Betreut von MartinM
Prometheus

Es gestaltet sich als äußerst schwierig, einen kurzen Artikel über Prometheus zu schreiben, denn diese mythische Gestalt ist so vielschichtig, und die Quellen bieten teilweise kontroverse Interpretationen, dass hier nur einige wichtige Aspekte heraus gegriffen werden können.

Für eine tiefer  gehende Lektüre empfehle ich das Prometheus-Buch von Karl Kerényi.

Prometheus (Vorbedacht) und sein Bruder Epimetheus (Nachbedacht) sowie zwei weitere Brüder, sind (nach Hesiod) die Söhne des Titanen Iapetos und der Klymene, einer Tochter des Okeanos. Doch obwohl Prometheus ein "Titan" ist, setzt er sich für die Menschen ein, stiehlt für sie das Feuer und handelt mit Zeus die Aufteilung der Teile beim Opfer aus. Was hat ein Titan damit zu schaffen? Warum interessiert er sich für die Menschen?

Betrachtet man die Quellen aus archaischer Zeit, vor allem Hesiods Werke, näher, findet man eine eigenartige Tatsache: die Menschen der Antike gingen ganz selbstverständlich von einer Kluft zwischen Menschen und Göttern aus - hier die sterblichen Menschen, in ihrem mühseligen, kurzen Leben verhaftet, dort die Götter, die ein seliges, unbeschwertes ewiges Dasein führen. Die Geschichte des Prometheus jedoch spielt zu einer Zeit, in der es noch gar kein eigentliches Menschengeschlecht gab (1). Diese Vorstellung eines "goldenen" Zeitalters, also einer Zeit, als sich die Weltordnung, so wie wir sie kennen, erst formen musste, ist die Ausgangsposition des Prometheus-Mythos, und die Titanen, denen Eigenschaften zugeschrieben werden, die später die Menschen haben werden, stehen mit Prometheus als Katalysator für diese Neuordnung.

Titanen sind unberechenbar, wild, rebellisch, stolz, bereit zur Gewalt, listig, und im Gegensatz zu den Olympiern "krummen Sinnes". So sagt man. Natürlich könnte man jetzt statt "Titanen" auch das Wort "Menschen" einsetzen, auch wenn dies weder für die eine noch die andere Gruppe wirklich stimmen wird. Doch diese "Vorurteile" sind im Mythos nötig, um den Gegensatz von Titanen/Menschen und den olympischen Göttern, aber auch die Verwandtschaft vom Menschen und Titanen darzustellen. Somit wird auch klar, warum manche Quellen angeben, die Titanen hätten die Menschen erschaffen - wobei gerade die "Erschaffung" des Menschen auch ein Thema ist, das nicht (wie z.B. in der Thora) wirklich eindeutig dargestellt wird, man hat eher den Eindruck, dass es sich um die Beschreibung einander ablösender Zivilisationen handelt als die tatsächliche Gestaltung von Individuen, und dass das Vorhandensein von Menschen eher vorausgesetzt als mythologisch beschrieben wird (siehe dazu auch unten). Auch die Titanen selbst wurden teilweise als älteres Göttergeschlecht gedeutet, das von den Olympiern abgelöst wurde, was aber insofern nicht ganz stimmig ist, als einerseits einige der Titanen durchaus auch unter der Herrschaft der Olympier ihre Bedeutung  behielten (wie z.B. Themis), andererseits auch Hermes unter den Olympiern durchaus titanische Wesenszüge zeigt.

Doch zurück zu Prometheus und seinen Taten. Als wesentlichste für die griechische Religion scheint wohl die "List in Mekone" (Hes.Theog.535ff) zu sein, als Prometheus durch seine Aufteilung des Opferstiers Zeus anscheinend überlistet und somit das künftige Opferwesen definiert. Diese Geschichte beinhaltet etliche Besonderheiten.

Der Charakter des Prometheus ist für die Handlung und deren Interpretation von großer Wichtigkeit. Er ist der "Vorbedacht", also jemand, der seine Handlungen zuerst plant, ihre Konsequenzen durchspielt und dann erst durchführt. Dies zeichnet jemanden aus, der weiß, dass   seine Handlungen durchaus extrem negative, d.h. vielleicht sogar tödliche, Auswirkungen auf ihn selbst und Andere haben können. Götter, die unsterblich sind, brauchen nicht so viel Wert auf eine entsprechende Absicherung zu legen, Menschen jedoch schon.

