|
Ich will hier niemandes Vorfahren beleidigen, schon gar nicht
meine eigenen. Auch wenn meine Herkunft in dem Fall ein besonders
krasses
Beispiel darstellt: Ich stamme direkt von der Generation ab,
die ganz Europa in Schutt und Asche gelegt hat. Mein Vater war
dabei. Und mein Großvater hatte gleich zwei Weltkriege
mitgemacht.
Mein Aufwachsen in Freiheit verdanke ich nicht den Bemühungen
meiner Vorfahren, sondern deren Scheitern. Hätten sie gewonnen,
wäre ich von den wichtigsten Werten, die mich prägen
konnten, mein Lebtag recht unbeleckt geblieben.
Gelernte Untertanen
Sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits waren
so ziemlich alle meine Vorfahren, von denen ich überhaupt
Kunde bekommen konnte, überaus "normale" Kinder
ihrer Zeit: keine spektakulären Verbrecher, aber Täter
(Mitläufer im Mainstream: mindestens); keine Helden, nur Jasager,
Abnicker, Schulterzucker, Mitmacher. Sie machten alles mit, so
gut sie konnten: die Diktatur genauso wie die Demokratie. Sie lernten
es nie kategorisch unterscheiden: das eine erlebten sie als so
verordnet wie das andere, selbstverständlich war ihnen nur
die Anpassung an die allzeit fraglos akzeptierten Verhältnisse.
Die Obrigkeitshörigkeit der meisten meiner Vorfahren ging
so weit, dass ich mir gar den boshaften Schmäh erlauben darf:
die hätten sogar den Kannibalismus mitgemacht, wenn er denn
verordnet gewesen wäre. Und nicht einmal gefragt, warum: "Das
macht man eben so," hätten sie geantwortet – sich
noch wundernd, wofür sie sich denn rechtfertigen sollten.
Befehl ist schließlich Befehl. Verantwortlich fühlten
sie sich höchstens dafür, wie gut sie ihn ausführten.
Sie fragten nie: was. Ermaßen kein Warum, akzeptierten jedes
Wofür. Ließen sich Freund und Feind diktieren bis zur
Verinnerlichung.
Solch heillose Bagage soll ich verehren? Ja, sagt viel in mir:
denn sie sind meine Vorfahren. Ihrem Durchkommen, ihrem Überleben,
verdanke ich mein Leben überhaupt. Ohne sie gäb´s
mich gar nicht. Ihrem Fleiß und ihrer Umsicht verdanke ich
mindestens den alleweil satten Bauch und manchen Luxus (den teilweise
noch höhnisch mit Füßen zu treten ich mir herausnahm).
Darf ich mich dann überhaupt beschweren? Ja, sagt viel in
mir: weil die Taten meiner Vorfahren mir keine Ehre machen. In
keinerlei Wertesystem, das ich irgendwie je anerkennen konnte oder
kann, kommen sie auch nur einigermaßen passabel weg. Vorauseilender
Gehorsam und Duckmäusertum sind keine diskutablen Werte. Keine
Werte ehrbarer, freier Menschen. Höchstens typische Kennzeichen
gelernter Untertanen.
Soll ich, darf ich, kann ich denen nun mit Achtung begegnen? Für
ihre Raffinesse oder ihr Glück, irgendwie in all dem Terror
und Chaos ihrer Ära nicht unter die Räder, sondern letztlich
durchgekommen zu sein? Ich kann doch nicht mein Wertesystem über
Bord schmeißen dafür – dann bliebe ja nichts von
mir übrig. In gewisser Weise wäre ich ja dann genau wie
sie: die besagten Untertanen. In meinem Fall nur ganz ohne Not:
Zwar kosteten auch Wahl und Erkämpfung meines persönlichen
Weges ihren Preis – doch die zu ertragenden Konsequenzen
daraus, die sind für ab der zweiten Hälfte des 20. Jh.
geborene Mitteleuropäer kaum mehr zu vergleichen mit denen
aller Zeit und Zeiten davor. Meine Chancen waren vielfältiger,
meine Wahlmöglichkeiten größer, meine Perspektiven
reicher, meine Phantasien freier, meine Ansprüche verwöhnter,
meine Irrtümer aber ungestrafter als die aller Generationen
vordem, von denen ich Kunde habe.
Wenn ich aber meinem so risikoarm gewonnenen Wertesystem, meinem
lediglich persönlichen Widrigkeiten abgerungenen Charakter
treu bleiben will, muss ich dann darüber meine glückloseren
Ahnen vergessen oder schmähen? Das röche mir auch allzu
unselig, kurzsichtig und haltlos, selbst wenn Ahnenverehrung nicht
derart zentraler Bestandteil dessen wäre, was ich meine Religionskultur
nenne.
Das Schweigen der Belämmerten
Nun ahne ich leicht genervte Gegenstimmen
ebenso geneigter wie sorgloser Zeitgenossen, die einwenden mögen, dass ja nicht
nur die letzten paar Generationen zu den eigenen Ahnen zählen,
sondern die Reihe schier endlos in die Zeiten zurückreicht – und
wer weiß, wer sich da vielleicht doch mit etwas Courage bekleckert
haben mag... ausgleichshalber, sozusagen. Nun, wenn meiner Wenigkeit
da tatsächlich irgendwelche Heldinnen oder Helden (die ich
als solche anerkennen könnte) vorausgegangen sein sollten,
in welcher zurückliegenden Ära auch immer, so hat sich
die Kunde ihrer Taten zumindest nicht bis in meine Tage erhalten;
hat kein solcher Gesang – und sei´s nur als beschönigende
Legende – mein Ohr erreicht, den ich zum persönlichen
Erbe meiner Familie oder deren vorvorderen Sippschaft/en rechnen – oder
gar mit- oder nachsingen könnte.
