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Kausale Denkfallen
Meine Hypothese:
Das beharrliche gedankliche Bedienen (und Handeln gemäß) der Zeitachsensicht negiert Verdandi. Auf deutsch:
Es lässt den Zeitpunkt und die Möglichkeit des Handelns
verpassen, weil man ihn nicht als relevant oder wirkmächtig
wahrzunehmen vermag. Dadurch ergibt sich die Abwesenheit von Skuld,
was wiederum bedeutet: Urd wird zur Last, da sich das Sein, das
Dasein, das Gewordene – nicht mehr verändert.
Stattdessen drehen sich, so sehr man sich bemüht, nur noch
ewig ähnliche, scheinbar beständig wiederkehrende Situationsvarianten
im Kreis. Stoßseufzer-Inhalte nach dem Muster "warum
ich schon wieder..." oder "warum passiert mir immer..." – "wieso
passiert immer mir..." dürfen getrost als Erkennungsmerkmale
solcher "schicksalsimpotenten" Zustände betrachtet
werden. Das Zeitachsengefühl (geschützt durch seine verinnerlichte,
als "zwingend" eingeübte Kausallogik) lässt
hierfür keine wirksame Lösung zu.
Das Nornenmodell hingegen erlaubt Gedanken und Ideen, die, da
frei von Zukunftsverkettungen, tatsächliche Änderungen
ins Auge fassen können, da sie immer und ausschließlich
gegenwartsfixiert bleiben: Nur jetzt kommt man ggf. aus irgendwelchen
Wiederholungszentrifugen heraus, ggf. mit Gewohnheitsänderungen,
die rational wenig mit dem zu tun haben müssen, wo man die
Probleme und Ursachen zeitachsenhalber (aber spekulativer, als
man meist meint) vermutet. Der Einwand "ich kann aber doch
jetzt nicht..." klebt am kausallogischen Irrtum, Ursachen
der Lage einschätzen zu können – auf die man aber
bezeichnenderweise nicht genügend Zugriff hat, da irgendein
Aspekt immer in der Zukunft (ggf. auch in manifestierter Vergangenheit)
zu liegen scheint.
Man kann freilich jetzt nicht die Schlacht von morgen oder gar übermorgen
schlagen, aber man kann jetzt etwas ganz Ungewöhnliches dafür
tun, dass man in dieselbe Schlacht morgen ganz anders hineingeht.
Ursache der misslichen Lage ist nämlich nicht die – bevorstehende – Schlacht,
die man zu verlieren fürchtet, und auf die das Zeitachsendenken
einen so fixiert, sondern die beständige Wiederholung der
Strategie oder Taktik, mit der man die vorigen führte, welche
man verlor oder nur unzureichend gewann. Und schon ist man auf
der Zeitachse von einem effizienten Energieräuberpärchen
eingezwickt: Hader bewacht die Vergangenheit, Furcht die Zukunft.
Beide sind nebenbei, als Wiederholungstäter, wirksame Auswegs-Verhinderer.)
Die Ausgangsvoraussetzungen des tatsächlichen Geschicks (!)
liegen aber immer im Jetzt-Zustand und haben weder mit gewesenen
noch künftigen Schlachten vulgo Aufgaben etwas zu tun – zumindest
nicht unbedingt sicht- oder spürbar. Die Aufgabe selbst interessiert – in
diesem Erkenntniszusammenhang – frühestens in ihren
unmittelbaren Vorbereitungen. Und selbst diese sind, ist man bereits
dabei, mit neuen Gewohnheiten unterfütterbar – immer.
Das vertikale Repertoire
Was hat all das mit den Ahnen zu tun? Mehr
als man ahnt. Zuerst aber bedeuten sie m.E. weniger die Frage,
was sie moralisch getan,
gelassen oder ggf. verbrochen haben – als vielmehr den Umstand,
dass man sich in einem größeren Zusammenhang befindet,
der (Urd!) manifest ist: so wie der Boden direkt unter deinen Füßen
mit der ganzen Landschaft zusammenhängt, die diesen Boden
erst als solchen ausmacht.
Und so, wie man erst beweglich wird, wenn man mit den Quanten
nicht am Boden klebt, in der irrigen Annahme, man verlöre
sonst diesen, lässt sich auch das Potential der Ahnen erst
ausschöpfen, wenn man sie als präsent wahrnimmt (ungeachtet
ihrer zeitlichen Entfernung, ihrer Zeitachsen-"Reihe" – die
in dem Zusammenhang, was wir mit ihnen anstellen wollen bzw. aktuell
können, komplettino nebensächlich ist. Wer von wem abstammt
und wo sich da dann was verliert – ist so uninteressant wie
die individuellen Lebensläufe innerhalb eines Kriegerheers
vor der Schlacht: an dieser gemessen, natürlich. (Man verzeihe
mir bitte den martialischen Vergleich – er geht halt am besten "in
den Bauch.")
