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Thors Fest
Dies Fest ist ein für meinen persönlichen Stilmix ganz
typisches Beispiel. Bei Thor: Ohne Rückfrage wüßt´ ich
nicht mal zu sagen, ob dieser jahresfestliche Anlass überhaupt
irgendwem bekannt ist (selbst im Kreis meiner Gruppe), geschweige
denn irgendwo
gefeiert wird. Termin und Inhalt übernahm ich vor ca. neun
Jahren von einem damaligen Freund.
Nebenbei: erscheint es mir als "germanentypisch", Einflüsse,
Ideen und Bräuche anderer, ggf. mittels einiger anpassender "Umbaumaßnahmen",
in den eigenen Kultus zu übernehmen und diesen damit zu bereichern
und auszuformen. (Gerade in der Geschichte historischer Germanenkulturen
gibt es dafür, soweit recherchierbar, etliche Beispiele.)
Und
selbstverständlich darf mir herzlich schnurz sein, ob "Thors
Fest" nun irgendeine historische oder auch nur zeitgenössisch
belegbare Wurzel hat oder nicht. Es hat keine nationalromantische
oder schlimmere; Idee und Inhalt aber taugten mir, das reichte.
Eine Lieblingsgeliebte von mir drückte dergleichen mal so
aus: "Hier ist ein Asatrú-Kultplatz", meinte sie – auf
die Betonplatte zu ihren Füßen deutend... auf einem
schmalen Weg durch einen Weinberg, den die Freundin morgens durchjoggte,
um regelmäßig an jener Stelle anzuhalten und einen einfachen,
persönlichen Ritus für Sonne und Tag durchzuführen.
Ja: So machen das Leute, die ich gern verstehe.
Alljährlich, um Mitte Januar, feiere ich also Thors Fest – und
zuweilen auch nicht. Es macht nämlich nur Sinn, wenn man dabei
in Gesellschaft ist (was terminkalenderbedingt nicht immer der
Fall sein muss). Mehr noch als bei oben erwähntem "Ahnentrinken" lässt "Thors
Fest" auf Anhieb überhaupt keinen spirituellen Bezug
erkennen: für ggf. Außenstehende. Der "Ritus" besteht
im Wesentlichen aus einer möglichst reich, gut und lecker
gedeckten Tafel nach persönlichem Gusto, sein Inhalt aus möglichst
geselligem fröhlichen Spachteln. Na, selbstverständlich
trinken wir dabei auf den Donnergott und den, eingedenk bald wieder
rascher fließender Flüsse und allmählich zunehmenden
Tageslichts, hoffentlich bald spürbaren Vorfrühling.
Die dunkelste Hälfte des Winters heil überstanden: Das
ist eigentlich die ganze Botschaft des Ganzen. Für einen wie
mich, der sich winters – fern jeder Zentralheizung – aus
Finanzgründen oft den Holz- und Kohlevorrat rationieren muss,
ein sinnlich spürbarer Anlass zum Krafttanken, Mut schöpfen,
und Danken. Thor, der Donnerer: der haut nicht nur Gewitter vom
Himmel, sondern stärkt auch das Mark meiner Knochen, meine
Muskeln und Gemüt. Hoch das Horn, und dir den Teller extra!
Raus ins Grün damit.
Die Schlichtheit dieses Beispiels mag extrem sein. Aber Asatrú-Riten
sind schlicht. Die Menschen, mit denen ich feiere, vermeiden auch
bei größeren oder zeremonielleren Feierlichkeiten jeden überflüssigen
Zierrat und Popanz. Wo immer "magische" oder sonstwie
kultische Symbole auftauchen, sind sie – zumindest für
unseresgleichen – alle lesbar. Etwa wie Verkehrszeichen.
