Betreut von MartinM
Carnuntum   Teil V
Das WurzelWerk dankt der Autorin Mirjam Knirsch für die Zurverfügungstellung des Beitrags über Carnuntum. Adaptiert und auf´s Geschichtliche gekürzt von Mc Claudia.

2. Amphitheater I
 
Amphitheater I

Das 1. Amphitheater liegt östlich des Legionslagers und war offenbar für die Soldaten bestimmt. Zunächst war es ein Holzbau gewesen. Als dieser während der Markomannenkriege zugrunde gegangen war, ließ ein reicher Ratsherr auf eigene Kosten den Neubau aus Stein ausführen. Eine Kanalabdeckplatte wurde als Bauinschrift erkannt.
Die elliptische Arena war 72 m lang, 44 m breit, und der Zuschauerraum bot für etwa 8.000 Menschen Platz. Zahlreiche gefundene Eisennägel lassen vermuten, dass es hier Holzbänke gab. Es gab nur drei Umgänge: der unterste führte unmittelbar hinter der Arenamauer entlang, der mittlere auf halber Höhe und der letzte hinter der obersten Sitzreihe. In der Mitte der südlichen Längsseite gab es eine besonderen Raum der nach hinten apsidenartig abgeschlossen ist, wahrscheinlich die Loge eines Statthalters. Der Tierzwinger war beim Westtor hufeisenförmig an die Außenmauer angebaut. Er bestand aus zehn Pfeilern, die durch Gitterstäbe untereinander verbunden waren.

Ebenfalls am Westtor, dem Zwinger gegenüber, lag ein kleines Heiligtum für Nemesis, die Göttin des Schicksals, die bei fast allen Amphitheatern als Schutzherrin der Schaukämpfe verehrt wurde. Hier fanden sich zahlreiche Weihaltäre, und in einer Nische stand das lebensgroße Kultbild der Göttin aus Sandstein.

In der Mitte hat die Arena eine Vertiefung, die einst einen Abflusskanal besaß um das Regenwasser abzuleiten und ebenso das Wasser, mit dem nach den Vorführungen Schmutz und Blut weggespült wurden, während der Kämpfe war sie selbstverständlich mit Holzbohlen abgedeckt. Ein Abflusskanal führte nach Norden zur Donau und dorthin schaffte man auch durch eine kleine Pforte die Toten. Große Strebepfeiler stützten im Norden die Außenmauer.

3. Zivilstadt
Die Stadt Carnuntum zählte vermutlich 50.000 Einwohner, die viele Durchreisende aufnahm und eine bedeutende Garnisons- und Handelsstadt war. Die Stadt war terassenförmig angelegt, entsprechend der Neigung des Terrains zur Donau hin. Ihre Häuser waren vermutlich ebenerdig. Die Straße nördlich der Therme liegt um 5 Meter tiefer als die südliche Parallelstraße.

Nach den Markomannenkriegen begann in den verwüsteten Provinzen der Wiederaufbau. Über die Ruinen wurden neue Häuser gebaut, einem neuen Stadtplan folgend, geordnet und systematisch. Neue Straßen wurden angelegt und mit großen Steinplatten gepflastert. Überdeckte Kanäle begleiteten die Straßen, kleinere Abflüsse mündeten in große Sammelkanäle. Es gab ausgezeichnet funktionierende Wasserleitungen und gepflasterte Straßen. Die Zivilstadt war aufgrund ihrer günstigen Lage ein bevorzugter Handelsplatz, und es entwickelten sich fast alle Handwerke sowie Teilbereiche einer bescheidenen Industrie.

Von den zahlreichen Häusern sind zwei besonders interessant. Das eine ist das sogenannte „Laubenhaus“, der Kernbau eines größeren Komplexes. Hier ist in einem langen Gang eine Querhalle vorgelagert, es war eine offene Vorhalle, deren Dach von Säulen getragen wurde. Der vereinfachte Haustypus bestand lediglich aus einem Wohnraum mit Herd, der Eingang lag auf einer Schmalseite. Dort war das Giebeldach weit vorgezogen und mit zwei Pfosten abgestützt. Das Carnuntiner Haus wurde im Laufe der Zeit dreimal umgebaut. Zwei Bauperioden liegen vor den Markomannenkriegen, die dritte gehört in die Zeit des Wiederaufbaues Ende des zweiten, Anfang des dritten Jahrhunderts n. Chr. Mitten durch das Haus führte ein Korridor, zu dessen Seiten die eigentlichen Wohnräume lagen. Die zwei südlichsten Zimmer besaßen sogar Mosaikböden. Der eine weist geradlinige, geometrische Muster auf, der andere scheint nahezu ein Kunstwerk gewesen zu sein.