Ich wage mal die etwas blumige Behauptung, daß man sich
mit den Ahnen eine Art "Geisterheer" aufstellen kann
(etwa wie Aragorn im "Herrn der Ringe") – das logischerweise
nur wirksam agieren kann, wenn sie nich´ einer nach´m
andern im Gänsemarsch dahertrippeln, sondern alle zusammen,
in breiter Front, anrücken.
Dazu muss man natürlich ahnen, was die Ahnen eigentlich ausmacht,
was die "so draufhaben" (spätestens hier wird deutlich,
dass es nicht um Äußerlichkeiten, "Blutlinien" o.ä.
Krempel gehen kann). Die Ahnen sind die Summe ihrer Taten. Ihre
Taten sind getan – es wäre also ebenfalls Blödfug,
genau die selben Taten wiederholen zu wollen, es "ihnen nachzutun".
Die Energie ihrer "Ergebnisse" aber hat etwas bewirkt,
wobei letztlich zum Beispiel ich "herauskam" – und
diese Energie, die "mich hervorbrachte", will ich mir
zunutze machen. Neben dem Bewusstsein, dass ich z.B. (mehr oder
minder gegenwärtige, sichtbar nahe oder nur "in petto" vorhandene)
Freunde, Unterstützer, Verbündete habe – mein "horizontales" Kraftrepertoire – kann
das zusätzliche Bewusstsein eines "vertikalen Repertoires",
verkörpert durch die Ahnen, mehr bewirken als man gemeinhin
ahnt. Sich selber in einem größeren Zusammenhang erkennen,
schützt zum einen vor "kausaler Isolation" (nicht
ahnend, warum man so ist, wie man ist, und nicht wissend, was einen
wirklich treibt); es schützt dazu vor möglicher Bedeutungsüberschätzung
des eigenen Selbst (die ganz normal ist: in der – stressigen
oder euphorischen – Kraft-und-Konzentrations-Fixierung auf
die jetzige Tat), verleiht also einem gewissen Relativierungs-Kontext
erst die handlungs- bzw. entscheidungsrelevante Tiefenschärfe...
Und zum andern kann ein solches Ahnenspüren zu einer ungeheuren
Kraftquelle werden (deren akute Handlungsrichtung man immer selber
bestimmt – und verantwortet!), da sich die Kraft nicht mehr
allein aus den individuellen, ggf. rasch erschöpften "eigenen
Reserven" speist: Erfahrungshalber darf ich hier vergleichen
zwischen "Batterie" und "Stromnetz".
Woher – wohin – womit
Ahnen – auf die Zeitachse gereiht, haben sie verloren (man
könnte auch sagen: dort gehen sie uns verloren): Sie werden
abhängig von unseren bewussten Erinnerungen an oder Wissen über
Einzelne (samt unsern – im Rahmen dieses Themas: irrelevanten – moralischen
Urteilen über sie). Zudem die Zeitachse ja suggeriert, dass,
je ferner ein Ahn ist, er umso weniger mit unserm heutigen eigenen
Leben zu tun habe. Tatsächlich bedeutet der Nornengedanke
aber: Jener ferne Ahn ist Teil der "persönlichen Landschaft",
also wirkungspräsent. In mancher Hinsicht stoßen wir
hier an eine Denkart, die unsere tradierte Vorstellung von Individualität überhaupt
ins Wanken bringt: wir Bäume, die keinen blassen davon haben,
dass wir zusammen einen Wald bilden – dass die Tatsache, "Teile
eines Waldes" darzustellen, bedeutsamer sein könnte als
das spezifische Selbst-Gefühl, ein bestimmter Baum zu sein.
Mehr noch: Ich behaupte, ich bin ein Blatt meines "Ahnenbaums".
(Der wirkkräftig nichts zu tun hat mit irgendeinem "Stammbaum",
siehe oben.)
Wohlgemerkt: Ich parliere hier in der vergleichsweise dünnen
Höhenluft eines absichtsvoll intellektuellen, gesellschaftsabstrakten
Bildes. Auf deutsch: Komme mir niemand mit irgendeiner Rassenscheiße.
