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Verwildern
Der Ausdruck ,verwildern‘ beschreibt eine Extensivierung
oder Einstellung von Nutzung und Pflege einer landwirtschaftlichen
Fläche. In der Verbform wird das Prozesshafte des Verwilderns
ausgedrückt. Den Sammlerinnen ist bewusst, dass es vor dem
Verwildern einen anderen, gepflegten Zustand des Ortes gegeben
hat.
Ökologisch bedeutet Verwildern stetige Sukzession und Erhöhung
des Nährstoffniveaus (durch den Stickstoffeintrag aus der
Luft). Die Artenvielfalt der ersten Brachejahre verringert sich
je nach Standorteigenschaften schneller oder langsamer (Bauer 1995,
129). Eine brachliegende Fläche wächst zu, zumindest
im gemäßigten Klima bei gemäßigter Hangneigung.
Damit beschränkt sich auch ihre Erreichbarkeit immer mehr
auf die Ränder. Erst wenn das Stadium des (Laub-)Waldes erreicht
ist, wird der Boden wieder zugänglicher. Die sammelbare Vegetation
beschränkt sich zu diesem Zeitpunkt allerdings auf Frühjahrsgeophyten
und herunterfallende Baumfrüchte (siehe Kapitel Wald). Alles
andere ist ohne Leiter oder Säge unerreichbar.
Wildnis
Für die Sammlerinnen bedeuten Brache, verwilderte Flächen
und Wildnis Flächen, auf denen niemand anderer Nutzungsansprüche
stellt, und auf denen daher niemand ihre eigenen Nutzungsansprüche
in Frage stellt. Oft werden existierende Nutzungen übersehen,
obwohl sie den Wert der Landschaft für das Sammeln immer wieder
herstellen. Es besteht hierbei die Gefahr, dass dieses Verständnis
des Landes als subsistentes Gemeingut missverstanden wird als Verständnis
des Landes als öffentliches Gut, mit dem der Staat seine StaatsbürgerInnen
versorgt. Zum Verständnis des Landes als Gemeingut gehört
auch die Rücksicht auf die Nutzungsinteressen anderer Menschen,
vor allem der BäuerInnen, am Land und die Anerkennung des
Eigenwertes der Natur.
Der Ausdruck ,Wildnis‘ ist im Gegensatz zum Ausdruck ,verwildern‘ keine
Prozess- sondern eine Zustandsbeschreibung. Wer nur das Wort hört
und den Ort nicht kennt, weiß nicht, ob die Wildnis ,immer
schon‘ Wildnis war, oder durch Verwildern aus einer ehemals
kultivierten Fläche entstanden ist. Falls es NutzerInnen gab
oder gibt, welche durch ihre Nutzung die Fläche instand halten
oder hielten, werden sie mit diesem Wort verschwiegen. Aus diesem
Grund halte ich die Verwendung dieses Ausdrucks auch durch die
Sammlerinnen für problematisch.
Die Wörter ,Wildnis‘ oder wild wurden in der Kolonialgeschichte
(einschließlich derer im eigenen Land) als Synonyme für
,freies Gut‘ oder ,aneigenbares Land‘ benutzt. Die
Aneigenbarkeit wurde mit der Behauptung gerechtfertigt, dass jenes
Land nicht genutzt werde. Nutzungen, die dennoch stattfanden, wurden
als solche nicht anerkannt, sondern im Gegenteil sogar verfolgt,
wenn sie nach erfolgter Beschlagnahmung des Landes weiterhin stattfanden.
Lineare Sammelräume
Lineare Landschaftsstrukturen sind Orte,
an denen unterschiedliche Landnutzungen zusammentreffen. Ihre Vegetation
ist abhängig
von der Nutzung der angrenzenden Flächen, doch ist sie nicht
mit dieser identisch. Wegränder und die Ränder der Flächen
an Wegen sind trotz vieler Konkurrenznutzungen die wichtigsten
Sammelorte. Alle Sammelorte außer den Gärten sind zumindest
zeitweise nur über Wege erreichbar.
Die Ränder erzählen von den Produktionsbedingungen auf
den Flächen. Der wiesige Ackerrain verrät durch die unabsichtliche
Mitdüngung das Bewirtschaftungsniveau des Feldes. Der magere
Wiesenrand lässt die naturbürtige Produktivität
des Standorts erahnen, also ihren Zustand vor Einführung von
Mineraldünger und zugekauftem Futter. Wegränder in der
Flur werden meist von den LandwirtInnen mitgemäht oder als
Hecken genutzt und auf jeden Fall extensiv gepflegt. Wegränder
unterliegen geringerer Nutzungsbindung als die Flächen daneben.
Oft sind sie aufgrund des hohen Arbeitsaufwandes für die Bewirtschaftung
brachgefallen.
Verschlossene Landschaft
Wegränder sind Sammelorte. Straßenränder meist
nicht. Straßen sind oft zu stark frequentiert. Statt den
Zugang zur Landschaft lokal zu ermöglichen, erleichtern sie
den technisch unterstützten Fortschritt. Eine stark befahrene
Straße trennt, was zusammengehört und verbindet, was
nicht zusammengehört. Sie macht räumlich kurze Entfernungen
zeitlich größer und räumlich lange Entfernungen
zeitlich kürzer. Auf Straßen bewegen sich die meisten
Leute motorisiert und verderben sie damit für die Sammlerinnen.
