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Ist
sie wirklich so ein Unkraut, ein Ungetüm, das vernichtet werden
muss?
Oder besitzt sie doch auch "wirksame" Seiten? Viele Märchen
spinnen sich um die Brennnessel; ich möchte auf eines näher
eingehen:
Es erzählt von einer Königin, die zwölf gesunden
Knaben das Leben geschenkt hat. Sie wünschte sich aber nichts
sehnlicher als ein Töchterchen, sie würde dafür sogar
ihre Söhne hergeben. Da erschien eine alte Frau: "Das
ist ein böser Wunsch und zur Strafe soll er dir gewährt
werden!" Bald darauf wurde die Königin schwanger; die
Söhne verwandelten sich bei der Geburt des Mädchen in
Schwäne und flogen davon.
Die kleine Rose wuchs nun allein im Schloss auf, ohne von der Existenz
der Brüder zu ahnen. Als sie immer älter wurde, spürte
sie, dass ein Geheimnis wie ein Schatten über allem lag. Sie
stellte Fragen, die ihr aber niemand beantwortete. Aus dem Mädchen
war eine Frau geworden und da erfuhr sie von der Amme die ganze
Wahrheit. Rose schwor nun, dass sie die Brüder wieder finden
und den Zauber brechen würde.
Sie verließ mit einem Laib Brot und den Kleidern, die sie
trug, das elterliche Schloss und geriet in einen tiefen Wald. Als
sie an einem Fluss Rast machte, tauchte eine alte Frau auf und bat
sie um ein Stück Brot. Rose teilte das Wenige mit ihr. Die
Alte erzählte Rose, dass sie die Brüder am Ufer des Meeres
finden würde. Als Rose vor ihren Brüdern stand, wurden
diese starr vor Schreck; denn sie hatten geschworen, das erste junge
Mädchen, das ihnen begegnen würde, zu töten. Da erschien
wieder die Alte und bat sie den Schwur zu brechen. Am nächsten
Morgen, zur Sommersonnenwende, flogen die Brüder mit Rose in
einem Korb los - ins magische Land der Fata Morgana!
Fata Morgana zeigte Rose in einer Vision, dass sie für jeden
ihrer zwölf Brüder ein Hemd aus wilden Nesseln anfertigen
müsse. Wenn sie diese Aufgabe schweigend erledigen würde,
wären die Brüder beim Überstreifen der Hemden erlöst!
Rose machte sich an die Arbeit. Eines Tages kam ein König
vorbei, er und Rose verliebten sich und heirateten. Rose musste
nun die Nesseln nachts am Friedhof pflücken. Ihre Schwiegermutter
beschuldigte sie daraufhin der Hexerei. Übers Jahr gebar Rose
ein gesundes Mädchen. Ihre Schwiegermutter nahm das Neugeborene,
warf es einem Wolf zum Fraß vor und beschmierte Roses Mund
mit Blut: "Zu Hilfe, die Hexe hat ihr eigenes Kind gefressen!"
Der König hielt aber zu seiner Frau, die schweren Herzens weiter
schwieg und Hemden aus Nesseln anfertigte. Wieder ein Jahr später
gebar Rose erneut ein Mädchen. Ihre Schwiegermutter warf das
Neugeborene wieder in den Rachen des Wolfes und beschmierte Rose
mit Blut. Das Volk bestand nun auf der Hinrichtung der Königin.
Sogar in der Nacht vor der Hinrichtung schwieg Rose noch immer und
nähte an den Hemden weiter. Selbst auf dem Karren arbeitete
sie noch am letzten Hemd!
Als die Flammen sie bereits umhüllten, landeten zwölf
Schwäne vor ihr und löschten mit ihren Flügeln die
Flammen. Rose warf jedem ein Hemd über und jeder der Vögel
verwandelte sich in einen starken Mann zurück. Sie bildeten
einen Kreis und versuchten Rose vor der Masse zu schützen.
Die brennenden Holzscheite und Flammen verwandelten sich in blühende
Rosen; Rose rief laut: "Ich bin unschuldig!" und fiel
wie tot zu Boden. Ihr Mann, der junge König, pflückte
eine Rose und legte sie seiner Frau auf die Brust. Als Rose daraufhin
erwachte, erschien die Alte. Sie war der Wolf gewesen und brachte
die beiden Mädchen den glücklichen Eltern zurück.
