Ist Weihnachten ein heidnisch-germanisches Fest?
Weihnachten ist keineswegs so durch und durch christlich, wie es
oft heißt. Seine Wurzeln sind zumindest teilweise heidnischen
Ursprungs. Allerdings gab es in der frühen Geschichte des
Weihnachtsfestes noch keine germanischen Einflüsse.
Die ersten Christen feierten noch keine Weihnachten. Die Geburt
des Menschen Jesus schien ihnen gegenüber seiner Hinrichtung
und Auferstehung unwichtig zu sein, denn sie lebten in Erwartung
des „nahen Weltgerichts“. Erst im Laufe des 3. Jahrhunderts
bürgerte sich der Brauch ein, Jesu Geburt zu feiern, und zwar
zunächst am 6. Januar.
Nun gab es um die Wintersonnenwende herum im römischen Reich
ein wichtiges Fest, die Saturnalien, zu Ehren des Gottes Saturn,
eine Art „Karnevalsfest“. Ab dem 2. Jahrhundert breitete
sich die Verehrung des altiranischen Göttes Mithras vor allem
in der Armee aus. Züge des Mithras vermischten sich mit denen
des Sonnengott Sol; es entstand der Kult des „Sol Invictus“ (unbesiegte
Sonne), dem schärfsten Konkurrenten des Christentums im 4.
und 5. Jahrhundert. Der jährliche Sieg des „Sol Invictus“ über
das Dunkel wurde kurz nach der Sonnenwende, am 25. Dezember, gefeiert,
symbolisiert als Geburt des Sonnenkindes.
Um von der Popularität dieses Festes zu profitieren, verlegte
der römische Bischof Liberus das Fest der Geburt Jesu auf
den diesen Tag. Infolgedessen drangen viele mit dem Sonnengott
verbundene Vorstellungen in das christliche Fest ein.
Und was ist mit dem “germanischen Julfest”, das oft
als Urform der Weihnacht dargestellt wird?
Es gibt kaum Zweifel daran, dass die vorchristlichen Germanen ein
Fest zur Wintersonnenwende feierten. Allerdings lässt sich
aufgrund der schlechten Quellenlage kaum etwas über dieses
Fest sagen.
Etwas genauer sind wir über das Mitwinterfest der Nordgermanen
zur Wikingerzeit unterrichtet, so z. B. über das „Midvinterblot“ (Mittwinteropfer)
im schwedischen Alt-Uppsala, das vom christlichen Chronisten Adam
von Bremen geschildert und mit gruseligen Menschenopferschilderungen
ausgeschmückt wurde. Auch aus Saga-Texten und der Edda lässt
sich einiges über die Mittwintergebräuche dieser Zeit
ableiten, allerdings sollte man nicht vergessen, dass diese Texte
erst lange nach der Missionierung niedergeschrieben wurden. Auch
Volksagen, wie die über die „wilde Jagd“ zu den
Rauhnächten, geben Hinweise auf die germanischen Mitwintervorstellungen – Hinweise,
keine exakten Fakten. Dasselbe gilt auch für die zahlreichen
Jul-Sagen aus dem nordgermanischen Raum, die oft erst lange nach
der offiziellen Christianisierung niedergeschrieben wurden.
Es wurde missioniert
Im Zuge der Missionierung gelangte das stark
römisch-heidnisch
beeinflusste Fest der Geburt Christi vom 6. bis zum 9. Jahrhundert
in den rechtsrheinischen Raum, nachdem das Christentum schon länger
in den ehemals römischen Gebieten des heutigen Deutschland
Fuß gefasst hatte. Die zeitliche Nähe zur Sonnenwende
erleichterte sicherlich die Einführung des neuen Festes, aber
es ist nicht so, dass die Missionare ein existierendes Fest einfach „christlich
umdeuteten“ – sie brachten das kirchliche Fest der
Geburt Christi als im wesendlichen fertiges Fest aus dem römischen
Raum mit, das dann wahrscheinlich mit gewohnten Mitwinter-Bräuchen
sozusagen germanisch überformt wurde.
Erst 813 wurde der 25. Dezember verbindlicher Kirchenfeiertag.
Ob dies, wie oft behauptet, geschah, um sich an Volksbräuche
zur Mitwinternacht anzugleichen, ist reine Spekulation.
Das deutsche Wort „Weihnachten“, aus dem mittelhochdeutschen „ze
den wîhen nähten“, „zu den heiligen Nächten“,
ist in einem Gedicht des Spruchdichters Spervogel aus dem Jahr
1170 erstmals literarisch belegt, also so lange nach der Missionierung,
so dass sich damit keine Bezüge zu heidnisch-germanischen
Vorstellungen herstellen lassen.
Das Julfest, das skandinavische Mittwinterfest, wurde im Jahre
940 vom dänischen König Håkon dem Guten auf den
Tag des Christfestes am 25. 12. verlegt. Vom älteren Fest
ginge einige Bräuche, wie der Julschmaus, in das neue Fest
ein.
Das christliche Weihnachten ist nicht mit dem heidnischen
Mittwinterfest identisch, sondern es ersetzte es. Für ein „Sonnenkind“ oder ähnliche
mittwinterliche Geburtsmythen fehlen im germanischen Raum alle
Belege, so dass es bei den Inhalten des Festes einen deutlichen
Bruch gegeben haben wird.
