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Der Ritualraum wird mit besonderen Dingen geschmückt: Blumen,
Kerzen, Bilder. In der Mitte wird ein Altar errichtet und mit persönlichen
Ritualgeräten gedeckt. Diese dienen wie diejenigen, die andere
Teilnehmer für sich in den Kreis mitbringen, als persönliche
Kraftobjekte. Sie stammen aus unterschiedlichen Kulturen. Der Ritualraum
wird vor Beginn des Rituals ausgeräuchert, um negative Schwingungen
zu bannen und die erwünschten Pilzgötter– und göttinnen
herbeizuholen. Als häufigstes Räucherwerk findet sich
Sage (Artemisia ludoviciana, Artemisia scopulorum), eine wichtige
Räucherpflanze der nordamerikanischen Indianer. Daneben kommen
ersatzweise auch Salbei (Salvia officinalis) oder neuerdings verstärkt
einheimischer Beifuß (Artemisia vulgaris) zum Einsatz. Harze
und anderes Räucherwerk werden fast nie verwendet. Räuchergefäß
ist in den meisten Fällen die Schale eines großen Meerohres
(Haliotis sp.); weniger dagegen tibetische Räucherschalen.
Geräuchert wird während aller Ritualphasen. Ebenso kommen
Duftstoffe nach den Prinzipien der Aromatherapie zur Anwendung.
(Rätsch, 1995a: 312)
Ein sehr wichtiges Element bei den Ritualen ist die Musik als strukturierendes
Element der visionären Erfahrung. Es kommen vorwiegend CD-Player
und CDs mit starker Rhythmusbetonung zum Einsatz und/oder mitgebrachte
Trommeln und Rasseln. Selten oder überhaupt nicht kommen klassische
Musik, Heavy Metal oder die computergenerierte New Age Musik zum
Einsatz. (Rätsch, 1995a: 314)
Das wichtigste Ritualgerät ist der aus dem nordamerikanischen
Peyotekult stammende talking stick (der Sprechende Stab).
Dieser wird vom Ritualleiter mitgebracht. Jeder Leiter besitzt einen
eigenen, gegebenenfalls individuell gestalteten Stab, den er gefunden
oder selbst hergestellt hat. Nach Rätsch wird neben dem talking
stick als Phallussymbol häufig die Rassel als Symbol der fruchtbaren
Gebärmutter benutzt. Im Verlauf des Rituals wird der talking
stick mehrfach herumgereicht. Derjenige, der ihn hält, soll
sich der Gruppe mitteilen, alle anderen müssen ihm ungeteilte
Aufmerksamkeit schenken. (Rätsch, 1995a: 314)
Sind die genannten und üblichen Paraphernalia für das
Ritual bereitgestellt beginnt eine Phase des Kennenlernens und der
Einstimmung auf das Ritual entweder am Freitag abend oder am Samstag
morgen. Am Freitag abend finden meistens eine Schwitzhütte
oder in Anlehnung daran ein Schwitzbad oder Saunagänge statt.
Außerdem wird je nach Ritualleiter eine sexuelle Abstinenz
in der Nacht vor der Pilzeinnahme gefordert. Dies diene dann der
Erhaltung und Kanalisation von Energie für das Ritual. Ansonsten
laufen Freitag abend und Samstag morgen ähnlich ab: Begrüßung
und Kennenlernen der Teilnehmer im Kreis, Sage-Räucherungen
zu Reinigungszwecken und um die Welt der Geister zu öffnen.
Weiterhin wird der talking stick herumgereicht, seine Bedeutung
wird erklärt wie auch der Ablauf des bevorstehenden Rituals
und die Kräfte der Pilze mit ihrer Geschichte.
Am Samstag morgen wird nach dem Frühstück gefastet. Nur
sehr selten werden abführende bzw. brechreizerregende Mittel
eingesetzt. Die nun beginnende Phase dient der Findung der persönlichen
Fragestellung der einzelnen Teilnehmer. Dazu werden verschiedene
Methoden angewandt. Am häufigsten wird ein sogenannter medicine
walk durchgeführt. Gelegendlich finden aber auch Phantasiereisen
oder geleiteten Meditationen statt. Der medicine walk findet am
Samstag nachmittag statt. Die Gruppe begibt sich hierzu in die Natur
zu einem Kraftplatz, an dem der Ritualleiter im Kreis die Teilnehmer
auffordert, sich nach einer Phase des Schweigens von diesem Platz
zu entfernen und intuitiv und unter Vermeidung eines Kontaktes mit
anderen Teilnehmern den persönlichen Kraftplatz zu suchen.
Dort sollen sie sich für eine Stunde niederlassen und sich
auf diesen Platz konzentrieren. Danach kehren alle wieder schweigend
in den Kreis zurück. Auf ihrem Weg sollten die Teilnehmer einen
oder mehrere natürliche, ihre Aufmerksamkeit erregende Objekte
sammeln und mitbringen. Wieder im Kreis erklärt jeder sein
Objekt, um sich der eigenen Fragestellung bewußt zu werden.