Die Beziehung zwischen Menschen und Göttern wird in der Szene von Mekone deutlich: Zunächst ist das Szenario ungewöhnlich. Handelnde Personen sind Götter und "Menschen" (oder sind es doch Titanen?), die "auf der Erde wandeln". Die spätere Polarität Götter-Menschen existiert allerdings zum Zeitpunkt der Handlung noch nicht, und doch ist das Ergebnis von Mekone bindend für spätere Menschengeschlechter. Denn zum Zeitpunkt der Erzählung gibt es diese Teilung natürlich. Daher ist diese Szene in religiöser Hinsicht als Rückbindung an die vorgeschichtliche Zeit, als Götter und Menschen noch nicht "geschieden" waren, besonders wichtig, denn sie zeigt, dass diese Kluft, die so selbstverständlich zum griechischen Weltbild gehörte (2), nicht von Anfang an bestand, und somit auch möglicher Weise wieder rückgängig gemacht werden kann.

Der listige Prometheus ist nun also einerseits Mittler zwischen Göttern und Menschen, andererseits auch derjenige, der sie auseinander bringt. Doch wir erfahren nicht, warum, so plötzlich setzt die Szene bei Hesiod ein. War es nur ein Wettstreit mit Zeus, also zwischen dem  "Vorbedachten" und dem "voll des ewigen Rates". Zeus ließ sich absichtlich täuschen, er kannte ja die Absichten des Prometheus (auch wenn sie uns noch immer vor ein Rätsel stellen, wenn wir rein von der Handlung des Mythos ausgehen und nicht unterstellen, dass es sich um eine nachträgliche Legitimation des Opfers handelt), was nichts anderes bedeutet, als dass es in den kosmischen Plan, den Zeus repräsentiert, passt. So sollen also Menschen und Götter von einander getrennt leben, die einen sterblich, in Mühsal, die anderen sorglos auf dem Olymp. Das erste Opfer stellt somit den Beginn einer neuen Weltordnung dar, des antiken griechischen Weltbildes, und das klassische Opfer ist Zeichen dieser Weltordnung, es ist gleichzeitig Zeichen für den Unterschied zwischen Göttern und Menschen, und Zeichen für ihre Verbindung.

Es gibt allerdings zwei Voraussetzungen für diese Darbringung von Opfergaben. Einerseits benötigen die Menschen Vieh, das geopfert werden kann, also ist diese mythologische Szene offenbar doch schon zu einer Zeit angesiedelt, als der Mensch die Viehzucht bereits entwickelt hatte. Und andererseits, wie um diese Stufe der Kultur noch weiter zu bekräftigen, organisiert Prometheus den Menschen noch das Feuer, das  natürlich für Brandopferanlagen ebenfalls benötigt wird. Somit ist nicht nur die Tatsache, dass es Menschen gibt (ungeachtet ihrer Schöpfung oder sonstigen Entstehung!) im Mythos bereits Grund gelegt, sondern auch ihr kultureller Status angedeutet. Die Strafe des Zeus für den Feuerdiebstahl ist, dass die "erste Frau" zu den Menschen gesandt wird: Pandora, das schöne Übel. Leider ist diese Geschichte zu umfangreich und vielschichtig, um sie hier abhandeln zu können.

Dass Prometheus selbst offenbar mehr zu den Menschen also zu den Göttern zu rechnen ist (obwohl er nie als "echter" Mensch unter Menschen in Erscheinung tritt), wird nicht nur durch seinen Charakter, sondern auch dadurch bestätigt, dass er wie sie verwundet werden kann und Schmerz empfinden kann. Prometheus ist kein "Mensch gewordener Gott" wie Christus, der sich opfert, sondern nur ein Gott, der den Menschen näher steht als andere Götter, weil er als Pate an der Schwelle des Beginns der Menschheit steht und ihnen entscheidende Hilfen auf den Weg in die Kultur mit gibt.

 

(1) vgl. die Geschichte am Anfang des Buches Genesis: Adam und Eva im "Garten Eden" waren ja auch noch kein Menschengeschlecht, so lange sie sich noch nicht fortgepflanzt hatten, und das taten sie erst nach ihrer Vertreibung aus dem Garten

(2) und nicht nur zum griechischen, denn auch viele andere Kulturen, so auch die jüdisch-christliche Welt geht davon aus, und wartet auf den Messias, der die beiden Sphären wieder zusammen führt


Akesios


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