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Und hier wären wir schon beim ersten Gegensatz zur "Gesellschaft" des "anything
goes": die eigentlich nur beständig verspricht, du könntest
es allein schaffen. (Gerade mir als Musiker wird industriemäßig
der "virtual drummer", der "virtual guitarist",
der "virtual bassist" – ... demnächst womöglich
sogar noch das "virtual groupie"? – für "wenige" hundert
Eurotaler angepriesen ... alles wohlfeile Software fürs private
Rechenkistchen. Stehende Botschaft all solcher postmodernen Errungenschaften:
Mach dein Ding – für dich alleine! Was die Werbeprospekte
nicht miterwähnen: Alleine, ganz alleine ... bleibst du dann
damit auch. Voilá: So verwandeln sich zahllose ambitionierte
Künstler freiwillig in einsame Auto-Autisten. Ob wer dazu
noch zuckt, spielt eigentlich nimmer die Rolle ... Zuhörer
werden zur bedrohten Art – die aber auch keinen mehr interessiert.
Ich plage mich daher aber am Arsch lieber mit der lebendigen Zickengitarrera,
ihrem und meinem Lieblingsdrummer, und der dann dreifach sich überschlagenden
Ekstase herum...: bevor ich mir in fatalster Verblendung einbilde, "totale
Kontrolle" über den künstlerischen Schaffensprozess
ermögliche – oder
garantiere gar – überhaupt einen solchen. Verdammt,
ich bin Mensch – geborenes Herdentier! Mit allem Wenn und
Wehe!)
Innenaufnahme (Oberstübchen
/ Dachgeschoss)
Ich muss gestehen: Ich kann die Welt nicht retten. Der Globus
brennt, und was mach ich? Schlangestehen im Supermarkt, oder vor
dem einsam restgeöffneten Bank-, Amts- oder Bahnschalter,
und mich noch dumm anrüffeln lassen von unterbezahlten und
komplett desinteressierten Lakaien, die ihren bräsigen Dienst
nach Vorschrift schieben, als gelte es, dem Kunden, der alles andere
als ein "König" ist, durch ihre Ignoranz eine Art
Rache des real überlebten Sozialismus spüren zu lassen.
Als kürzlich mein Mobiltelefon gesperrt wurde, da meine Rechnungsüberweisung
zu spät erfolgt war, erwies es sich als unmöglich, einen
lebenden Menschen im Dienste des Providers an die Strippe zu bekommen.
Ich tippte mir die Finger wund, mich durch automatisierte Menüs
hangelnd ("...dann drücken Sie die Drei..."), bloß um
letztlich zu erfahren, dass "alle Mitarbeiter derzeit
beschäftigt" seien – und Mozarts Kleine Nachtmusik
tröstete zumindest in Form digitalisierten Gepiepses da wenig. "Du
kannst es allein schaffen. Mach dein Ding." Totale Kontrolle. Über
dein Leben und Schaffen. Erstreben andere: habe ich den Eindruck.
Aber diese Kontrolleure haben kein Gesicht. Der Zorn findet kein
Ziel mehr: zumindest, wenn man nicht getriebenen Idioten wie "Jan
von Helsing" (bürgerlich: Udo Bohley) – dem populären
Sampler wiederaufbereiteter Verschwörungstheorien – auf
den billigen Leim geht: der allen Ernstes suggeriert, an all der
modernen Unbill seien (mal wieder, und wer sonst?) "die Juden" schuld.
Die Mauer muss weg! Gilt irgendwie noch immer. Da ich die
außen nicht mehr sehe, gehe ich die in meinem Kopf an. Und
siehe: da ist mehr als eine.
Kamera aus (Drehpause)
Heil findet nicht im luftleeren Raum statt.
Es ist kein Zustand, den einer für sich allein haben kann. Es geht um mehr. Es
geht um Menschen: immer um mehrere. Wie nah oder weit weg die auch
sein mögen.
"Sie trafen sich auf einer Lichtung. Es waren nur noch wenige.
Die Zeit hatte ihre Spuren in die Gesichter gegraben, wie in die
Erinnerungen. Aber ihre Augen leuchteten ungebrochen. Sie wußten,
wozu sie da standen. Jetzt galt es, weiterzumachen. Und als der
erste Scheit loderte, sangen sie. Für den Wind, für das
Gras, für die Berge..."
