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Ich habe aus diesem Grund Frauen dazu befragt, wo und warum sie
Wildkräuter sammeln und wie sie das gelernt haben. (Wenn im
weiteren Text von Sammlerinnen die Rede ist, sind damit meine Interviewpartnerinnen
gemeint, wenngleich die Erkenntnisse auch auf andere Sammler und
Sammlerinnen übertragbar sind.) Das zum Sammeln nötige
Gebrauchswissen, die Orte, an denen die Frauen ihr Sammelgut erwerben,
und die auch von der Umgebung anerkannte Auffassung dieser Orte
als Gemeingut sind meiner Ansicht nach die wichtigsten Voraussetzungen
für das Sammeln. Diese drei Voraussetzungen sind stark ineinander
verflochten.
Über das Sammeln als solches
Aus der Perspektive der Sammlerinnen ist das Sammeln lebendige
Tätigkeit, deren Bedeutung mit ihren Erfahrungen wächst.
Sie haben die Grundlagen über die Verwendung von Wildpflanzen
im Elternhaus gelernt, zumeist von ihren Müttern und Großmüttern.
Nachdem ihr Interesse erwacht ist, haben sie Wege gefunden, auf
bereits gemachte Erfahrungen aufbauend ihr Wissen mithilfe ihrer
Sinne selbständig zu erweitern.
Zum Sammeln brauchen die Frauen
rechtlichen und materiellen Zugang zu Land, das ihnen nicht gehört. Auf diesem Land herrschen
andere Nutzungen vor. Zumeist hat erst die Vornutzung diese Orte
zu möglichen Sammelorten gemacht. Deshalb werde ich im Weiteren
die verschiedenen Vegetationsräume, ihre Genese und ihre Qualitäten
beschreiben. Zum Sammeln ist es hilfreich, die eigene Ortskenntnis
mit diesem theoretischen Wissen zu verbinden. Das Verständnis
der vergangenen und gegenwärtigen Bewirtschaftung ermöglicht
einerseits, die Qualität eines Ortes als Sammelort präzise
einzuschätzen, und andererseits, Konflikte auf den zumeist
bewirtschafteten Flächen zu vermeiden. Die Sammlerinnen nutzen
das Land rücksichtsvoll als Gemeingut und tragen auf diese
Weise dazu bei, dieses Gemeingut lebendig zu erhalten. Auf die
möglichen Sammelorte werde ich nun näher eingehen.
Sammelorte
Flächen, die unter bäuerlicher land- oder forstwirtschaftlicher
Nutzung stehen, sind sowohl für LandbesitzerInnen als auch
für Landlose am besten zugänglich und geeignet. Das sind
Wald, Grünland, Äcker und Brache sowie die dorthin und
durch sie hindurch führenden Wege.
Wald
Die natürliche Vegetation der gemäßigten Klimastufe
war und ist im großen und ganzen Laubwald in den Niederungen
und Nadelwald in den höheren Lagen. Nur auf extrem trockenen,
extrem nährstoffarmen, seichtgründigen, nassen oder frisch
gestörten Standorten konnten Gräser und Kräuter
längere Zeit die Vorherrschaft behalten.
Das Sammeln im Wald ist heutzutage kaum geregelt und weder geschützt
noch verboten. Die wichtigste Voraussetzung für das Sammeln,
nämlich die freie Zugänglichkeit des Waldes, ist gesetzlich
geschützt. Der Gesetzgeber drückt im Forstgesetz sein
Interesse aus, die Erholungsfunktion des Waldes sicherzustellen.
Das Sammeln von Pilzen ist auf eine kleine Menge für den persönlichen
Gebrauch beschränkt. Will jemand größere Mengen
sammeln, braucht er oder sie die Erlaubnis der EigentümerInnen.
Die Wildsammlung von Pflanzen wird vom Forstgesetz weder angesprochen
noch geregelt, also nicht wahrgenommen. Der Staat bezieht zu dieser
Tätigkeit nicht Stellung. Das ist merkwürdig, weil der
Wald ein sehr beliebter Sammelort ist.
Nur wenige krautige Pflanzen benötigen den Schatten im Wald.