In einem Fahrzeug ist man von der Umgebung getrennt und tendenziell
zu schnell unterwegs, um Sammelgelegenheiten nebenbei wahrzunehmen.
Wenn die Landschaft zur Ware wird, wird der Zugang zu ihr zur Mangelware.
Das geschieht in der industrialisierten und flurbereinigten Agrarlandschaft
durch die Vergrößerung der Schläge und die damit
verbundene Wegrationalisierung der Erschließungswege (Kurz
1998, 14) ebenso wie in der für den Tourismus (v)erschlossenen
Landschaft.
Straßenränder und stark frequentierte Wege oder Wege
im Ortsgebiet sind meist kommunal verwaltet. Dass die moderne Landwirtschaft
und auch der Verkehr und der Umgang anderer Menschen mit der Landschaft
sie tendenziell für das Sammeln unbrauchbar macht, wird besonders
an den Wegrändern deutlich: Die Vegetation an Straßenrändern
ist im Vergleich zu der an Wegrändern stärkeren Verunreinigungen
durch Staub, Reifenabrieb und Müll ausgesetzt. Straßenränder
werden oft mit Herbiziden unkrautfrei gehalten, weil das Sammeln
von Wildkräutern oder die Beweidung nicht mehr vorgesehen
sind. Was in der bäuerlichen Landwirtschaft Nahrung für
Mensch oder Tier ist, wird mit dieser monofunktionalen Instandhaltungsarbeit
zum Abfall.
Zugängliche Landschaft
In der bäuerlichen Landwirtschaft hatten vor der Mechanisierung
viel mehr Leute unterschiedliche Arbeiten in der Flur zu erledigen
als heute. Die bäuerliche Landschaft war so organisiert, dass
man mit der Arbeit über die Runden kommen kann. Dabei wurden
keine Flächen verschwendet, da auch die Wege selber produktiv
genutzt wurden.
An den Wegrändern wurden oft Hecken angelegt, die geschneitelt
wurden und auch heute als Niederwald für Brennholz genutzt
werden. Hecken ergeben bei entsprechender Anlage auch brauchbare
lebende Zäune. Bei den ab dem 17. Jahrhundert durchgeführten
Gemeinheitsteilungen , bei denen große Teile der Allmendeflächen
privatisiert wurden, wurden sie angelegt, um das Vieh in der nun
kleinteiligeren Flur auf den Triften zu halten. Die Wege blieben
der geringe Rest einer ausgedehnten gemeinsamen Flächennutzung.
Die Tiere fanden an diesen Abgrenzungen Futter (Weber 2003).
Ackerraine trugen in der mineraldüngerlosen Zeit durch den
unabsichtlichen Nährstoffeintrag das beste Grünfutter
und wurden deshalb gemäht und beweidet. Der krautige Aufwuchs
an Wegen wurde abgeweidet und wird zum Teil noch heute als Notfutter
verwendet. Früher war er alltägliches Futter für
die Kleintierzucht der HäuslerInnen und TagelöhnerInnen,
die immer in Not waren. Heute werden diese Ränder manchmal
von den AltbäuerInnen gemäht, sonst aber oft nur sporadisch
gepflegt.
Da die bäuerliche Landwirtschaft auf dezentralem lokalem Austausch
basierte, und die Wege in einer Zeit angelegt wurden, in der die
meisten zu Fuß gegangen sind, ist das Erschließungsnetz
kleinteilig und nach außen hin offen. Die Wege waren notwendig,
um von den Siedlungen in die Flur zu gelangen.
Meistens verlaufen Wege an den Rändern der Flächen. Auch
wenn es keinen Weg gibt, wird das Gehen an den Rändern am
ehesten toleriert. In einer an Rändern reichen Landschaft
sind der Arbeitsaufwand für die Pflege als auch der Flächenanteil
der Ränder hoch. Daher könnten sich die BäuerInnen
und auch der Staat eine Pflege der Ränder ohne gleichzeitige
Nutzung nicht leisten.
Wegränder sind alte und ,gängige‘ Sammelorte. Bücher,
die Wildgemüse beschreiben, haben häufig Namen wie „Ernte
am Wegrand“ (Recht 1985) oder „Delikatessen am Wegesrand“ (Klemme
1995). Geerntet wird dabei nicht auf dem Weg, sondern neben dem
Weg: am Wegrand, am Feldrain, an den Böschungen der Hohlwege
oder angrenzenden Ackerterrassen, im Waldsaum oder an den Grabenrändern.
Die Sammlerinnen müssen sich für die Ernte am Wegrand
unterwegs etwas Zeit nehmen, aber nicht so viel wie abseits des
Weges.
Gesammelt werden an Wegrändern zwei- und mehrjährige
Stauden der wegbegleitenden Saumgesellschaften und deren Blüten
und Samen, sowie die Beeren der Heckensträucher, die zum Teil
auch angepflanzt sind, aber dennoch allgemeines Sammelgut sind.