Nördlich dieses Laubenhauses mit den Mosaikböden liegt ein anderes Haus, dessen oberste Reste sich nur 15 cm unter dem Erdboden fanden. Häuser von unterschiedlicher Größe, teilweise im Fachwerkbau ausgeführt, wurden wie hier zu Häuserblocks zusammengefasst, wie sie die Römer als „insula“ bezeichneten, 85 m lang und 70 m breit. Das Haus hatte schon vor den Markomannenkriegen bestanden, erhielt jedoch im Zuge des neuen Aufbaues ebenfalls eine neue Form. Ein Eingang von 3 m Breite, fast eine Toreinfahrt, führt über einen 11,5 m langen, mit Ziegelplatten gepflasterten Flur auf einen ebenfalls gepflasterten, quadratischen Hof. Vor der Nordfront lag eine richtige Porticus, eine Säulenhalle, von 26,5 m Länge und 3,5 m Breite. Über drei Stufen gelangte man durch eine Öffnung der Porticus in den westlichen Trakt. Beiderseits eines kurzen Korridors lagen Wohnräume. Zwei Zimmer dieser Wohnung waren Kulträume. Einer davon war, wie ein Altar beweist, dem Wald- und Naturgott (Silvanus?) geweiht, der andere Kultraum gehörte vermutlich einer Quellengottheit.

Hinter den beiden Wohnungen liegt ein großer Gebäudeteil, dessen viele Einzelräume gut erkennbar sind. Neben dem Eingang ist eine Latrine zu sehen. An drei Seiten gab es Sitzbretter aus Holz oder Stein mit Löchern, darunter verläuft ein Kanal, durch den der Kot in die Hauptkloake des Hauses gespült wurde. Die Südländer liebten die Geselligkeit sogar an diesem Ort und dachten nicht an trennende Zwischenwände. An den gepflasterten Hof anschließend, längs eines Korridors, lagen quadratische Zimmerchen von 4 m Seitenlänge. Ihre Zwischenwände bestanden aus Holz und lehmbeworfenem Schilf. Bei der geringen Stärke von 20 cm konnten sie nur ein Holzdach tragen. Die benachbarten größeren Räume waren mit ihren Marmor- und Mosaikböden, Wandmalereien, Fußboden- und Wandheizungen geradezu prunkvoll ausgestatten. Es dürfte also eine Therme, eine große Badeanlage gewesen sein. Aus dem am besten geheizten Raum führt ein Kanal mit 0,5 m Gefälle, durch den gewiss große Wassermengen in kurzer Zeit abfließen konnten, und ein anschließendes Bassin mit Mauern aus wasserdichtem Ziegelmörtelguss ist vermutlich das Becken eines Frigidriums, eines Kaltwasserbaderaumes. Die Wasserleitung ist nicht erhalten, sie dürfte höher gelegen sein. Wenn dieses Gebäude eine Therme war werden wohl in den dünnwandigen Zimmern gefällige Mädchen auf die Besucher gewartet haben.

