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Vorwort, oder: warum, wieso, weshalb
“Die alten Germanen, sie lagen / zu beiden Ufern des Rheins / Sie lagen auf Bärenfellen / und tranken immer noch eins.”
Dieser leicht dümmliche Spruch, gefunden auf dem Etikett einer im fränkischen Bayreuth erstandenen Flasche Met, spiegelt eins der wohl noch harmloseren Klischees über “die Germanen” wider.
Auf wild wogenden Wellen heranwallende wotanwütige Wagner-Wikinger mit Hörnerhelmen, darüber wolkenreitende Walküren, die nach wie vor hurtig ( hoyotoho! ) durch die sog. Hochkultur von Oper und Operette herumgeistern, sind höchstens abschreckend lächerlich und schaden, möchte man meinen, doch eigentlich niemandem – auch wenn solche Figuren mit der vormittelalterlichen Wirklichkeit Europas ebensowenig zu tun haben wie z.B. (sagen wir mal) die Lebenswirklichkeit nordamerikanischer Ureinwohner mit der altdeutsch eingekitschten Indianerromantik eines Karl May.
Wenn jedoch ein Rechtsradikaler Amok läuft, auf Menschen schießt und anschließend behauptet, er habe Mord und Mordversuche “im Auftrag Odins” begangen, wird die Sache schon etwas ernster – besonders, wenn sich niemand über einen solchen Zusammenhang groß wundert oder ihm gar widerspricht. So geschehen 1996 im rheinischen Recklinghausen – aber nicht nur dort, und nicht nur dann. Anderes Beispiel, eines von vielen: Der berüchtigte Berliner Neonazi Arnulf Priem nennt seine paramilitärische Terrorgruppe “Wotans Volk”, und keiner widerspricht ihm. Auch zahlreiche andere Gruppen, vom rassistischen “Armanen-Orden” bis zur faschistischen “Wiking-Jugend”, berufen sich auf angeblich “germanisches” Erbe, benutzen willkürlich Runen und andere germanische Symbole, und keiner widerspricht ihnen. Warum auch? Es ist ja allgemein bekannt, daß sich die Nazis auf die “alten Germanen” beriefen, sich ihrer Symbolik und ihres Mythenschatzes bedienten. Und spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind Germanentum und Sieg-Heil-Gebrüll für die meisten zivilisierten Menschen dieselbe oder doch zumindest die gleiche braune Soße.
Germanentum, jegliches: heutzutage (ist es) zutiefst diskreditiert, auch und gerade für die seriöse Wissenschaft. Der Holocaust erschreckte die zivilisierte Menschheit, doch was unterscheidet die deutschen Verbrechen wirklich von denen eines Pol Pot, eines Bokassa oder eines Stalin? Nicht die ungeheure Zahl der Opfer, auch nicht die Mordmethoden, die m.E. nur (den Schattenseiten) der jeweiligen Kultur entsprechen, nein: Es ist der ideologische Hintergrund – er allein macht die Verbrechen Hitlerdeutschlands so schwer vergleichbar mit den anderen und sonstigen Barbareien unserer Epoche.
Der Rassismus der Nazis – und die (heutzutage so auffällig schwer begründbare) Begeisterung des damals fast gesamten deutschen Volkes für Hitler – hatte letztlich auch und vor allem okkulte Wurzeln, die fern jedes zivilisatorischen Verständnisses lagen. Die Menschheit (inklusiv mancher Deutscher) erschrak nach der lückenlosen Aufdeckung der Naziverbrechen tatsächlich. Mit solch einem grauenhaften Sumpf wollte man nichts (mehr) zu tun haben. Und genau deshalb fand eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den pseudoreligiösen Inhalten der Nazis niemals statt, nicht in den Nürnberger Prozessen, und schon gar nicht danach. Der seitdem andauernde stillschweigende Großversuch, das Thema ausschließlich rational zu erklären, füllt Bände und Filmrollen ebenso tonnenweise wie vergeblich. Was ebenfalls nicht stattfand, war eine Rehabilitation der Germanen. Das lag wohl auch an der Scham einer internationalen Wissenschaft, die im 19. Jh. drauf und dran gewesen war, krudesten Rassismus salonfähig zu machen – dies im Gefolge einer (nach heutigen Maßstäben und Erkenntnissen gründlich unwissenschaftlichen, jedenfalls aber unreflektierten) Begeisterung für angeblich germanisch-keltische Wurzeln des Abendlandes, die absurd zu überhöhen und zu idealisieren um die Jahrhundertwende offensichtlich Mode war. Oder inhumane Konsequenz: denn schließlich mußte weltweiter Kolonialismus gerechtfertigt werden – ausgerechnet von Nationen, deren Religion angeblich die Nächstenliebe war und ist.
