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populäre Irrtümer
rund ums Weihnachtsfest
1. Das jüdische Channukka
und das christliche Weihnachten sind im Grunde dasselbe Fest
Auch wenn so mancher „weihnachtlicher“ Brauch in
die Channukkafeiern vieler heutiger Juden eingegangen ist: Die
Gemeinsamkeiten zwischen beiden Feste erschöpfen sich darin,
dass sie etwa zu selber Zeit im Jahr stattfinden, und das sie
beide irgendwie mit Lichtern zu tun haben.
Chanukka gehört zu den „kleinen Festen“ des
Judentums, bei denen weiter gearbeitet werden darf und dauert
acht Tage. Die Termine von Chanukka und Weihnachtsfest stimmen
nur zufällig in etwa überein. Nach dem jüdischen
Kalender (Mondkalender) beginnt Chanukka am 25. Kislew. Dieses
Datum kann nicht wie Weihnachten mit dem Stand der Sonne in Verbindung
gebracht werden. Tatsächlich decken sich Weihnachten und
Chanukka nur selten genau.
Chanukka ist ein Erinnerungsfest an die Wiedereinweihung des
Jerusalemer Tempels im Jahr 165 v. u. Z. durch Judas den Makkabäer.
Der Aufstand der Makkabäer befreite die (traditionellen)
Juden von der Vorherrschaft der Hellenisten – zugewanderter
Griechen, hellenisierte Syrer und Juden, die sich der kulturell
vorherrschenden griechischen Kultur angepasst hatten.
Die Hellenisten hatten den Tempel entweiht, indem sie „Götzen“ in
den Tempel JHWHs stellten – Götterstatuen - und dort
dem Zeus ein Schwein opferten - ein unreines Tier gemäß der
Torah. Eher aus politischen denn aus religiösen Erwägungen
verbot Antiochus Ephiphanes IV., griechisch-makedonischer Herrscher
Syriens auch die Sabbatfeier und die Thorahlesung und –lehre.
Was den Aufstand der Traditionalisten erst recht anstachelte.
Chanukka feiert den Sieg der Makkabäer, die Reinigung des
Tempels von den „Götzen“ und der Wiederherstellung
der JHWH-Verehrung in traditioneller Form. Der Lichtrituale kamen
erst später hinzu. Auch späteren Datums ist die bekannte
rabbinische Legende, es habe nach der Schändung des Tempels
nur noch einen einzigen kleinen Krug geweihtes Öl für
den Leuchter gegeben. Dieser Vorrat wäre normalerweise nach
einem Tag aufgebraucht gewesen. Doch durch ein Wunder hielt er
acht Tage, bis neues geweihtes Öl bereitgestellt werden
konnte.
Daran erinnern die acht Arme des Chanukka-Leuchters. Jeden Tag
wird eine Kerze mehr angezündet, bis am Ende alle acht Kerzen
leuchten. Die neunte Kerze des Leuchters, der “Diener” (Schmasch),
ist lediglich zum Entzünden der anderen Kerzen da. Man stellt
den Leuchter ans Fenster, vor den Hauseingang oder an sonst einen
gut sichtbaren Platz.
2. Weihnachten
ist ein “urwüchsig-germanisches” Fest
Das ist eine Geschichtslegende mit einem Körnchen Wahrheit.
Das Körnchen Wahrheit besteht darin, dass vermutlich einige
Bräuche des germanischen Mitwinterfestes auf das zeitnah
gelegene Weihnachtsfest übergingen. Vom älteren Fest
wurden im wesendlichen Äußerlichkeiten wie der Julschmaus
und der Juleber übernommen. Das christliche Weihnachten
ist nicht das heidnische Mitwinterfest, sondern es ersetzte es.
Für ein „Sonnenkind“ oder ähnliche mitwinterliche
Geburtsmythen fehlen im germanischen Raum alle Belege, so dass
es bei den Inhalten einen deutlichen Bruch gegeben haben wird.
