Betreut von MartinM
Der Hexenhammer (Malleus Maleficarum) - Geschichte eines Buches   Teil I
Seit seinem ersten Erscheinen im Jahre 1487 ist der Hexenhammer eines der am kontrovers diskutiertesten Bücher bis in unsere heutige Zeit.

War dieses Buch ein maßgeblicher Auslöser des sogenannten Hexenwahns in Europa? Warum wurde es geschrieben? Wer hat es verfasst? Welche Auswirkungen hat es gehabt? Dies sind nur einige der Fragen, auf die in dieser Artikelserie eingegangen werden soll.

Teil 1 - die Verfasser
Als Verfasser des Hexenhammers werden oft Heinrich Kramer (Institoris) und Jakob Sprenger genannt, die im 15. Jhd. von Papst Innozens VIII. als Inquisitoren eingesetzt wurden. Wenn man sich mit der Geschichte eines Buches beschäftigt, das im Verdacht steht für eine der längsten und möglicherweise umfangreichsten Verfolgungswellen der Historie mitverantwortlich zu sein, komme ich nicht umhin, mich mit denjenigen zu beschäftigen, die als die Schriftsteller des Werkes gelten, wer sie waren, wann und wie sie gelebt haben.
Ein Überblick über die Biographien und warum vermutet wird, dass Kramer das Buch alleine geschrieben hat, sind die Themen mit der sich dieser erste Teil beschäftigt.

Der Dominikanerorden, (Sprenger und Kramer waren Dominikaner) die offizielle Bezeichnung Ordo Fratrum Praedicatorum (OP, zu deutsch Predigerorden), wurde durch den Hl. Dominikus (ca. 1170-1221) gegründet. Er wurde durch Papst Honorius III. anerkannt und zum Leben nach der Augustinusregel verpflichtet. Der Orden mit dem Armutsgelübde war eine gezielte Gründung zur Bekämpfung der Ketzer. Dies geschah zunächst durch theologisches Studium und Predigt. Seit 1232 waren Dominikaner im päpstlichen Auftrag als Inquisitoren tätig. Erkennbar waren die Dominikaner an ihrer Ordenstracht, dem weißen Habit, Skapulier und Kapuze sowie dem schwarzen Mantel. Eindrucksvoll wurde dies auch in dem Film "Der Name der Rose" dargestellt.

Jakob Sprenger wurde um 1435 in Rheinfelden geboren. Im Alter von 17 Jahren trat er dem Dominikanerkonvent von Basel bei und arbeitete an der Reform des Kölner und des Frankfurter Konvents mit. 1467 immatrikulierte er sich an der Universität Köln und wurde dort erst Sentenziar, dann Lizentiat, 1480 schließlich Dekan der theol. Fakultät. Er begründete im Kölner Dominikanerkloster die erste Rosenkranzbruderschaft und 1472-1488 war er, neben seiner Lehrtätigkeit Prior des Kölner Dominikanrekonvents, ab 1474 auch Vicarius generalis für die Region "Barbancia", in der die Konvente dieses Ordens im Rhein- und Maasland zusammengefaßt waren. Von 1479 - 1488 übte er zusätzlich noch das Amt des Inquisitors für den Bereich der Erzbistümer Köln, Mainz und Trier aus bis er zum Ordensprovinzial der Teutonia gewählt wurde. Wegen seines Eintretens für die Ordensobservanz war er Verleumdungen bei Papst Alexander VI. ausgesetzt, die zu einer Untersuchung gegen ihn führten, er starb noch bevor seine Rehabilitierung bekannt wurde 1495 in Straßburg. (1)