Ein anderer Ruinenkomplex, in der Nähe des Schlosses Traum gemeinhin die „Palastruine“ genannt, zählt zu den größten römischen Ruinen auf deutschem Sprachgebiet. Der Mittelraum war ein richtiger Saal mit einer Apsis, 21,6 m lang, 12 m breit und zwei weitere Räume waren nicht viel kleiner. Einer davon besaß drei Türme oder Fenster die sich nach Westen öffneten. Alle Räume waren mindestens 12, vielleicht 15 m hoch, die Decke gewölbt und prunkvoll ausgestattet. Die Innenwände waren bemalt, mit Marmorplatten verkleidet oder mit Stuck verziert. Statuen standen da. Eine Umfassungsmauer von etwa 2,4 m Höhe und 0,9 m Dicke bildet ein Rechteck, dessen schmälere Seite nach Norden gekehrt ist. Sie ist 104 m lang, der gesamte Umfang beträgt 143 m. Hinter der Ost- und der Südmauer verläuft in einem Abstand von 4 m eine zweite ebenso dicke Mauer, vielleicht waren es Säulenhallen, die an zwei Seiten die Palastanlage umschlossen. Ein 2,7 m breiter Eingang an der Südostecke ist erhalten, außerdem Stücke zweier Straßen, die, mit großen Steinplatten belegt und Randsteinen eingefasst, hier entlang liefen. An der westlichen Außenseite wurde ein Abzugskanal, der von Süden her kam und an der Innenseite dieser Westmauer bis zur Donau hin geradewegs nach Norden führte, freigelegt. Er ist 0,8 m breit, durchschnittlich 13 m tief und war von einem Gewölbe aus Ziegeln sorgfältig überdeckt. Mehrere Nebenkanäle mündeten in ihn ein.
Diese Kanalisierung war für die Menschen, die diesen Prachtbau bewohnten, selbstverständlich.

Der Fußboden der Räume, etwa 0,2 m dick, oft mit Mosaik belegt, ruhte auf zahllosen Pfeilerchen aus Ziegeln, die durchschnittlich 0,7 m hoch waren. In diesen Holräumen unter dem Estrich wurde heiße Luft geleitet. (Wenn ein römischer Fußboden nicht ganz fest gefügt war, drang durch die Ritzen Rauch in die Zimmer.) Sie kam aus Heizkammern, Praefurnia genannt, die stets an die Außenwände der Zimmer angesetzt und auch von außen zu betreten waren. Unter dem Wandverputz lagen Holzziegel, „Tubuli“, welche die heiße Luft aufwärts bis zu den Rauchfängen strömen ließen. Die Bewohner der geheizten Räume bekamen die Sklaven, welche die Heizung bedienten, für gewöhnlich nicht zu Gesicht. Ein Zimmer von 20 m im Geviert und 3 m Höhe konnte bei einer Außentemperatur von 0 Grad auf gute 22 Grad Innentemperatur gebracht werden. Dabei war die Wärme verscheiden verteilt: 25-30 Grad auf dem Fußboden, 30 Grad an den Stellen, wo Kamine zu Schornstein führten und 17 Grad oder weniger an den übrigen Wänden. In den südlicheren Ländern verwendete man solche Anlagen, die Hypokausta hießen, nur in Thermen, während man in den Wohnräumen einfache Kohlenbecken aufstellte. In den nördlichen Provinzen erforderte das Klima jedoch Hypokausta auch in den Wohnungen. In größeren Städten, den Militärlagern und kleineren Häusern auf dem Lande waren sie selbstverständlich. Besonders in der Spätzeit gab es jedoch auch einfachere Anlagen, etwa unter dem Fußboden einen mit Stein- oder Ziegelplatten ausgelegten Kanal, der den Rauch zu den Kaminen leitete. Wo es an Ziegeln mangelte, konnte der Fußboden auch auf Steinpfeilern ruhen, die mit kleinen Kreuzgewölben überbaut waren.

 
Rekonstruierter
Dianatempel

Die südöstlichsten Gebäude des Komplexes waren Magazine oder Kellerräume. Auch ein Korridor, eine Latrine und Reste von Heizanlagen wurden gefunden. Weiters fand man drei Objekte: einen Rundbau und zwei Oktogone, achteckige Gebäude von 2,5 Meter Seitenlänge und einer Mauerdicke von 0,9 m. Vor der Nordfront des Gebäudes fanden sich 28 bearbeitete Kalksteinblöcke. In dem Gewirr von Mauern des östlichen Teils der Anlage scheinen sich die Baderäume zu befinden, Frigidarium, Caldarium und Apodyterium. Größere und kleinere Becken sind deutlich zu erkennen. Um die Wende von dritten zum vierten Jahrhundert dürfte die Therme womöglich für den Statthalter zu einem Palast umgebaut worden sein.


Mirjam Knirsch


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