(Die Singvøgel: Feuersang)
Heil ist verbindlich. Seine Annahme hat immer Konsequenzen. Seine
Errichtung bedeutet Arbeit, und ihr Lohn ist nicht immer gewiss.
"Es war eine harte Zeit gewesen ... Sie hatten vieles verloren.
Und manch einer von früher war nicht mehr dabei..."
(dto.)
Als ich letzten Winter jäh stark erkrankte, rief mich meine
Schwester an: Sie komme mich jetzt holen – zu ihr raus aufs
Land (wo ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wohnte. In meiner City-Bude
war natürlich der Ofen kalt: ich konnte mich nimmer groß rühren).
Sie ist nicht meine "richtige" Schwester. (Die "richtige" residiert
als eine hochbürgerliche Institutsleiterin in Wien und hält
nix von mir.) Loki, was sag ich! Natürlich ist die meine richtige
Schwester, mit der ich lache und weine, mit der ich durch Dick
und Dünn gehe oder strauchle, mit der ich jetzt wohne, und
die mir kalte Wickel machte, bis das Fieber runter ging, und die
auch anderseits jederzeit eine Fünf gerade sein lässt,
und die auch manchmal nervt wie ich sie, aber die halt meine Schwester
ist: meine liebe Schwester, obwohl ich die erst seit acht Jahren
kenne, und die vor sechsen eben meine liebe, meine wichtige und
richtige und wahre Schwester werden durfte. Mein Band mit ihr ist
dicker als das des Blutes. Von den Göttern her sind sie und
ich von einem Blut – obwohl wir nichtmal genau die gleichen
Götter haben (brauchen). Home is where the heart is, und wir
sind füreinander da. Das ganz normale, verrückte Leben
brachte uns zusammen (so, wie mich dasselbe von meiner leiblichen
Schwester leider entfremdete).
Kommenden Winter holen wir meine alte Mutter über Weihnachten
auf Besuch, und als die das letzte Mal bei uns war, tanzte Schwesterherz
mit der über 80jährigen spontan Walzer in der Küche.
Zum Begriff "Heil" passt gerade und auch Kästners
Erich alter Spruch:
"Es gibt nichts Gutes, außer
man tut es."
"Das Feuer loderte hoch. Hände fanden sich, faßten
ineinander ... Menschen maßen, was sie miteinander geteilt
hatten – wieder und wieder..."
(Feuersang)
Susanne E. (Name vom Verfasser geändert), ein junges begabtes
Mädel aus Norddeutschland, stieg nach einiger Zeit aus unserer
Heilsgemeinschaft, der Nornirs Ætt, wieder aus: Sie mochte
sich nicht so "festlegen", und überhaupt: diese "Verpflichtungen" bei
solchen Zugehörigkeiten – das alles sei nicht ihr Ding.
Mal abgesehen davon, dass sich "Verpflichtungen" von
Mitgliedern unserer kleinen überregionalen Gruppe auf (individuell
wie spirituell zudem recht freizügig auslegbare) Zugehörigkeitsgefühle
zu germanischer Kultur beschränken: die Anforderungen sind
schon hoch. Wir erwarten – neben aktivem Einsatz für
die Menschenrechte (was wir dem Erbe der Geschichte wie auch unseren
Germanengöttern schuldig sind) – persönliche Verbindlichkeit
der Gemeinschaft gegenüber. Dazu aber gehört wenig mehr
als das Einhalten gegebenen Wortes, und das Interesse am Austausch
mit den anderen in der Gruppe.
Die gibt es seit 1995. Die von Anbeginn angestrebte Heilsgemeinschaft
tatsächlich zu sein, gelingt uns seit 2003. Unsere Kopfzahl
ist überschaubar: etliche kamen, manche verließen uns.
