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Hoch im Jahr
Beltane ist kein Asatrúfest. (Und wenn ich mir so anschaue,
wie andere Heiden das so "feiern", dann hab ich, will
mir scheinen, zumeist nicht die Welt versäumt... Nicht, solange
ich mich als ein "Diener der Ekstase" fühle, zumindest.)
Na schön: Vor dem runden Maimond feiere ich seit sechs Jahren
mit andern Freunden noch alljährlich in einer Waldhöhle;
die mehrtägigen Riten und Übungen dort sind aber schamanisch-psychopraktischer
Natur. Gleichwohl sie mir viel bedeuten, sind sie hier irrelevant
(nur zwei der sechs bis zehn Beteiligten sind Asatrú, der
Rest nichtmal alles Heiden).
Die Sommersonnenwende im Juni begehe ich meist unzeremoniell (mal
wieder), dafür umso lieber: am allerliebsten in einem privaten
Steinkreis (tatsächlich: sowat gibt´s) bei lieben Asatrú-Freunden
und deren Bekanntschaft. Lagerfeuer, geselliges Beisammensein und
so.
Und du, lieber Gast, liebe Leserin, wunderst dich: schon wieder
kein erkennbarer Gottesdienst?
Ich lächle dir ins Auge, Menschin. Auf den Spiegeln der Wirklichkeit
zerläuft unser Zerrbild von Zeit. Gieß dies Horn aus
ins Gras, oder lass ein Tränchen tropfen in den Brunnen
deiner Trauer. Ich könnte dir sagen, wer das Meer erleuchtet – doch
nützte dir das? Nur wie wir fahren, und wohin, ist von Folgen:
nicht nur zur hohen Jahreszeit. Wer hier mitrudert, kennt Sonne
und Wind, ob gleißend, ob stürmisch, ob blass oder
nasskalt. Schnapp dir eine Trommel, oder tauch ab zu meiner.
Tanz dich schweißnass im sengenden Glanz der großen
Mardøll, die mehr als den Tag regiert, und deren gleißenden
Blick kein Mensch lange erträgt, ohne ob ihrer Schönheit
zu weinen. In Sunnas sanfteren Strahlen aber, die dir Haut und
Gemüt wärmen, grüßt dich der schöne Baldur.
Wer immer heute "Runen auf der Zunge" trägt, hat
sie (wette ich was) von Bragi, meinem Dichtergott. Öhh – ist
das nicht Odin? Wieso – stürmt es etwa gerade? Wisse,
der alte Wanderer verantwortet so manches, aber sich und die seinen
dir hier auseinander zudividieren nach Menschenart, lehrte er mich
noch nicht. Achte lieber auf den Trommeltakt, der dir pocht: schnurlosstracks
und ekstatisch gehalten von mir, virtuos aufpoliert und herrlich
variiert von jenen Freunden, die besser trommeln als ich. (Einer
sagte mal scherzhaft, wo Leute beharrlich trommeln, die dies partout
nicht vermögen, also jenseits von Takt, Beat und Rhythmik, "hält
es kein Asatrú lang aus...": keiner von unsereinen,
korrekt!)
Tanz weiter, und vielleicht reiß´ ich dir, wenn ich
mich trau´, den Kopf nach hinten und drück dir einen
Kuss in die fliegende Seele (was ich zu Beltane versäumte).
Träum´ ich nur wieder? Selbst dann wirst du´s
spüren, haha! Nimm´s als Gruß von einer Asatrú-Göttin,
deren Liebling ich bin. Fall nicht ins Feuer! Meins kommt von Freyr,
der ist ihr Bruder, in mir pocht er nackt, prall und drängend.
Ich opfere ihm gerne. Aber nicht dich. Menschenopfer sind Legende,
aus Zeiten, die ich zu ersehnen ich keinerlei Grund sehe. Mir reicht
die Gegenwart, samt ihrer Gefahren. Schön bist du. Tanz weiter.
Ich geh nur mein Horn füllen – bei Fulla, bei Lofn – und
streichel kurz die Katze, die mir begegnet. Der Takt läuft
auch ohne mich. Lei´wande Fete!
Und wieder runter...