Manchmal soll die nun bewußt gewordene Fragestellung geheim
gehalten, manchmal den anderen offenbart werden. Die Objekte werden
später im Ritualraum auf den Altar gelegt.
Nach dem medicine walk können sich die Teilnehmer noch einmal
zurückziehen oder meditieren. Diese Phase vor dem eigentlichen
Pilzritual wird unterschiedlich genutzt. Manchmal gehen alle Teilnehmer
noch einmal in die Sauna. Vor Beginn des Rituals sollen sich alle
waschen und festlich kleiden. Neben selbst gefertigten Sachen und
solchen mit psychedelischen Bezügen werden Kleidung und Schmuck
aus unterschiedlichen Kulturen verwendet: orientalische Gewänder
und indianische Ponchos, Peyotevögel, Pilzamulette, und buddhistische
Malas. Dazu parfümieren sich die Teilnehmer häufig mit
ätherischen Ölen und Essenzen. (Rätsch, 1995a: 314f)
Das Ritual, der sogenannte Pilzkreis, wird nach Rätsch fast
genau vier Stunden, meist von 20.00 Uhr bis Mitternacht, durchgeführt.
Anfang und Ende des Pilzrituals liegen im Ermessen des Ritualleiters.
Das Ritual beginnt mit einigen Vereinbarungen unter den Teilnehmenden.
Der Kreis darf nur für Toilettengänge verlassen werden,
wenn niemand den talking stick in den Händen hält, niemand
darf Kontakt zur Außenwelt aufnehmen, sich oder andere verletzen,
keine Informationen über Ort, Zeitpunkt und Teilnehmer des
Rituals weitergeben oder die Herkunft der Pilze verraten. Der talking
stick wird für die Einverständniserklärungen herumgereicht,
ohne die niemand teilnehmen darf, und anschließend wird im
Kreis Sage zur Reinigung der Teilnehmer geräuchert.
Nun werden die Pilze verteilt; entweder bestimmt der Leiter, der
meistens auch Pilze zu sich nimmt, die Menge für den Einzelnen
oder jeder tut dies für sich. In der Regel sind es etwa drei
Gramm Trockenpilze pro Person der Gattungen Psilocybe semilanceata
oder Stropharia cubensis. Der Leiter spricht Gebete, ruft heidnische
Götter und Göttinnen, Krafttiere und Ahnengeister oder
erzählt einfach eine Pilzgeschichte- dies ist abhängig
vom Ritualleiter.
Jetzt sollen alle ruhig und mit Musikbegleitung auf die Pilzwirkung
warten, die nach ungefähr 20 min. einsetzt. Nach etwa einer
Stunde, Rätsch bemerkt, daß dies ungefähr der Länge
einer CD entspreche, wird der talking stick für etwa eine halbe
Stunde herumgereicht, wegen der wohl starken Wirkung wird aber entweder
geschwiegen oder gesungen.
Anschließend werden wieder alle aufgefordert, sich mit Musikbegleitung
für ca. eine Stunde nach innen zu wenden, um dem Pilz zu begegnen
und sich die Visionen einzuprägen. (Rätsch, 1995a:316)
Nun beginnt nach Rätsch die wichtigste Phase, in der der Stab
erneut herumgereicht wird und die mittlerweile nicht mehr so stark
unter dem Einfluß der Pilzwirkstoffe stehenden Teilnehmer
von ihren Visionen berichten können. Die Runde dauert häufig
eine oder gar eineinhalb Stunden. Rätsch berichtet:
"Durch die ungeheure Konzentration der Gruppe auf jeweils
eine Person im Kreis kommt es oft zu dem Phänomen der shared
vision oder "geteilten Vision". Manche Teilnehmer erzählen
sehr anschaulich von ihren Erfahrungen. Durch die empathogene (Neben)-Wirkung
der Pilze können sich die anderen Teilnehmer so stark in die
Vision hineinversetzen, daß sie selbst daran teilhaben. Es
werden meist transpersonale Visionen berichtet. Manche Teilnehmer
werden zu "Sprachrohren der Pilze". Gelegentlich werden
Prophezeihungen verkündet. Manche Teilnehmer haben eine "Comic-Wahrnehmung";
ihre humorvollen Mitteilungen an den Kreis sorgen oft für unglaubliche
Lachekstasen. Manche Teilnehmer werden auch mit ihrer Trauer oder
mit inneren Schmerzen konfrontiert, über die sie dann berichten.
