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Tradition – real existierende
Meine
nächsten Ahnen waren Christen, oder sowas Ähnliches,
und deren Ahnen auch. Zu jenen unbekannten Altvorderen, die wirklich
noch "Heiden" waren (und in naturreligiösen Stammesgesellschaften
lebten), führt ein Pfad des Herzens – aber keiner des
Verstandes. Letzteren lasse ich mir ungern für dumm verkaufen:
insbesondere von Leuten, die das vermeintlich Germanische nur (wieder)
instrumentalisieren für ganz ungermanische Ambitionen wie "Nationalstolz", "Artglaube" oder "Rassereinheit".
Eins darf man als ziemlich sicher annehmen von den historischen "Germanen":
Sie selber haben sich ebensowenig als "heidnisch" verstanden
wie überhaupt als "germanisch". Das sind Begriffe
von außen, und im Grunde so grob und pauschalierend wie deren
erster Blick. Die Altvorderen lebten halt "ihren Brauch"...
in einer mutmaßlichen und schlichten Selbstverständlichkeit,
von der wir vielschichtiger und viel widersprüchlicher Beeinflußten – und
ein lebtag nahezu nonstop mit Schlaglichtbildern aus aller Welt
Bombardierten – uns kaum eine sinnliche Vorstellung machen
können. (Und genauso schlicht und pragmatisch, wie sie "den
Brauch" lebten – in beständiger Anpassung an jeweilige
Gegebenheiten – wurden jene alten Heiden eben nach und nach
Christen – über Jahrzehnte, oder Jahrhunderte. Der Paradigmenwechsel
vollzog sich sehr allmählich – was hätten die Damaligen
eigentlich tun sollen? Oder überhaupt "erkennen"?
Heute nehmen wir ja nichtmal den viel sichtbareren und rascheren
Abbau der paar demokratischen Strukturen wahr, die wir noch haben – gucken
lieber weg, und aufm Mittelaltermarkt isses sowieso gemütlicher...
Daß man "eh nichts machen" könne, dachten
vor Zeiten sicher auch schonmal viele deutsche Juden – die
Folgen sind bekannt. Sorry für Abschweif im Zorn!)
Daher stehe ich heute – als bewußt bekennender Naturreligiöser – zwangsläufig
neben jeder echten Tradition. Die wirkliche Tradition, die natürlich
gewachsene bzw. im Laufe von Generationen entwickelte – die
lebt eher mein christlicher Nachbar. Oder, in jüngerer und
säkularisierterer Form, sein materialistisch eingestellter
Versicherungsvertreter. Oder dessen Bäckerin, die "irgendwie
schon an Gott" oder halt eine schöpferische Kraft glaubt,
und sich von ihrer Freundin durchaus auch mal ein Tarot legen läßt,
dies aber eher "zum Spaß" – so, wie unser
angenommener "esoterisch immuner" Versicherungsvertreter
z.B. zwischenrein ein (genaugenommen astrologiefrei erfundenes)
Illustriertenhoroskop liest – oder seine neue Geliebte nach
deren "Sternzeichen" fragt: obwohl er "natürlich
nicht an sowas" glaubt. (Was er sicher selber glaubt...)
Diese (Beispielsklischeefiguren) alle sind "Traditionalisten":
insofern, als daß sie Strömungen und Haltungen unserer
Gesellschaft verkörpern und mittragen, die dieser viel eher
entsprechen als alles, was ich als meine persönliche Religion
zelebriere. Sozial bin ich ein Teil dieser Gesellschaft, von der
spirituellen Orientierung her aber keiner ihrer typischen Vertreter.
Statt mich am Glauben und den Wert- und Weltbildern meiner direkten
Vorfahren und deren Ahnen zu orientieren und dieses Erbe auf meine
Art für meine Zeit weiterzuentwickeln, trainiere ich mir die
entsprechenden Einflüsse gezielt und systematisch ab. So gesehen
ist das, was ich als meine eigene heidnische "Tradition" zum
Teil erforsche, zum größeren Teil erfinde und neuschaffe,
die künstlichste Sache seit der Erfindung des sample-basierten
Drumcomputers. Man kann auch mit einer elektronischen Rhythmusmaschine
ziemlich heiße Musik machen – nur zu behaupten, oder
selbst glauben zu wollen, das wäre eine handgespielte Djembe,
ist halt albern.