Dieser offensichtliche Widerspruch zwischen Sklavenhalterei und Ausbeutung einerseits und christlicher Bergpredigt anderseits ließ sich wohl nur mit der Lehre von “unterschiedlich wertvollen Rassen” übertünchen. Groteske Ergebnisse solcher Bemühungen waren u.a. die Theosophie im allgemeinen und deren Kind, die Ariosophie, im besonderen.
Kurze Erklärung: Die Anhänger der Ariosophie behaupten (damals wie heute), die Menschheit stamme angeblich vom fernen Stern Aldebaran. Auf der langen Reise zur Erde hätten sich die “fünf Wurzelrassen” der Menschheit illegal miteinander vermischt, das Ergebnis seien “niedere” und “minderwertige Rassen” auf der Erde, die dazu bestimmt seien, von den “höheren Rassen” beherrscht zu werden. Als “höher” gelten dabei die Hellhäutigen und (im Idealfall) Blondhaarigen, die sich vor weiterer Vermischung schützen müssten, um nicht unterzugehen. Eine einfache Sündenbock-Theorie: Denn was an den angeblich “höheren Rassen” im Einzelfall nicht astrein sein sollte, verschulden laut Ariosophie immer die anderen, die “dunklen”. Da natürlich niemand perfekt ist, geht diese Sündenbock-Rechnung immer auf: Die Feindbilder können wechseln, ein Feind – auf den das eigene Minderwertigkeitsgefühl projiziert wird – ist aber immer präsent.
Der aus all dem letztlich resultierende fremden- und judenfeindliche Okkultismus der Nazis hat sich fast wahllos germanischer Symbolik bedient und diese gründlich missbraucht – seit Auschwitz haftet auch allem Germanischen der Ruch des Verbrechens an, zumindest für aufgeklärte und rationalistische Zeitgenossen. Die weniger rationalistischen indes, namentlich sogenannte Neuheiden, neigen heute dazu, in dieselben Fallen zu tappen wie ihre historischen Vorgänger vor über 100 Jahren. Theosophie und Ariosophie, die metaphysischen Grundlehren für rassistische Verschwörungstheorien aller Art, feiern unter zeitgenössischen esoterischen Sinnsuchern unerkannt giftige Urständ´. Doch bleiben wir einstweilen bei der Mehrheit. Die tiefe, ja beinahe instinktive Ablehnung all dessen, was irgendwie “germanisch” riecht, geht leider so weit, dass das Thema heute niemanden mehr interessiert.
Nazis und Germanen – der unerkannte Gegensatz
Germanen – dieses Thema ist kein Thema. Dadurch wird die Definition dessen, was germanisch war, und was germanisch ist, den ideologischen Nachfolgern der alten Nazis überlassen. Auf deutsch: Wir lassen uns wichtige Teile der Geschichte und Vorgeschichte von Völkermördern und deren Sympathisanten deuten. Ich will etwas anderes. Ich will die Spreu vom Weizen trennen. Ich will mir europäische Geschichte und Vorgeschichte nicht von Kulturverächtern, sozialdarwinistischen Mördern und Menschheitsverbrechern diktieren lassen. Ich will mir dieselbe Geschichte und Vorgeschichte auch nicht von bewusst frömmlerischen, unbewusst faschistoiden Esoterikern venebeln (und damit abermals verdrehen) lassen. Ich will ferner nicht mindestens sechs (bis maximal 15) Jahrhunderte weiterhin totgeschwiegen oder mit Nebensätzen übergangen wissen von gutmeinenden Geschichtsschreibern, die sich schämen für Schauergeschichten über Heidenbräuche, die altrömischer oder frühkirchlicher Propaganda – oder eben der Goebbels´ – entspringen. Ich will Tatsachen aufzeigen und belegen. Ich will ansatzweise erläutern, was Germanen von denen unterscheidet, die sich (gestern und heute) so gern auf sie berufen.
