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Betreut von MartinM
Der Prozess um den Zauberer Jackel
Spricht man über Hexenverfolgung, begegnet einem oft die Auffassung, dass diese den alleinigen Zweck der Vernichtung „weiser Frauen“ hatte. Das Auftreten von Hexenverfolgungen war aber ein sehr vielschichtiges Phänomen, bei dem es vor allem gilt regionale Unterschiede nicht aus dem Blickfeld zu verbannen.

Im Folgenden möchte ich ein sehr prägnantes Beispiel für einen Hexenprozess darstellen, der den gängigen Vorstellungen von Hexen und Hexenprozessen nicht entspricht. Dabei zeigt sich recht deutlich die Wechselwirkung zwischen weltlichen und kirchlichen Interessen, magischen Vorstellungen und der Lebenswirklichkeit der frühneuzeitlichen Menschen. Weiters ist es mir ein Anliegen darzustellen, wie Hexenprozesse je nach Bedarf von kirchlicher, weltlicher und persönlicher Seite institutionalisiert wurden um verschiedenste Interessen zu legitimieren und durchzusetzen.


Kurze Chronologie
1675 wurde die Landstreicherin und Abdeckerin (neben Henkern, Badern und andere Berufen galten auch die Abdecker mit regionalen Unterschieden als unehrlich, was so viel heißt, dass sie sich am Rande der Gesellschaft bewegten und verpönte Tätigkeiten ausübten) Barbara Kollerin im Erzbistum Salzburg, das von den Prozesswellen des frühen 17. Jahrhundert bis dato weitgehend verschont geblieben war, nach einer Opferstockplünderung festgenommen und der Hexerei überführt. Im Zuge der Folter denunzierte sie ihren Sohn Jakob des Paktes mit dem Teufel, woraufhin dieser großflächig gesucht wurde. Auch ihr Begleiter Paul Kaltenbacher erklärte Jakob als schuldig und beschrieb ihn als etwa 20jährigen, rothaarigen Herumstreicher, der sich mit anderen Jungen umgab. 1677, als die Regierung bereits die Nachricht von Jakobs Tod in St. Wolfgang ereilt hatte, wurde der Bettlerbub Dionysus Feldner festgenommen, ein etwa 12 Jahre alter, körperlich behinderter Bub, der den Beinamen „Dreckstiere“ trug und der angab, die letzten drei Wochen mit dem Zauberer Jackel, wie man Jakob Koller mittlerweile nannte. Er zeichnete in den Verhören ein Bild einer Jugendbande, bestehend aus vagabundierenden Jugendlichen aus der Unterschicht, die sich um den Zauberer Jackel versammelt hatten um von ihm in der Kunst der schwarzen Magie , also vor allem des Schadenszaubers, unterwiesen zu werden. Weitere Denunziationen führten zur massenhaften Festnahme von herumziehenden Kindern und Jugendlichen. Im Laufe der Verhöre kam es zu einer regelrechten Mythenbildung rund um die Person des Jackel. So soll er sich beispielsweise mittels eines schwarzen „Käppl“ unsichtbar gemacht haben. Weiters soll er in der Lage gewesen sein, sich selbst in Tiere zu verwandeln, sowie Tiere, vor allem Mäuse und Ratten, die die Ernte der Bauern vernichteten, zu erschaffen. Durch die Festnahme und Verhöre anderer Bettler-Kinder versprach sich die Obrigkeit Aufschluss über den Verbleib des Zauberers Jackl. Das Ziel richtete sich allerdings nicht nur noch auf den Hauptverdächtigen selbst, sondern entwickelte sich dahingehend, die ganze Band zu fassen und zu vernichten. Insgesamt wurden 139 Menschen hingerichtet, wobei die geschlechtliche und altersmäßige Verteilung von besonderem Interesse ist. 39 waren im Alter zwischen 10 und 14 Jahren (der jüngste Delinquent war vermutlich der 10jährige Hannerl), 53 waren Jugendliche im Alter von 15 bis 21 Jahren, die restlichen Hingerichteten hatten das 21. Lebensjahr bereits überschritten. 113 der Verurteilten waren männlichen Geschlechts und die soziale Herkunft aller Delinquenten mit Ausnahme von zwei Familien war aus dem Bettlerstand.


