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Schrei um dein Leben
Manch religiösem Nichtheiden gegenüber hab ich ja bereits
Mühe zu erklären, dass und wieso ich meine Hohen nicht "anbete" – genauer:
welchen elementaren Unterschied ich empfinde zwischen Anbetung
und Anrufung. Ich neige nicht das Haupt wie ein Missetäter
(selbst wenn ich grad einer wäre oder bin), erhebe es auch
nicht andächtig zu einem Himmel, der mir hierbei wenig mehr
sein kann als situative Wolken- oder Zimmerdecke. Ich bitte nicht.
Ich stell mich hin und schreie. Aus Leibeskräften. Ich kann
das auch stumm tun. Aber immer konkret: wes ich bedarf, was ich
brauche, wen ich meine, und warum. So klar, kurz und schnörkellos
wie irgend möglich. (Es muss von innen kommen, von "ganz
unten", möglichst tief aus dem Bauch, möglichst
ungefiltert vom Denkekürbis: dessen Neigung, alles auseinander
zuklabüsern und zur Kenntlichkeit fürs Bewusstsein zu
aufzuspreizen, hier u.U. die nötige Bündelung der Energie
vereiteln würde.)
Es ist eine Aufforderung. Solches kann als "respektlos" nur
titulieren, wer ohne äußerliche Demutsbezeugungen Gefahr
läuft, Götter versehentlich mit seinesgleichen zu verwechseln
(in meinen Augen sind das entweder Menschen mit komplett anders
gewichteten Religionsinhalten – oder aber Zeitgenossen mit
geringem Vorstellungsvermögen. Beides nit bös gemeint!).
Oder wer sich nie nach einem großen starken Bruder sehnen
brauchte, der einem in jäher Not aus akuter Patsche hilft.
Spätestens da aber flüstert man doch nicht: "Bittebitte,
liebes Bruderherz, bitte mach – wenn du mich hörst...
und du siehst mich doch, oder??? – dass ich aus dieser Scheiiißklemme
heil herauskomme." Nö, gottverdammt mal nein. Man schreit.
Brüllt seinen Namen und den Kern des Begehrs heraus. In aller
Dringlichkeit. Die muß nicht immer aus Not kommen, direkter.
Aber ganz ohne Dringlichkeit rufe ich keine Gottheit nicht. Denn:
die sind ja eh alle da. Ständig um mich herum, in mir drin,
in andauernder, selbstverständlich gewordener Präsenz:
wie Luft, Wasser, Feuer, Erde, usw.
Nochmal: Es ist Aufforderung. Anrufung: mittenmang schnurstracks.
Jenes Ding zwischen Bitte, die mich zum Almosenbettler machte,
der sich selber nicht als "verdient" eingestehen kann
oder darf, was er erfleht, und Befehl, der eine Weisungsbefugnis
voraussetzte, die zumindest ich niemandem gegenüber habe und
verantworten brauche: den Göttern gegenüber aber am allerwenigsten.
Beides, Bitte wie Befehl, widerspricht im allgemeinen meiner persönlichen
Religionsauffassung. Die adäquate Belohnung einer erfüllten
Bitte ist der Dank. Danken tu ich den Göttern für alles
mögliche jederzeit gern: beschenken sie mich doch immer wieder
auch ungefragt und ungerufen. Dafür möcht´ ich
manchmal geradezu in den Staub kriechen und mich wälzen und
winden – weniger demütig freilich als in tierischer
Freude: unverhohlen, ungeschminkt, schamlos...
Einer erhörten Aufforderung aber folgt, als die mir adäquat
erscheinende Dankantwort, ein (zumindest symbolisches) Opfer: Ich
gebe etwas hin, was ich selber gut und gern noch "für
mich" gebrauchen hätte können oder mögen. Wäre
das alles nicht so emotional beladen wie geheiligt: ich dürfte
von "Kuhhandel" sprechen. Meine Aufforderung spricht
ein bestehendes Bündnis an. Seiner situativen Erfüllung
folgt der Preis: die Gegengabe desjenigen Partners, dem geholfen
ward vom andern (wie gewissermaßen pauschal vereinbart).
Beides, Gabe wie Gegengabe, erfolgt als Austausch in gegenseitig
recht freiem Ermessen. (Ich habe keine "Preislisten" zwischen
mir und den Göttern. Sie auch nicht! Ich stünde denn
dumm da, würden´s die Hohen mit der Waagschale messen
wie Kaufleute.)
Ich rufe (die Götter) eher deshalb, weil es ja auch so viele
sind. So, wie sich auch in eine Menschenmenge hineinrufen lässt.
