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Wir sitzen im Haus des Bauern Arbogast am knisternden Lagerfeuer.
Die Mitglieder der Sippe sprechen eifrig über die kommende
Ernte und es wird das eine oder andere Trinkhorn gelehrt. Auch Arbogasts
Mutters, die alte Sigrun, ist mit von der Partie. Da sie ein Alter
erreicht hat, dass in der damaligen Zeit äußerst selten
war, schätzt man sie als weise Ratgeberin, die den Willen der
Götter besonders gut deuten kann.
Plötzlich klopft es an der Tür. Arbogast erhebt sich und
schaut nach, wer denn zu später Stunde noch unterwegs sei.
Ein fremder Reisender steht vor der Tür und erklärt, dass
er sich verirrt habe. Er bittet um Einlass.
Unterbrechen wir hier die Erzählung und überlegen wir
uns wie die Sippe reagieren könnte!
Vielleicht bittet Arbogast die alte Sigrun die Runen zu befragen,
ob der Mann Böses im Schilde führt. Vielleicht vermutet
Arbogast, dass eine Herbergssuche zu später Stunde nur zu etwas
Üblen führen könnte und schlägt dem Mann sofort
die Tür vor der Nase zu. Vielleicht vertreibt die Sippe den
Ausländer mit Schimpf und Schande und hängt ihn gar am
nächsten Baum auf, wenn er nicht nachweisen kann, dass er arischen
Blutes ist.
Was die letzte Option betrifft, so ist es schon äußerst
unwahrscheinlich, dass der Reisende einen auf Papyrus ausgestellten
Beleg zückt, wo seine germanische Abstammung verzeichnet ist.
Das Vorhaben würde allein schon daran scheitern, dass man teures
Papyrus in großen Mengen importieren müsste. Viele Germanen
würden fortan nur mehr arbeiten, um ihre Ahnenpässe bezahlen
zu können. Als Alternative zum Ahnenpass, ließen sich
zwar die Namen der Vorfahren in Steintafeln ritzen, aber vermutlich
würde jedem die Reiselust vergehen, wenn man ihm schwere Steintafeln
ins Reisegepäck steckte, die das reine Blut bezeugen könnte.
Weiters wäre auch die Definition eines Ausländers interessant.
Immerhin sahen sich die alten Germanen nicht als das "Volk
der Germanen", sondern bezogen ihre Identität durch die
Zugehörigkeit zu einem Stamm. Folglich müsste somit, streng
genommen, für einen Sachsen ein Friese genauso ein Ausländer
sein, wie ein Römer. Vielleicht mit dem einzigen Unterschied,
dass die sprachliche Verständigung mit dem Friesen einfacher
wäre als mit dem Römer. Somit schließe ich den Exkurs
mit der Erkenntnis, dass wenn wir eine Zeitreise machen würden,
wir im alten Germanien keinen Ahnenpass vorweisen müssten.
Was für uns heute die modernen Medien, wie Radio, Zeitung,
Fernsehen und Internet, sind, war damals ein Reisender. Nachdem
wir getrost davon ausgehen können, dass es weder einen "friesischen
Boten" oder die "Sachsenpost" gegeben hat, können
wir als die Hauptquelle für neue Informationen das Gespräch
annehmen. Und sofern die Sippe mit ihrem Stamm nicht auf einem Kriegszug
war, wird wohl kein Sippenmitglied die Arbeit am Feld lange ruhen
lassen, um weite Reisen zu machen. Die Überlegung, dass es
ein Segen sein könnte, einen Reisenden zu bewirten, der im
Austausch dafür wichtige Neuigkeiten bringt, sollte betont
werden.
Das Havamal, die Sittenlehre der Germanen in der Edda, enthält
einige Hinweise darauf, wie man mit einem Gast umgehen sollte. So
steht zum Beispiel. "Feuer bedarf der fernher Gekommene,
dem vor Kälte das Knie erstarrt; Kost bedarf und Kleidung der
Mann dessen Fuß über Felsen schritt. Wasser bedarf und
Willkommengruß der Gast und zum Trocknen ein Tuch; selber
erring' er sich rühmlichen Leumund, will er wieder geladen
sein." [1]
Wie wir schon sehen, wird nicht nur vorgeschlagen einen Gast gut
zu bewirten. Dem Gast wird auch geraten, dass er die Gastfreundschaft
seines Gastgebers nicht ausnutzen soll. Denn wie auch wir in der
heutigen Zeit kaum einen Gast, der sich schlecht in unserem Heim
benimmt, ein zweites Mal einladen werden, so wird es wohl auch bei
den Germanen gewesen sein.
