Geismar   Teil IV

Sonnwend, Anno Domini 723, in einem Wald an der Eder die durch das Land des Stammes der Chatten fließt.

Johannistag, drei Tage nach Sonnwend, am heiligen Platz

Das weite Rund um die altehrwürdige Eiche ist angefüllt mit hunderten Menschen. Viele sind gekommen, weil sie es nicht glauben konnten, was sie da gehört hatten. Andere aus purer Sensationslust, wieder andere, weil wieder andere sie mitgeschleppt haben. Einige haben sich auf ein Fest unter freiem Himmel eingestellt, reichlich mit Met vorgespült und jede Menge Pilzteigtaschen, Hühnchen in Honigkruste und Brotsuppe mitgebracht. Nur Norpe, der schiefäugige ist da, weil er den Milcheimer seiner Frau, nach einem kleinen Opfer, gestern hier stehengelassen hat und ihn wieder holen will.

Angetan mit Mitra und Stab, in einer schwarzweißen Soutane, hat Bonifatius, den sie den Missionar nennen, eine beeindruckende Prozession hierhergeführt. Fränkische Soldaten, flankiert von einer stattlichen Anzahl Kuttenträger, Handwerker und, wie es scheint, jede Menge mitgebrachter Claqueure. Die Sonne leuchtet hell vom Himmel, entfernt lagern ein paar Federwolken im herrlichen Blau. Ein zärtliches Lüftchen spielt durch die

Gewandsäume und lässt die smaragdenen Blätter der umstehenden Buchen und Linden ein perlendes Leggiero tanzen. Ebenso jene der titanesken, turmhohen Eiche, die das Zentrum des Platzes aus festgestampfter Erde bildet. Just vor ihr hat der Bischof Aufstellung genommen. Sein mitgebrachtes Gefolge bildet als lebendes Bühnenbild für das bevorstehende Drama einen offenen Halbkreis in seinem Rücken. Gegenüber lagern die Chatten, als neugierig-unschlüssiges Auditorium.

Zunächst verrichtet der Bärtige ein stilles Gebet, dann zeichnet er das Kreuz in alle Himmelsrichtungen. Seine Fraktion verneigt und bekreuzigt sich ebenfalls. Nun wendet er sich dem „Publikum“ zu und verfällt in eine Art hochfeierlichen Singsang:

Vernehmt ihr Menschen, deren Irrglaube euch den Weg in das Himmelreich bis heute verboten hat! Nicht die Sonnengötze, die lediglich eine Lampe des Herrn ist, sondern das Licht des wahren Glaubens ist in euren Schlupfwinkel gedrungen . Alle Teufelsopfer, die ihr unwissend gebracht, alle Unholde, die ihr ahnungslos angebetet habt weichen dem einzig wahren Licht: Christus , der am Kreuz gestorben ist. Er bringt euch allein die Erlösung. Ihr alle,...“ er greift mit weiter Bewegung ins Rund: „...könnt gerettet werden. Ihr seid wie Schafe, die einem falschen Hirten folgen. Deshalb bin ich, Diener des einzig wahren Hirten, gekommen, eure Blendwerke zu zerstören. Ehe das Saeculum zu Ende geht, werden alle Götzenbilder dieser Lande dem heiligen Kreuz gewichen sein.“

Hrodgar stößt seine Frau an : „Seit wann bin ich ein Schaf? Und was ist ein Säckelbum?“ Oda zuckt die Achseln. „Keine Ahnung, er will uns vor irgendwas retten. Aber schau mal, da!“

Tatsächlich produziert einer der fränkischen Soldaten eine rund meterlange Axt unter seinem Mantel hervor und reicht sie mit feierlichem Blick dem unwidersprochen vor sich hin funkelnden Kleriker.

Wie ihr alle wohl schon gehört habt,...“ hebt nun Wunibald, einer der anderen Kuttenträger an, indes Bonifaz sich meditativ versenkt wie ein Zauberkünstler vor dem Zersägen der Jungfrau: „...wird der Bischof nun diesen Baum umhauen, so dass ihr Zeugen werdet, wie schwach eure Götzen sind. Hernach werden wir aus seinen Brettern ein Oratorium zu Ehren Petri bauen und einen Zaun drumherum auch gleich. Danach ist der große Bonifaz bereit euch der Reihe nach zu taufen. Und die eine oder andere Frage zu beantworten.“

Nun, unvermittelt , setzt der Bischof den ersten Streich. Doch der Schlag ist nicht allzu kraftvoll geführt. Lediglich eine Schramme bleibt an der tiefschrundigen Borke zurück. Der erwartete Aufschrei der heidnischen Menge unterbleibt. Bonifaz hebt kurz den Blick. Schlecht, wenn bei einer

missionsdramaturgischen Handlung der Effekt versagt. Also nochmal. Bonifazius holt aus und prügelt mit aller Kraft auf den Stamm ein. Einmal- zweimal-dreimal. Borkensplitter fliegen, das Axtblatt gleitet beim letzten Schlag einmal halb ab, singt einen hellen Ton und verfehlt nur knapp das Knie des harzrünstigen Holzknechts.

Zugegeben – jetzt klafft eine Ritze im Holz des Riesen. Doch noch immer reißt sich niemand die Kleider vom Leib, noch immer stürzt keiner mit dem Ausruf: „Taufe mich!“ in die Knie, noch immer glotzen die Geismarer lediglich, als hätte ihnen jemand die Butter geklaut. Das lauteste Geräusch im Rund ist das Keuchen des Missionares.

Alles wartet

Im Hintergrund bellt ein Hund. Leise rasselt eine Rüstung. Norpe, der schiefäugige, schnäuzt sich in den Ärmel. Ein Sack Korn fällt um und einer der fränkischen Soldaten tritt einen Schritt vor. Offenbar überlegt er, Bonifaz beizuspringen, doch dieser wehrt ab. „Seht ihr?“ ruft er der Menge zu, nun wieder bei Atem: „Euer Götze tut mir nichts! Er ist ein Teufel, der gegen den Willen des einzig wahren, allmächtigen Gottes nichts auzurichten vermag. Er muss zusehen, wie ich sein sogenanntes Heiligtum zerstöre!“

Leises Gemurmel weht, einer blassen Rauchfahne gleich, durch die Menge. Von weiter hinten tönt es halblaut: „Naja, wirklich zerstört...ist irgendwie...anders.“ Bonifaz ergrimmt und stemmt die Axt erneut empor. In heiligem Trotz reckt er den Bart vor : „So seht, wie ich das Werk vollende! Und wisset: In Bäumen wohnt nichts. Sie sind leere Kreaturen, die Gott der Herr erschaffen hat, doch uns zur Nutzung. In ihnen steckt weder Gott noch Wesen.“ Womit er ein viertes Mal auf die mächtige Pflanze eindrischt.

Diesmal jedoch erfolgt eine Reaktion.

Ende Teil IV


Michael


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