Die historischen, wirtschaftlichen und sozialen Hintergründe
Die Zeit des Zauberer-Jackel-Prozesses war stark geprägt von den Nachwehen des 30jährigen Krieges, der nicht nur konfessionelle, sondern auch schwerwiegende wirtschaftliche Auswirkungen hatte. Gerade in Krisenzeiten, als die Bettlerscharen stark anschwollen, gab es für die Oberschicht kaum Möglichkeiten diese wieder der sozialen Kontrolle zu unterstellen. Das katholische Erzbistum Salzburg war aber bislang eher bettlerfreundlich gewesen. Im 17. Jahrhundert, als in Salzburg mit einer gewissen Verspätung anderen Territorien gegenüber die neue Staatsräson sich durchzusetzen begann, stand plötzlich die demonstrative Wohltätigkeit im Widerspruch zur absoluten Ordnungspolitik. Der im 16. Jahrhundert beginnende Trend gegen jene Bevölkerungsschichten vorzugehen, die sich nicht mehr in die ständische Gesellschaft integrieren ließen, gipfelte in Salzburg im Zauberer-Jackel-Prozess.
Eine veränderte Wahrnehmung des Almosens in wirtschaftlichen Krisenzeiten kann auch als Ursache für den Hexereivorwurf gegen Bettler gesehen werden. Almosenvergabe war ein symbolischer Tauschakt, in dem der Spender als Gegenleistung für seine Gabe vom Beschenkten erwarten konnte, dass dieser für sein Seelenheil betete. Dies zeigt sich sehr gut in der Kurzformel „Vergelt`s Gott!“. Durch die nach dem Krieg auftretenden Mängel und die sich ständig ändernden Sozialstrukturen geriet der Spender zunehmend in einen Konflikt zwischen seiner christlichen Pflicht des Gebens und der Wahrung seiner eigenen Interessen. Zudem wurde zunehmend zwischen „ehrlichen“, also wahrhaft bedürftigen, und „unehrlichen“ Armen, die nur auf schnelles Geld aus waren, unterschieden, wobei der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen oft nur schwer auszumachen war. Die Bereitwilligkeit zur Verteilung von Almosen nahm also deutlich ab.
Diese Entwicklungen veranlasste die Bettler dazu sich an die neuen Bedingungen anzupassen, was zu zunehmendem Aufkommen von „starkem“, „ungestümen“ Betteln führte. Aggressive Bettelpraxen und das Auftreten in Gruppen um die Überlebenschancen zu steigern, verunsicherten nun aber die sesshafte Bevölkerung und schürten Misstrauen und Ablehnung. Da die Kluft zwischen sesshaften und vagabundierenden Menschen immer größer wurde, bot der Zaubereivorwurf eine willkommene Möglichkeit das Problem unter Kontrolle zu bringen und diente auch als Erklärungsmodell für erlittene Schicksalsschläge. Wurde ein Tier oder ein Familienmitglied nach der Abweisung eines Bettlers, der seiner Frustration durch lautes Fluchen und eventuelle Verwünschungen Luft machte, so galt es als erwiesen, dass magisches Treiben im Spiel war.
Weiters ist eine medizinhistorische Komponente zu beachten. In einer Zeit, als „die Pest“, ein Synonym auch für viele andere Seuchen, allgegenwärtig war und durch mangelnde hygienische Zustände und unzureichender Ernährung der Menschen noch geschürt wurde, bestand natürlich die Furcht, dass das fahrende Volk Krankheiten von einem Ort zum anderen schleppen könnte.

Literatur:
Marcel Mauss, Die Gabe. Form und Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften. Frankfurt, Berlin, Wien 1978.
Felix Mitterer, Die Kinder des Teufels. Innsbruck 1989.
H. Nagel, Der Zauberer-Jackel-Prozeß. Hexenprozesse im Erzstift Salzburg 1675-1690. Diss., Innsbruck 1966.
Norbert Schindler, Widerspenstige Leute. Studien zur Volkskultur in der frühen Neuzeit. Frankfurt am Main 1992.


Das Wurzelwerk dankt Katja ganz herzlich für ihre Recherchen und das Spenden dieses Artikels.


Katja


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