Mein Fazit: Hält man sich an historische Fakten, sind Germanentum und Nazitum unvereinbar. Ihre Werte und Weltbilder sind nicht nur verschieden, sondern diametral entgegengesetzt. Hätten die Deutschen wirklich germanisch empfunden, wäre Hitler Anstreicher geblieben und Himmler ausgelacht worden. Falls es solche Gestalten tatsächlich zu irgendeiner Führerschaft gebracht hätten, wären sie allerspätestens 1942 als Sakralopfer fällig gewesen (vermutlich aber schon 1939. Zugegeben: Zum Sakralopfer hätte es wohl doch nicht ganz gereicht, weil man Hitler eher schon 1933 abgesetzt hätte: dies ganz unsakral, aber herzhaft) – ganz davon abgesehen, dass die Ausgrenzung ganzer Volksteile (von deren Ermordung mal zu schweigen) germanischem Denken und Handeln total widerspricht. Soziale Ausgrenzung von Teilen der Gemeinschaft (im deutschen Falle damals vor allem der Juden) ist historisch belegbar das ungermanischste, was man sich überhaupt vorstellen kann. Es gibt keinen einzigen nationalsozialistischen Kernsatz oder Wunsch, der irgendwie “germanisierbar” wäre – hält man sich an die historischen Fakten.
Germanische Kulturen waren weder rassistisch noch nationalistisch; Stechschritt und Kadavergehorsam sind keine germanischen Werte, sondern preußische Erfindungen; germanische Stämme definierten sich nicht über reale Blutsverwandtschaften, sondern spirituelle Bindungen; germanische Führer hatten keine diktatorische Macht, sondern soziale Verantwortung, zu der sie ggf. sehr real gezogen wurden; kurz – eine germanische Nation hat es nie gegeben, denn: Mit Stammeskulturen ist kein Staat zu machen.
Das Böse will ich nicht beklagen, sondern bekämpfen. Dazu muss ich Gutes tun, muss sozusagen im Guten wurzeln – und der unpopuläre Aspekt meiner These ist, dass dieses Gute mit germanischer Kultur zu tun hat. Die kann und will ich keineswegs idealisieren – vielleicht, weil germanische Kultur selbst kaum Ideale in unserem Sinne kannte, sondern nur Rezepte, die sich als praktisch, als alltagstauglich erwiesen. Das bedingte deren ständige Veränderungsbereitschaft, sprich: Flexibilität. Die germanische Mythologie kennt kein Paradies, sondern nur ein geschicktes Balancieren zwischen kosmischen Spannungsverhältnissen. Dementsprechend rauh, kantig und unrund klingen ihre Überlieferungen. Germanische Götter sind keine allmächtigen Schöpfer, sondern Vorbilder: übermenschlich zwar, aber mit erheblichen Macken. Auf deren Form und Sinn komme ich noch zu sprechen.
Die Nazis jedenfalls hatten und haben von germanischen Göttern nicht die geringste Ahnung. Sie erschlugen Europa mit dem Knauf des germanischen Schwerts, doch sie umfassten es stets an der Schneide. Tatsächlich meine ich es so wie ich´s sage. Die Nazis stellten die germanische Kultur auf den Kopf. Sie konnten sich der sogenannten “Germanen” nur bedienen, indem sie germanische Werte in ihr Gegenteil verkehrten. Zum Teil sogar buchstäblich, wie das sogenannte Hakenkreuz zeigt: Die Swastika drehte sich bei Germanen und deren Vorfahren anders herum (spiegelverkehrt, müsste man heute sagen); als altes Sonnensymbol war sie weiß, nicht schwarz. Aus dem mindestens fünf Jahrtausende alten Zeichen göttlichen Lebens wurde in nur wenigen Jahren weltweit das des fanatischen Mordes. Doch ich will mich nicht mit Äußerlichkeiten begnügen. Mit “rassischer Reinheit” hätte das historische Völkergemisch der echten “Germanen” ebensowenig anzufangen gewusst wie mit dem asozialen “Herrenmenschen”-Ideal der deutschen Faschisten. Sogar noch der in der Edda postpagan überlieferte nordische Götterhimmel präsentiert sich weniger als blauäugiges Heldenepos denn als burschikoses Behindertenballett – davon später mehr.
“Wer Wind sät, wird Sturm ernten,” sagt die Bibel. Ich ergänze hiermit: “Wer Sturm ruft, erntet Wotan” – und dessen archaischer Kraft (samt kultureller Implikation) sind Rassisten, wie die Geschichte schon einmal bewies, nicht gewachsen. Aus dem beschworenen “Endsieg” Deutschlands wurde dessen bedingungslose Kapitulation, aus “Ahnenerbe” Geschichtsvergessenheit, aus dem drittklassigen deutschen “Reich” eine erstrangige Katastrophe. Vielleicht hätten sich die Deutschen des 20. Jahrhunderts doch etwas besser informieren sollen, welche Geister sie da riefen – und welcher unbekannten, ja fremden Kultur die tatsächlich entstammten. Über diese unbekannte Kultur möchte ich sprechen.
Ende Teil I
© Duke Meyer 2000, neu überarbeitet 2009
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