Bärlauch, Waldmeister und Zahnwurz sind klassische Auwald-
und Laubmischwaldsammelpflanzen. Scharbockskraut, Veilchen, Farn,
Lungenkraut, Himmelschlüssel, Heidelbeeren, Erdbeeren, Taubnessel
wachsen im Wald im Gegensatz zu artenreicheren Standorten ohne
Konkurrenz und deshalb in für das Sammeln günstiger Häufung.
Im Wald werden in erster Linie Nahrungspflanzen gesammelt, nämlich
Frühlingskräuter (Bärlauch, Waldmeister, Saunigl,
HanslundGretl), Baumfrüchte (Eicheln, Kastanien, Bucheckerln),
Pilze und Beeren. Genau diese Sammelprodukte sind auch heute noch
auf den Wochenmärkten in Wien (Bärlauch) und Klagenfurt
(Heidelbeeren, Preiselbeeren, Saft vom roten Holler, Himbeeren,
Brombeeren, Traubenkirsche, Kastanien) zu finden. Wenn man aber
einmal vom Bärlauch absieht, von dem in kürzester Zeit
große Mengen gesammelt werden können, so braucht das
Sammeln von Nahrungspflanzen doch mehr Zeit als das von Teedrogen,
von denen geringe Mengen ausreichen. Gesammelte Beeren werden in
festen Behältnissen transportiert, somit erfordert das Beerensammeln
eine genauere Planung. Ferner ist eine sofortige Verarbeitung der
Beeren nötig.
Pflanzen, die im Wald gesammelt werden, sind neben den Frühlingsgeophyten
mehrjährige hohe Stauden, zum Beispiel Engelwurz, Zinnkraut,
Johanniskraut, Himbeere. Sie brauchen einen lichten Standort, um
sich anzusiedeln. Anschließend benötigen sie ein paar
Jahre relative Ruhe, um sich zu entwickeln und sammelwürdige
Dominanzen zu bilden. Diese Bedingungen finden sie vor allem auf
Schlägen, Lichtungen, Windbrüchen, im Niederwald und
Auwald, an Wegrändern und Waldrand bzw. im Waldsaum. Die Hochstaudenfluren
im Wald sind nicht wie die Wiesen beabsichtigte Vegetation. Sie
sind als Dauerkulturbegleiter oder Glieder einer Sukzession Nebeneffekt
der Bewirtschaftung.
Zum Teil wurde die natürliche Vegetation auch bewusst durch
das Sammeln gestört. Speik (Nowak 1997, 108) und Bärlauch
(Machatschek 1999, 24) werden gefördert, wenn man den Boden
aufwühlt um an ihre Wurzeln bzw. Zwiebeln zu gelangen. Der
Waldgeißbart reagiert auf das Abgeschnittenwerden ebenfalls
mit vermehrter Triebbildung. Die Sammelorte dieser Pflanzen werden
durch Erntevorgänge vor Sukzession bewahrt (Machatschek 1999,
24).
Wenn nichts dagegen unternommen wird, werden im Lauf der Zeit die
lichthungrigen Saumpflanzen von anderen Pflanzen in einer Sukzession
Richtung Wald verdrängt: Johanniskraut ist relativ konkurrenzschwach
und kann schon nach drei Jahren wieder verschwunden sein. (Pohanka
1987, 153 und 161), wenn sein Standort nicht im Herbst gemäht
wird (es ist eine Zeigerpflanze für junge Brachen). Himbeeren
können auf einem Schlag zehn Jahre durchhalten. Auf sie folgen
Brombeeren, die auch noch im Schatten weiterleben, aber nicht mehr
fruchten. Birken können zwar bis zu 80 Jahre alt werden, aber
irgendwann wachsen ihre untersten Blätter im schattigen Wald
in unerreichbarer Höhe. Wenn sie hingegen sonnig stehen und
nicht vom Wild oder Weidevieh verbissen werden, neigen sich die Äste
vieler Waldbäume bis zum Boden, um den Stamm vor Sonne zu
schützen. In diesem Fall kann man auch gut davon sammeln.
Ende Teil I
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