Weihnachten blieb lange Zeit ein neben Karfreitag / Ostern zweitrangiges
christliches Fest. Die Entwicklung zum heute bekannten Familienfest
setzte erst in der Neuzeit ein.
Der Weihnachtsbaum z. B. stammt aus den Festgebräuchen der
südwestdeutschen Handwerkszünfte und ist erst in der
späten Renaissancezeit nachweisbar. Sicher waren grüne
Zweige zur Mittwinterzeit seit langem als Lebenssymbol gebräuchlich,
allerdings wäre es übertrieben, den Weihnachtsbaum deshalb
schon als „altgermanisch“ anzusehen. Von den städtisch-bürgerlichen
Handwerkerschichten breitete sich der Brauch auf den Adel aus;
hier zog der Weihnachtsbaum auch in die privaten Räumlichkeiten
ein, denn der Weihnachtsbaum der Zünfte stand im öffentlichen
Raum. Es war auch der Adel, der den Weihnachtsbaum über Deutschland
hinaus verbreitete, der erste Weihnachtsbaum Englands wurde z.
B. erst 1800 von der aus Deutschland stammenden Königin Charlotte
aufgestellt. Dass der Weihnachtsbaum im ländlichen Raum erst
im 19. Jahrhundert Einzug hielt, spricht ebenfalls gegen einen
uralten Brauch, da sich überliefertes Brauchtum auf dem Lande
meistens länger hält als in der Stadt.
Der Adventskranz hat erst recht nicht mit einem alten Jahreskreis-Symbol
zu tun, er wurde vom Hamburger Sozialreformer und Begründer
der „inneren Mission“ Johann Hinrich Wichern 1839 im „Rauhen
Haus“ eingeführt und breitete sich recht schnell im
Norden aus, kam jedoch erst im frühen 20. Jahrhundert auch
in Süddeutschland in Gebrauch. Das es tatsächlich ältere „Kranzbräuchen“ gibt
erleichterte dem Adventskranz die Ausbreitung, was die Legende
vom „uraltem Brauchtum“ des „Sonnenkranzes“ auch
nicht wahrer macht.
Jetzt ist es komplett
Erst im 19. Jahrhundert waren alle Komponenten
des heute bekannten bürgerlichen Familienfestes komplett: die vorweihnachtlichen
Festlichkeiten, der geschmückte Tannenbaum in der „guten
Stube“, der Austausch von Geschenken, schließlich der
Adventskranz und ab dem Biedermeier der Weihnachtsmann.
Die Behauptung, der Weihnachtsmann sei ein Produkt der Coca Cola-Werbung
aus dem Jahr 1930 ist eine moderne Legende mit einem Körnchen
Wahrheit. Es gab ihn schon gut 100 Jahre früher, und auch
die typische Erscheinung stammt nicht von einer Werbeagentur. Der
typische rote Mantel zierte schon den weißbärtigen Nikolaus
im Struwwelpeter von 1844. „Coke“ sorgte lediglich
für ein „global vereinheitlichtes“ Santa Claus-Design
in rot-weiß und verbreitete mit seiner Werbekampagne Santa
bzw. den Weihnachtsmann in Regionen, in denen man diese aus mehreren älteren
Sagen- und Legendenfiguren sozusagen montierte Figur noch nicht
kannte.
Im 19. Jahrhundert setzte auch das ein, was gemeinhin die „Verweltlichung“ des
Weihnachtsfestes genannt wird: der Weihnachtsgottesdienst ist nicht
mehr alleiniger Höhepunkt der bürgerlichen Weihnacht,
mindestens ebenso wichtig ist die „Bescherung“ im Familienkreis.
Die Behauptung, Weihnachten und die mit diesem Fest verbundenen
Inhalte und Symbole seien auf germanisches Brauchtum zurückzuführen,
ist also falsch. Es ist ein im Kern christliches Fest, an das sich
z. B. vom Mittwinterfest oder dem Fest des Sol Invictus übernommenen
Bräuche anlagerten, unterstützt durch geschickte Missionare,
die das christlichen Fest an andere Kulturen anpassten.
Ebenso falsch ist aber auch die Behauptung, Weihnachten sei ein „rein
christliches“ Fest, frei von heidnischen Elementen. Tatsächlich
sind die christlichen Bestandteile in der neuzeitlichen Weihnacht
in der Minderzahl.
Das Fazit
Weihnachten ist ein buntes Konglomerat aus christlichen, jüdischen,
römischen, altpersischen, germanischen, keltischen und slawischen
Elementen, aus frühneuzeitlichen Zunftbräuchen und adliger
Selbstdarstellung, aus romantischer Kunst und volkpädagogischen
Ansätzen, aus bürgerlicher Harmoniesucht und proletarischer
Sehnsucht nach einer besseren Welt, aber auch aus großen
Anteilen politischer Propaganda und noch größeren eiskalt
kalkulierten Werbestrategien – und vielen anderen Einflüssen
mehr.
Weihnachten ist „das“ Fest der „abendländischen
Zivilisation“ in all ihren Facetten.
Ende Teil I
|