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Beispiel
In der langjährig gewachsenen, aber kleinen germanischen Gruppierung,
der ich angehöre – der Nornirs Ætt – verabschiedeten
wir uns vor einiger Zeit von der früheren Gewohnheit, unsere "Gydhias" und "Goði" (Goden:-)
genannten FunktionsträgerInnen irgendwem mit Wortgetümen
wie "Priester" zu übersetzen: Es stimmte einfach
zuwenig. Nach Zeiten händeringenden Erklärungs-Lavierens
stellten wir endlich fest: Es stimmt überhaupt nicht. Wir "Ættlinge" haben
keine "Priester" – wir haben einstimmig gewählt
sein müssende Vertrauensleute, die kein Jota mehr Recht oder
Befugnisse haben als andere Nasenträger, sondern nur zusätzliche
Pflichten der Gruppe gegenüber... jeder und jedem Einzelnen
von uns. Wir, die Gruppe, gewähren unseren entsprechend Ambitionierten
ggf. die gnadenvolle Anerkennung, für die andern einige Dreckarbeit
machen zu müssen und nonstop Wache stehen zu dürfen für
das Wohl unserer kleinen "Allgemeinheit". Und wehe, diese
so Beauftragten zicken. DAS sind unsere Goden, Weiber wie Kerls...
Und benötigten wir die Kleiderordnung des Bürgerstaates
in unserem darin befindlichen Privathaufen, dann trügen unsere
Goden eher die leuchtorangenen Westen städtischer Reinigungsbeauftragter
als den hehren Schwarzkittel irgendwelcher Kirchenpfaffen. Spirituelle
Deutungsbefugnis haben unsere Goden schon gar nicht! Das Bewußtsein
solcher Umstände wirkt sich auch aus auf den jeweiligen Gesichtsausdruck
und das Gebaren – der Protagonisten, wie ihres Umfeldes,
das sie ernennt und zuläßt – und ggf. zurückpfeift.
Auch ganz ohne Kleiderordnung.
Zurück zum "Glauben" – und weg von ihm. Der
Christ oder Muslim glaubt an seinen "einen" Herrgott
oder Allah – ich Heide glaube (als ein Mann ohne Führerschein:-),
mehr oder minder hoffend, höchstens an die deutsche Bahn.
Daran, dass der Zug so halbwegs pünktlich kommen wird – an
sein "gleich komme" – und dass seine Verbindungen
klappen mögen für meine Umsteigeaktionen unterwegs. Aber
an meine Götter – an die meereserleuchtende Mardøll
(ihr bekannterer Name ist Freyja) oder den Draugadróttinn,
meinen "Herrn der Geister" (vielgestaltig unterwegs,
the weird one usually known as Odin) glaube ich nicht. Genauso
wenig wie an die "Gesetze" der Schwerkraft,
die Flüssigkeit
des Wassers oder die Unsichtbarkeit des für jede Allerweltsnase
und -wange aber fühlbaren Windes. Ich brauche keine theoretischen
Physikkenntnisse für den Umgang mit der Erfahrung, wie sich
ein henkelloses Haferl heißen Kaffees verhält, das meinen
erschrockenen Fingern entgleitet (autsch, heiß – kracks).
Was nicht heißen soll, dass ich theoretische Physikkenntnisse
etwa geringschätze (das wäre – wiederum sittenchristlich
geprägtes – dualistisches Ausschlußdenken: "Hey,
hübscher Pullover, den du da anhast!" – kreischjammer – "Was
hast du gegen meine Hose!?" ;-) Das eine
folgt eben nicht zwangsläufig aus dem anderen, besonders,
wenn es sich um scheinbar (!) "Gegenteiliges" handelt...
Was ich aber gerade sagte zu Wind, Wasser, Schwerkraft u.ä. – als
Phänomene sind sie sinnlich erfahrbar (nicht nur, aber auch).
Wer aber "betet" die Gravitation an? Wer "glaubt" an
sie? Selbst die christlichen Fundis des sog. "Bible Belt" in
den USA, die die Lehre der Evolution meinen bekämpfen zu müssen
um ihres spirituellen Glaubens willen, leugnen nicht die
Gravitation. Die ist so selbstverständlich "da",
dass sich – in
alltäglichem Umgang – jede Diskussion darüber erübrigt.
Sinnieren über Physik als solche gerät da unversehens
in den Ruch des elitär Philosophischen – Umgangs halber
gesehen...
Ich glaub ich glaub das
Einem Glauben fehlt die Unmittelbarkeit: die direkte
sinnliche Erfahrung. Die allgemeine Offenbarkeit. Des Physischen.
Körperlichen.