Heinrich Kramer (Institoris) wurde um 1430 in Schlettstadt geboren. Über die frühen Lebensjahre ist wenig bekannt. 1473 trugen öffentliche Angriffe auf den regierenden Kaiser Friedrich III. dem Predigermönch eine Gefängnisstrafe ein. (2) 1474 ist er erstmals urkundlich bezeugt als "artium magister et theologie lector". Im selbigen Jahr beförderte ihn das Generalkapitel des Dominikaner-Ordens zum Praedicator generalis. Im Dez. 1479 promovierte ihn in Rom der Ordensgeneral zum Dr. theol. Kurz zuvor hatte Papst Sixtus IV. ihn zum Ketzerinquisitor ("heretice pravitatis inquisitor") für die Provinz Alemania superior ernannt. 1484 wurde er zusammen mit Jakob Sprenger zum Generalinquisitor für die Diözesen Mainz, Köln, Trier, Salzburg und Bremen ernannt, dazu wurde ihm die Hexenbulle "Summis desiderantes affectibus" (3) überreicht. Danach führte er zahlreiche Hexenprozesse durch, u. a. in Ravensburg und Innsbruck. Im Januar 1487 erscheint erstmals der hauptsächlich oder alleine von ihm verfasste (siehe unten) Hexenhammer (Malleus Maleficarum). Kramer wirkte ab 1488 in Augsburg und schrieb zugunsten der wundertätigen Hostie im Heiligen Kreuz den "Tractatus novus de mirachuloso eucharistie sacramento", ebenso eine Abhandlung, die sich vornehmlich gegen häretische Bewegungen richtete. Er predigte in Salzburg als Lektor der heiligen Schrift, in Venedig und in Rohr bei Regensburg. 1501 erschien in der Offizin von C. Baumgarten (Olmütz) sein Werk gegen die häretischen Bewegungen der Peckarden und Waldenser. Bis zu seinem Tode 1505 in Brünn oder Olmütz bekämpfte er als Censor fidei von 1500 ab auf Veranlassung von Papst Alexander VI. die Böhmischen Brüder und prozessierte gegen das Hexen- und Zauberwesen in Böhmen und Mähren. (4)

Das Verfasserproblem ist meines Wissens erst in der neueren historischen Forschung eingehender untersucht. In den frühen Ausgaben des Hexenhammers fehlt der Buchtitel und in der Nürnberger Ausgabe von 1494 wird nicht der Autor, lediglich der Drucker im Kolphon genannt. Koberger, der Drucker-Verleger spricht in seinen Drucken allerdings nur von einem Autor im Singular, dem sich der Titel verdanke, nicht von "den Autoren". Es wird angenommen, dass Koberger den Autor persönlich kannte und da Kramer mehrmals im Dominikanerkloster, gegenüber Kobergers Druckerei in Nürnberg abstieg und bei ihm auch wenigsterns einen weiteren Titel drucken ließ,(5) liegt die Vermutung nahe, dass es sich um Kramer als jenen erwähnten Autor handelte. Erst in der Ausgabe des Druckers Friedrich Pepyus von 1519 werden Heinrich Institoris (6) und Jacob Sprenger zusammen als Autoren aufgeführt, zu einem Zeitpunkt, an dem Beide bereits längst verstorben waren. Seit 1574 wird Sprenger in den venezianischen Ausgaben als alleiniger Autor genannt. 1582 nimmt der Drucker Heinrich Basse im Frankfurter Nachdruck Heinrich Institoris als Mitautor wieder dazu. Die französischen Ausgaben wiederum geben ab 1582 an, das Buch sei aus vielen Autoren zusammengestell und für Jakob Sprenger als Autor würde sprechen, dass er als alleiniger Verfasser der Apologia des Hexenhammers erscheint. Werden die im Hexenhammer als Beispiele herangezogenen Inquisitionsfälle mit den tatsächlichen Prozessakten verglichen, kann festgestellt werden, daß an den jeweiligen Orten nur Kramers Anwesenheit nachweisbar ist, wohingegen keine einzige Hexeninquisition und nicht einmal irgendein anderes Inquisitionsverfahren mit tödlichem Ausgang, mit Sprenger in Verbindung gebracht werden kann. (7) Auch die Ambitionen, die Sprenger in seinen Werken zeigt, ist nicht die Hinrichtung der angeblichen Abrünnigen, sondern die Reintegration in den Glauben und die Festigung des Glaubens im Allgemeinen, was auch in seinen Schriften zur Föderung der Marienfrömmigkeit und der Rosenkranzbruderschaften, die Sprenger in Deutschland ins Leben gerufen hat, erkennbar ist. (8)

