Betreut von MartinM
Der Tod ist die Mitte eines langen Lebens   Teil IV

Totenbrauchtum und Jenseitsvorstellungen bei den Kelten

Sonderbestattungen

Nicht alle Kelten wurden „normal“ beigesetzt. Es gab Ausnahmen.
Kinder waren z.B. so eine Ausnahme. Im Vergleich zur Häufigkeit von Erwachsenengräbern sind Gräber von kleinen Kindern oder Säuglingen eher selten zu finden, obwohl die Kindersterblichkeit in der Eisenzeit doch sehr hoch war. Eine mögliche Erklärung (Birkhan) wäre, dass kleine Kinder noch nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft galten und damit noch kein Anrecht auf Beerdigung hatten. Jene seltenen Gräber, die es gibt, liegen oft abseits von Erwachsenengräbern. Die Grabbeigaben sind kindgerecht: Rasseln, Spielzeug und sogar ein Tier zum Spielen, wie in einigen Gräbern der Arras-Kultur, wo man Kindern Lämmer oder Rehkitze ins Grab mitgab. Kinder waren auch besonders häufig mit Unmengen an Amuletten, vor allem aus Eisen behängt. Eine interessante Sache gibt es bei einem britanno-römischen Grabfund in Cambridge, wo Kindern gutes Schuhwerk mitgegeben wurde, das ihnen viel zu groß war. Vielleicht nahm man an, dass die kleinen Seelen noch hineinwachsen würden. Unmengen von Amuletten findet man auch oft bei Leichen sehr junger Frauen (die vielleicht im Kindbett gestorben waren). Weitere Personengruppen, die vielleicht besonders bestattet wurden, könnten Druiden, der Hexerei verdächtige Menschen, Zauberinnen, Wahnsinnige, Verbrecher, Unfallopfer, Opfer von Krankheiten, Hingerichtete, Ermordete, unverheiratete Frauen oder Witwen gewesen sein. Menschen jedenfalls, die irgendwie aus der Norm gefallen sind, deren Macht man im Tode besonders fürchtete.

Sonderbestattungen beschränken sich aber nicht aufs „Nichtbestatten“ oder auf Amulettbeigaben. Es handelt sich dabei vor allem um die Art, wie die Leiche behandelt wird: So fand man Leichen in Bauchlage, Tote, denen Körperteile abgetrennt wurden, welche dann widernatürlich neben dem Torso umgeschichtet wurden, Leichen ohne Köpfe oder Köpfe ohne Körper, Entfernen des Unterkiefers vom Schädel, Festnageln des oder der Toten mit Pfosten (wie Devogena in der Geschichte) oder großen Steinen, getrennte Bestattung von Körper und Extremitäten, gefesselte Leichen, uvm. Hier kommen wir auch schon in den Bereich von Hinrichtungen und Menschenopfern, den ich hier aber nicht näher behandeln möchte.

Zum Schluss noch zu Fällen von absichtlichem Nicht-Bestatten: Sowohl in Keltiberien (Silius Italicus „Punica“ 341 ff. erzählt davon) als auch in Britannien (wo das mittelalterliche Gedicht „Gododdin“ berichtet) wurden offenbar gefallene Krieger nicht beerdigt, sondern am Schlachtfeld liegen gelassen, auf dass sie von Raubvögeln (Geier in Keltiberien und Raben in Britannien) gefressen würden. Dies galt als besondere Ehre für die Krieger, vielleicht weil sie so schneller zu den himmlischen Gottheiten aufsteigen konnten. Und Strabon (Geographia IV,5,4,) schreibt sogar, dass in Irland oder Britannien die Söhne ihre toten Väter aufgegessen hätten. ... Mahlzeit - kann ich da nur sagen, wenn man auch nicht alles glauben muss, was uns antike Autoren so hinterlassen ...


 
Der Tarasque de Noves aus Avignon, 2. Jhdt.v.Chr.

Das Sterben und der Tod

Über eine spezielle keltische Sitte beim Sterben ist mir nichts bekannt, außer Birkhans Hinweis auf den irischen Brauch, einen todkranken Menschen aus dem Bett zu heben und auf die strohbedeckte Erde zu legen, um ihm so das Sterben zu erleichtern. Eine Art indirekte „Sterbehilfe“, wenn man so will, wobei die Erde (die ja als Grab die letzte Ruhestätte ist) offenbar den Tod beschleunigen sollte.