Wenn ich nur "hey du da" rufe, gucken vielleicht ein
paar her, und bald wieder weg. Erst wenn ich "Susanne!" rufe,
schält sich vielleicht die Gemeinte aus dem Haufen, gewahrt
mich. Oder auch nicht. Vielleicht ist sie ja gerade anderweitig
beschäftigt, oder sieht nicht ein, warum sie kommen soll,
bloß weil ich jetzt auf einmal daherkrakeele. Daher folgt,
in meinen Anrufungen, dem (im "Idealfall") laut herausposaunten
Namen auf dem Fuße mein Bedarf, sei´s Not oder Wunsch.
Mein Vergleich mit der Menschenmenge hinkt insofern, als dass mir
Höflichkeit und Umgang Gleicher unter Gleichen es gebieten,
die beispielhafte (wie fiktive) "Susanne" in aller Regel
nicht etwa herzukrakeelen, sondern gemäßigter anzuquatschen:
z.B., in dem ich mich in besagte Menge selber hineinbegebe, die
Betreffende ruhig und unauffällig anzutippen: "Du, könntest
du mal..."
Göttern gegenüber kann ich das aber so nicht, da ich
selber keiner bin, solche sich mir auch nicht als Personenversammlung
darstellen, in welche ich mich etwa hineinmischen könnte.
Dies ist eben keine Kommunikation Gleicher unter Gleichen. Obwohl
ich es als Bestandteil meiner persönlichen Entwicklung, meines
Auftrages oder meiner Bindung betrachte, meinem Lieblingsgott möglichst ähnlich
zu sein oder zu werden: der Lehrbub tut es dem Meister nach, nach
bestem Vermögen – und grad, wenn (oder weil) jener für
den externen Besucher der Werkstatt außer Haus oder außer
Sicht bleibt, repräsentiert der Lehrbub da zwangsläufig
die "ganze Firma". (Gut: im real existierenden Menschenbetrieb
wird der Azubi nicht den Chef mimen. Und ich gebe mich ja ooch
nicht als wer anderes aus, als ich bin und sein kann. Aber einer
beliebigen Bekannten, die mich vielleicht um einen Runenwurf anhaut,
kann ich schlecht sagen: frag doch Frigg selber, bzw. die Saga.)
Eine Gottheit anrufen, das erfordert für mich als Menschen
maximal möglichen Einsatz bei minimal nötiger Zeit (die
Stärke der Impulsbündelung misst sich aus den äußeren
Extremwerten dieser beiden Komponenten). In Situationen, wo sich
Schreien nicht schickt oder unnötig Aufruhr erzeugen würde,
kann ich die Kraft meiner Dringlichkeit in abrupter Geste ausdrücken,
und sogar die notfalls in äußerlicher Fast-Bewegungslosigkeit
bündeln ("fire & freeze", könnte man´s
nennen). Die Intensität und ihre konzentrierte Richtung sind
das Entscheidende. Das geht bei mir niemals rein mental, sondern
immer mittels maximaler physischer Präsenz (und sei es deren "implodierende" Kraft).
Natürlich schreie ich lieber, oder tanze dabei herum (Tanzen
ist indes auch ein praktisches Mittel, wo sich Menschen, die man
nicht mit dem eigenen Gottesdienst belästigen wie auch selber
von ihnen ungestört bleiben will, in lediglicher Hörweite
befinden. Für solche Gelegenheiten hatte ich, eingangs meines
Heidenwegs überhaupt, einst einen regelrechten rituellen "Bewegungs-Code" entwickelt,
meine damals wichtigsten und häufigsten Anrufungen samt kombinierbarer "Phrasierungsbausteine" beinhaltend).
Und noch heute – inzwischen seltener des Rufens bedürfend,
dies aber öfter lauthals mir erlauben könnend – ist
mir selbstverständlich, dass ich für eine Aktion, die
ich von den Göttern erwarte, weil ich sie selber nicht auszuführen
vermag, innerhalb meines Rufes wenigstens in diesen alles hineinlege,
was ich (an der Tat statt) irgend zu geben vermag.
Wäre ich, als Mensch, z.B. die "Gottheit einer Ameise",
so müsste sich besagtes Tierchen ziemlich anstrengen, meine
Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst wenn sie diese insofern haben
könnte, nehmen wir Mensch mal als Betreuer einer Ameisenfarm
an... (Gottseidank bin ich, als Mensch gegenüber seinen Göttern,
mit mehr Ausdrucksmöglichkeiten gesegnet als jedwede Ameise
gegenüber einem Menschen wäre. Jener bliebe weißgott
nur banges "Beten"... Aber es ging hier um eine Art Größenvergleich – der
freilich kein physischer sein soll.) Götter stehen, so wie
sie in Gänze sind, an und für sich außerhalb der
von mir wahrnehmbaren physischen Welt. Aber sie drücken sich
in deren Erscheinungsformen aus.