Das Verhältnis zwischen Sprenger und Kramer mag ein weiteres Indiz dafür sein, dass nur einer der Beiden (Kramer) den Hexenhammer verfasst haben konnte. Dazu muss erwähnt werden, dass der Dominikanerorden der deutschen Provinz, der "Teutonia", in dieser Zeit einen Richtungsstreit austrug. Der observante Flügel, dem die Mehrheit der Konvente zuneigten, trat für Reformen ein und eine nicht zu vernachlässigende Minderheit, die "Konventualen" kämpften vehement gegen jegliche Reformbestrebungen an. Heinrich Kramer war Verfechter des konventualen Kurses und Jakob Sprenger gehörte zu den "Observanten". Im selben Jahr der Überreichung der Hexenbulle an Kramer, kam es in Colmar zum offenen Bruch der beiden Bewegungen innerhalb des Ordens, danach tagten die "Konventualen" im traditonsreichen Kloster in Schlettstadt weiter, dessen Prior zu dieser Zeit,wie sollte es anders sein, Kramer war. (9) Dass dieses Zerwürfnis durchaus auch Auswirkungen auf die persönliche Beziehung der Beiden zueinander aufwies, zeigt sich schon in einer Abmahnung gegen Kramer, die Sprenger im Herbst 1485 beim Vikar Jacob Stubach, erwirkte. Als Sprenger Stubachs Nachfolger im Amt des Vikar des Ordensgenerals wurde erhielt er sogar am 19.11.1487 vom Ordensgeneral selbst die Ermächtigung "adversus m[agister] Henricum Institoris inquisitorem" - also gegen Kramer - vorzugehen! Als Kramers Vorgesetzter belegte Sprenger ihn nun mit allen nur möglichen Strafen und Verweisen ("omnes et singulas penas et censuras"). Er untersagte sogar allen nichtreformierten Konventen des Ordens (z.B. Augsburg und Speyer aber auch Kramers Heimatkloster Schlettstadt) ihn bei sich aufzunehmen, was Kramer dazu veranlasste, sich in die Erzdiözese Salzburg zurückzuziehen. (10) 1493 wurde von Sprenger sogar ein Mandat des Ordensgenerals gegen Kramer erwirkt, das diesem bei Strafe der Exkummunikation befahl, seine Predigerstelle in Salzburg aufzugeben, welches im Januar 1494 noch einmal wiederholt wurde, wobei Kramer jetzt nicht mehr mit den Ehrentiteln Magister und Inquisitor, sondern nur noch "frater [Bruder] Henricus" genannt wurde.(11) Dieses Vorgehen gegenüber Kramer von Seiten der Dominikaneroberen (Sprengers Nachfolger im Provinzialat, der Wiener Dominikaner Ulrich Zehentner verhinderte ebenso eine Wiederaufnahme der damals schon teilweise als skandalös bezeichneten Hexenprozesse durch Kramer im Bereich der Teutonia) hat mit dazu geführt dass Kramer 1496 nach Venedig und dann nach Böhmen ausweichen musste, wo er weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit starb. (12)

Der Hexenhammer wurde, wie mich die bisherigen Ausführungen (und auch die Tatsache, dass Heinrich Kramer sich des öfteren als dessen Verfasser rühmte, Sprenger jedoch nicht einmal in irgendeiner seiner Schriften darauf hinwies) vermuten lassen, von Kramer alleine verfasst. Es kann gut sein, dass Kramer Sprengers renomierten Namen für sein Werk ausnutzen wollte, um dieses aussagekräftiger zu machen oder es ist eine Episode im Machtkampf innerhalb des Dominikanerordens zwischen den "Konventualen" und den "Observanten" zu dieser Zeit gewesen, ganz genau wird man es wohl nie erfahren. Doch: "Nach alledem dürfte der prominente Ordensobere [Sprenger] nach der Ostermesse 1487 ziemlich befremdet gewesen sein, daß sein Name durch die Nennung in Bulle, Notariatsinstrument und Apologia zunehmend mit diesem Machwerk in Verbindung gebracht wurde." (Jerouschek, Behringer 2000, 3. Aufl. 2003, 37)

Ich werde deshalb in den weiteren Artikeln über die Geschichte des Hexenhammers jedenfalls lediglich Kramer als Verfasser nennen. Die von Kramer durchgeführten Hexen/Inquisitionsprozesse, aus welchem Grund dieser nun jenes Buch geschrieben haben könnte und welche Auswirkungen und Folgen daraus in der Geschichte bis heute erwachsen sind, wird Thema in den folgenden Artikeln von "Der Hexenhammer (Malleus Maleficarum) - Geschichte eines Buches".


1. Senner 1995/BBKL (Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon)
2. Jerouschek, Behringer 2000 (3. Aufl. 2003), 40
3. Kestner-Museum Hannover Inv. Nr. E 193.
4. Tenberg 1990/BBKL
5. Tractatus varii cum sermonibus plurimis contra quattuor errores novissime exortos adversum
divinissimum eucharistie sacramentum, Nürnberg 1496
6. Heinrich Kramer nannte sich seit 1479 latinisiert auch Institoris (lat. Genitiv von Institor = Kaufmann,
Krämer) oder nach wie vor auch einfach Frater Henricus (Bruder Heinrich)
7. Jerouschek, Behringer 2000 (3. Aufl. 2003), 32f.
8. ebd. 35f.
9. Adam 1967, 264f.
10. Schnyder 1993, 26-73
11. Hansen 1901, 374
12. Hansen 1901, 391-395


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