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Das Boot nimmt Fahrt auf
Von den Mitgliedern meiner Gruppe erkrankte
einer an Krebs, einer an einer lebensgefährlich-chronischen Autoimmunkrankheit,
ein anderer bekam jäh einen (knapp überlebten) Herzinfarkt,
einer kam für Jahre weder beruflich noch privat auf einen
grünen Zweig, einer wurde die Ehe zum Gefängnis, einer
anderen die Beziehung zu eng (ohne Aussicht auf Änderung).
Des einen Familie ging auseinander, der andern ließ die ihre
keinen Atem mehr, ein weiterer verlor die seine, einige finden
erst gar keine Lebens- oder Liebespartner, die andern immer die
falschen, ich selber wähne meine Liebste gegangen immer wieder,
obwohl ich ihr die neue Liebe gönne wie sie meine Affären
zu verdauen sucht – im Stress sind wir alle, und die mit "gesicherter
Existenz" sind in schwindender Minderheit... Doch wir alle
halten zusammen, haben und pflegen allesamt (zunehmende) Verbindlichkeiten.
Wir stritten, wir kämpften, wir lachten und weinten, arbeiteten
und ächzten, tranken, tanzten und liebten – und tun
das alles nach wie vor. Wir verloren einen Rabenclan, an dem wir
zehn Jahre lang selbstverständlich mitgearbeitet und Teil
gehabt hatten, etliche der unsrigen verloren Lieben und (schlimmer
vielleicht noch) jahrelange Freunde... Was hatten wir nicht alles – trotzdem
oder deswegen – vorgehabt, doch unterm Strich nichts geerntet
als...
Heil. Sein Himmel ist Verbundenheitsgefühl,
seine Erde Vertrauen.
Gemeinschaftlich entwickelte, jahrelang erprobte (und veränderlichen
Erfordernissen dynamisch angepasste) Regeln des Miteinander schufen
die Voraussetzungen für das gegenseitige Vertrauen innerhalb
der Nornirs Ætt – aber die ist nur eine kleine Gruppe,
und die Heilsbereiche der Einzelnen gehen natürlich darüber
hinaus (in Form von Familien, Freundeskreisen usw.).
Und natürlich geht jeder mit seinem persönlichen Heilsbereich
ein bisschen anders um, gemäß dessen, dass man ja auch
individuell unterschiedliche Vorstellungen darüber, Erwartungen
und Ansprüche daran hat. Keiner aus der Ætt kann oder
wird mir daher vorschreiben, wie ich meinen persönlichen Heilsbereich
zu definieren habe oder wen ich da in welcher Form hineinlasse,
dran teilhaben lasse oder sonst wie dazuzähle – solange
es nicht wiederum das Gruppenheil tangiert, was ich so treibe.
Schließlich stärkt es das Gruppenheil, je besser es
ihren Mitgliedern geht: das Heil potenziert sich. Insofern lässt
es die andern auch nicht kalt, wenn es Einzelnen schlecht geht:
es betrifft alle – und da unterscheidet sich unser Modell
ganz konkret von den Sitten der größeren Gesellschaft:
die mangels Heilsverständnis für so ein gegenseitiges
Auffangen dann entweder Familienbande (im Sinne leiblicher Verwandtschaft)
braucht – oder das Hilfsbedürfnis halt aufs mehr oder
minder äußerlich-oberflächliche "Funktionieren" von
Personen beschränkt. (Den Rest regelt dann der Psychiater,
auf Gedeih und Verderb. Gewagtes Kunststück allerdings: Leuten
gegenüber, die sich – unabhängig von ihren jeweiligen
Problemen – gesellschaftlich eh schon auf ihre Funktion reduziert
fühlen müssen: weil sie es sind.)
Was unser Gruppenheil wiederum von dem einer reinen Freundschaftsbindung
(denn auch Freunde helfen ja einander...) unterscheidet, ist die
klardefinierte, bewusst angewandte Systematik: also deutlich mehr
als ein Schulterkloppen, und einem lauen Spruch a la "...und
jetzt fang dich aber mal wieder". Das Bewusstsein fürs
gemeinschaftliche Heil ist stark – und ggf. nicht abhängig
von privater Sympathie (obwohl solche natürlich aus den Ergebnissen
erwächst, oder sich verstärkt).
Wie weit weg die andern auch immer grad sein mögen, und egal
wo es mich gerade herumwürfelt: ganz allein bin ich nie. Bin
immer Teil eines konkreten größeren Ganzen.
Die Regeln unserer Gruppe gelten freilich nur für diese,
und innerhalb dieser. Nach Regeln lebt aber jeder Mensch – wie
(und woher) bewusst oder unbewusst verinnerlicht, und in welchem
widersprüchlichen Ausdrucks- und Wirkungskonglomerat auch
immer.
Und wo immer eine (wie auch immer geartete) Gemeinschaft sich nicht
eigene Regeln schafft, folgt sie bereits vorhandenen: meist eine
zufällige Mischung dessen, was die jeweiligen Beteiligten
so mitbringen... und je weniger oder unklarer das untereinander
kommuniziert wird, desto mehr Zusammenstöße gibt´s:
allzu oft als persönliche Animositäten missverstanden – die´s
zwar immer auch gibt. Aber auf dieser Ebene lässt sich das
Problem nicht lösen!