Durch die allgemeine Aufmerksamkeit können solche Personen
ihre Trauer und ihren Schmerz leichter annehmen. Mir wurde oft berichtet,
daß solche Erfahrungen als besonders heilsam oder befreiend
erlebt wurden. Die allgemeine Akzeptanz für Lust und Schmerz,
für Trauer und Humor ist erstaunlich hoch. [...] Die Teilnehmer
erzählen fast immer, daß sie sich im Kreis Gleichgesinnter
geborgen und beschützt fühlen. Dadurch können sie
viel tiefer in die Erfahrung hineingehen. Der Kreis wird als der
richtige Rahmen für die Pilzerfahrung betrachtet. (Rätsch,
1995a:317)
Nach dieser Runde wird wieder Musik gespielt und die Teilnehmer
sollen ihre Aufmerksamkeit wieder von außen nach innen verlagern.
Der Ritualleiter erzählt manchmal eine Geschichte, meist eine
Mythe, wie Rätsch bemerkt.
Nun beginnt die Schlußrunde. Der talking stick wird herumgereicht
und die Teilnehmer bedanken sich in der Regel bei den Pilzen, den
Göttern und Göttinnen, bei dem Kreis, bzw. bei der Gruppe.
Gelegentlich wird Wein oder Bier gereicht, um wieder in die "Alltagswelt"
zurückzufinden und der Ritualleiter beendet den Kreis.
Die unmittelbare Zeit nach dem Ritual verbringen die Teilnehmer
ganz unterschiedlich: einige ziehen sich zurück, andere feiern
oder es wird zusammen ein Nachtmahl eingenommen. (Rätsch, 1995a:317)
Der Sonntag morgen beginnt mit dem gemeinsamen Frühstück
und anschließend bilden alle wieder einen Kreis im Ritualraum.
Sage wird geräuchert und der Ritualleiter weist auf die Bedeutung
der Nachbereitung als vielleicht wichtigsten Teil des Ritual hin.
Mit der Aufforderung, die Visionen ernst zu nehmen, da sie die "Richtlinien
für die Zukunft vorgäben" wird der talking stick
erneut herumgereicht. Die Teilnehmer erzählen von ihrer Erfahrung,
werden sich dabei oft erst bewußt, daß ihre Fragestellung
beantwortet ist und was sie vom Pilz gelernt haben. Diese Runde
ist dabei emotional sehr aufgeladen. Der Ritualleiter gibt nun noch
ein paar Ratschläge, wie die Erfahrung beispielsweise durch
Schreiben, Malen oder durch meditatives Hören der während
des Rituals gespielten Musik in den Alltag integriert werden kann.
Auch das Erzählen der Pilzerfahrung ist wichtig. Abschließend
kehrt der Ritualleiter noch einmal die Bedeutung der Pilze heraus
und erinnert die Teilnehmer an die oben geschilderten Vereinbarungen.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen trennt sich die Gruppe.
"Die sich oft zuvor fremden Menschen verlassen das Ritual
als Freunde. Mir ist bekannt geworden, daß sich aus solchen
Begegnungen oft dauerhafte Freundschaften und intensive Beziehungen
ergeben haben. Es scheint so, als wenn Menschen, die sich bei einem
Pilzkreis kennengelernt haben, sich für ewig miteinander verbunden
fühlen. Praktisch alle Teilnehmer gehen aus dem Ritual mit
einer tiefen Dankbarkeit hervor. Sie haben fast immer das Gefühl,
in die Mysterien des entheogenen Pilzes eingeweiht worden zu sein
und ihre eigene Stellung im Kosmos erkannt zu haben." (Rätsch,
1995a: 317f)
Am Schluß seien noch Bemerkungen zu anderen Quellen gemacht,
die über Pilzrituale in Mitteleuropa berichten. Von den wenigen
Berichten, die es überhaupt zu modernen europäischen Pilzritualen
gibt, finden sich in dem von Roger Liggenstorfer und Christian Rätsch
herausgegebenen Band zum Pilzgebrauch (1996) zwei weitere. In dem
von Roger Liggenstorfer gelieferten Erfahrungsbericht findet man
viele bei Rätsch geschilderten Elemente wieder; wesentlich
Neues taucht hier nicht auf. Nur der Ablauf des Rituals wird ein
wenig anders geschildert, behält aber meiner Meinung nach den
von Rätsch geschilderten Charakter eines Pilzkreises.
Etwas anders dagegen kommt im Beitrag von René Strassmann
zum Ausdruck. Hier ist es nicht ein Ritual im Rahmen eines von Rätsch
geschilderten Pilzkreises. Im Mittelpunkt steht ein als Heiler bezeichneter
Mann. Er ist mit vielen bei Rätsch genannten Paraphernalien
ausgestattet und unternimmt mit Hilfe der Pilze und in Begleitung
von Strassmann eine Reise in die "Andere Wirklichkeit"
, deren Ende die Heilung eines Mädchens bewirkt. Ich möchte
an dieser Stelle nicht weiter auf diesen Bericht eingehen. Meiner
Meinung deutet er zusammen mit den Berichten von Rätsch und
Linder an, wie breit möglicherweise das Spektrum ist, innerhalb
dessen psychotrope Pilze in einem rituellen Rahmen in Europa eingenommen
werden.
Das WurzelWerk bedankt sich herzlich für
die Artikelspende.
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