Fernsehen vs. Nahsein
Wollte ich tatsächlich meine Verhältnisse zu allen Göttern,
mit denen ich´s de facto "habe", schildern wollen
- ich müsste mit reichlich dicken Schwarten aufwarten, von
deren Erbauung für andere ich nicht überzeugbar bin (weshalb
ich mir das Verfassen erspare). Vor Jahren habe ich sie mal "durchgezählt",
die Gottheiten, die meinigen. Ich habe kein Zahlengedächtnis,
aber kam, glaub´ ich, auf so in etwa vierzig...
Sinnvoller scheint mir, Andeutung zu geben, worin sich meine Gottheiten
von Menschen unterscheiden. Denn die gängigen Mythenbilder
bleiben ja präsent: ohne von allein die Religiösität,
die tiefe innere Bindung eines heutigen Menschen an sie zu erklären.
Genauer: an das, was sie tragen, wofür sie stehen. Was den
Altvorderen gereicht haben mag an Beschreibung, mir reicht es nicht.
Ich mag die meisten der Mythen aus "meiner" Germanenkultur.
So, wie ich King Kong mögen kann, oder dergleichen. Entsprechend
gern mach ich so meine Witzchen drüber, spiele mit den Bildern
(was etwas anderes ist, als etwa mit den Mythen – oder gar
den Göttern selbst – spielen zu wollen...) Was aber
unterscheidet nun eine zeitgenössische Geschichte wie die
eines tragischen Riesenaffen von viel älteren Stories wie
denen eines germanischen Donnergottes?
Dem beliebigen aufgeklärten Atheisten fiele es schließlich
sowenig ein, einen Thor oder Donar anzurufen, dessen Wirkmächtigkeit
für bare Münze zu nehmen – wie uns (doch wohl kaum
weniger aufgeklärten) Neopaganen, dem großen King Kong
eine Jungfrau zu opfern (oder auch nur eine Devotionalie aus Peter
Jacksons Remake-Merchandising-Nachlaß auf unsern Altar zu
stellen).
(Nebenbei: die lustige Geschichte, wie Thor sich seiner Verkleidung
als Weib schämt, anders er aber nicht seinen Hammer von den
Riesen zurückholen kann, ist – jedenfalls angesichts
dessen, dass und wie die Edda dabei eine hochmittelalterlich gewandete
Frowe beschreibt – nicht viel "germanischer", als
wie das Ausgangsszenario der King-Kong-Erstverfilmung etwa "afrikanische
Stammesriten" wiedergibt. Also derart verzerrt, dass beides
bestenfalls zur augenzwinkernden Unterhaltung taugt. Der olle "King
Kong" spiegelt vielmehr US-amerikanische Befindlichkeiten,
so wie die noch ollere Edda vornehmlich christlich-mittelalterliche.
Auch wenn beide jeweils was anderes zu beabsichtigen vorgaben:
there´s no business like show business. Auch und gerade die
Edda-Stories waren, ungeachtet ihres heidnischen Urstamms, zu nichts
weiter verewigt als schließlicher Erbauung: Amüsement
für Nachgeborene. Die sich sicher "entwickelter" oder "fortschrittlicher" gedünkt
haben als ihre "abergläubischen" Vorfahren, die
die Ursprungsformen jener Mythen einst ersannen, von ihnen umtrieben
waren in tieferem Ernst.)
Natürlich spielt auch für meine Götterbindung eine
tragende Rolle, dass Gestalten wie King Kong niemals zu
Zwecken spiritueller Verehrung erdacht wurden, sondern von vornherein "just
for fun" (und Showbusiness) – während ein Wettergott
Thor für germanische Bauern ein sicherer Fakt war. Die Berufung
auf "Ahnenreligion" birgt (trotz der neopaganischen Not,
dabei gut eintausendfünfhundert Jahre Religionstradition zwischen
ganz früher und heute durchschiffen zu müssen) mehr inhärente
Energie als jedes Sichneuausdenken irgendwelcher Kraftfiguren (inklusive
bereits präsenter Hollywoodfabeln) – auch wenn
die Notwendigkeit, sich auch und gerade zur Belebung neuheidnischer
Spiritualität
ureigener Ausformung, Bildhaftigkeit und Deutung zu bemühen
(ansonsten die Bilder altersschwächer blieben, als die damit
gemeinten Götter sein brauchen), genau solche Grenzen manchmal
verschwimmen lässt: an der Oberfläche.
Ende Teil IV
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