Von Juli auf August findet das alljährliche (oben bereits
erwähnte) Allthing der Nornirs Ætt statt. Auch jenen
Termin nutze ich – über die Gruppenangelegenheiten hinaus – gern
zum privaten Resümee der Vormonate, anders als zu Jul aber
eher analytisch-bewusst: mit dem Denkekopf. Angesichts des
hohen Jahres, das sich nun bald zu "überblühen" beginnt:
noch ist voller Sommer, aber in die (unmerklich sich verkürzenden)
Tage fließt keine neue Energie mehr hinein. Elfenzeit, für
mich: manchmal täuschen sie mich derart, dass ich meine,
welche zu sehen zwischen Zweig und Blüte. Barfuß-Tage,
wo immer Asphalt nicht hinreicht! Liebe im Freien: mein Lieblings-Gottesdienst.
Im beruflich eher terminarmen August (Urlaubszeit für die
meisten), bereite ich mich auf arbeitsintensiven Herbst vor.
Den markiert
mir das "Alfarblót" zum Jahresdämmer
der Herbst-Tagundnachtgleiche. Den Alben und all jenen Kräften
pack´ ich die Früchte des Jahres zusammen, die Stunde
der Rune Dagaz zwischen Tag und Abend ist mir da Lieblingszeitpunkt;
ich verabschiede mich vom kleinen Fluß in meiner Wohnnähe,
von ein paar Bäumen, ein paar Ecken. Hocke im Gebüsch
und spreche mit Göttern oder mit meinem (Kraft-)Tier. Es mag
ein Asatrútermin sein (auch: "Mabon" nicht unähnlich),
ich für meinen Teil fühle mich da aber meistens ziemlich
steinzeitlich – auf Elementares reduziert auch meine persönlichen
Bräuche. Selten leider Gelegenheit, sich zwischen Baum und
Busch zu entkleiden (da ich nicht im Wald wohnend, sondern nur
mitbewaldeten Wiesengrund zur Verfügung habend, dessen Wege
Jogger und Radfahrer bevölkern). Dennoch ist mir da immer
recht tierisch zumut´, und ich agiere es aus wie´s
grad kommt und geht: auf allen Vieren, kriechend, kauernd, und
tierhaft laufend-verharrend-schnuppernd- und weiterlaufen. Zuhaus
pack ich gern die Trommel von der Wand: die alte, große.
Lasse mich von ihrem Zittern in Trance tragen: lang und visionsoffen,
ohne die Bilder, die mir da kommen, groß deuten zu wollen.
Wenn andere Heiden später Samhain feiern, habe ich mein Ahnengedenken
(so´s der Alltag erlaubte) schon bis zu zwei Wochen als (zumeist
absichtsvoll allein begangenes) "Vætnót" hinter
mir. Den Ahnenbegriff fasse ich weit über die leiblichen Vorfahren
hinaus.
All jene Toten, die meinen Weg mitbeeinflussten oder mich
sonst wie prägten, sind mit dabei. Auch wenn ich viele gar
nicht kannte: Zum einen trifft das auf die Mehrzahl meiner leiblichen
Vorfahren genauso zu, zum andern sind´s ja inzwischen eh "alles
Geister". Man lernt/e ja nicht nur von Oma und Opa. Da hat´s
Größen oder Namen aus Kunst und Kultur, oder Geschichte
(wes Teils der Welt, und welcher Ära auch immer), deren Werk
oder Beispiel (ob "verbürgt" oder "Legende")
einem selbst mal Richtung gaben oder finden halfen. Nichtmal "real
gelebt" haben müssten sie, m. E. nach. Ich würde
mich nicht scheuen, Winnetou anzurufen, wenn der denn bei mir je
Rolle gespielt hätte. (Bei mir war´s – aus jener
Kultur – eher Tatanka Yotanka, besser bekannt als "Sitting
Bull": und der hat gelebt.) Einzig der Einfluß zählt:
der persönlich empfundene. Nicht dadurch wirkungslos, daß er
nur subjektiv existiert. Sowas gehört zu meinem Magie-, ja:
meinem Heidenverständnis.
Wenn ich "gut drauf" bin, erlaube ich mir (selten, aber
kam schon vor) das Gedenken an tatsächlich gehabte, aber mittlerweile
verstorbene Freunde (für mich zu den Ahnen wie selbstverständlich
gezählt: obwohl´s Zeitgenossen waren. Aber sie sind
ja tot! Und sie fehlen mir so!) als praktisches, klammheimliches
Spiel zu inszenieren: Ich gehe dann "downtown" und unternehme
irgendetwas im Sinne solch eines verstorbenen Freundes. Harmlos:
inne Kneipe gehen und dessen Lieblingskram bestellen. Schon ausgefuchster:
mich dabei benehmen, als wär ich der Freund. In seine Haut
oder Schuhe schlüpfen. Was tun, was er/sie getan hätte.