Eine in der Nationalromantik des 19. Jahrhunderts entstandenen
und später vor allem durch den Nationalsozialismus geprägte,
weitverbreitete, aber wissenschaftlich nicht haltbare Ansicht
ist es, dass das Mitwinter- oder Julfest ein Vorläufer des
Weihnachtsfestes wäre, das im Zuge der Christianisierung übernommen
wurde, und es dessen Termin (mit-)bestimmt habe. Dagegen spricht
z. B. dass der Termin für Weihnachten am 25. Dezember schon
lange vor der Missionierung des „rechtsrheinischen“ Germaniens üblich
war. Die Vorstellung von den von der Kirche dem Volke „geraubten“ und
dann lügenhaft christliche „überformten“ heidnisch-germanischen
Weihenächten ist eine historische Projektion kirchenfeindlicher
Germanenschwärmer.
3. Die „Julfeier” am
Tag der Wintersonnenwende war Propagandaerfindung der Nazis
Obwohl manche (nicht alle!) Nazis das christliche Weihnachtsfest
durch ein pseudo-germanisches „Julfest“ ablösen
wollten, ist der Begriff „Jul“ keine Nazi-Wortprägung.
Es stimmt auch nicht, das Jul nur das skandinavische Wort für „Weihnachten“ ist,
und dass das Weihnachtsfest in Deutschland vor den Nazis niemals
so genannt wurde.
Es stimmt, in den skandinavischen Sprachen heißt Weihnachten
heute Jul, im Englischen gibt es den Begriff Yule und im Nordfriesischen
heißt es Jül. Es ist aber unstrittig, dass das Wort
selbst vorchristlich ist. Die Kirche hatte vergeblich versucht,
das Wort durch andere Begriffe zu ersetzen (Norrøn: Dróttins
burðar tíð, Altschwedisch: gudz födzlo hötidh).
Es gab bei den vorchristlichen Germanen ein Fest zur Wintersonnenwende,
allerdings lässt sich aufgrund der spärlichen Quellenlage
kaum etwas darüber sagen. Etwas genauer sind wir über
das Mitwinterfest der Nordgermanen zur Wikingerzeit unterrichtet,
so z. B. über das „Midvinterblot“ (Mittwinteropfer)
im schwedischen Alt-Uppsala, das vom christlichen Chronisten
Adam von Bremen geschildert und mit gruseligen Menschenopferschilderungen
ausgeschmückt wurde. Auch aus Saga-Texten und der Edda lässt
sich einiges über die Julgebräuche dieser Zeit ableiten,
allerdings sollte man nicht vergessen, dass diese Texte erst
lange nach der Missionierung niedergeschrieben wurden. Auch Volksagen,
wie die über die „wilde Jagd“ zu den Rauhnächten,
geben Hinweise auf die germanischen Mitwintervorstellungen – allerdings
kaum mehr als eben Hinweise. Dasselbe gilt auch für die
zahlreichen Jul-Sagen aus dem skandinavischen Raum.
4. Die “Heimholung des Julfeuers” ist
ein altes germanisches Ritual
Auch wenn einige rechtsextreme Neuheiden anderes behaupten: der „alte
Volksbrauch“ ist gerade mal 70 Jahre alt und war nie volkstümlich.
Wenn auch das „Julfest“ am Tag der Wintersonnenwende
keine Propagandaerfindung der Nazis war: von offiziellen Stellen
(vom Propagandaministerium über der Schulungsdienst Hitlerjugend über
den Lehrerbund bis zum Oberkommando der Wehrmacht) wurde ein
durch und durch „urdeutsch / germanisches“ Weihnachtsfest
propagiert. Das vor allem für die SS wichtige Julfest wurde
1935 erstmals im großen Rahmen im Freien mit der typischen
bombastischen Feuer- und Lichtsymbolik der Nationalsozialisten
gefeiert.
Das Fest sollte überall im Reich nach einer einheitlichen
Inszenierung ablaufen: Schweigemarsch, Entzünden des Julfeuers,
Kranzwurf, Ahnengedenken, Lichtersprüche usw. . Das Ritual
der „Heimholung des Julfeuers“ wurde Ende der 30er
Jahre frei erfunden, um das öffentlich gefeierte „SS-germanische“ Julfest
mit dem familiären Weihnachtsfest zu verbinden: am öffentlich
brennenden Julfeuer sollten die Kerzen für den heimischen
Tannenbaum entzündet werden. Nach den Vorstellungen einigen
Nazi-Ideologen sollte der Christbaum in “Jultanne” umbenannt
werden und Frau Holle den Nikolaus und das Christkind als Gabenüberbringer
ablösen. Christliche Symbolik wie das Kreuz beim Schmücken
der Häuser sollten durch ein riesiges Hakenkreuz bzw. Sonnenrad
ersetzt werden, so sollte dies zum Beispiel aus Goldpapier auf
der Baumspitze stehen.
