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Und so, wie ich meinen Vater einerseits persönlich achten
gelernt habe (freyrseidank noch zu seinen Lebzeiten), und ihm für
manches in meinem Leben (oder wenigstens meinem Potential) dankbar
sein kann, auch dankbar bin – ohne dabei aber anderseits
seine Richtung weitergehen, seine Werte übernehmen, seine
Werke weiterführen zu müssen, wenn ich das für unverantwortbar
halte im Sinne meines Wertesystems: So kann ich auch all meine
verstorbenen Vorväter, deren Mütter und Großmütter
usw. usf. ehren und achten: als meine persönlichen "Lebensgeister",
die sich durch mich, in mir und mit mir verkörpern. Ich trage
sie, ich trage auch ihr Erbe, gutes und schlechtes (samt aller
Zwischentöne), Ehrbares bis Böses – alle Verantwortung.
Dafür geben sie, die Ahnen aus all den vergangenen Zeiten,
ihre reine Lebenskraft an mich weiter (die sie ja jetzt eh nimmer
selber brauchen und weiter ausleben können, da sie tot sind,
ihr autarkes biologisches Eigenleben vorbei ist): beständig,
und in dem Maß, wie ich ihre Relevanz, ihre Macht und Präsenz
spüre – und anerkenne.
Was ich dabei – in meinem Fall: betonterweise – nicht übernehmen,
nicht weitertragen, nicht fortführen muss: ihre Ansichten,
ihre Weltanschauungen, ihre Meinungen, ihren Stil, ihren Geschmack,
ihre Methoden, ihr jeweils individuelles oder zeitgeprägtes
Sonstwas.
Ahnen: Ich muss sie einfach nur (be)achten. Unterscheide dabei:
die Personen, Persönlichkeiten, Lebensenergien einerseits – von
ihren jeweiligen Haltungen, Anschauungen, Taten usw. anderseits.
Sie sind, aber wer jetzt was (damit und deswegen) tut,
bin ich. Sie sind passiv, ich aktiv. Ich bin ihr Träger, sie
die Getragenen. Sie meine Seelenenergie, ich deren Verkörperung,
ja: ihr aller Körper. Sie mein Erbe, ich dessen Neuschöpfung.
Sie geben Kraft, ich verantworte deren Richtung: durch meine Taten,
mein
Handeln, meine Entscheidungen. Die Ahnen treiben mich auch: ihren
Weg in diesem oder jenem Aspekt weiterzugehen, zu vertiefen – in
anderen Aspekten und bisherigen Tendenzen aber zu verändern,
zu korrigieren: ggf. bis zur kompletten Umkehr einer vorherigen
Entwicklung (wie z.B. anlässlich der jüngeren, der sichtbarsten
historischen Vergangenheit gegeben und erforderlich...).
Unsere Vorväter schwärzten die Sonne, und gingen
zum Untergang. Ich schwor den älteren Ahnen Umkehr und
Neuanfang...
(Die Singvøgel: "Sonnenrad Song")
Die Nackten und die Toten
Bei obigem Modell der Ahnenverehrung ließe sich natürlich
auch einwenden, daß da "jeder kommen" könnte,
und mal eben eine Kehrtwende einschlagen: und dann müßten
die ganzen Ahnen, all die Generationen über Generationen,
zwangsläufig und klaglos hinterher, dem neuen Weg folgen?
Sie tun es – denn wir verkörpern sie. Und letztlich
sind wir ja auch ihr "Produkt", all ihr vorläufiges
Ergebnis: live on earth, sozusagen. Wir sie mit uns und wir mit
ihnen auskommen, das lässt sich, denke ich, unsererseits nur
individuell klären oder herausfinden. Ich kann mir vorstellen,
dass meine Ur-Ur-Urgroßmutter entsetzt gewesen wäre,
hätte sie mich, so wie ich heute bin, wie ich heute lebe,
zu ihren Lebzeiten (also als Lebende, als Kind ihrer Zeit) getroffen
oder gekannt. Mittlerweile aber sieht sie das, glaube ich, nicht
mehr so eng. Ob ich ihr ein Trinkhorn Met oder ein Glas Wein oder
was auch immer anbiete, ist ihr nicht so wichtig wie die Geste,
die ehrliche Zuwendung, die Intention. Auf die, denke ich, kommt
es in erster Linie an. Zumindest bei meinen Ahnen funktioniert
das so. Und mein Leben verläuft bedeutend harmonischer und
erfolgreicher, seit ich das so mache. Das detaillierte Drumherum,
all der Zierrat und Tinnef, ist m.E. eher für die Lebenden
maßgeblich. Meine Ahnen, davon bin ich überzeugt, sehen
mich so nackt wie ich hierher kam, und wie ich auch gehen werde.
Noch ein Wort zur möglichen Frage, wie weit man die eigenen
Ahnen in die Vergangenheit zurückreichen lässt (also
derlei spürt oder einfach davon ausgeht: ahnt...) – und
wen man überhaupt dazuzählen mag. Wir können nicht
wissen, was alles aus tieferem Zeitendunkel bis in unser jeweiliges
Heute hineinspielt – moderne Seelenforschung hilft uns da
auch nicht weiter, da sie von anderen Mustern und Begrifflichkeiten
ausgeht: ein Ahnenaspekt – als Umstand, dass man da "Geister" mit
sich "herumträgt", die einen gewissen Einfluss ausüben
(irgendwo tief unter den dünnen Spiegeln individuellen Bewusst-Seins) – kommt
in ihren Denkmodellen nicht vor.