Okkulte Geheimnisse, nur für "Eingeweihte" zugängliches "höheres
Wissen" oder dergleichen gibt es genauso wenig wie irgendwelche
Sonderrechte für etwaige "Amtsinhaber". Wer bei
uns irgendeinen "Titel" trägt, weist sich damit
nur als Spezialist/in für den entsprechenden Bereich aus:
ansprechbar für alle, und dem Ansprechenden ggf. dienstbar
in der Sache (auf deren Durchführung der "Spezialist" indes
keinerlei Monopol hat: niemand von uns muss ausgewiesene "Seiðkona" oder
ein "Seiðmaðr" sein, um ggf. schamanische Tätigkeiten
auszuüben. Die so Betitelten geben damit lediglich ihre entsprechende
Bereitschaft – bis hin zu einer gewissen "Verfügbarkeit" für
andere – bekannt. Logisch, dass die Anerkennung entsprechender
Fähigkeiten auf empirischen Grundlagen beruht – für
speziell der ganzen Gemeinschaft angebotene Dienste wird der /
die Betreffende sogar ein Jahr lang beobachtet, geprüft, und über
die Anerkennung dann konsensdemokratisch entschieden.)
Thing
Gestatten: unser Chef. Wer? Na, das Thing (ist unser Chef).
Sein Schutzherr ist Tyr, der zur Eröffnung dieser Art Versammlung
denn auch angerufen wird. Das übernimmt, wer das Thing moderierend
leitet. Je nachdem, ob es ein regionalgruppenspezifisches "Fylkithing" oder
das die ganze Gemeinschaft betreffende (alljährliche) "Allthing" ist, übernimmt
diese Leitung ein Fylkir / eine Fylkire (sowas wie "Sekretär/in",
freilich ohne Schriftprotokoll), oder eine Løgkona / ein
Løgmaðr (Rechtshüter/in). Wir haben keinerlei Hierarchien – weder
offene noch versteckte, und die Versammlung auf dem Allthing ist
unsere "gesetzgebende" Instanz: Chef ist nur die Gemeinschaft
selbst.
Things sind für uns Sakralhandlungen und haben Regeln. Zum
Beispiel den "Thingfrieden", der das "Waffentragen" auf
solchen Versammlungen verbietet. Nun rennt bei uns eh keiner mit
Schwert oder etwa Revolver durch die Botanik. Aber z.B. Mobiltelefone
bleiben auf dem Thing außen vor: praktischerweise. Und auf
dem Thing wird geredet. Alles besprochen, was ansteht. Solange,
bis einstimmige Beschlüsse gefaßt werden können
in jeder Angelegenheit (für bestimmte Beschlüsse sind
konsensdemokratische Verfahren bei uns Bedingung, für halb
so Wichtiges reicht gelegentlich Basisdemokratie). Das heißt
nicht etwa, dass auf Einzelne solang eingequasselt würde,
bis jene ermattet abnicken, was eine Mehrheit will. Eben nicht.
Es wird solange verhandelt und erwogen, bis alle, wirklich alle
hinter dem schließlich gemeinsamen gefassten Beschluss stehen
können. Nicht selten gibt das Veto Einzelner erst Anstoß zu
jenem – mitunter langwierigen, aber lohnenden – Prozess,
an dessen Ende ein Beschluß steht, den die Gemeinschaft ebenso
geschlossen tragen kann wie er sie.
Freilich: Wir haben jahrelang geübt dafür. Bis wir ein
vernünftig geregeltes Prozedere erreicht hatten, das auch
und gerade diejenigen berücksichtigt und ermuntert, deren
Sache es nicht ist, sich in gewandten Worten auszudrücken.
