist jenes; mit der Entstehung von diesem entsteht jenes.“ (Majjhima Nikaya)

Dies beschreibt in einem Satz das Entstehen, die Existenz in Abhängigkeit, wie es vom Buddha gelehrt wurde. Was dieser im Sutra „Von der Vernichtung des Begehren“ auf das Erscheinen der leidvollen Erfahrungen und deren Überwindung bezieht, gilt natürlich für alles Erfahrbare. Doch was hat dieser zentrale Lehrsatz, auf den sich die gesamte, relative buddhistische Sicht reduzieren lässt, nun mit dem Bild meines Frühstückstisches zu tun?

Sehr viel. Nein, einfach alles. Dieses Bild kann dabei von einer äußeren, einer inneren, einer „geheimen“ (oder, besser, verborgenen) und einer absoluten Ebene betrachtet und verstanden werden. Beginnen wir auf der einfachsten Ebene, der äußerlichen. Es zeigt einen, meinen Frühstückstisch.
Teller, Tasse, Brot, Butter, Milch, verschiedenes anderes. Nichts Spektakuläres. Nichts Spektakuläres? Wer das denkt, ist von der Sichtweise, wie sie der Buddhismus kennt, sehr weit entfernt. Und hat ein Problem.

Er oder sie ist dem Prozess von Leiden, konkret der Verwirrung und Täuschung vollkommen ausgeliefert. Erfahrungen wie Mitgefühl, Freude, Güte und Gleichmut sind dabei, wenn Weil das, was auf diesem Bild zu sehen ist, den Rahmen des Vorstellbaren bei weitem sprengt.

Eine Scheibe Brot, hat man schon mal überlegt, wie viele Faktoren, Bedingungen und Umstände dazu gehören, bis eine Scheibe Brot auf dem Teller liegt? In früheren Zeiten dankte man dem lieben Gott für das Brot auf dem Tisch. Dieser Dank war der Tatsache geschuldet, dass man einerseits angesichts drohender Hungersnöte, der mühsamen Arbeit für die Lebensmittelgewinnung überhaupt tatsächlich noch eine verständliche Wertschätzung für so etwas einfaches wie Brot hatte.
Zum anderen wollten oder konnten die Menschen gar nicht die dafür notwendige Denkarbeit leisten, tiefer in die Zusammenhänge hineinzusehen. Denn das Bedingt Abhängige Existieren, das allen Phänomenen zugrunde liegt und das der Buddha mit seinem kurzen Satz auf den Punkt bringt, ist nicht ganz so einfach zu erkennen. Von da aus war (und ist) die Verortung einer höheren, lenkenden Kraft wie die eines Gottes für diese, in früheren Zeiten so geheimnisvollen Vorgänge wie Pflanzenwachstum und Wetter nachvollziehbar.
Heute wissen wir um Genetik, Pflanzenschutz, Klima und metereologische Zusammenhänge, wir schauen sogar in quantenmechanische Vorgänge, die normalerweise verborgen ablaufen. Das ist aber immer noch nur eine sehr grobe, äußere Betrachtung des Abhängigen Existieren. Aber weiter mit dem Bild.

Man sieht Butter. Es handelt sich übrigens um eine französische Meersalzbutter. Um den salzigen Geschmack dieser Butter zu genießen, was ist dazu alles notwendig?
Abgesehen vom Salz, das aus den Salzpfannen der französischen Küste mühsam abgebaut wird muss diese Butter schließlich ihren Weg in deutsche Supermärkte finden.


Vom Honig im Glas

Sehen wir uns mal so etwas relativ einfaches wie den Honig im Glas, der im Korb zu sehen ist, genauer an. Dazu braucht es, ja was? Wo beginnen wir eigentlich bei der Betrachtung des Phänomens Abhängiges Entstehen?

„Honig entsteht, indem Bienen Nektariensäfte oder auch andere süße Säfte an lebenden Pflanzen aufnehmen, mit körpereigenen Stoffen anreichern, in ihrem Körper verändern, in Waben speichern und dort reifen lassen“ (Wikipedia).