Odin statt Nikolaus?
Wäre es wirklich so schön? Was für eine fragwürdige
Befriedigung brächte uns heute denn die depperte Vorstellung,
daß schon der alte Verwandtenmörder Chlodwig gelegentlich
ein paar Kerzen an eine Tanne geklemmt und "Oh
du Blutige" gejodelt hätte?
Wieso um alles in der Welt den Adventskranz für ein "uraltes
Jahreskreis-Symbol" halten (was er definitiv nie war und nicht
ist: diese Legende entstammt den Versuchen der Nazis, allgemeinchristliches
Brauchtum als "germanisch" zu mystifizieren – und
propagandistisch zu "verurdeutschen": für nationalistische
Ziele zu vereinnahmen, was schwärmerisch-unkritische Nationalromantiker
bereits ohnedies vorgekaut hatten)?
Sucht man mit einiger Gewalt nach historisch-heidnischen Wurzeln
für Weihnachten, stößt man am ehesten noch auf
den altrömischen "Sol Invictus", der im 4. bis 5.
Jh. seine Hochkultur hatte: als eine (tatsächlich zur Wintersonnenwende
rituell gefeierte) Verehrung des Sonnengottes Sol, vermischt mit
Elementen des (vor allem unter Legionären lange Zeit populären)
Kult des Mithras. Das heutige "bürgerliche" Weihnachten
fand seine typischen Formen aber nicht vor dem 19. Jahrhundert
(zumal sich die frühe spirituelle Christenheit ursprünglich
eher an ihrem "Auferstehungsfest" Ostern orientierte).
Auch der "Weihnachtsmann" ging erst im Biedermeier um – ist
also weder eine heimlich durch die Generationen getragene Erinnerung
an einen "keltischen Druiden" noch ein entsprechend überliefertes
Abbild des germanischen Odin.
Der höchst subjektive Umstand, dass mich "der
Alte" durchaus
auch und gerade aus den Schokoladeregalen weihnachtlich dekorierter
Kaufhäuser heraus anzwinkert, ist mein Privatvergnügen,
das keiner scheinhistorischen Rechtfertigung – oder sonstwelcher
verallgemeinerungssüchtiger B.-Deutungshuberei – bedarf...
Irgendwas Witziges muss man dem alljährlichen Rührungsterror
ja auch abgewinnen dürfen, zumal als Heide, dem dieser ganze
Zirkus ja weißdiegöttin nicht gilt...
Im Gegenteil: Gerade zur Weihnachtszeit freue ich mich daran,
mit eher unpopulären Gottheiten im Bunde zu sein – deren
industrialisierte Vermarktung sich einfach nicht lohnt (zumindest
noch nicht...). Ich wüsste beim Arsch Fullas (meiner
Göttin des Wohlstandes) auch nicht, was ich z.B. mit masseweise
präsentierten, aluverpackten Schokofiguren in Form von Mjöllnir
(Thors Hammer) anfangen sollte... Oder ob sich etwa Kondome schöner
anfühlten, wenn das historische Statuetten-Bild Freyrs (meines
Lustgottes) ihr Latex zierte, ist ebenfalls eher zweifelhaft. Die
Vereinnahmung heidnischer Symbolik und Mystik durch alte und neue
Nazis reicht mir vollkommen – Werbeterror der Industrie,
anders motiviert Ähnliches betreibend – am besten noch
für jedes heidnische Hochfest extra – fehlte da grad
noch. Von dem allermeisten, was mir die ganze hysterische Werbemaschinerie
heutzutage andrehen will, brauche ich mich wenigstens nicht wirklich
gemeint fühlen: in meinen Obsessionen, Neigungen, Begehrlichkeiten – bzw.
deren ästhetisch-inhaltlicher Ausformung. Oder fühlten
sich hex und heid wirklich geschmeichelt durch z.B. Wicca-Chants
(statt "Stille Nacht") aus zahllosen Leierkästen?
