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Betrachtet man die Neuheidenszene und blickt auf diverse wissenschaftliche Überlieferungen,
so fällt einem oft etwas sehr Paradoxes ins Auge. Oft werden
die Kelten als matriarchal dargestellt und nicht selten finden
sich unter den Keltenbegeisterten Frauen, die bei der großen
Göttin beschwören, dass bei den Kelten die Frauen wichtiger
als die Männer waren. Bei den Neugermanen hingegen scheint
nicht allzu selten ein eher patriarchalischer Kurs vorzulegen.[1]
Paradox ist es deshalb, weil es wohl eher umgekehrt war, gehen wir von der Korrektheit
der schriftlichen Überlieferung aus. Während die Frau bei den Kelten
(und auch bei den Römern) relativ wenig zählte[2], berichten die römischen
Autoren über anderes. In diesem Sinne möchte ich Tacitus selbst sprechen
lassen.
„… Und ganz in der Nähe
haben sie ihre Lieben; von dorther können sie das Schreien
der Frauen, von dorther das Wimmern der Kinder vernehmen. Ihr
Zeugnis
ist jedem das heiligste, ihr Lob das höchste: zur Mutter,
zur Gattin kommen sie mit ihren Wunden, und jene zählen
oder prüfen ohne Scheu die Stiche; auch bringen sie den
Kämpfenden Speise und Zuspruch.
Schon manche wankende und sich auflösende Schlachtreihe wurde, wie es
heißt, von den Frauen wieder zum Stehen gebracht: durch beharrliches
Flehen, durch Entgegenhalten der entblößten Brust und den Hinweis
auf die nahe Gefangenschaft, die den Germanen um ihrer Frauen willen weit
unerträglicher und schrecklicher dünkt. Aus diesem Grunde kann
man einen Stamm noch wirksamer binden, wenn man unter den Geiseln auch vornehme
Mädchen von ihm fordert. Die Germanen glauben sogar, den Frauen wohne
etwas Heiliges und Seherisches inne; deshalb achten sie auf ihren Rat und
hören auf ihren Bescheid. Wir haben es ja zur Zeit des verewigten Vespasian
erlebt, wie Veleda lange Zeit bei vielen als göttliches Wesen galt.
Doch schon vor Zeiten haben sie Albruna und mehrere andere Frauen verehrt,
aber nicht aus Unterwürfigkeit und als ob sie erst Göttinnen aus
ihnen machen müssten.“
Die Kampftaktik der Frauen, ihre Brüste zu entblößen,
um den Männern Mut zu machen, liebe Damen, würden auch
mit Sicherheit heute noch so manchen Mann dazu bewegen Gutes zu
tun.
Auffällig ist in allen Texten die Rolle der Frau als Seherin und Orakeldeuterin.
Wie es auch in der Mythologie scheint, sind die Figuren, die sich mit Schicksal
und Deutung auseinandersetzen alle weiblich. Die drei Nornen, die Seherin in
der Völuspá. Auch Freyja gilt als die Meisterin der Seidrkunst
schlechthin. Neben diesen gibt aus auch noch viele andere bedeutende weibliche
Gottheiten: Frigg (Odins Gemahlin), Hel (Totengöttin), Idun (Hüterin
der Äpfel der Jugend), Sif (Thors Frau).
Waren die altgermanischen Männer nun komplett edel. Nun, laut Tacitus
auch nicht ganz…
„Wenn sie nicht zu Felde ziehen, verbringen
sie viel Zeit mit Jagen, mehr noch mit Nichtstun, dem Schlafen
und Essen ergeben. Gerade die Tapfersten und Kriegslustigsten
rühren sich nicht. Die Sorge für Haus, Hof und Feld
bleibt den Frauen, den alten Leuten und allen Schwachen im Hauswesen überlassen;
sie selber faulenzen.“
Auch über die Kleidung der Frauen weiß Tacitus zu
berichten. Die Frauen sind nicht anders gekleidet als die Männer
nur hüllen sie sich öfters in Umhänge aus Leinen,
die sie mit Purpurstreifen verzieren. Auch lassen sie den oberen
Teil ihres Gewandes nicht in Ärmel auslaufen; Unter- und Oberarm
sind nackt, doch auch der anschließende Teil der Brust bleibt
frei. Ebenso schreibt er über die Ehe.