Wenn auch das „Vollbild“ der NS-Julfeier abgesehen
von Feiern der SS oder der Partei kaum realisiert wurde, wirkt
die NS-Weihnacht bis heute nach. Vor allem die militärisch
inszenierte „Soldatenweihnacht“ hinterließ bleibende
Eindrücke. Noch schwerer wiegt, dass die Weihnachtsideologie
der Nazizeit, die praktisch alle Weihnachtsbräuche „germanisch“ uminterpretierte,
Eingang in die Handbücher und Lexika der damaligen Zeit
fanden. Auch nach 1945 wurde diese Bücher benutzt, so dass
die NS-Interpretation in viele Bücher und Artikel Eingang
fand – oft ohne dass den jeweiligen Autoren bewusst ist,
dass die vermeintliche „volkstümliche Überlieferung“ aus
den Giftküchen von Goebbels Propagandaministerium oder der
SS-Stiftung „Ahnenerbe“ stammte.
5. Der Adventskranz
beruht auf dem germanischen Jahreskranz
Der Adventskranz hat nichts mit einem alten Jahreskreis-Symbol
zu tun, er wurde vom Hamburger Sozialreformer und Begründer
der „inneren Mission“ Johann Hinrich Wichern 1839
im „Rauhen Haus“ eingeführt und breitete sich
recht schnell im Norden aus, kam aber erst im frühen 20.
Jahrhundert auch nach Süddeutschland. Das es tatsächlich ältere „Kranzbräuchen“ gab,
erleichterte dem Adventskranz die Ausbreitung, was die Legende
vom „uraltem Brauchtum“ des „Sonnenkranzes“ auch
nicht wahrer macht.
6. Der
Nikolaustag am 6. Dezember war ursprünglich das
Wodansfest
Im Verlauf der Christianisierung wurde der Glaube an die germanischen
Götter und mit ihnen an Wodan / Odin nicht vollkommen ausgelöscht.
Vielmehr existierten sie als Vorlagen für Teufels- oder
Spukgestalten weiter. Eine weitere Strategie war die Ersetzung
heidnischer Götter durch christliche Gestalten. Charakteristische
Eigenschaften Wodans gingen auf den Erzengel Michael, St. Martin
und auch auf St. Nikolaus über.
Allerdings fehlt meines Wissens jeder ernstzunehmende Hinweis
auf ein germanisches Fest am 6. Dezember. Eher wird es ein Opferfest
im November gegeben haben, worauf auch Angaben bei Snorri Sturluson
hinweisen.
7. Das Wort „Weihnachten“ weist
auf den heidnischen Charakter des Festes hin
Weihnachten stammt aus dem mittelhochdeutschen „ze den
wîhen nähten“, „zu den heiligen Nächten“,
und ist in einem Gedicht des Spruchdichters Spervogel aus dem
Jahr 1170 erstmals literarisch belegt. Das war gut 200 Jahre
nach der Christianisierung der letzten heidnischen Regionen des
heutigen Deutschlands, so dass sich damit keine Bezüge zu
heidnisch-germanischen Vorstellungen herstellen lassen.
8. Der
Weihnachtsbaum ist ein alter germanischer Brauch
Auch wenn möglicherweise immergrüne Pflanzen schon
im Altertum Symbole der Sonnenwende waren: der geschmückte „Tannenbaum“ stammt
aus den Festgebräuchen der südwestdeutschen Handwerkszünfte
und ist erst in der späten Renaissancezeit nachweisbar.
Der erste Christbaum wurde 1419 von der Freiburger Bäckerschaft
aufgestellt. Zünfte und Vereine trugen in den folgenden
Jahrhunderten zur Verbreitung des Christbaumes bei. Erst ab dem
18. Jahrhundert gibt es Weihnachtsbäume in privaten Wohnungen,
zunächst beim Adel. Ab dem 19. Jahrhundert wurde der Weihnachtsbaum
Mittelpunkt des bürgerlichen Weihnachtsfestes, und zwar
von der Stadt ausgehend, während „alter Bräuche“ sich
normalerweise auf dem Lande länger halten.
