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Österreich – keine Insel der Seligen
Auch in unserem Land sind die Hybriden (Pflanzen, deren Samen
entweder nicht so ertragfähige Sorten hervorbringen oder deren
Nachkommen die ursprünglich gewünschten Eigenschaften
verlieren) auf dem Vormarsch. Somit sind die landwirtschaftlichen
Betriebe, aber auch Gärtnereien und letztendlich wir selbst,
gezwungen jedes Jahr aufs Neue Samen zu kaufen, weil wir aus den
angebauten Pflanzen selbst keine neuen Sprösslinge ziehen
können. Dies ist nicht nur ein finanzieller Aufwand, wir
sind dadurch auch komplett von den Konzernen abhängig und
müssen mit dem Saatgut vorlieb nehmen, dass sie uns anbieten.
Seit 1970 wurden über 500 Saatgutbetriebe von multinationalen
Konzernen aufgekauft. Diese beherrschen den Markt und drängen
immer mehr in Richtung Gentechnik. Um 1900 wuchsen in Österreich
zwischen 3.000 und 5.000 verschiedene Apfelsorten – heute
gibt es nur noch ca. 300 – 500 und von denen schafft es
nur eine winzig kleine Menge ins Supermarktregal. Und mit jeder
alten Sorte geht auch ein Stückchen Kultur und traditionelles
Wissen verloren.
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| Wiesenvielfalt |
Vielfalt statt Einfalt
Auch international schaut es mit der Sortenvielfalt nicht besser aus. So gab es etwa in Indien um 1900 noch 30.000 lokale Reissorten die angebaut wurden. In den späten 1970er Jahre reduzierte sich diese Vielfalt auf 12 Reissorten die auf ¾ der Anbaufläche gepflanzt wurden. Die steigende Industrialisierung und damit einhergehende tiefgreifende soziale Veränderungen führten zu einem Verschwinden vieler Kulturpflanzen und einer Änderung der Koch- und Essgewohnheiten. Die Nahrungsmittelindustrie etablierte sich in dieser Zeit mit Fastfood und Fertiggerichten und bestimmt heute neben dem Handel die Anforderungen an den landwirtschaftlichen Produkten – meist auf Kosten von Geschmack und qualitativen Inhaltsstoffen.
Aus Zwei mach Eins
Die Vielfalt der Kulturpflanzen als Lebensgrundlage für die folgenden Generationen erhalten und diese auch weiter entwickeln ist das Ziel des Vereins ARCHE NOAH. Am Anfang standen ein Verein in Niederösterreich („Samenpflegevereinigung“) und einer in der Steiermark („Fructus“). Beide hatten sich die Erhaltung von alten regionalen Sorten, die zunehmend vom Markt und aus den Gärten verschwunden sind, zum Ziel gemacht. Die Sortenerhaltung passierte bei beiden Vereinen auf den einzelnen Höfen und in den verschiedenen Gärten der Mitglieder. Um einen überregionalen Austausch zu gewährleisten wurde 1989 ein gemeinsamer Samenkatalog beider Vereine erstellt, somit konnten die verfügbaren Sorten in Form von Samentausch an andere Interessierte weitergegeben werden. In der Folge kam es 1990 zu der Vereinigung der beiden Vereine unter dem Namen „ARCHE NOAH“. Die Suche nach einer zentralen Sammelstelle für das Sortenarchiv gefährdeter Pflanzen führte 1995 zur Gründung des Schaugartens in Schiltern bei Langenlois (Niederösterreich).
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| Schaugarten
mit Blick auf Schloss Schiltern |
Landung der Arche
Der EU-Beitritt führt dazu, dass nun auch in Österreich die Sortenzulassung für Gemüsesorten verpflichtend war. Durch eine Novellierung des österreichischen Saatgutgesetzes gelang es, für die Weitergabe von Saatgut zum Schutz der Kulturpflanzenvielfalt klare Regelungen zu schaffen. Neben diesem wichtigen Schritt für die gesetzeskonforme Vermehrung der Sorten konnte sich der Verein nun auch dem Thema Öffentlichkeitsarbeit widmen. Der Schaugarten in Schiltern bot und bietet den idealen Rahmen für verschieden Veranstaltungen, wie z.B. den Jungpflanzenmarkt am 1. Mai und einem Erntedankfest im Herbst. Bereits 2001 erlebten mehr als 19.000 BesucherInnen die Kulturpflanzenvielfalt. Ein Jahr später zählte der Verein 6.000 Mitglieder und im Sortenarchiv wurden 6.500 alte Handelssorten, Lokalsorten und Landsorten erhalten und im Vermehrungsgarten bei Schloss Haindorf (bei Langenlois, Niederösterreich) zyklisch vermehrt. Die Zahl der Aufgaben wuchs von Jahr zu Jahr.