Ein weiteres Indiz für die Gastfreundlichkeit der Germanen
könnte folgendes Zitat aus der Germania des Tacitus sein. "...Der
Geselligkeit und Gastfreundschaft gibt kein anderes Volk sich verschwenderischer
hin. Irgendjemanden, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt
als Frevel; nach Vermögen bewirtet ein jeder den Gast an reichlicher
Tafel. Ist das Mahl aufgezehrt, so dient der bisherige Wirt als
Wegweiser zu neuer Bewirtung und als Begleiter; ungeladen betreten
sie den nächsten Hof. Doch das verschlägt nichts; mit
gleicher Herzlichkeit nimmt man sie auf. Beim Gastrecht unterscheidet
niemand zwischen bekannt und unbekannt. Dem Davonziehenden pflegt
man zu gewähren, was er sich ausbittet, und mit gleicher Unbefangenheit
fordert man eine Gegengabe. Sie freuen sich über Geschenke,
doch rechnen sie nicht an, was sie geben, und halten sie nicht für
verpflichtend, was sie empfangen. Die tägliche Kost ist unter
Gastfreunden Gemeingut." [2]
Auch Cäsar äußert sich in seinem Werk "De Bello
Gallico" über die Gastfreundschaft der Germanen.
"Sie halten es für Frevel, einen Gast zu verletzen.
Wer aus welchem Grund auch immer zu ihnen kommt, den schützen
sie vor Unrecht und halten ihn für unverletzlich. Alle Häuser
stehen ihm offen, und die Bewohner teilen ihre Nahrung mit ihm."
[3]
Es gibt Dokumentationen, wie Sturm über Europa [4], die davon
berichten, dass viele germanische Stämme dem Einfluss anderer
Kulturen nicht abgeneigt waren. Nur in Rom dachte man zu der damaligen
Zeit offenbar anders. "In der Zeit des Hellenismus wurden
alle Angehörigen von Völkern, die nicht in der griechisch-römischen
Einflusssphäre lebten bzw. nicht mit der entsprechenden Bildung
ausgestattet waren, als Barbaren bezeichnet; damit wurde ein Überlegenheitsanspruch
der eigenen Kultur begründet." [5]
Falls wir also nach einem Ursprung einer fremdenfeindlichen Gesinnung
in der Antike suchen, so wird die Suche bei den Germanen erfolglos
bleiben.
Fazit
Wir sollten uns bewusst sein, dass sich in der damaligen
Zeit Informationen ganz anders verbreiteten wie heute. Dementsprechend
nehme ich an, dass Reisende bei germanischen Stämmen besonders
deswegen Willkommen waren, weil sie Nachrichten überbringen
konnten, die vielleicht sogar das Überleben sicherten.
Generell glaube ich, dass die "My Home is my castle"-
Einstellung erst durch die Möglichkeit der individuellen Freizeitgestaltung
eingeführt wurde. Allerdings gehe ich auch davon aus, dass
Gäste, die sich absolut nicht zu benehmen wussten, vor die
Tür gesetzt wurden. Aber ich denke, dass wohl kaum jemals irgendwer
es nicht versuchte einen unliebsamen Gast loszuwerden.
Für mich ist es eine Ironie der Geschichte, dass man die alten
Germanen teilweise mit Fremdenfeindlichkeit assoziiert. Es wäre
an der Zeit diesen Irrtum aufzuklären.
Weiterführende Literatur
Sturm über Europa
Die
Edda (Onlineversion) Achtung: Enthält einige wenige
Abtippfehler!
Quellen:
[1] Die Edda, Übersetzung von Hugo Gering, 1892
[2] Tacitus
Germania (Onlineversion)
[3] Caesar, DBG VI 23.9
[4] Sturm
über Europa
[5] Microsoft Encarta Professional 2002
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