Woran wir aber unablässig arbeiten, ist die Struktur: unsere
Konsensdemokratie funktioniert. Verdeckte Machtstrukturen aufzustöbern
(besonders unbewusst oder unbeabsichtigt etablierte) und
auszumerzen war ein ähnliches Sisyphus-Unterfangen, wie einen
Garten von Unkraut freizuhalten. Aber wir schafften es. Seitdem
fließen
Energien ungehindert, von denen wir vorher gar nicht so recht ahnten,
dass es sie überhaupt gibt. Obwohl wir weit auseinander
wohnen: Hamburg – Leipzig – Bocholt – Rothenburg
sind unsere derzeitigen Grenzen bzw. Entfernungen. Aber wenn´s
im Norden brennt, dann blinkt´s auf im Süden. Es geht
tief, inzwischen: bis in die normalerweisen Tabus der zwischenmenschlichen
Beziehungen hinein. Alles ist Privatsache – aber von der
des einen bleibt auch die der anderen Hunderte Kilometer entfernt
nicht unbetroffen. Wir trauen uns, zu reden: miteinander. Und zu
handeln!
Das Boot (Silouhette im Abenddämmer, außen)
Ich wählte den Vergleich mit einem Boot, weil ein solches
klare Grenzen hat. Je klarer der eigene Heilsbereich definiert
ist, desto klarer lässt sich dessen Geschick lenken.
Was aber ist Heil? Glück, Erfolg, Gedeihen? Das kommt schon
hin. Aber es ist niemals nur das eigene, individuelle. Heil betrifft
vielmehr unsere Beziehungen: alle (nicht nur die sog. Liebes-...)!
Mein Heil erwächst daraus, was ich mit anderen zu tun habe,
wie ich mit denen umgehe, und die mit mir.
Nach meiner Erfahrung wie auch Beobachtung bildet sich in jeder
Gruppe von Menschen (egal, ob es eine zielorientierte Projektgruppe,
eine Lebensgemeinschaft oder nur eine sonstwie interagierender
Interessensverband ist) nach einer Weile – je nachdem, wie
viel und wie häufig die Beteiligten miteinander zu tun haben,
in welchem begrenzten Bereich auch immer – eine Art Gruppengeist
heraus, den ich gern "Gruppenseele" nenne. In der Nornirs Ætt
nennen wir eine solche Gruppenseele "Hamingja", empfinden
und behandeln zumindest die unsere als ein Wesen, eine Art unsichtbare
(aber deutlich fühlbare Geist-) Person. Aber man braucht gar
nicht diese bewusst intensive (germanische) Spielart bemühen:
Jedes Team, jede Familie, jede Clique, jedes Ensemble kontinuierlich
interagierender Personen hat seine eigene, mehr oder weniger spürbare
Atmosphäre, deren Eigenschaften sich in solch einem Geist
verdichten. Ob man das nun weiß, an sowas glaubt, oder sowas
gar ignoriert. In den Fällen, wo man die Gruppenseele wirklich
wahrzunehmen – und ernstzunehmen – bereit ist, wird
es natürlich einfacher, damit umzugehen: darauf aufzupassen
und zu achten. Das Heil der Nornirs-Ætt-Hamingja kommt nicht
von ungefähr – die Personifizierung unserer Gruppenseele
erlaubt uns einen konkreteren Umgang mit dem Gruppenheil, als das
der Fall wäre bei lediglicher Wahrnehmung einer ungefähren "Atmosphäre" oder "Stimmung".
Glück, Erfolg, Gedeihen. Die Gesellschaft, in der wir alle
leben (und die wir dadurch darstellen: wir sind sie), definiert
diese Begriffe – und damit das Heil – als ausschließliche
Einzelleistung von Individuen: Jeder sei "seines Glückes
Schmied". Unwidersprochen, erstmal – aber das Bild reicht
nicht aus. In seiner Unvollständigkeit ignoriert es all unsere
Verhältnisse und Beziehungen: es ignoriert den Menschen als
Gemeinschaftswesen. Dementsprechendes Unglück, Unheil kommt
raus.
Kürzlich las ich einen bitterbösen Spruch: "Ich
war für die Selbstverwirklichung – bis ich Leute traf,
die sich selbst verwirklicht hatten." Unsere Gesellschaft
propagiert Freiheit wie keine andere. Aber Freiheit ohne Verbindlichkeiten
anderen gegenüber läuft auf Einsamkeit hinaus: wofür
die allermeisten Menschen nicht geschaffen sind. Aufgeklärte
spüren die Zwickmühle: Freiheit oder Bindung? So schwarzweiß,
derart digital ("null" oder "eins" – der
eine Wert schließt immer den anderen aus) lässt
sich das unmöglich entscheiden: zumindest nicht, wenn Heil
daraus entstehen soll. Wir alle brauchen Freiheit(en) und Bindung(en)
gleichermaßen.