Ob ein Boot fahrtüchtig ist, misst sich nämlich nicht
daran, ob oder inwieweit die Insassen sich gerade leiden können
(wiewohl das zwar eine Rolle spielt, wie z.B. auch der Fahrtwind
oder der Seegang...). Bei Segelriss, Mast- oder Ruderbruch ist
es aber wenig hilfreich, private Sympathiefragen zu diskutieren.
Da muss man schon erkennen, wo´s strukturell hapert, und
auf die Sachebene gehen, um Probleme zu beheben. Was ist bei deiner
Gruppe / Familie / sonstigen Gemeinschaft der Mast, das Segel,
das Ruder? Welche Bedeutung haben diese "Teile", und
wie ist ihre funktionale Beziehung zueinander? Das ist "Struktur":
die von Gruppierungen zu erkennen, Voraussetzung, daran zu arbeiten.
Wohlgemerkt: Die Frage lautet, was ist der Mast und das Ruder – nicht
etwa: wer bedient es! (Das spielt zwar ggf. auch ein Röllchen,
ist aber eine kategorisch andere Frage!) Inwieweit sind sich die "Insassen" dieses
oder jenes Haufens überhaupt einig, in was für einer
Art Boot sie hocken? Auch wohin das ggf. fahren soll, lässt
sich erst danach klären.
Zu fernen Gestaden... (ein offener Plot)
Was packen wir hinein in
unser Boot? Geht es ums Vorwärtskommen
(gemeinschaftlich wie persönlich), oder auf Räubereifahrt?
In germanischem Verständnis hängt auch Gruppenheil ab
von individueller Ehre – die ich, um Assoziationen zu pathetischem
Hohlgebläse zu vermeiden, hier mal lieber als Ehrbarkeit (der
Einzelnen) bezeichne. Und die wiederum hängt ab von Wertinhalten.
Hier scheiden sich die Geister – und das ist auch nötig.
Ich kann kein Heil mit jemandem haben, der z.B. Menschen in "Rassen" einteilt
(was Abwertungen immer nach sich zieht: und sei es "nur" in
der Praxis via biologistisch beliebig begründbarer Ausschlüsse)
und / oder Inhalte und Formen seiner persönlichen Religion
(und damit auch die anderer) für genetisch oder sonst wie
biologisch bedingt hält. Und wenn so jemand zehnmal die gleichen
Götternamen verwendet wie ich (alles schon mal vorgekommen...).
Da beschwören wir dennoch vollkommen unterschiedliche Kräfte
herauf: die sich im Fall dieses Werte-Beispiels diametral und unvereinbar
gegenüberstehen. Rassismus ist keine politische Meinung, sondern
ein Verbrechen. Ja: Mein germanischer Ehrbegriff ist mit den Menschenrechten
verheiratet – deren historische Jugendlichkeit ihrer Attraktivität
keinerlei Abbruch tut (zumal sie weit ältere Ideen und Werte
aufgreifen: allein ihre umfassende Bündelung ist jung – ihr
Universalitätsanspruch aber lediglich konsequent)... Außerdem
war es eine Liebesheirat. Ein Bund fürs Leben, und darüber
hinaus. Diese Braut wird also verteidigt: bei der Ehr´! Jenseits
von ihr gibt´s kein Heil – auch wenn das meine noch
etwas weiter greift. Aber ohne sie geht halt gar nix. Von Menschen
für Menschen erschaffen, steht sie im Einklang mit der Musik
und dem Atem der Götter, insbesondere Mutter Nerthus, die
lieber Regen als Blut trinkt.
Die Fahrt unseres Bootes aber hat erst begonnen. Hier nur als
kleines Beispiel für Gedanken und Bemühungen ums große
Thema. Fragen des menschlichen Miteinanders, insbesondere das von
Gruppierungen aller Art, nehmen unserer Tage an Wichtigkeit zu:
gerade angesichts realer wie auch empfundener Weltlage. Dem Unheil
der Zeit etwas Heiles entgegenhalten – das freilich immer
wieder neu geschaffen werden muss, umsichtig und sorgsam. Es ist
nicht unbedingt einfach. Wer nicht hinabgezogen werden will in
den Mahlstrom erodierender Werte zweifelhaften Wertes, braucht
haltbare Bindungen: deren Überleben aber wird abhängen
von der Souveränität und Praktikabilität ihrer Wertinhalte – und
die hängen ab von der Integrität derjenigen Menschen,
die sie vertreten. Frei und gleichberechtigt Organisierte haben
den längeren Atem. Die höhere Ehre sowieso.
Abspann
Nach dem – und beim (denn die Geschichte geht ja weiter:
ist ja gar kein Film, den wir hier drehen...!) – vorsichtigen
Wiederauffüllen des Begriffs "Heil" mit ehrbaren
Inhalten bleibt mir ein Anliegen – verbunden mit entsprechender
Empfehlung, die ich mir hiermit erlaube – dieses alte, von
allzu unheilem Gebrüll noch arg wundgeriebene Wort lieber
zu flüstern. Noch besser, es zu leben. Beides aber, damit
es heilen kann. Dort findet es nämlich heim. Es? Wir. Alle.
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