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Später. Ein Römer namens Tacitus. Redner, Politiker,
Gelehrter. Nahm sich die zivi´sierten Hauptstadtbewohner
seiner Zeit vor. Um 100 nach Christus war das. Hört mal, guckt
mal, schrieb er. Ihr verlotterten Saubären. Meinte er. Seine
Landsleut´ meinend – die urbanen vor allem: Ihr solltet
euch schämen, einander heimliche Liebesbriefchen zuzustecken,
wenn ihr nicht mal verheiratet seid miteinander, insistierte er
(den Umstand ignorierend, dass Ehen in aller Regel der Menschheitsgeschichte
alles Mögliche provozieren: wozu eheinterne Liebesbriefe erkennbar
nicht gehören. Denn Liebesbriefe scheinen eine Ausdrucksart
Verliebter zu sein: schon immer...). Nehmt euch ein Beispiel, sagte
der sittenstrenge Tacitus, an Winnetou, dem edlen blonden Häuptling
der Germanen. (Die ganz bestimmt keine Liebesbriefchen schreiben
konnten, schon weil sie der Schriftkunst als solcher unkundig waren,
Anm. d. Verf.)
Tacitus weiter, in einer überzeugenden Mischung aus Schwärmerei
und Befremden, über die (von ihm an den Haaren herbeizitierten)
Germanen: Das sind wetterharte Recken jenseits der Alpen, wisst
ihr. Die laufen den ganzen Tag oben ohne herum (die Männer
zumindest), obwohl´s da oben schneit, und bevor sie nicht
mindestens 20 Jahre alt sind, kommen diese edlen Wilden überhaupt
nicht auf Ideen von wegen Blümchen und Bienchen und so...
Tacitus schrieb eine Menge. Nicht das meiste davon, sondern schlichtweg
alles hatte er von andern gehört: von Leuten, die dort oben
gewesen waren, im Norden. Im Gegensatz zu ihm selber. Zudem lässt
sich heute schwerlich bestimmen, welche germanischen Götter
irgendein Römer meinte, wenn er im Zuge der so genannten "Pax
Romana" ganz selbstverständlich römische Götternamen
benutzte, um die Gottheiten ihm fremder Kulturen zu beschreiben...
Tacitus ist ein typisches Beispiel dafür.
Zu seiner Zeit wurde abgeschnittenes Blondhaar aus dem dust´ren
Norden als teure Exotik auf Roms Märkten verkauft. Zivilisierte
träumen gern von etwas Unwissbarem, das sie für "ursprünglich" halten
mögen. Worin ihre zumeist frustrierten Phantasien orgiastisch
(und folgenlos) kulminieren können. Das gilt damals wie heute.
Typische Beispiele: die angebliche "Naturnähe" (wenn
nicht gar unterstellte Naturliebe) archaischer Naturreligiöser,
einfachere Lebens-Organisationsformen, Freie Liebe, Matriarchat...
bis hin zur emotionsberuhigend anschaulichen Es-war-einmal-Show
des romantisch-verrußten Freizeit-Schmiedes aufm pest-, aber
nicht abgas- oder feinstaubfreien Mittelaltermarkt. Spätestens
sein Beispiel lässt vergessen, für Momente des Staunens,
Schauderns oder scheinüberlegenen Gähnens zumindest:
den zickenden Ticketautomaten, der deinen sauer erworbenen und
gerade noch aus der Manteltasche gekramten Knittergeldschein beharrlich
wieder ausspuckt, während der heute ausnahmsweise pünktliche
Zug zehn Gleise fern von dir abzufahren droht.
Heilige Schriften?
Soweit, so fraglich. Aber wir haben ja noch was. Die Edda! Die
nordischste aller Überlieferungen über
die nordeuropäischen Kulturen! Tatsächlich wird gerade diese zusammenhängendste
aller literarischen Quellen von manchem gerngläubigen Neuheiden als eine
Art "nordische Bibel" gesehen – oder zumindest so behandelt.
Ich beobachtete auf einem Vortrag über Core-Schamanismus, der auf einer
Neuheiden-Veranstaltung gehalten wurde von einem Gastredner, wie sich hernach
ganze Trauben von Germanengläubigen um ihre Wortführer (oder die Belesensten
halt) scharten, um zu erfragen, was denn nun von dem – inhaltlich kompetenten
und hochinteressanten – Stoff für sie anwendbar sei: ob da irgendwas
durch die Edda "abgedeckt" sei oder darin stünde. Man gewann den
Eindruck, dass vom Vortragsthema nur solche Aspekte brauchbar oder relevant sein
könnten, von denen die Filterung durch die Edda irgendetwas übrig ließ – für
jene Germanengläubigen halt. Nur ein besonders krasses Beispiel. Aber die
persönliche kulturelle Identität von den Wortwörtlichkeiten bestimmter
literarischer Quellen abhängig zu machen, scheint ein typisch neogermanisches
Syndrom (wenn nicht gar Symptom) zu sein: so häufig, wie es auftritt!
Das Problem ist dabei, wie ich meine, noch weniger die recht unterschiedliche
Qualität und inhaltliche Ausdeutung der verschiedenen Übertragungen
aus der Originalsprache. Das Problem ist ebenfalls nicht, dass sich, wer auch
nur ein paar Brocken Altnordisch parat hat, unter germanengläubigen Neuheiden
recht leicht und billig zur Scheinautorität mit entsprechender Deutungshoheit
angeblichen "alten Wissens" aufschwingen kann. Wer sich solchen Pfeifen
als Gefolge andient, sich ergo als Mensch benimmt wie ein Lamm, erklärt
zumindest mir vergeblich, was daran bitteschön "Ásatrú" sein
soll. Aber vielleicht ist das mit ein Grund, warum Lämmer Hirten brauchen
(die das dann für sie erklären): hier nicht unser Thema.