9. Weihnachtsmärkte
sind eine Nazi-Erfindung
Nein. Zwar wurden Weihnachtsmärkte in der Nazi-Zeit propagandistisch
ausgeschlachtet, z. B. für die „Volksgemeinschafts“-Ideologie
mit Sammlung fürs Winterhilfswerk, gemeinsamer Feier im öffentlichen
Raum usw. und es ist auch wahr, dass NS-Organisationen großen
Einfluss auf die Gestaltung der Märkte weg vom Jahrmarkt
hin zur „Brauchtumspflege“ nahmen. Es stimmt auch,
dass z. B. der Nürnberger Christkindelsmarkt auf Veranlassung
der „Gauleitung“, angeblich auf persönlichen
Wunsch Hitlers, 1933 auf den Hauptmarkt verlegt wurde.
Die speziellen Märkte zur Adventszeit sind aber deutlich älter.
Es gibt keine genauen Erkenntnisse darüber, wann der Nürnberger
Christkindelsmarkt zum ersten Mal stattfand. Aber es ist eine
Schachtel aus dem Jahr 1628 erhalten, auf deren Boden sich folgende
Inschrift befindet: „Regina Susanna Harßdörfferin
von der Jungfrau Susanna Eleonora Erbsin (oder Elbsin) zum Kindles-Marck überschickt
1628.” Diese Schachtel gilt als ältester Nachweis
des Christkindelsmarkts.
10. Es gibt keine heidnischen Traditionselemente
im Weihnachtsfest
Man könnte den Spieß umdrehen und nach eindeutig aus
der Bibel und der frühchristlichen Überlieferung herleitbaren
christlichen Traditionselementen im Weihnachtsfest suchen. Es
sind äußerst wenige. Schon das Datum ist nicht biblisch– ursprünglich
war der 25. Dezember, wie sogar von Papst Johannis-Paul II. öffentlich
eingeräumt, der Tag der Geburt des Sonnengottes, Sol Invictus.
Das heutige Weihnachtsfest ist ein Konglomerat aus höchst
unterschiedlichen Gebräuchen aus verschiedenen Kulturen.
Eindeutig „heidnisch-germanisch“ dürfte der „Juleber“ sein,
wie wohl auch der Julbock in Skandinavien. Wahrscheinlich gingen
heidnisch-germanische Vorstellungen in viele Bräuchen, Sagen
und Mythen um Weihnachten ein, es dürfte praktisch unmöglich
zu sein, die „germanischen Anteile“ sozusagen herauszudestillieren.
So, wie es nicht kaum möglich ist, einen Milchkaffee wieder
in Milch und schwarzem Kaffee zu trennen. Der Weihnachtsmann
ist auch ein bisschen Odin, aber Odin allein weiß, wie
viel.
11. Das heutige Weihnachtsfest ist ein Kompromiss aus heidnischen
und christlichen Elementen
Nein. Das Weihnachtsfest ersetzte das heidnische Wintersonnenwendfest,
wobei einige mit dem älteren Fest verbundene Traditionselemente
auf das neu eingeführte Fest übergingen. Dabei spricht
man auch von einer Inkulturation. Eine Form der Inkulturation
im 20. Jahrhundert war z.B. die Jugendweihe in der in der DDR üblichen
Form. Sie sollte die Konfirmation ablösen, was teilweise
gelang, wobei viele „kleinbürgerliche“ Konfirmationstraditionen
auf die ursprünglich bewusst „proletarische“ Jugendweihefeier übergingen.
(Das ist kein Kompromiss, im Gegenteil!)
12. Schon die ersten
Christen feierten Weihnachten.
Die ersten Christen feierten noch keine Weihnachten, denn die
Geburt des Menschen Jesus schien gegenüber seiner Hinrichtung
und Auferstehung unwichtig, da sie in Erwartung eines „nahen
Weltgerichts“ lebten. Erst im Laufe des 3. Jahrhunderts,
als die meisten Christen von der Endzeiterwartung abgerückt
waren, bürgerte sich der Brauch ein, Jesu Geburt zu feiern – und
zwar zunächst am 6. Januar.
Weihnachten blieb lange Zeit ein neben Karfreitag / Ostern
zweitrangiges christliches Fest. Die Entwicklung zum heute
bekannten Familienfest
setzte erst in der Neuzeit ein.
Ende Teil III
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