Zumal in der Familie meiner Kindheit samt sämtlicher Verwandtschaft
das Vergessen und Verdrängen nicht nur der unmittelbar kriegsgeprägten
Erinnerung hoch im verschwiegenen Kurs stand. Dem entgegen begann
ich selbst leider erst als reifer Erwachsener zu recherchieren:
da waren meine Eltern bereits hochbetagt, die meisten älteren
Verwandten längstens verstorben – das Interesse der
restlichen, zumal der jüngeren, an solcherlei Nachforschung
aber gleich Null. Selbst banalste Eckdaten erwiesen sich als verloren.
Nichtmal die Namen und Berufe meiner Urgroßeltern-Generation
habe ich noch vollständig erfahren können!
Meine Kenntnisse der eigenen Vorfahrensippschaft reichen also
nicht weit über das Jahrhundert zurück, in dem ich selbst
geboren wurde. Musste mich also erstmal mit dem begnügen,
was sichtbar war – und wurde. Der letzte Weltkrieg der Deutschen
warf noch in meiner Jugend bösen Widerschein in die Frontgräben
sich darüber entzweiender Generationen: Der diktaturgeprägte
Vater focht ihn weiter mit faulen Ausreden – provoziert und
attackiert von haltlosen Zornausbrüchen des entsetzten Sohnes.
Die Entfremdung hielt ein halbes Leben und prägte mein ganzes,
zu einer Einigung kam es nie. Eine heilende Annäherung gelang
mir, obzwar spät, immerhin (und ausschließlich) auf
einer rein emotionalen Ebene: vielleicht meine einzige Leistung.
Ich sehe es heute so, dass ich all die Gefühle verarbeite,
die mein Vater nie zeigen lernte.
Ground Zero, Germany
Und deshalb werde ich sicher weinen, wenn er
stirbt. Meine Trauer um seine Tragik aber schließt all die grausamst Gezählten
mit ein, die in die Lüfte ("da liegt man nicht eng...")
himmelgefahren wurden zu seiner Zeit: als Gas aus den nimmersatten
Schloten jener Mordindustrie – meines eigenen Vaters Land
(wenn nicht auch Hand), das genau darum nie mein "Vaterland" werden
konnte (obzwar mir keine Alternative beschieden war und ist!).
Dies aber ist nicht nur meine bleibende Fassungslosigkeit über
ein beispielloses Verbrechen, dessen Schrecken ich weißtyr
nicht ermessen kann. Meine leerfingrig tastende Trauer gilt vielmehr
dem, was bereits mit dem Entrechten der Besten verloren gegangen
sein muss. Einem Deutschland, das ich wahrhaft lieben könnte,
fehlt für immer die Würze des jüdischen Geistes:
sein Esprit, sein Feinton, sein Witz. Jenes Lachen aber, das sich
wiedereinzustellen vermochte zu meiner sattgefressenen, darob allzu
geschichtsvergessenen Zeit: Ich gewöhne mich an sein fahles
Dröhnen, seine Grobschlächtigkeit und Plumpheit bis heute
nicht. Da habe ich den Anschluss verloren an dich, Spaßgesellschaft,
bevor du entstandst. Und deshalb werden wir nicht warm miteinander,
Törichte – obwohl ich doch so ein Genießer bin,
und gerade auch für deine Freiheiten kämpfte seit meiner
Jugend. Du weißt einfach nicht, wer du bist: willst es nicht
wissen – geschweige denn, warum. Aber ich weiß allmählich,
wer ich bin. Woher ich komme, und was ich zu tun habe... Und diesen
Funken reiche ich weiter: an wessen Kinder auch immer.
Ein dritter Weg
Die schwierigen Ahnen: achten oder ächten? Ersteres kollidiert
mit meinen Werten, die denen meiner Väter und Vorväter
diametral und unvereinbar gegenüberstehen. Zweiteres aber
würde mich selbst ins Unheil führen (und zwar, wie ich
das sehe, ganz ungeachtet meiner spirituellen Orientierung: die
sorgt nur dafür, dass mir dieser Konflikt überhaupt klar
wird – und dass ich ihn ernstnehme).
Ums vorwegzunehmen: Ich meine, einen Weg aus diesem Konflikt gefunden
zu haben – heil zu werden und Heil zu haben, ohne die Heillosigkeit
verleugnen zu müssen, die das Tun und Lassen meiner Vorfahren
bestimmte. Ahnenheil zu schaffen, wo die keine Voraussetzungen
dafür hinterließen. Freilich auch: ohne heilen zu können,
was geschehen, ver- und zerbrochen, und für immer verloren
ist. (Unheilbar dennoch, tief in meinem Herzen: die wütende,
zähe Hoffnung, dass auch dies sich heilen lässt – eines
Tages, fern vielleicht, und doch so klar wie die generationenübergreifende
Erinnerung, die damit, aber auch darum leben muss.)
Da für mich (wie bereits in meinem Artikel "No future – warum
das Germanische keine Zukunft hat" angemerkt) die Ahnen nicht
einfach "tot und weit weg", sondern in spiritueller Hinsicht
präsent und sehr relevant sind (unabhängig davon, wieviel
oder wiewenig man persönlich über sie weiß), sehe
ich es so, dass die jeweils "lebensaktive" Erwachsenengeneration
die Verantwortung für ihre gesamte Ahnenreihe übernimmt.
Damit bestimmt – und verantwortet – diese aktive Generation
der Lebenden auch die Richtung, wo´s langgeht.
Ende Teil I
|