Und darüber hinaus: des für jeden unleugbar Wirkmächtigen,
das jede Überzeugungsarbeit lächerlich und überflüssig
macht. Das Fehlen solcher für jeden sofort und
direkt fühlbarer
Komponenten aber ist das Wesen des Glaubens – der auf Jenseitiges
hinauswill. Daß "der Glaube" erst nötig hat,
die Eigenschaften seiner Transzendenz von aller Selbstverständlichkeit
des Diesseitigen zu trennen, um sich überhaupt bemerkbar zu
machen – das wiederum ist ein typisches Phänomen christlich
geprägter Ausschluss-Dualistik. (Darum sind Mythen von Glaubenskulten
auf "Offenbarungen" angewiesen, um die sie sich ranken – Erlebnisse
einzelner "Auserwählter", denen entsprechende sinnliche
Erfahrungs-Sensationen des Spirituellen zuteil werden – was
dann von den Erfahreneren an die Unerfahreneren weitergetragen
werden muss, mit den entsprechenden Hierarchiefolgen: "Ich
kannte noch einen Urenkel eines Sohnes, der jemand kannte, der
mit einer Freundin der Nichte des Propheten sprach...")
Haben solche Offenbarungs- und "Ich-bin-näher-an-DER-Wahrheit-als-du"-Verrenkungen
etwas mit Heidentum zu tun? Zumindest nicht mit meinem, mit Verlaub!
Einem
Glauben fehlt das Faktische derjenigen Gewissheit, die als derart
selbstverständlich erlebt wird, dass abstrahierfähiges
Denkvermögen erforderlich ist, derlei Gewisslichkeiten überhaupt
ins Bewusstsein zu hieven (Beispiel: Gravitation).
"Germanischer Glaube"?
Wie sittenchristlich müssen
wir geblieben sein, inwendig, wenn wir Heutigen ausgerechnet Sonne
und Mond (die Tacitus als zuvörderste germanische Verehrungsobjekte
erwähnt) einzubauen nötig haben in so etwas wie ein Glaubensgebilde?
Kann man an die Sonne "glauben"? Naja: Der olle Tacitus
war selber sowenig in germanischen Stammesgebieten gewesen wie
Karl May jemals in Amerika – mit annähernd vergleichbaren
(wenngleich anders motivierten) Ergebnissen der jeweiligen Mär über
damals wie dort "edle Wilde"... Und außer mir selber
kenne ich, zugegeben, bislang auch keinen Ásatrú,
der (auf die Frage nach seinen Gottheiten) erst mal angibt, "Sonne
und Mond" zu verehren...
Wieso aber will ich denn nun alle möglichen andern ehrbaren Ásatruar
von ihrem rechten Glauben abbringen? Will ich das? Ich will nur
zum Denken anregen. Bestehen nicht überhaupt zwischen Thor
und Odin der Wikingerära versus irgendwelchen "Sonne
und Mond"-Mutmaßereien eines römischen Sitten-Moralisten – fast
tausend Jahre davor – irgendwelche Unterschiede? In der Tat
bestehen die, und das nicht zu knapp. Aber, sorry, Wikingerfreunde:
Mit jungen rheumageplagten Seefahrern aus Skandinavien und Dänedings
und ihren Hi-Tech-Wendebooten, die sie zwei Jahrhunderte lang quer
durch (mehr als) die bekannte Welt schippern ließen – und
dank erschrockener, aber schreibkundiger Mönche ebenso unsterblich
berühmt wie berüchtigt machten –, befasse ich mich
hier auch nicht.
Ein Zug, der von Hamburg nach München fährt, düst
oder zuckelt vielleicht noch runter bis nach Rom. Aber er kommt
nicht nach Kopenhagen. Und auch nicht nach Berlin, obwohl das Hamburg
eigentlich viel näher liegt als München. Die tatsächlich
erreichbaren Reisestationen ergeben sich aus den Hauptrichtungs-Tendenzen.
Und den Gleisverbindungen und Fahrplänen. Folglich steigt
keiner in Hamburg in den Zug nach München, um Berlin zu erreichen.
Und protestierte der Fahrgast dann in Höhe Nürnberg:
Berlin habe doch "nähergelegen" – na, wer
tut schon so was. Zugreisende lesen tunlichst Bahnfahrpläne.
Aber Reisende auf den Gleisen des Glaubens tun es nicht. Weil sie
die Gleise ignorieren wie die Fahrpläne. Weil sie ihr Ziel
ggf. verwechseln mit dem, wohin der Glaube sie tatsächlich
bringt. Oder wo er sie herumrangieren lässt. Und heutige Metropolen
sind ja innerstädtisch zunehmend "verwechselbar".
Unsere Ziele auch? Anything goes? Alles beliebig? Alles dasselbe? "Alles
eins"?
Nuja. Auch wenn sich eine Hamburger Hennes-&-Mauritz-Filiale
wahrlich nicht von der in München oder Berlin unterscheiden
lässt: Meine eventüllen Übernachtungsgelegenheiten
in allen drei Ortschafterln unterscheiden sich – selbst wenn
ich überall genügend Leute kenne. Und die Münchnerin
wird nicht erbaut sein, wenn ich sie für die Berlinerin halte
bei Ankunft, und umgekehrt (erst recht – weia!)
Vergleich Ende.
Ende Teil II
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