Aktivitäten auf der Arche
Als Basis könnte man durchaus das Sortenarchiv und den Vermehrungsgarten sehen. Das Archiv umfasst Samen, Zwiebel und Knollen von Kulturpflanzen aus den Bereichen Gemüse, Getreide, Hackfrüchte, Kräuter,
Rohstoff- sowie Zierpflanzen. Dazu zählen z.B. 4.500 Herkünfte von Gemüse unter anderem:
800 von Bohnen
600 von Tomaten
300 von Kohlgewächsen
150 von Erbsen
150 von Paprika & Chili
150 von Salaten.
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Natürliche Vermehrung |
Ein Sortenarchiv und ein Vermehrungsgarten nützen aber nichts, wenn die „neuen“ alten Sorten nicht auch unters „Volk“ gebracht werden. Darum gibt es einen regen Sortentausch unter den Mitgliedern, der der Verbreitung alter Kulturpflanzen dient und ihre Erhaltung sichert. Durch die gärtnerisch-züchterische Tätigkeit
schaffen und erhalten einige hundert Mitglieder die Kulturpflanzenvielfalt.
Neben dem ErhalterInnen-Netzwerk gibt es auch ein ProduzentInnen-Netzwerk, das den Weg zu verschiedenen Bio-Betrieben und Bio-Gärtnereien weist, wo die Sortenraritäten gekauft werden können. Und was machen wir jetzt mit all den leckeren Gemüse-, Obst- und Kräutersorten? Na logisch – wir essen sie! Damit aus diesen hochwertigen Rohstoffen hochwertige Lebensmittel entstehen kooperiert die ARCHE NOAH z.B. mit Slow Food Convivium Wien, Arche Austria und Bio Austria.
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| Bohnenrarität |
Raritäten im Supermarkt
Ein Projekt der jüngeren Zeit ist die Kooperation des ARCHE NOAH Sortenarchiv mit Ja! Natürlich (der Bioproduktlinie des Rewe-Konzerns). 2009 bis 2011 übernimmt Ja! Natürlich eine symbolische Patenschaft für das Sortenarchiv und sponsert damit die laufenden Kosten für die Erhaltung und Vermehrung von rund 200 gefährdeten Sorten. Einerseits soll dadurch das ideelle Engagement der Marke für die Sortenvielfalt unter Beweis gestellt werden. Andererseits wird dadurch auch die Palette der bereits in den Merkur-Filialen saisonal erhältlichen Produkte (bisher Paradeiser, Paprika, Chilis und Erdäpfel) weiter ausgebaut. Damit wird ein neuer Weg beschritten, der nicht nur ungeteilte Zustimmung hervorruft. Viele Mitglieder begrüßen es, dass sie Raritäten jetzt auch im Supermarkt erhalten und freuen sich, dass die alten Sorten dadurch mehr Aufmerksamkeit erregen und einem breiteren Publikum zugänglich sind. Während andere die Konkurrenz für die DirektvermarkterInnen fürchten und von einem „Ausverkauf der Vielfalt“ sprechen.
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| Purpur Sonnenhut
- Echinacea purpurea |
Aktionen in diese Richtung mag jede/r für sich selbst beurteilen, ich persönlich finde das Engagement der ARCHE NOAH in diese Richtung gut. Ich habe durch meine räumliche Nähe den Vorteil direkt im Schaugarten oder bei etlichen DirektvermarkterInnen in der näheren Umgebung alte Sorten kaufen zu können. Und wenn ich meinen inneren Schweinehund überwinden würde, dann könnte ich bei mir im Garten auch einen Gemüsegarten mit Raritäten anlegen. Viele haben nicht diese Möglichkeiten und sind froh, wenn sie im Supermarkt in ihrer Nähe auf solche Produkte treffen.
Ich finde die Arbeit, die der Verein ARCHE NOAH macht, bemerkens- und erwähnenswert und hoffe, euch einen kurzen Einblick über die Aktivitäten und Initiativen rund um das Bemühen zur Erhaltung und Verbreitung der Kulturpflanzenvielfalt gegeben zu haben. Vielleicht habt ihr Lust bekommen mal selbst in Schiltern vorbei zu schauen – die Schaugartensaison startet am 8. April 2010.
Quellen:
ARCHE NOAH Magazine 2009
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