Mögen die Götter verhüten (with a little help from
their fans), dass die Industrie mal die Vermarktungsmöglichkeiten
von acht Jahresfesten entdeckt – statt dem traditionellen
einen bzw. den zweien (Osterhasen gibt´s ja auch alle Jahre
wieder. Die sind schon heidnischer... als der Niko!)
Old School Basics
Die neuheidnische Sehnsucht, wirklich "uralte" Riten
zu vollziehen, befriedige ich für meinen Teil eher in unspektakulären
Tätigkeiten (die ihre scheinbare Selbstverständlichkeit
oder Banalität – mit etwas Phantasie oder zumindest
Bewußtsein – rasch verlieren): Essen, Trinken – ein
kurzer Segen über speziell Fleisch und Alkohol erinnert mich
daran, daß für mein Wurstbrot ein Tier starb (Opfer!)
und der Geist im Wein, der mein Gemüt beflügelt, auch
leicht zum Dämon werden könnte (Suchtgefahr!)... Meine
speziellen Motivationen mögen eher modern sein – das
Segnen von Zeug aber, das man zu sich nimmt, ist älter als
jede Kirche. Sex ist auch ein "uralter Ritus" – den
man ja ebenfalls ganz anders zelebrieren kann als es irgendein
Idiot mal gefilmt hat, bzw. unzählige Idioten es immer wieder
auf ein- und dieselbe Weise fotografieren und filmen (bis der Film
in unser aller Hinterkopp die Regie führt über das real
zu Erlebende... Abbild und Wirklichkeit mithin ihre Rollen vertauschen...
bis hin zur Auflösung von Wirklichkeit selbst... – anderes
Thema: vielleicht durchaus brisanter als Jul, da wohl, am Beispiel
Sex zumindest, doch öfter praktiziert...?).
Die Rituale für unsere Jul- oder sonstwelchen Feste müssen
(und dürfen) wir sowieso neu erfinden, immer wieder neu schaffen.
Und mit Ochsenkarren zuckeln wir ja sowieso nicht zu unseren Treffen.
(Obwohl genau dieser urgermanische Brauch als historisch gesichert
gelten darf... Wieso bloß macht das kein Neuheide nach, hä?)
Nur zum Beispiel! Will sagen: Wüßten wir ganz "filmgenau",
wie die historischen Germanen ihre jeweiligen Feste begingen (was
sich von Stamm zu Stamm, von Region zu Region sowieso mehr oder
weniger unterschieden haben dürfte – von dem ziemlich
langen Entwicklungszeitraum mehrerer Jahrhunderte mal ganz zu schweigen),
müssten wir sowieso ganz erheblich aussortieren, was
wir davon – für uns – sinnvoll übernehmen
könnten oder wollten – ob man jetzt den Menschenopfergeschichten
eines Adam von Bremen, der (schön gruselig... als christlicher
Chronist) ein nordgermanisches "Midwinterblót" in
Alt-Uppsala beschrieb, Glauben schenken mag oder nicht. Auf wesentliche
typische Anforderungen unserer heutigen Zeit aber hätten viele "uralte
Riten" sicher keine auf Anhieb passende Antwort parat. Anstatt
eine Diskussionsrunde vorzuschlagen...
...mit möglichen, aber müßigen Themen wie: "Bei
welchen Stämmen zu welcher Zeit wären Mobiltelefone unters
Waffenverbot beim Thing gefallen – und was hätte welche
germanische Gesellschaft gemacht, wenn trotzdem bei einem mittendrin
das Ding gepiepst hätte? Ins Moor versenkt? Das Handy oder
den Inhaber? Oder dem Anrufer den Krieg erklärt?"...
...verabschiede ich mich lieber gleich ganz von überflüssigen
Wintermärchen: wie z.B. dem der "heidnischen Wurzeln" bürgerlicher
Weihnachtskultformen.
Und ich bleibe dabei: Was wann welche Germanen für Gewänder,
Waffen oder Schmuck trugen, mag für Archäologen, Historiker,
sicherlich auch für Reenactment-Fans von besonderem Interesse
sein – und sicherlich auch allgemein wissenswert. Ich für
meinen Teil habe von den Germanen aber etwas ganz anderes zu lernen,
als wie sie ihre Hemden nähten.
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