Aber inzwischen ist es unmöglich geworden, auf einem Thing
irgendwas lediglich stumm "abzunicken": etwa, weil man
grad die rechten Widerworte nicht findet, oder womöglich insgeheim
fürchtet, von den Eloquenteren in Grund und Boden argumentiert
zu werden. Nein: Die Redegewandten müssen tunlichst warten,
bis auch noch der/die Schüchternste oder Wortkärgste
ihre/seine Bedenken, Eindrücke, Einwände oder Wünsche
ausreichend zum Ausdruck gebracht hat. Und vorher geht es nicht
weiter. Im Gegenteil: alle achten genau darauf, ob nicht noch etwa
irgend wessen Bedenken oder Unbehagen vorliegen, bezüglich
anstehenden Beschlusses. Denn dieser Beschluss ist dann "Gesetz":
bis zum nächsten Thing. Ja, unsere allgemeinen Regeln haben
wir – aus Gedächtnisgründen sozusagen – auch
aufgeschrieben, kodifiziert. Im Zweifelsfall aber gilt nicht der "Buchstabe
des Gesetzes", sondern sein Gedanke und Geist: das, was der
Gemeinschaft bzw. ihren Beteiligten und Betroffenen nützt.
(Und eine Regel, die nicht praktisch funzt, wird so lange bearbeitet,
bis sie´s tut – oder, per Thingbeschluss natürlich,
entfällt.)
Gewisse wiederkehrende Vorgänge auf Things – z.B. Beitritt
(probeweiser) Neulinge, oder deren verbindliche Aufnahme nach Probejahr
(beides konsensdemokratisch beschlossen) – sind natürlich
von bestimmten Ritualen begleitet, die sich mit der Zeit herausbildeten.
Bei aller liebevollen Gestaltung bleiben die Zeremonien jedoch
schlicht und unprätentiös. Gekichert und gelacht wird
ggf. auch viel.
Bliebe noch zu sagen, daß Anwesenheit von Gästen – sowie
deren Rederecht auf Things – auf dem Allthing Usus ist und
auf den (regionalen) Fylkithings ebenfalls immer wieder mal vorkommt.
(Bei krisengeschüttelten oder von besonderen Interna geprägten
Allthings baten wir Gäste unserer Treffen auch schon mal um
Abwesenheit vom Thing selbst, aber das war – tyrseidank – bisher
seltene Ausnahme; auch in schwereren Zeiten war bisher das Gegenteil
die Regel.)
Alle Jahre wieder
Das Beispiel von "Thors Fest" mag schon angedeutet haben,
daß meine rituellen Jahresstationen von den heidnisch allbekannten "acht
Festen" abweichen. Hier im kurzen Überblick:
Mein wichtigstes Jahresfest ist Jul, die Wintersonnenwende (hier
gehe ich konform mit allen Asatrú, die ich kenne: über
meine Gruppe deutlich hinaus). Mit Jul endet mein Asatrú-Jahr,
mit dem Julritual (meist geht dem ein Thing voran: denn Jul feiere
ich nicht alleine) beginnen die zwölf Rauhnächte, die
denn auch meine einzige wirklich arbeitsfreie Zeit darstellen.
Während Odin sich mir dabei eher als "Wotan" zeigt
(in "diesem Aspekt", könnte man´s nennen),
als sturmwütender Herr der "Wilden Jagd" (den ich
aber zwischen den Jahren eher "Draugadróttinn" heiße:
Herrn der Geister), lasse ich die vergangenen zwölf Monde
Revue passieren – dies eher mit dem Bauch als analytisch – und
vermeide: jede überflüssige bzw. ambitioniertere Arbeit
(über den nötigsten Alltag hinaus, inklusive entsprechender "Geschäfte"),
jeglichen Projekt-Start, jeden Streit (inklusive auf konkrete Folgen
/ Einigungen etc. abgerichtete schwerwiegende Diskussionen).