„Gleichwohl halten die Germanen auf
strenge Ehezucht, und in keinem Punkte verdienen ihre Sitten
größeres Lob. Denn sie sind fast die einzigen unter
den Barbaren, die sich mit einer Gattin begnügen; sehr wenige
machen hiervon eine Ausnahme, nicht aus Sinnlichkeit, sondern
weil sie wegen ihres Adels mehrfach um Eheverbindungen angegangen
werden. Die Mitgift bringt nicht die Gattin dem Manne, sondern
der Mann der Gattin. Eltern und Verwandte sind zugegen und prüfen
die Gaben, und zwar Gaben, die nicht für die weibliche Eitelkeit
und nicht zum Schmuck der Neuvermählten bestimmt sind, sondern
Rinder und ein gezäumtes Ross und einen Schild mit Frame
und Schwert. Für diese Gaben erhält der Mann die Gattin,
die nun auch ihrerseits dem Manne eine Waffe schenkt. Das gilt
ihnen als die stärkste Bindung, als geheime Weihe, als göttlicher
Schutz der Ehe. Die Frau soll nicht meinen, sie stehe außerhalb
des Trachtens nach Heldentaten und außerhalb des wechselnden
Schlachtenglücks: gerade die Wahrzeichen der beginnenden
Ehe erinnern sie daran, dass sie als die Genossin in Mühen
und Gefahren kommt, bereit, Gleiches im Frieden, Gleiches im
Kampf zu ertragen und zu wagen. Dies bedeuten die Rinder unter
gemeinsamem Joch, dies das gerüstete Pferd, dies das Schenken
von Waffen. Demgemäß solle sie leben, demgemäß sterben;
ihr werde etwas anvertraut, was sie unentweiht und in Ehren an
ihre Kinder weiterzugeben habe, was die Schwiegertöchter
zu empfangen und wiederum den Enkeln zu vermachen hätten.
So leben die Frauen in wohlbehüteter Sittsamkeit, nicht durch lüsterne
Schauspiele, nicht durch aufreizende Gelage verführt. Heimliche Briefe
sind den Männern ebenso unbekannt wie den Frauen. Überaus selten
ist trotz der so zahlreichen Bevölkerung ein Ehebruch. Die Strafe folgt
auf der Stelle und ist dem Manne überlassen: er schneidet der Ehebrecherin
das Haar ab, jagt sie nackt vor den Augen der Verwandten aus dem Hause und
treibt sie mit Rutenstreichen durch das ganze Dorf. Denn für Preisgabe
der Keuschheit gibt es keine Nachsicht: nicht Schönheit, nicht Jugend,
nicht Reichtum verschaffen einer solchen Frau wieder einen Mann. Dort lacht
nämlich niemand über Ausschweifungen, und verführen und sich
verführen lassen nennt man nicht "modern". Besser noch steht
es mit den Stämmen, in denen nur Jungfrauen heiraten und das Hoffen
und Wünschen der Frau ein für allemal ein Ende hat. Nur einen Gatten
bekommen sie dort, ebenso wie nur einen Leib und ein Leben; kein Gedanke
soll weiter reichen, kein Verlangen darüber hinaus anhalten; nicht den
Ehemann, sondern gleichsam die Ehe selbst sollen sie in ihm lieben. Die Zahl
der Kinder zu beschränken oder ein Nachgeborenes zu töten, gilt
für schändlich, und mehr vermögen dort gute Sitten als anderswo
gute Gesetze.“
Persönlich glaube ich daran, dass es eine Art Rollenverteilung geben hat.
Auch wenn die Rollenverteilung zwar dem klassischen Stereotyp entspricht: Der
Mann als Krieger und Jäger, die Frau als Hüterin des Heims, bin ich
mir sicher, dass die Rolle als „Hüterin des Heims“ nicht negativ
besetzt war. Ich denke, es wäre gewagt von vollkommener Gleichberechtigung
zu sprechen, doch zeigt die Überlieferung eindeutig: Die germanischen
Stämme waren im antiken europäischen Raum der Gleichberechtigung
am nächsten.
[1] Diese Angabe sei mit Vorsicht zu
genießen,
da keinerlei statistische Untersuchungen vorliegen und ich nur
von Erfahrungen und Diskussionen ausgehen kann.
[2] Wer mehr darüber wissen will, der lese den gallischen Krieg von Julius
Caesar und alte walisische Rechtstexte.
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