Diese völlig andere Thematik geriete, bei solchem Stichwortreiz,
auf eine hier irrelevante (geistige) Tiefflieger-Ebene. Ich bin
ein Mensch, kein armer Hund (welcher das Ergebnis irgendeiner gezielten
Züchtung sein mag) – Blut ist nicht national oder sonstwie
gesinnt, sondern rot. Meine wie deine Hauttönung oder Haarwuchs,
-farbe o.ä. spielt in meinem Bild (inklusive allen "Germanischens")
eine ähnlich tolle Rolle wie die Frage, welcher Firma Rohling
ich in meinen Brenner schiebe, beim Versuch, die Funktionsweise
eines Computersystems zu erklären. Bongi? Blut ist rot, und
alle Sorten Geschöpfe, mit denen ich ggf. Nachwuchs zeugen
könnte, gehören zu meiner Art.
Ein Blatt bezieht Kraft aus seinem Ast, Baum, Kontext (und führt
seinem ganzen System Kraft zu durch Aufnahme und Umwandlung von
Sonnenlicht). Das Nornenverständnis, auf das ich ziele, ermöglicht
uns (auch) eine Verbindung zu allem, was uns jeweils hervorgebracht
hat (und das wir, wie das Blatt den Baum, beständig beeinflussen).
Noch meine allerfernsten Ahnen sind Bestandteil meiner Persönlichkeit
(quantitativ ja eher umgekehrt, aber es kommt aufs gleiche raus – und
aus der vernünftigen Egozentrik sinnlicher Gegenwart heraus
betrachtet, verhält es sich ja wieder so wie gesagt: denn
nicht mein Ahn agiert heute, sondern ich. Ich bestehe nur darauf,
dass seine Energie meinen Arm mitbewegt – oder was auch immer,
grad).
Besser ausgedrückt: Meine persönliche Existenz überhaupt
ist eine Skuld meiner Ahnen (die zu Urd gehören, auf mich
bezogen, gar Urd sind) – alles aber, was ich darob anzustellen
vermag, ist Verdandi. Mein "Ahnensoll" (geschichtskundige
Leser werden mehr als "ahnen", warum ich hier unmöglich
den Begriff "Ahnenerbe" verwenden kann! Als einen derart
besudelten... Und auch gar nicht brauche: "Ahnensoll" trifft´s
ganz gut, denn es) ändert sich durch mich, durch meine Taten.
Ich bin der derzeitige Aktivposten in dieser Gemeinschaft. (Wenig
schreckt mich der Umstand, dass ich, da selbst kinderlos, niemandes
biologischer Ahn sein werde: Es gibt m.E. noch andere Formen der "Ahnenschaft" als
die direkter biologischer Abstammung – was gerade germanische
Geschichte wie auch Mythologie übrigens mehr als bestätigt.
Für meinen Fall muss hier der laue Hinweis reichen, dass ich
ja auch einen tieferen Grund haben mag, mich selber überhaupt
z.B. schreibend zu äußern. Will sagen: Der Funke lässt
sich so wie so übertragen – die einen Viecher kopulieren
direkt miteinander – die andern, viele Pflanzen z.B., benutzen
zuweilen kuriose Hilfsmittel, ihre Essenz weiterzureichen. Natur
ist verschwenderisch! Aber von pragmatischer Effizienz – nicht
zuletzt in ihrem Erfindungsreichtum.)
Nebenbei erspart mir das Erahnen meiner Ahnen (wird schon auch´n
Grund ha´m, wieso die überhaupt so heißen) – im
Bewusstsein, dass ich, als aktiver Teil von ihnen, Wirklichkeit
gestalte, also: im Bewusstsein, der Verdandi-und-Skuld-Aspekt meiner
Ahnen zu sein (ich bin ihr Veränderungs-, ihr Jetztpassiertwasneues-Faktor!) – jede
Menge europäisch-esoterischen "Karma"-Spekulationsschrotts.
(Zumal es hier niemand beeindrucken wird, also meinen Sozialstatus
nicht wirksam unterfüttern hilft, wenn ich euch beteuere,
dass ich, ja ich ... eigentlich Kleopatra war. In einem meiner
früheren Leben... Ja gell! – Bedeutungsschwangeres Pausieren,
für einen Jubel, der keinen Anfang nehmen will. Indigniert
fortfahrend, diesen Fauxpas des Pöbels in zwangsläufig
gönnerhaft schmollende Einlenkung ummünzend, hmpf, räusper,
riechfläschchenzerbrech: ... Wichtiger erscheint mir also,
mein momentanes Leben hier entsprechend einzurichten. Klappklapp!
