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Unmöglich allerdings, sofort zum Kern der Sache zu kommen.
Auf die erwähnten Missbräuche der strapazierten
Worthülse selbst will ich zwar gar nicht gesondert eingehen – die
setze ich mal als sattsam bekannt voraus. Auch die "neuen" Inhalte
sind erst später dran: als empfehlbare Nutzlast, sozusagen.
Wenn eine Form gezimmert ist, die trägt. Sagen wir: Ich will
einen Bootsbau skizzieren.
Aber Anforderungen, Eigenschaften, Machart und Beschaffenheiten
dieses Bootes lassen sich nicht erörtern, ohne zuvor einen
Blick auf das weithin aufgewühlte Meer zu werfen, in dem es
schwimmt – genauer: dessen Wogen, Brecher und Untiefen zu
befahren es sich erst anschickt. Denn soweit sei vorgewarnt: Wir
drehen hier keinen Historienschinken. Dieser Film über germanische
Ideen und Anwendungen spielt ausschließlich in der Gegenwart.
Totale (Weitwinkel-Aufnahme / Panorama)
Wir leben in unruhigen Zeiten,
Tendenz verstörend. Das international
durchgesetzte Dogma weltweit "ungehinderten" Warenflusses
entwertet Arbeitskraft auf selbstmörderisch niedrige Niveaus;
die und der Einzelne hierzulande erleben das als persönliche
Perspektivlosigkeit, Ohnmacht und Druck. Der Staat versucht sich
in (zuweilen bizarren Hilflosigkeitsmaßnahmen) hauptsächlicher
Armutsverwaltung; die dies dem Volk händeringend bis hanebüchen
verkaufenden Politiker entwerten damit ihrerseits die Demokratie
(denn die lebt vom Vertrauen). In deren Windschatten wiederum gehen
Ideologen des Hasses Jünger fischen und schöpfen reichlich
Volksfrust ab. Die Angstmaschine brummt.
Was immer als fixer Wert gegolten haben mag bis vor kurzem: er
bröckelt. Sie bröckeln alle. Das ganze System erodiert.
Und damit auch das Selbst-Bewusstsein seiner Träger:
wie außen, so innen. Und an dem, was noch steht, meint man
zu spüren, wie sich die Schrauben lockern (auch zuvieler Gemüter...).
Sicher ist nur noch, daß als sicher geglaubte Gewissheiten
schwinden. In diesem Strudel – ja: Mahlstrom – rangeln
Menschen nach Halt.
Die Identitätsfindung im Land jener Beliebigkeit, die hier
gern mit Freiheit verwechselt wird, nimmt neurotische Züge
an: Als "westliche Werte" werden nach Gusto hervorgekramt,
was blutige Geschichte oder ihre dümmlichsten Legenden hergeben – die
Menschenrechte hingegen sind historisch offenbar noch zu jung,
um bereits als einforderbarer Wert auch persönlich Sinn und
Stolz zu stiften... (von Gemeinsinn ganz zu schweigen: Entsolidarisiert
sind wir bis tief ins geplünderte Portemonnaie hinein. Auch
ich überlege, ob ich mir meine Trinkhörner nicht demnächst
an die Ellbogen schnalle... Only the lonely survive?). Und dem
Big Brother USA wie ehedem gewohnt jeden Trend abzugucken, will
auch nicht mehr recht funzen, seit der Ölscheich und Gotteskrieger
Bush bei seinem "Krieg gegen den Terror" erkennbar ein
wichtiges Land vergessen hat: Texas.
Texas erfüllt seit längerem die Kriterien für militärische
Interventionen im Namen von Freiheit und Demokratie: Dort werden
seit je die Menschenrechte mit Füßen getreten (Todesstrafe!),
unlängst kam ein Präsident ohne glaubwürdige demokratische
Verfahren an die Macht (Bush, 1. Amtszeit), dort lagern Massenvernichtungswaffen
in hoher Zahl, breite Bevölkerungsschichten huldigen dem Fundamentalismus,
religiöse Fanatiker sitzen in Regimekreisen. Von diesen gehen
zudem weltweite Drohgebärden aus, und nicht nur rhetorische!
Aber Ernst beiseite.
