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Meine Grenzen als Mensch freilich sind klar: Ich lebe im Zeitstrom
(oder -zyklus), und bin selbstverständlich nur hier, und
nicht etwa woanders. Will ich woanders hin, muss ich mich gänzlich
dorthin begeben, und schon auf dem Weg bin ich dann nimmer, wo
ich vorher noch war: Gleichzeitigkeit an verschiedenen Orten
is´ nich´, für Sterbliche. Auch ist klar, dass
ich immer ich bin – physisch zumindest. Selbst in innigstem
Liebesspiel ist und bleibt doch immer unterscheidbar, wer nach
wie vor wer ist – auch wenn´s da für unbeteiligte
Augen vielleicht nicht so leicht auszumachen wäre. Ich bin
hier und heute manifest durch meinen Leib (nicht allein über
diesen definierbar, aber), mitsamt dessen Grenzen, Schwächen,
Kurzlebigkeit. Ohne den aber wäre ich bestenfalls ein Gespenst.
In all diesen Aspekten erscheinen mir die Götter ganz anders.
Sie können gleichzeitig hier wie dort auftreten. Und je näher
ich "hinschaue", desto mehr verschwimmt (in meiner Vorstellung)
ihre Unterschiedlichkeit: so etwa, wie ich angesichts eines fernen
Gebirges jeden einzelnen Berg vielleicht klar benennen kann, weil
das auch deutlich so sichtbar ist – aber je näher ich
hinkomme, womöglich daran herumkraxele, desto weniger ist
definierbar, wo nun der eine Berg beginnt und der andere Hügel
oder Landschaftsteil aufhört. Und das ist auch gar nicht mehr
wichtig. Für die Verständigung aber kann es eminent wichtig
sein, dass ich grad auf dem Mount Himmelhoch herumwandere – und
nicht etwa in der sog. "Teufelsgrotte" mich aufhalte,
die sich auf dem "Fraunhügel" daneben befinden mag.
Nicht erst, wenn ich mir ein Bein breche. Reicht ja schon, dass
die Freunde mich gesund von der Wandertour abholen mögen,
und die Kilometer zwischen Himmelhoch und Fraunhügel von beider
Fuß an beträchtlich sein können, wenn man sich
in Sachen Abholort irrt.
Aus vergleichbaren Gründen bin ich kein Freund irgendwelcher "Alle-sind-eins"-Deutungen.
Ich empfinde derlei im spirituellen Bereich ebenso unpraktisch
und überflüssig wie im physischen. Natürlich hängen
die Gebirge irgendwo (ziemlich weit unten) zusammen, natürlich
sind die Götter auch als "eins" betrachtbar – na
und, was soll´s? So, wie ich meine Religion lebe, hab ich
mit meinen Göttern allezeit genug zu schaffen, dass ihre namentliche
Unterscheidung (die wirkende andeutungshalber markierend) so konkurrenzlos
sinnvoll ist wie das jeweilige Bewusstsein um den eigenen physischen
Aufenthaltsort. Im Werkzeugkastenvergleich wird´s vollends
deutlich: "Reich mir mal den 18er Schlüssel" heißt
nicht etwa "Schlagbohrer her" oder "haste ´ne
Fuchsschwanzsäge" – die dann dargereicht etwa mit
der säuselnden Bemerkung, daß "alles ja doch nur
Werkzeug" sei. Götter sind freilich nicht meine Werkzeuge – viel
eher bin ich eines der ihren.
Die Bürde der Bilder
Die (mal wieder nicht hinters Mittelalter
zurückreichende)
Archetypausformung Odins als eines gruftigen Wandersmannes, der
mit Schlapphut, Mantel und Augenklappe durch die Botanik stapft
(noch bis in den "Herrn der Ringe" späte Schattenechos
werfend) ist mir also ebenso vergnüglich und unernst wie die
Vorstellung, dass sein feuerbärtiger Sohn mit einem Ziegenbock-Karren
in der Stratosphäre lautstark herumkarriolt. Aus unheilssichererem
nationalromantischen Erbe hartnäckig ins Heute über(ge)holte
Abbildungen blondbraver Kornfeldmadönnchen (die mich eh unangenehm
an Paradeis-Illustrationen in "Wachtturm"-Postillen von
Jehovaszeugen erinnern) entsprechen zumindest nicht meinem Frauenbild:
Freyja zeigen sie mir sowenig wie Idun, Gefion, Sif, Syn, Gna,
Sunna, Fulla oder Lofn – nur mal, abseits von Hel, Hlin,
Bil oder Ran – ein paar der "lichteren" genannt
zu haben (Auflistung weißdiegöttin unvollständig).
Spätestens von den Göttinnen muss ich mir also eigene
Vorstellungen machen. Von ihren männlichen Kollegen aber letztlich – schaut
man genauer hin – nicht minder.