Tja, das wäre die einfache Seite. Andererseits braucht es Menschen, die diesen Honig sammeln, Imker nennt man diesen Handwerker. Es braucht die technischen Geräte, mit denen er die Honigwaben zentrifugiert. Dann braucht es einen Glaser, der die Gläser herstellt, denn wo könnte man sonst den Honig hineintun. Das Glas auf dem Bild hat einen Plastikdeckel, da braucht es also auch noch den richtigen Fabrikanten, der den entsprechenden Kunststoff verarbeitet.
Ob in das so hergestellte Glas am Ende Honig, Erdnussbutter oder Nutella, wie auf dem Bild zu sehen, hineinkommt, spielt dabei weniger eine Rolle.

Aber ich habe gefragt, wo beginnen wir bei der Betrachtung des Phänomens Abhängiges Erscheinen? Bleiben wir beim Honig.
Die derzeitige Diskussion um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat rückt die Tatsache, dass wir eine Pflanzenvielfalt für eine gesunde Umwelt brauchen, zunehmend in den Blickpunkt. Denn die Monokultur der Landwirtschaft und schließlich der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln selbst führte in den letzten Jahren dazu, dass Bienen es zunehmend schwer haben, Pflanzen zu finden deren Blüten sie nutzen können und überhaupt zu überleben.
Ohne eine Vielfalt an Pflanzen keine Insekten. Keine Bienen. Kein Honig.

Bis Honig in seiner bekannten Form auf dem Tisch stehen, zu dem Preis, wie wir ihn kennen, braucht es also tatsächlich eine unglaubliche Vielzahl an Faktoren, die zusammen spielen, die perfekt passen müssen. Angefangen von den Umweltbedingungen bis zu den menschlichen Leistungen.


Von Nutella und Dinosauriern 

Honig ist noch eine der einfachsten Dinge, die auf dem Tisch zu sehen sind. So wie das Brot auf dem Teller.
Obschon auch hierüber eine lange Geschichte zu erzählen wäre. Ganz zu schweigen von dem Schwarztee oder der Nutella. Das Plastik, aus dem die Deckel und die Folien gearbeitet sind, ist dann eine noch kompliziertere Geschichte. Kunststoff ist das Produkt eines komplexen Zusammenwirkens von Erdgeschichte, Umwelt, technischer Hochindustrie und menschlichem Einfallsreichtum.
Wo beginnt man hier mit dem Abhängigen in Erscheinung treten? Vielleicht bei den Dinosaurieren. Was haben die mit unserem Plastikdeckel zu tun?

Zwischen 400 Millionen und 100 Millionen Jahren vor unserer Zeit wucherte das Leben auf unserem Erdball in einer Art, wie wir uns das nicht vorstellen können. Riesige Urwälder und Tiere, viele Saurier, die über 200 Millionen Jahre lang den Ton angaben, in den Meeren wimmelte es von Kleinstlebewesen und Pflanzen. All diese organische Materie starb natürlich immer und immer wieder, wurde geboren oder entwickelte sich, bedeckte den Boden, wurde untergepflügt und mit Kontinentalverschiebungen in die Tiefe verfrachtet. Bis irgendwann aus dieser gigantischen Masse mehr oder weniger tief unten mittels Druck und Temperatur Erdöl wurde. In den letzten 150 Jahren fand der Mensch Techniken, dieses Öl zu nutzen. Dazu ersann er Methoden, dies zu gewinnen, es umzuwandeln, es als Treibstoff zu nutzen, in Granulat zu pressen, er erfand Maschinen, die Formen gossen und so weiter und so fort. Ein jeder Kunststoffdeckel auf einem Honigglas ist also nichts weiter als jahrmillionenalte einstmals organische Substanz, ein Zusammenspiel aus Umwelteinflüssen und Produkt einer menschlichen geistigen und körperlichen großartigen Leistung. Wie man sieht, es braucht nicht den Rückzug auf ein göttliches Prinzip, um Dinge, wie sie sind wertzuschätzen. Einfach nur, weil sie sind wie sie sind. Und das ist schon mal weit mehr, als man es auf diese einfache Art, wie ich es jetzt getan habe, durchdringen kann. Wie nochmal hat es der Buddha einst so trefflich formulierte: „Wenn dies existiert, ist jenes“. Wie wahr.

So viel kann man, wenn man will, auf einem Frühstückstisch entdecken. Allerdings ist dies nur eine sehr grobe Betrachtung. Die aber etwas verstärkt in den Blickpunkt setzen kann: Die Fähigkeit zur Wertschätzung für das, was uns umgibt.


Ende Teil I


Uwe


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