Dem Problem schon etwas näher kommen wir bei der Untersuchung der Quellen
selbst. Spätestens ihre zahllosen Widersprüchlichkeiten, Ungereimtheiten
und Lücken müssten bei jedem halbwegs intelligenten Primaten Fragen
aufwerfen: Woher "quellen" die denn? Und wieso quillt da überhaupt
was? Bei der Edda ist das ziemlich klar: Es gibt die Ältere Edda und die
Jüngere, wobei die jüngere historisch älter ist als die ältere.
Bongi? Nein, das ist keine germanische Version von Dialektik – diese kleine
Begriffsverwirrnis hat sich nur im Laufe der Zeit ganz banal ergeben. Schließlich
kam der Kram im Original nicht als Hardcover oder Taschenbuch heraus. Die handschriftlichen
Urfassungen sind von einem isländischen Gelehrten namens Snorri Sturluson.
Er schrieb auf einzelne Blätter. Die Vollständigkeit der Hinterlassenschaft
darf angezweifelt werden, die Reihenfolge der verbliebenen Teile, oft sogar einzelner
Verse, ist umstritten. Ebenso die Frage von Snorris Quellen. Besonders interessant
an der Edda sind aber zwei Aspekte: der Zeitpunkt ihrer Entstehung, und die Motivation
dahinter. Als Snorri das niederkratzte, was wir heute fast ausschließlich über
altgermanische Mythologie wissen (bzw. für solche halten), war Island schon
seit über zwei Jahrhunderten christlich. Die Absicht des Gelehrten war zudem
keineswegs, irgendeinen alten Glauben zu bewahren, sondern seinen Schülern
eine bestimmte Form der damaligen Dichtkunst beizubringen, die so genannte Skaldik.
Selbstverständlich darf davon ausgegangen werden, dass der Lehrer tief in
die heidnische Mottenkiste griff: und so manche Sagen, Mären und Lieder
vor dem endgültigen Vergessen bewahrte. Wofür wir ihm auch unendlich
dankbar sind. Nur muss man sich darüber klar sein, dass schon jener allererste
nordische Mythenaufschreiber und -nachdichter verfuhr wie ein heutiger Theater-
oder Filmregisseur mit Autorentexten: Da werden weite Passagen gestrichen, Kapitel
umgebaut, Personen und Handlungsstränge neu gruppiert – und wo was
fehlt, wird flugs was eingefügt, dazuerfunden: von einzelnen Figuren bis
ganzen Aktionssequenzen. "Based on the novel of..." steht dann im Nachspann.
Das ist ein ganz normaler, konsequenter Vorgang: Filme bedienen das Auge, Bücher
die Phantasie, Theater bemüht sich um beides. (Dies ist keine Aussage über
etwaige Qualitäten oder Mängel, sondern ergibt sich geradezu zwingend
aus der unterschiedlichen Natur der Vermittlungsformen und deren spezifischen
Anforderungen.)
Warum aber soll Snorri – der ja kein Theater machte – vergleichbar
verfahren sein mit dem von ihm überlieferten Mythenstoff? Sehr einfach:
weil nach irgendeiner Authentizität der Inhalte damals kein Hahn mehr krähte,
und der Verwender des Stoffes schon gar nicht. Um Dichtkunst ging´s. Ein
Manual hat er verfasst, wie ein ordentlicher Skalde ordentliche Skaldenverse
zu schmieden hat. Für die Veranschaulichung seines schriftlichen Workshops
nahm er alte Sagen und Erzählungen heran: oder schöpfte nur aus ihnen,
ließ sich von Altem inspirieren... wobei ihn nichts gebremst haben braucht,
da beliebig hineinzukreieren, herumzumixen oder wegzulassen. Ein Interesse an
diesem Stoff will ich ihm bestimmt nicht absprechen: ist doch schon fast herzig,
wie er die Asen auf eine knuffige Anzahl von Zwölfen zu trimmen versucht,
sich aber schon dabei in Widersprüche verstrickt. Egal! Der Stoff war public
domain, frei verfügbarer Fundus, seine Niederschrift aber Mittel zu einem
ganz anderen Zweck. Inhaltlich brauchten die Nacherzählungen keinen genaueren
Ansprüchen genügen als etwa Disneys Zeichentrick-Verwurstung des Herkules-Mythos.
Hie wie dort griff man auf "noch irgendwie Bekanntes", auf "mal
Gehörtes" zurück: Hollywood zur kommerziellen Unterhaltung, Snorri
zur fachlichen Nachwuchsdichter-Belehrung.
Nun kennen wir Heutigen die älteren und originaleren Fassungen des antiken
Herkules-Mythos ziemlich genau – die bis dato ausschließlich mündlich überlieferte
Mythenschatzkiste aber, aus der Snorri die Edda schöpfte, leider überhaupt
nicht. Weshalb sich auch nicht mehr feststellen lässt, was vielleicht des
Dichters ureigener Anteil war. Überall dort, wo seine Figuren, Handlungen
oder Erwähnungen keine anderweitigen Entsprechungen anderswo haben, wo es
keine analogen Funde oder hinweisende weitere Quellen gibt: besteht genau der
Verdacht.
Ende Teil II
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