Die Tänzerinnen, bitte! Ich wünsche zu dinieren vor dem
Sex! ... Damen und Herren: Sie sahen ein Beispiel aus unserer beliebten
Serie: Was Sie germanischem Denken alles nicht zugetraut hätten...)
Ich weiß schon, warum ich mich nicht mit Trinkhörnern
beschäftige (außer, dass ich gern daraus trinke. Aber
das war rasch gelernt und bedurfte keiner weiteren Abhandlungen.
Netten Mädels zeig ich natürlich gern, wie´s geht.
Anmeldungen unter... :D). Will sagen: Mir geht es bei aller Beschäftigung
mit Germanischem immer um anwendbare praktische Methoden – nie
um Äußerlichkeiten (oder gar ledigliche Extrakte aus
dem christlichen Nach- und Aufguss altisländischer Heidengeschichten,
soweit aus jener Christenmönchszeit erhalten, heute versammelt
in dieser oder jener Übertragung der "Edda").
Schicksalsgefüge
Angesichts der "Universalität" des Nornenprinzips
für die germanische Kosmologie versteht sich fast von selbst,
dass auch die Götter den Wirkkräften dieses Gefüges
unterworfen sind. Die Nornen sind demnach keine Gottheiten, sondern
personifizierter Ausdruck des Wyrd selbst. Man könnte sie
als übergeordnete Schicksalsmächte bezeichnen.
Der (typisch sittenchristliche) Eindruck eines "fatalistischen" germanischen "Schicksalsglaubens" entsteht
wiederum allein durch die Fehldeutung von Schicksal als fixem Ereignis-Fahrplan
auf einer Zeitachse. Das ist allerdings fatal – germanische
Schicksalsvorstellung ist es nicht.
Die braucht keine Zukunft in unserm (spekulativen, also theoretischen)
Sinne, weil sie – via Verdandi und Skuld – alle Ereignisse
wieder in (die ebenso stetige wie wandelfreudige) Präsenz
von) Urd hineingebacken bekommt – unabhängig davon,
wann welches Ereignis stattfand oder -findet. Insofern kann man
z.B. Orakel in germanischer Lesart auch nicht sinnvoll als "Zukunftsdeutung" bezeichnen – auch
wenn es so scheinen mag. Erfragt wird da m.E. höchstens die "beste
Eingriffsoption" im – insgesamt ja nicht ganz unkomplexen – Wirkungsgefüge
der Nornenkräfte – oder der Über- bzw. Einblick
in die spezifische eigene Lage (deren Wirkparameter immer als dynamisch
anzusehen sind!).
Wenn ich beim Studium einer Landkarte einen See auf meiner Fahrtroute
entdecke, werde ich auch nicht in Panik verfallen, ich "müsse" jetzt
mit meiner Karre da reindonnern und jämmerlichst ersaufen.
Das droht nur, wenn mich die Zwangsvorstellung reitet, ich könne
a) nicht anhalten und müsse b) auf der festgelegten Route
bleiben (beide Analogien hält die Zeitachse einzig bereit).
Auch wird niemand die Haltung des Autofahrers eine fatalistische
nennen, wenn der den verorteten See akzeptiert und fest an dessen
reales Vorhandensein glaubt, und liegt er auch mitten auf der "geplanten" Route.
Das Umfahren des Sees bedeutet auch nicht, dessen Existenz zu bezweifeln – das
Gegenteil ist der Fall.
Nur so lässt sich in germanischem Sinne durchaus von einem "manifesten
Schicksal" sprechen (so, wie die Landschaft für den Autofahrer
manifest ist – der selbstverständlich nicht in einen
See hineinkippen oder an irgendein anderes Hindernis donnern muss).
Unser Fahrer greift überhaupt nur zur Landkarte, um sowas
wie besagten See nicht erst dadurch zu entdecken, dass er jäh
die Vollbremsung einlegt am Kai – dort längst abseits
sinnvoller Umgehungsstraßen womöglich. Aus vergleichbarem
Grund mag man zu Orakeln greifen. (Ihre Zeichen jedoch als fixe "Zukunftsereignisse" anzunehmen,
halte ich für extrem ungesund – schon aus Prinzip, will
sagen: aufgrund der seelisch-charakterlichen Konsequenzen möglicher
Gewohnheitseinübung. Aberglaube macht unfrei, weckt irreführende
Hoffnungen und verstärkt Ängste. Die besten Orakel aber
sind nicht mehr als banale "Landkarten". Sie nehmen auch
niemandem irgendeine Entscheidung ab... geschweige denn Verantwortung.)