Nein, ich vermag auch nicht von der "guten alten" Großfamilie
zu träumen, wo einer den andern deckelt, wo womöglich
die schlimmste Hackordnung herrschte: Was nützt mir der Halt
der konkreten Bezüge, wenn ich überhaupt nix darf inmitten
all der rigiden Sozialkontrolle? Selbst einer typischen neurotischen
Kleinfamilie entstammend, probte ich, derlei fliehend, jahrzehntelang
in hohem Maße das Gegenteil: suchte die persönliche
Freiheit, die größtmögliche Unverbindlichkeit,
fand das alles, und legte mir dabei auch eine Menge (sozial nicht
immer kompatibler) Marotten zu – die heute z.T. sogar meinen
Charakter prägen. Die Sehnsucht nach der "Gruppe" aber,
einer Gemeinschaft: wurde umso bohrender, je weniger ich (auch über
schlechte Erfahrungen, die ich vielfältig machte) an das Gelingen
mehrköpfigen Miteinanders zu glauben – und darin zu
investieren – vermochte. Doch diese jahrelangen Zeiten, die
ich als harte erlebte, erwiesen sich später als gute Lehre!
Irgendwann beginnt man Werte zu entwickeln (umso freier, wie man
all die unbeabsichtigt verinnerlichten zu reflektieren vermag:
ein selbstkritischer Willensakt). Jener Mitbewohner, der mir einst
die gemeinsame Wohnung verschaffte, mich aber kurz darauf um tausend
Mark betrog (kaltgrinsend: obwohl ich ihm goldene Brücken
baute, da ohne Gesichtsverlust herauszukommen in gemeinsamer Einigung – die
er aber ablehnte): den erklärte ich irgendwann für mich
als "schädlich für mein Heil", und schob ihn
aus meinem frischempfundenen "Heilsbereich". Damals (neun
Jahre isses her) brauchte ich dazu noch ein bissi albernen Hokuspokus:
Hexerei mit Tierfell, Kerze und Kristall... Tinnef, aber er wirkte
(natürlich). Heute genügte mir die Entscheidung, das
Bewusstsein, der Entschluss. Konkrete Magie wirkt immer – unabhängig
von Requisiten oder "Hokuspokus".
Als ich mich vor sechs Jahren jäh konfrontiert fand mit einem
halbkriminellen Wohnungsspekulanten, der sich (als mein plötzlich
neuer Vermieter) notlos anschickte, mir in meiner damaligen Wohnung
das Bleiben zur Hölle zu machen, erkannte ich: Diesen unappetitlichen
Idioten (der sich z.B. erdreistet hatte, mir das Wasser abzusperren,
als ich beim Scheißen auf dem Klo war – bloß,
um mich rauszuekeln) hatten mir die Götter nur als vorübergehende
Aufgabe geschickt – als Trainingsobjekt sozusagen. Diesen
Arsch, der da geifernd vor meiner Tür stand und mir drohte – den
würde ich nur kurze Zeit in meinem Leben kennen. Ich zog aus
der Bude aus, aber gewann den Rechtsstreit mit einigen guten Kröten
plus (die erstrittene Abfindung wärmte meine Tasche auf heimeligste) – obwohl
mein Anwalt nicht grad der beste gewesen war. Zornmotivierte Gründe
hatte ich dennoch gehabt, die schimmelige Bruchbude bei meinem
Auszug rituell zu verfluchen – kurz darauf hörte ich,
dass der Spekulant "pleite gegangen" war, und
obendrein drei Finger verloren bei irgendeiner "Motorsäge-Aktion"...
Zufall? Jou, warum nicht. Allein mein Mitleid hielt sich in Grenzen
(ich bin, insbesondere wenn man mir grob unfair kommt, ein nachtragender
Mensch).
Ende Teil II
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