Niemand anderes als die Göttin begegnet uns in Rose. Sie spinnt
den Lebensfaden und webt das Schicksal. In den indogermanischen
Mythen symbolisiert die Schwanengestalt das Hinaustreten, die Loslösung
von der materiellen Erde und ihrer Gesetze. Die Brennnessel aber,
hier als Hemd das Herz beschützend, vermittelt die Eisenkraft,
welche die Seele ermächtigt, das Erdenkarma auszuleben. Seit
"Urzeiten" ist es die Göttin, die in Gestalt der
Frigga/Freya, Athene, Minerva, der Nornen... mit der Spindel oder
dem Spinnrad das Schicksal der Menschen und Götter spinnt.
Die Brennnessel wurde von den Kelten als bewaffneter Krieger des
Grünen Mannes, des Gefährten der Erdgöttin, angesehen.
Sie half dem Körper wieder in Schwung zu kommen, die "verdorbenen
" Körpersäfte zu reinigen. Auch wenn viele heute
darüber lächeln, so hat eine Brennnesselsuppe oder Brennnesselspinat
auch heute noch seine Berechtigung und seinen Platz auf unserem
Speiseplan!
Was
sagt die Medizin dazu?
Die Kräuterfrau Maria Treben rät uns, die
gute Brennnessel zu ehren und uns ihre wunderbare Kraft in Form
von Tee einzuverleiben. Warum?
Die Brennnessel enthält in ihren Brennhaaren Acetylcholin
und Histamine. Wir finden aber auch Mineralsalze (Kalium, Calcium,
Kieselsäure), Stearine, Gerbstoffe, Eisen, Chlorophyll, Vitamin
A und C; gemäß ihrer fast tierischen Natur enthält
sie natürlich auch viel Eisen!
Durch die Anregung der Nierentätigkeit wirkt sie blutreinigend,
sie aktiviert den gesamten Körperstoffwechsel und verleiht
durch die Kieselsäure eine schönere Haut und strahlende
Haare. Besonders bewährt hat sich auch eine vier-bis sechswöchige
Trinkkur im Frühling oder Herbst - bitte beachtet, dass auch
pflanzliche Arzneimittel in der Regel nicht zum Dauergebrauch geeignet
sind und auch Nebenwirkungen haben können - befragt bei länger
andauernden Beschwerden in jedem Fall euren Arzt.
Geerntet und genutzt werden die Blätter und jungen Triebe,
die bis zur Sommersonnenwende ihre größte Kraft besitzen.
Nach der Blüte geht die Kraft in Pollen und Samen über.
Bei der Brennnessel handelt es sich um eine feurige Marspflanze,
dementsprechend verordnet man die Brennnesseln um etwas zu erwärmen
oder auszutrocknen.
Werner Christian Simonis beschreibt in seinem Buch:" Heilpflanzen
und Mysterienpflanzen" das Wesen der Brennnessel so:
"....das Wesen der Urtica ist: Sie ist der Gegenprozess des
menschlichen Bluts-Prozesses und dadurch ein Wächter der im
Blute inkarnierten menschlichen Wesenheit zwischen Auftrieb und
Schwere. Sie wacht am Rande der Zivilisation!" ( S. 473...)
Was
meint der Volksmund?
Wenn man an einem Freitag, dem Tag der Venus/Freya, vor Sonnenaufgang
heimlich auf eine Brennnessel uriniere, dabei den Namen des/der
Geliebten sage und die Pflanze mit Salz besprenge, könne man
dem Objekt der Begierde eine heiße Liebe anzaubern. Man müsse
nur nach Sonnenuntergang desselben Tages die Pflanze ausgraben,
in die Glut legen und drei Dämonen beschwören: "Öl,
Ammel und Ingrimm. So wie diese Nessel hier brennt, so brenne auch
sein/ihr Herz nach mir!" ( Störl, Heilkräuter und
Zauberpflanzen, S. 25)
Brennnesseljauche
stinkt nicht nur fürchterlich, sie düngt auch kräftig
und machte gegen Pilz und Schädlingsbefall widerstandsfähiger.
Ein
Tipp noch
Auch wenn die Brennnessel unscheinbar wirkt, so umgibt sie sich
doch mit prächtigen Farben. Das Tagpfauenauge, der Kleine Fuchs
und der prachtvolle Admiral verleihen der Brennnessel mit ihrer
Anwesenheit einen besonderen Charme. So sollte nicht nur für
uns Menschen, sondern auch für die Raupen dieser prachtvollen
Schmetterlinge immer ein Eckchen im Garten für die Brennnessel
unbearbeitet bleiben!
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