Was den sittenchristlichen Beobachter an z.B. germanischer Haltungslogik
möglicherweise so "fatalistisch" anmutet (in seinem
alternativlosen Zeitachsendenken), ist höchstens die pragmatische
Akzeptanz der (kombinatorisch verstandenen, "erfragten" oder
einem sonstwie klar gewordenen) jeweiligen Handlungs- oder Ereigniskonsequenz.
In der aber liegt der eigentliche Unterschied zum Zeitachsenprinzip
verborgen: Denn die Folge der jeweiligen Handlung wird ja in germanischem
Wertesystem als genau der Faktor begriffen, der die "Masse
an Wirklichkeit" einzig zu verändern vermag! Daraus ergibt
sich fast das genaue Gegenteil von statischem Fatalismus: optatives,
ja sogar kreatives Potential nämlich, Hebel- und Angelpunkte,
Eingriffsmöglichkeiten – dynamische Mittel in einer
ebenso als dynamisch (subjektiv: veränderlich) begriffenen
Schicksalswelt.
Der Algorithmus lautet: Urda – Verdandi – Skuld – Urda.
Auf deutsch: Es ist etwas gegeben (und zwar alles, was war, beinhaltend
in Gesamtpräsenz) – es tut sich was (ggf. auch: ich
tue was) in gegenwärtiger Option ("es steht etwas an") – das
hat bestimmte Folgen – in deren schließlicher Manifestation
wieder etwas gegeben ist (alles, was war, beinhaltend in Gesamtpräsenz – kleiner
Unterschied zu vorher: mein Krempel ist jetzt "mit drinne").
Hier und jetzt
Versteht sich vielleicht noch, warum ich, von irgendwem
etwa ganz freundlich nach meinen eigenen "Plänen für die Zukunft" befragt,
mittlerweile ähnlich hilflos dreinschaue wie, sagen wir, der
nächstbeste durchschnittliche Büroangestellte, befragte
man diesen heutzutage, mit wie vielen "täglichen Selbstgeißelungen" er
hoffe, der drohenden "höllischen Verdammnis des ewigen
Widersachers" zu entkommen...
Also ich, äh, ja: ich mach mir jetzt was zu essen. Mein fatalistischer
Schicksalsglaube zwingt mich zur Annahme, dass ich ohne Nahrungsaufnahme
schwächer würde und, bliebe es dabei, sogar siechte und
stürbe alsbalden. Das ist freilich nur die halbe Wahrheit:
ganz und gar vordergründig treibt mir urheidnische Wollust
das Wasser auf den Gaumen, ich werde ganz fickrig beim Gedanken,
wie sehr mir jetzt / dann ein leckeres Essen schmeckt (Urd: Ich
fühle, dass ich bin. Und ich bin hungrig! Verdandi: Ich mach
mir jetzt was zu essen – hab´s noch nicht getan. Skuld:
Das Essen soll mich satt und froh machen. Und gleich sind wir,
unabhängig vom "Gelingen des Plans" selber, ob satt
oder unzufrieden, wieder bei Urd. Aus dem Bajuwarischen mal borgend,
ooch wenn ick "a Saupreiß" bin im Dienste der nämlichen
Göttin – aba "hund samma" un´ Völkerverschtändigung
hamma, odda – , wa: Ois is´. Um auch noch den Weanern
an Schmäh zu verpreußln: Find ick lei´wand, wa!)
Soweit zu meinen realen Zukunftsplänen (nicht ganz vollständig:
aber was ich nach dem Essen mache, geht Sie nichts an, okay?) Natürlich
hab ich noch wunder was für Taten vor! "Viel weiß der
Weise, sieht weit voraus..." raunt´s aus der Edda – friggseidank
bin ich aber kein Weiser und werd´ dann schon sehen, ob und
was wirklich passieren wyrd. Fragen Sie mich darüber bitte
direkt davor, oder wenn´s passiert ist, ja!? Ich geh jetzt
was essen, wie gesagt, und zwar was ganz Leckeres.
Wollten Sie sonst noch etwas wissen über typische Ritualpraktiken
germanischer Spiritualität?
P.S.: Kleine handwerkliche Schliff-Arbeiten an obigem Essay ließen
das groß angekündigte Mahl auf morgen verschieben. So
schnell kommt´s anders: mit der Zukunft – selbst der
allernächsten! Was weder im Widerspruch steht zum Gesagten – noch
zu jenen unverratenen Gelüsten... die auch ohne Mahl erfreuen,
in der lauen Nacht. Von dieser germanischen Praxis aber sei ein
andermal erzählt.
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