Gemischter Salat
Ganz nebenbei sei auch mal daran erinnert, dass die
letzten anderthalb Jahrtausende unserer Gesellschaft christlich
geprägt waren.
Nähme man – spaßeshalber – an, die Toten
behielten all jene Anschauungen, die sie als Lebende verkörperten,
in einem Verhältnis von 1:1, dann müsste man damit rechnen,
dass eine ungeheure Anzahl von Ahnen – all die Christen unter
ihnen nämlich! – auf unsereiner ganz schön sauer
wären: haben wir uns doch von ihrem Gott abgewendet, und von
einer Religionskultur, die viele Jahrhunderte lang alle Lebensbereiche
beherrschte und die Menschen über Generationen bis ins Innerste
durchdrang.
Ich gehe aber davon aus, dass die Toten – und damit auch
die Ahnen – mit dem anderen Zustand, in den sie gelangen,
auch eine andere Perspektive entwickeln als in der materiellen
Welt vonnöten. In Helheim – oder wie immer man das "Totenreich" nennen
mag – spielen andere Energien eine Rolle als unsere hiesigen
Alltagsdetails, oder auch unsere Zwiste, Sorgen, Grundsätze.
Andernfalls könnte ich auch nicht viel Sinn im Tod sehen.
Da im Leben Geist, Seele (und alles was dazugehört, dazugezählt
werden mag) in überaus enger Wechselwirkung mit dem Körper
verbunden ist, erscheint mir logisch, dass mit dem Zerfall der
Materie deren Einfluss auch auf das nachlässt, was weiterexistiert
(und in unserem Kulturkreis halt etwas grob und pauschal "Seele" genannt
wird).
Bei den altvorderen Germanen begriffen sich die Stämme gern
als Abstammungsgemeinschaften und leiteten ihre Urherkunft von
dieser oder jener Gottheit her. Eine solche Sichtweise würden
wir heute "spirituell" nennen, was den Germanen aber überhaupt
nicht in den Sinn kam. Ratio, Spirit, Kunst und Kultus waren getrennt
fast nicht vorstellbar (inzwischen ist es nahezu umgekehrt).
Was die Forschung längere Zeit verwirrte, da sie sich eine "Abstammungsgemeinschaft" ausschließlich
blutsverwandt vorstellen konnte: das aber traf auf die Germanenstämme
nachweislich nicht zu. Und so, wie in der Mythologie die Götter
von den Riesen abstammen, so fanden historische "Germanen" wohl
auch die einst göttliche Herkunft ihrer menschlichen Sippschaften
ganz fraglos natürlich und normal.
(Zumal das Phänomen Zeit wahrscheinlich sowieso nicht als
linear aufgefasst wurde, über die offensichtliche Abfolge
von Jahreszeiten u.ä. hinaus – aber bereits die ist
ja auch schon zyklisch im Ansatz. Siehe hierzu auch mein bereits
erwähntes Essay "No future".)
Rituelles
Als Kind meiner Zeit habe ich die entsprechenden Einflüsse
ganz pragmatisch vermengt: und bei manchem privaten Ahnenritual
denn auch die "Geister der Mammuts" verehrt (da ich davon
ausging, dass die großen Fellrüssler am Überleben
der frühen Menschheit entscheidenden Anteil gehabt haben dürften:
zumindest in den hiesigen Breiten).
Wichtiger aber war mir, z.B. verstorbene
Freunde ganz automatisch in "meinen Ahnenstamm" aufzunehmen. (Ich weiß nicht,
ob historische Germanen das taten, aber zumindest zu meiner germanischen
Denkweise passt es.) Und das gleiche tat ich mit so manchem menschlichen
Geist, mit manchen menschlichen Vorbildern, die mich prägten:
ob ich die Betreffenden persönlich kannte, spielt keine Rolle – sie
haben mich beeinflusst, meine Ansichten, meinen Charakter mitgeformt...
Und bis jetzt hat sich noch kein Toter beschwert, von mir mitverehrt
zu werden als mein Ahn. (Da ich selber keine Kinder habe, wäre
es mir durchaus ganz recht, wenn vielleicht sonstwer meiner gedenkt,
wenn ich mal tot bin...)
Unsere Sprache hat keine konkreten Worte
für irgendwelche
jenseitigen Zustände und Zusammenhänge. Die "Rückmeldungen" meiner
Ahnen bei mir kann ich dementsprechend kaum schildern, geschweige
denn "beweisen". Ich spüre die Wechselwirkung, die
Interaktion – und reagiere darauf. Ich gehe davon aus, dass
meine Ahnen wissen, weshalb ich auf die Welt kam – gelegentlicher "Rat",
den sie mir geben, erfahre ich als emotionalen Impuls, und in gefühlter Übereinstimmung
mit dem, was ich für meinen Weg und Auftrag halte.
Äußerlich vollzieht sich meine Ahnenverehrung schlicht
bis formlos. Jeder Segen, der den Æsir und Vanir, den germanischen
Göttersippen ausgesprochen wird, schließt die Ahnen
mit ein. Beim Jultreffen der Nornirs Ætt, unserer Gemeinschaft,
wird beim Mahl symbolisch für die Ahnen mitgedeckt und aufgetragen;
in manchen Ritualen werden sie gesondert angerufen. Als sehr präsent
erlebe ich die Ahnen bei Anlässen, die mit meinen Wahlfamilien
oder -sippschaften zu tun haben: denn dort verehren nicht immer
alle Anwesenden speziell meine Asatrú-Gottheiten. Ahnen
aber haben wir alle, und sie sind den Menschen so nah wie den Göttern.
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