Ich komme nicht immer dazu, aber ich mag diesen Brauch. Woher?
Eigenbau. Vielleicht gaben´s mir die Toten selbst ein. Die
so schmerzlich Vermissten! Solcherlei Brauch: auch jenseits
von Asatrú wärmstens empfehlbar. Hinterlässt
heilend-tröstliche Gefühle. Für alle, die je eines
Freundes Tod zu beklagen hatten.
Efeu der Erinnerungen
Wann immer ich mal (Heidenboards querschmökernd z.B.) auf
das olle Begehr stoße, wo irgendeine "hex" oder
ein "heid" beklagt, zu irgendeinem Hochfest "nicht
frei" zu kriegen vom Jobchef (und darob die überfällige "Anerkennung
von Heidentum als Religion" fordert...), muss ich müd´ grinsen
oder herzhaft lachen. Den möcht´ ich sehen, der mich überhaupt
anstellte in einem Betrieb: mich, mit meinen (derzeit) vierundneunzig
Feiertagen im Jahr – oben genannte "Hochfeste" nicht
mitgerechnet.
Ich erspare euch die Aufzählung: von "Fenrirs Abend" bis
zur "Nacht von Sökkvabekkr", von der "Nacht
des Totems" bis zum "Tag der Winterfee". Jedes Jahr
kommen ein oder mehrere solcher Denkmal-Terminchen dazu. Wild verschlungen
reihen und ranken sie sich durchs Jahr als privatheidnischer Erinnerungs-Efeu,
beständig wachsend: zuweilen treffen zwei oder drei auf dasselbe
Datum (obzwar aus verschiedenen Jahren stammend). Es sind Gedenken
an urpersönliche Ereignisse und Begebenheiten – und
ihre blumigen Namen markieren mir die Stationen. Um mich – immer
aufs Neue – zu erinnern (nicht mehr als das meist, aber nie
weniger): wann was war, auf meinem Weg. Spirituelles verquickt
sich mit Scheinprofanem (was ich aber entsprechend "festhalte",
bestimmen allein Bauch und Instinkt). Vom Beginn einer neuen Liebe – oder
anders wichtigen Begegnung – bis zu einem Abschied von sanft
bis bitter, quälend oder befreiend: alles dabei. Mal war mir
eine bloße Traumvision wichtig genug, mal schien mir ein
reales Ereignis relevant: als ich dem Tod eines Bussards beiwohnte.
Als mir spät nachts der Schlüssel im Türschloß feststak – mit
Folgen. Als ich den Amethyst verlor – doch drohender Trunksucht
um Haaresbreite entkam. Als ich den einen Namen bekam, und wann
und wie einen andern. Als ich eine Trommel baute – und die
meinen ersten Tempel. Als ich floh. Als ich dem Schwan schwor:
tanzend, weil heiser und aller Sprache beraubt. Als ich die Sonne
anschrie, derweil mich drei Freunde rücklings aufs Gras drückten,
daß ich nicht gar durchdrehte, als grad – nach entsprechender
Seelenarbeit – alles in mir hochschoß. Als ich meinen
Runenbeutel verlor, als ich ein Schwert bekam, als ich mich zwei
Frauen beschmusten, als ich an der Felswand hing... und/oder als
ich nackt und nachts im stockdusteren Wald den Hügel heruntertapste
und weinend im Regen blindlings meinen zerbrochenen Stab zusammenklaubte,
umtost von meinem Obergott selbst, und wieder zurückfand zum
Feuer, das ich unversengt durchschritt, als hätt´ ich´s
geübt oder mich sowas planvoll getraut, in den Flackerlichtschein
der Grotte oben, wo Freunde für mich trommelten und sangen.
Als ich naturreligiös wurde, als ich mit dir schlief, als
du mich fortjagtest, als mich mein Krafttier fand, als mich die
Asatrúgötter auflasen, als ich alles verlor, als ich
Eibensang wurde. So Zeug halt! (Reihenfolge obiger Auswahl hier
wilddurcheinander!)
Ende Teil III
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