Denn
all dies fiele "zwischen die Jahre" und ginge sozusagen "in
Ginnungagap hops" (G. bezeichnet den gähnenden All-Abgrund
zwischen den Welten). Jeglicher Streit bräche zudem "Freyjas
Frieden": jenen auszurufen, ist Höhepunkt des – wie
auch immer sonst gestaltbaren – Julrituals. Dieses aber endet
nicht mit dem rein zeremoniellen Abschluss (der meist ein gemütliches
Gelage einläutet), sondern erst mit den Raunächten selbst:
beim Wiedereintritt in die "Welt der Zeit", kalendarisch
hat das neue Jahr dann meist schon begonnen. (In der Praxis dauern
bei mir die Raunächte immer etwas länger – mal
liegt der faktische Jultrefftermin wochenendbedingt vor oder hinter
dem Sonnwenddatum, was die Ritualgestaltung und -inhalte allein
beeinflusst. Immer aber beginnen sie spätestens mit jenem
Ritual, gleichwohl mir inzwischen mein Bauch, mein Instinkt sagt – oft
begleitet vom ein oder anderen leiseren Ereignis-Zeichen – wann
und wie´s für mich jeweils in "Raunachtzeit" hineingeht,
und, nach idealerweise wie in Halbtrance durchlebter Tiefe, denn
auch wieder hinaus. Durch die Raunächte aber lasse ich mich
gern treiben wie ein Blatt in Draugadróttinns Geistersturm
oder -wind. Die Intensität liegt in seiner Hand.)
Nächste Jahresstation (bzw. erste des neuen) ist dann für
mich besagtes "Thors Fest", gefolgt von "Disirsblót" Mitte
Februar. Jenes eher private "Opferfest für die Familiengeister" (in
ungefährer Übertragung) begehe ich gewöhnlich allein
(zumal ich niemanden kenne, der das außer mir feiert). Bevor
ich Asatrú wurde, feierte ich Imbolc, und heute liegen dessen
Zeitqualitäten für mich sozusagen zwischen den Wochen
ab Thors Fest und bis Disirsblót: diese ganze Spanne über,
die ja eh eine allmähliche ist. Das Opfer für die Disen
fällt unterschiedlich aus, bei mir auch (ganz pragmatisch)
vom Zeitpunkt her, und Ritual kann ich´s kaum nennen, da
ich, mehr noch als sonst, da komplett situations- und stimmungsabhängig
improvisiere: Wer mich dabei beobachtet, sieht mitunter nicht viel.
(Diesjahr stand ich, vielleicht ein oder zwei Wochen davor – eher "zufällig" zum
klassischen Imbolctag – mit meiner Liebsten am gefrorenen,
langsam auftauenden Main, und wir schickten Wünsche unters
Eis und an die stärker werdende Sonne und gossen einen Rest
Met auf die Schollen.)
"Ostara", die Frühlings-Tagundnachtgleiche, richtet
sich terminlich nach dieser. Ich rufe eine Göttin dieses Namens
an, obgleich ich inzwischen weiß, daß die nämliche
mythologische Gestalt eher und nur auf die Gebrüder Grimm
zurückgeht (und ich fand bislang keinen Hinweis auf ältere
Zurückreichungen bzw. Herkunft). Aber Götter sind für
mich nicht in jeder Hinsicht derart klar definierbar oder trennbar
wie Menschspersonen, obgleich ich auch erstere wohlweislich unterscheide.
Ich rufe also "Ostara": ist es Idun, die Apfelbringerin,
deren Früchte den Göttern die Jugend erhält (so
das mythologische Bild aus der Edda)? Ist es Freyja in einem jung-taufrischen,
sozusagen "vor- oder frühpubertierenden Aspekt"?
Gna, die Götterbotin? Egal: Überall zeigt sie sich mir
rings, und eh. Frühlingskünderin heiße ich sie,
und mein Opfer gestalte ich am liebsten wie oder als Begrüßung
des jungen Jahres selbst. Einmal stand ich an einem Sumpf in einem
kleinen Wald, ließ eine meiner Lieblingsschalen (aus der
Küch´) langsam davondümpeln, gefüllt mit "Leckereien
der Saison", garniert mit frischen Blüten und gespickt
mit düftelnden Räucherstäbchen. Und auf den Sumpfgrund
wanderte dazu ein Ritualmesser. Natürlich im hellsten Tageslicht:
So nächtlich die Julzeit, so taghell die Feste des aufsteigenden
Jahres, und ihr Idealzeitpunkt.
Ende Teil II
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