Ich bin der Auffassung, dass Vorstellungen über Götter
menschliche Gesellschaftsverhältnisse spiegeln: nicht nur,
aber auch. Natürlich kann ich derlei gut und gern zum Anlass
nehmen, schon allein (als reichte archäologisch Kombinierbares
nicht) anhand der obskuren bis widersprüchlichen Art- und
Verwandtschaftszuordnungen germanischer Götter untereinander
(Asen und Vanen; Freyja als ursprüngliche Vanin ist gleichzeitig
astreinste Asin; der "genetische Riese" Loki als Odinsblutsbruder
ebenso "vollwertiger" Ase – von Abstammereien ganz
zu schweigen: Heimdall hat der Mütter gleich neun...) die
alten Germanen von jenem Rassismusruch freizusprechen, der ihnen
heute dank nationalsozialistischer Vergewaltigung anhaftet im allgemeinen
Bewusstsein... (das mit diesem scheppsen, aber bequemen Bild ungestört
bleiben will, zumal neue Nazis es unentwegt befeuern...) ...anderes
Thema. Bleiben wir hier, jenseits historischer wie aktueller Niederungen,
in den abstrakteren Sphären des Spirituell-Geistigen – zumindest
aber im persönlichen Wie und Jetzt. Dennoch: das eine läuft
ins andere, wie ich´s dreh und wende.
Welten im Gleichgewicht
" ... Fährt
ein Boot, steht ein Baum, heult ein Sturm, ächzt
ein Traum... Und drei Frauen schauen stumm... und sie weben
weiter – unendliche
Pfade – und sie weben weiter... unendliche Pfade... und..."
(Die Singvøgel: "Kommt ein Boot")
Sich selbst als Mittelpunkt der Welt zu empfinden, halte ich für
eine naturgegebene Selbstverständlichkeit menschlicher Wahrnehmung.
Asatrú macht daraus ein System, das eine jedwede solche
subjektiv "gewaltige" Individualität einzubinden
vermag in ein hie soziales, dort kosmisches Ganzes – ohne
dabei kollidierende Widersprüche (oder einander ausschließende
Reibungen in der Weltsicht) zu erzeugen. Unaufgeregter Pragmatismus
steht dabei allzeit über oberflächlich-moralischer Wertung:
Die Gluthitze einer Herdplatte ist "gut" zum Suppebrutzeln
und "schlecht" zum Handauflegen. Mehr kann ich nicht
sagen über "Gut & Böse".
Eher als von "guten" oder "bösen" Menschen
(oder sonstigen Wesen) spreche ich ggf. von Interessenkonflikten.
Konsequenzen daraus befeuern u.U. mein Selbstverständnis – im
Sinne oben genannter Eingebundenheit: Auf der "richtigen" Seite
zu sein und zu verbleiben, kann womöglich wichtiger sein (für
die eigene Identität), als zu "gewinnen".
Schaut man sich allein die (uns ja nur nacherzählten! Soweit
uns überhaupt verbliebenen!) Edda-Mythen an, kommt der wache
Geist nicht umhin, sich an allerlei Widersprüchen zu stoßen.
Eine Figur wie der listige Loki z.B.: verantwortlich für die
raffiniertesten Erfindungen und Lösungen – wie letztlich
für aller Verderben. Das Heil der Götter: fußend
auf Verräterei an ihren Vorfahren, den Riesen (die unbewussten
Naturgewalten verkörpernd). Ja: Die (Bewusstsein verkörpernden)
Götter entstammen den (unbewussten Gewalten der) Riesen, und
am Schluss erliegen sie diesen. Selbst in den kärglich überlieferten
Scherben: ist es eine Kosmologie – eher als eine dahermenschelnde "Moral" –,
was dort insgesamt erzählt wird.
Jene "drei Frauen", Nornen, Schicksalskräfte: Sie
stehen über den Göttern. Sie sind das personifizierte
Werde, Sei und Gestalte (siehe hierzu mein Essay "No future..." in
dieser Rubrik). Ich bin der Mittelpunkt meiner Welt: wichtig als
Grashalm einer Wiese. Ohne meinereiner ist keine solche attestierbar:
Ich bin nicht allein. Je prächtiger und voller ich blühe,
desto mehr mag die Wiese grünen. Wer mich aber ausreißt,
frisst oder zerstampft nur Gras. Selbst dann hinterlasse ich Samen,
oder Spur: die Idee dessen, was ich war.
Andern zum Beispiel. Und sie wachsen – ggf. sogar: nach.
(Asphalt ist kein Hindernis.)
Für alles, was ich mir nehme, gebe ich etwas: freiwillig
oder unfreiwillig, bewusst oder unbewusst. Je klarer ich aber die
jeweiligen Zusammenhänge sehe, desto klarer kann ich mitbestimmen,
was ich gebe: für jedwedes nötige Nehmen. Schenken wiederum
birgt die zusätzliche Überraschungsfreude, sich nicht
scheren zu brauchen, was man dereinst dafür bekommt. Kalkulieren
lässt es sich eh nicht. Die Götter sind keine Kaufleute.
Sie sorgen nicht nur für Gleichgewicht, sie sind Bestandteil
desselben, selbst darin eingebunden auf Wohl und Wehe.
Vielleicht sind sie ja auch nur Geschichten: altvorderer Menschen,
die damals noch keine besseren hatten. Und vielleicht haben wir
Heutigen ja bessere: Beispiele, Helden, Vorbilder. Ich probierte
manche der neuen aus, in meiner Jugend. Um doch die älteren
zu entdecken, irgendwann. Dass diese die besseren sind – zumindest
für mich – glaube ich heute. Lang habe ich gebraucht,
sie zu finden: mein halbes Leben. Sie gaben mir ein neues, und
ich opfere ihnen, weil ich immer noch lebe.
"Wem gehört
die Welt? Dem, der sich an sie verschenkt: Diener der Ekstase.
Wer gehört sich selbst? Sagt, wer kennt sich
wirklich selbst? Nur wer die eigenen Schatten schaut: Diener
der Ekstase..."
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