Nahaufnahme (Schwenk auf die Protagonisten / Portraits)
Die Spaßgesellschaft funktioniert ja noch. Treffen wir uns
auf dem Mittelaltermarkt, und vergessen, "gewandet" wandelnd
zwischen Drehleier, Blasebalg und fetter Bratwurst für drei "Taler",
dass jede beliebige Ära vor ein paar hundert Jahren
für
99 % damaliger Bevölkerung frei von jeglicher persönlichen
Freiheit war.
Gerade Neuheiden begeistern sich gern an der nostalgischen Wiedergängerey
jener Jahrhunderte Kirchendiktatur (die deren noch blutigerer "Neuzeit" vorausgingen,
in der die Inquisition zu ihren größten Exzessen erst
so richtig auflief): damals, im Mittelalter, gab´s halt noch öffentliche
Badezuber, oder so ähnlich (glucks). Und überhaupt soll
man ja alles nicht so eng sehen – heute geht es schließlich
ums Vergnügen.
Dieses aber kann sich krampfhafter Züge nicht entledigen,
betrachtet man, wie ernst ebendiese "Heiden" anderseits
in ihrer persönlichen "Religiösität" genommen
werden möchten. Allmählich möchte sogar ich beinahe
an "Karma" glauben: angesichts all dieser Profilkasper,
Titelhuber, Verschwörungstechniker, freifabulierenden Geschichtsorakler,
Unsinnabnicker und Wirklichkeitsverdränger, die da Asyl beantragen
als vom Alltagsmief Verfolgte im Traumland freier Wühltisch-Phantasien.
Wie viele Geheimräte, kaiserliche Beamte, Gendarmen, Zwangsmütter,
Landbüttel, Kardinäle, Ablaßverkäufer, Äbtissinnen,
Dorfpfaffen, Quacksalber, Marienerscheinungsgeplagte, Wundmal-Voodooisten,
Selbstgeißlerinnen, Beutelschneider, dummgeprügelte
Mägde, Kreuzfahrer und Kleinstdespoten mögen sich hier
aus den letzten 1500 Jahren "inkarniert" haben in den
heutigen Zeitgenossen! Denn anders kann ich mir deren jederzeit
auf Stich- und Reizwort herauskrakeelbare Emp- und B.- Findlichkeiten
kaum mehr erklären... (die Titel haben gewechselt. Wir sind
Alsherjapsgode – und überhaupt hochgradig initiiert!
Was man aber alles nicht verwechseln darf – schon der Wichtigkeit
wegen.)
Den Vorfahren freilich ist kein Vorwurf zu machen. Was hätten
sie anderes tun sollen, als nach ihrem Ableben in ausgerechnet
sovielen heutigen Neuheiden zu "inkarnieren"? Schließlich
werden sie von diesen geflissentlich übergangen bei der Ahnenverehrung:
beruft sich neuheid doch lieber auf die beliebig aufblasbaren Ganzaltvorderen,
die originalen (!) "Germanen", unverfälschten (!) "Kelten" – oder
wenigstens all die vieltausendjährig (in klammheimlichen,
von Oma zu Enkelin vermutlich zwischen Kirchgang und Wäscheberg
weitergeraunten) "ungebrochenen Hexentraditionen"...!?
Zumindest die Linie der Dummheit ist eine nachweislich schwer durchbrechbare.
Ganz hartnäckig haltbar, diese Tradition. Und wahrhaft religionsübergreifend.
Christen – waren das nicht irgendwelche fernen Bösen,
die irgendwie aus der orientalischen (!) "Wüste" in
unsere (!) schönen Wälder kamen (?) und mit viel Gezeter
und Höllgeheul den armen heidnischen Landsleuts auf einmal
das Spökenkieken verboten haben? Zu den eigenen Ahnen zählt
neuheid die Christen anscheinend nicht (auch wenn deren Missionare
keineswegs aus morgenländischen Fernen, sondern ganz nachbarschaftlich
aus Irland und Italien herbeigetrippelt waren, das damalige New
Age verkündend). Wie aber die vergammelten Wertvorstellungen
all jener bekennenden Christen aus letztlich über anderthalb
Jahrtausenden Abendland klammheimlich in den scheinheidnischen
Köpfen der Heutigen spuken (auch ganz ohne Inkarnierungsschmäh,
sondern so richtig de facto): Das passt auf keine Kuhhaut,
und das bannt auch kein Pentagramm.