Auch eine Vorstellung von einem personifizierten Tod bei den Kelten, wenn man jetzt spezielle Totengottheiten außer Acht lässt, weiß ich nichts. De Vries (1961) meint aber, dass die in der La Tène-Kunst häufig auftretenden Menschen verschlingenden Monster, die auch mit Menschenköpfen posieren (wie z.B. der „Tarasque de Noves“ in Avignon oder das Monster auf der Schnabelkanne vom Dürrnberg) den Tod darstellen. Der Tod wäre also ein schreckliches Ereignis, das den Menschen – bzw. dessen Körper – vollständig verschlingt. Gegen diese Annahme spräche aber die von antiken Autoren immer wieder postulierte Gleichgültigkeit, mit der die Kelten sogar in der Schlacht dem Tod ins Auge sahen. Allerdings könnte man den Gedanken weiterspinnen, und die Monster sind in Wirklichkeit Todesgottheiten, die die Toten auch wieder gebären, und die schreckliche Gestalt lediglich eine Maske, die die Todesfurcht symbolisiert. Das würde auch einigen inselkeltischen Mythen entsprechen, wo Menschenseelen, die in Form von Würmern, Körnern oder ähnlichem von Andersweltfrauen verschluckt werden, wiedergeboren werden (s.u.). Die Andere Welt wäre dann der „Verdauungstrakt“ im spirituellen Körper einer Anderswelt-Gottheit.


Die Seele

Dass die Kelten an ein Weiterleben nach dem Tode glaubten, ist wohl eindeutig. Wie stellten sich die Kelten aber die Seele vor? Strabon - „Sie [die Druiden] halten, und damit sind sie nicht die Einzigen, die Seele und die Welt für ewig; einst aber werde Feuer und Wasser sie zerstören.“ (Geographia IV, 4) - und andere antike Autoren sind nicht gerade hilfreich. Dass die Seele unsterblich ist, wenn man an ein Weiterleben nach dem Tode glaubt, scheint irgendwie logisch, und Strabon sagt auch ganz richtig, dass die Kelten mit diesem Glauben nicht alleine sind. Annähernd jede Religion – damals wie heute – glaubt an geistige Anteile, die nach des Menschen Tode in irgendeiner Form weiterleben, also in gewisser Weise „unendlich“ sind – im Gegensatz zum eindeutig endlichen Körper. Alleine das Weltenende, so berichtet Strabon, macht auch der Seele den Garaus.

Seele heißt auf Altirisch A(I)NIM(M), auf Kymrisch ENAID und auf Mittelbretonisch ENEFF. Laut Birkhan (1997) leitet es sich aus dem Urkeltischen *ANA-MON- ab, das wiederum im Indogermanischen *AN- „hauchen, atmen“ wurzelt und mit dem Lateinischen ANIMA zu vergleichen ist. Die Seele im Keltischen könnte also den Lebensodem selbst bedeuten, von der Substanz her sich wie Atem oder ein Hauch darstellen. Im irischen Ossian-Mythos wird von Seelen berichtet, die spukend um die Moore schleichen und Nebelgestalt annehmen, wenn Dichter sie besingen. Die Gestalt als Nebel ähnelt hier sehr der „Gestalt“ als Hauch oder Atem. 

Im irischen Volksglauben ist die Seele so winzig, dass zwei Seelen auf der Seite eines Blattes sitzen können. Sie schlüpft beim Fötus durch die Knochennähte des Schädels in den Körper und geht beim Tod durch eben jene wieder hinaus. Dies lässt mich stark an den ausgeprägten Kopfkult der Kelten denken (und sogar an einen Kult um das menschliche Gehirn, das in irischen Sagen toten Gegnern entnommen wurde und mit Kalk vermischt und zu Kugeln geformt als Trophäe gedient hatte). Nicht nur, dass abgeschlagene Köpfe vielleicht als Gefängnis der Persönlichkeit oder Seele gedient haben könnten (und dem siegreichen Krieger so Macht über die „Energie“ des erschlagenen Feindes gebracht hätten), sondern dass vielleicht auch beim lebenden Menschen der Kopf als Sitz der Seele gegolten haben könnte.
Die aufwändigen und lebensnahen Grabbeigaben der antiken Keltike könnten auch zu der Annahme führen, dass die oder der Tote zumindest anfänglich noch als „lebender Leichnam“, wie De Vries es ausdrückt, weiterlebt und die selben Wünsche und Bedürfnisse hegt wie ein lebender Mensch, also nicht nur eine kleine körperlose Seele ist, sondern ein Mensch in feinstofflicher Form.

Zuletzt gibt es noch die Theorie von der Seele in Vogelgestalt. Birkhan weist öfters darauf hin und ich selbst habe in der Geschichte um die Reise des Mael Dúin einen Anhaltspunkt  hierzu gefunden: Mael Dúin kommt auf eine paradiesische Insel, auf der sich viele Vögel befinden. Der Bewohner der Insel, ein Einsiedler, sagt dem Reisenden, dass die Vögel die Seelen seiner Nachkommen aus Irland seien und mit ihm zusammen auf der Insel in Frieden lebten. Die unzähligen Darstellungen verschiedener Vögel in der Hallstatt- und La Tène-Kunst könnten auch als Seelenvögel oder Ahnenvögel gedeutet werden.


Ende Teil IV


Mc Claudia


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