Hier gibt es viele Parallelen zum Sammeln im Wald. Auch im Wald
wird vor allem in den sporadisch gestörten, nebenbei entstandenen Übergangsgesellschaften
gesammelt. Die meisten Beerensträucher fruchten nur bei genügend
Sonnenschein, also am Waldrand oder in einer Hecke. Am Wegrand
können die oft recht kurzen Erntezeiten der Beerensträucher
ohne Umwege wahrgenommen werden. Am Wald- oder Wegrand reichen
die Äste der Bäume ohne Beweidung bis zum Boden, oder
es kommen ihnen die Sträucher entgegen.
Fast nur in Hecken wachsen und fruchten Heckenrose, Schlehe, Holunder,
Dirndl, Sanddorn, Felsenbirne und Haselnüsse. Brombeeren wachsen
auch flächig, aber sie stechen und kratzen so stark, dass
beim Sammeln nur die Ränder der Bestände abgeerntet werden
können.
Ein enges, wenig hierarchisiertes Wegenetz mit vielen Wegkreuzungen
und sparsamer Wegausstattung charakterisiert die auch zu Fuß gut
zugängliche Landschaft. Die idealen Sammelwege sind Fußwege
oder Wagengeleise mit einem breiten Rand, wenig frequentiert. Wenn
sie andere Wege kreuzen, erhöht das die Wahlfreiheit der Benutzerinnen,
was die Dauer und die Route ihres Weges betrifft.
Literatur
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Florian (Ed.) 1996: Land und Lüge. Geschichten zur Landschaft.
Notizbuch 42 der Kasseler Schule. Kassel: Arbeitsgemeinschaft
Freiraum und Vegetation. S 209-306
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an der Gesamthochschule Kassel. In Böse-Vetter, Helmut (Ed.)
1995: Alles Quecke... . Etappen und Folgen der Grünlandintensivierung.
Notizbuch 36 der Kasseler Schule. Kassel: Arbeitsgemeinschaft Freiraum
und Vegetation: S 78-191
Bellin, Florian 2000: Sammeln ohne zu säen. In: AutorInnenkollektiv,
2001: Der Gartenbau in vier Abtheilungen oder die Haus-Gemüsewirtschaft.
13. PlanerInnenSeminar vom 2.-10. Juni 2000 in Großstelzendorf,
Göllersdorf – Weinviertel. Notizbuch 57 der Kasseler
Schule. Kassel: Arbeitsgemeinschaft Freiraum und Vegetation S 171-181
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Hanf, Martin 1990: Farbatlas Feldflora. Wildkräuter und Unkräuter.
Stuttgart: Ulmer
Klemme, Brigitte/ Holtemann, Dirk (Ed.) 1995: Delikatessen am Wegesrand.
Un-kräuter zum Genießen. Düsseldorf: Rau
Kluge, Friedrich 231995: Ethymologisches Wörterbuch der deutschen
Sprache. Berlin: Walter de Gruyter
Kurz, Peter 1998: Wege in die Landwirtschaft – Eine vergleichende
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in Liebenau, Unteres Mühlviertel. In: Cooperative Landschaft
(Ed.) 1998: Vom Weg in die Landschaft. Beiträge zur Landschaftsplanung,
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Lührs, Helmut 1994: Die Vegetation als Indiz der Wirtschaftsgeschichte.
dargestellt am Beispiel des Wirtschaftsgrünlandes und der
GrasAckerBrachen – oder von Omas Wiese zum Queckengrünland
und zurück? Dissertation an der Gesamthochschule Kassel. Notizbuch
32 der Kasseler Schule. Kassel: Arbeitsgemeinschaft Freiraum und
Vegetation
Machatschek, Michael 1999: Nahrhafte Landschaft. Ampfer, Kümmel,
Wildspargel, Rapunzelgemüse, Speiselaub und andere wiederentdeckte
Nutz- und Heilpflanzen. Wien: Böhlau
Nowak, Stefan 1997: Der Speik – Valeriana celtica subsp.
Norica - Von der Kultur- zur Naturschutzpflanze. In: Bellin Florian
(Ed.) 1999: Gagel, Speik und Wegerich. Beiträge zur Landschafts-
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Arbeitsgemeinschaft Freiraum und Vegetation
Pohanka, Agnes 1987: „Ich nehm die Blüten und Stengel
...“. Kräutlerin am Schlingermarkt. Wien: Böhlau
Recht, Christine/ Wetterwald Max. F. 1985: Ernte am Wegrand. Stuttgart:
Ulmer
Thürmer, Markus 1991: Wo Modernisierung beginnt, hört
Wandlung auf. In: Kurowski, Matthias 1993: Prüfungsreden `91/92.
Notizbuch 30 der Kasseler Schule. Kassel. Arbeitsgemeinschaft Freiraum
und Vegetation: S 202-213
Weber, Heinrich E. 2003: Gebüsche, Hecken, Krautsäume.
Stuttgart: Ulmer
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