Also sprach der Moderator: Selig sind die besonders Bescheuerten,
denn ihnen gehört das Medienreich. Und heute die ganze Welt.
Außenaufnahme (hinter den Kulissen: fürs "Making
of")
Die ganze Welt ... unsere (jeweils) ganze Welt... ist
Wahrnehmung. Eine subjektive, immer, und nur. So ist das mit der "ganzen
Welt". Außerhalb menschlicher Wahrnehmung gibt es keine "Medien",
keine Fernseher, Filme oder Bildschirme (sieht man mal von ein
paar größeren Halden Elektronikschrott ab, über
die Mama Globus aber bald ihr gnädiges Gras wachsen lassen
würde, ließe man ihr nur ungestörte Zeit). Unser
aller Internet, das sind ein paar Millionen fragile Datenplatten, überdreht
rotierend allesamt, miteinander verbunden über etliche Zigkilometer
dickzäher Kabel auf Ozeangrund und sonstwo – und da
z.B. die NASA (immerhin ja kein Kellerclübchen pickeliger
Bastelbuben) schon heute die Dokus ihres kompletten Apollo-Raumfahrtprogramms
aus den 60er Jahren nicht mehr abzuspielen vermag, weil niemand
mehr die schrottreife Hardware reparieren kann (was aber eh egal
ist, da die Originalaufnahmen inzwischen "verlegt" wurden:
vulgo verloren sind...), darf man getrost davon ausgehen, dass
auch und gerade von unserer aller zeitgenössischen Daten-Geschwätzigkeit
nicht viel mehr übrigbleiben wird als einige Tonnen unappetitlicher
Plastik- und Siliziumschrott (von dem aber unklar sein wird, wozu
er überhaupt diente). Die Archäologinnen künftiger
Zeiten werden sich die Köpfe zerbrechen, was wir den ganzen
Tag eigentlich gemacht haben – aber das müssen wir ungetröstet
ihrer Phantasie überlassen. Von unseren Gedanken wird nichts
künden!
Nun, wir wissen ja, was wir tun. Im Sinne unserer Making-Of-Aufnahme
sieht das so aus: Ich sitze gerade seit ein paar Stunden auf einem
Plastikdrehsesselchen, vor einem Holztisch, auf dem u.a. ein Kasten
steht, in welchen ich unablässig hineingucke. Von der Vorderfront
des Kastens geht ein fahles Leuchten aus, von der Deckenlampe ein
helleres.
Meine unruhigen Finger lassen flache Knopfreihen leise klappern.
Aus zwei kleineren Kästen links und rechts auf dem Tisch röhrt
rhythmisch-melodiöser Klang. Am Körper trage ich dünne
Textilien und im Haar hoffentlich keine Läuse (obwohl die
halbwüchsigen Kinder meiner Schwester ständig welche
mit heimbringen von der Dorfschule). Mein Magen verdaut gerade "Spaghetti
aglio e olio e peperoncino": typisches Alltagsfutter für
mich, auch wenn das nicht allzu germanisch sein dürfte – aber
es machte mich nicht germanischer, bevorzugte ich Hirsebrei. Pasta,
Knobi und Chillies sind billig – und so, wie ich sie mische,
schmackhaft (na schön: der frisch zu raspelnde Parmegiano
Reggiano drauf, der kostet a bisserl. Aber Stil darf sein, zumal´s
der Käs´ wert ist) – außerdem sagen die
wenigen Mädels, die mir die Freude machen, gelegentlich mein
Lager zu teilen, daß ich "abgenommen" hätte:
seit mir die Spaghetti die fette Hartwurst ersetzen morgens...
Off topic? Von wegen. Wir sind schon ganz haarscharf am Thema.
Heil... Ich bestehe nochmals auf die kategorische Abwesenheit jeglichen
Rufzeichens hinter diesem Four-Letter-Word, das mir so wichtig
wurde in den jüngsten Jahren. Daß es mir überhaupt
wichtig und relevant werden durfte (oder sagen wir pragmatischer:
konnte), verdanke ich freilich anderen. Denn Heil, soviel sei vorausgeraunt,
ist alles andere als eine individuelle Leistung. Obwohl es solche
erfordert...
Ende Teil I
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