|
Wir in Europa sind in Zeiten eines gewissen Kulturimperialismus
wohl längst der amerikanischen Mode aufgesessen, alles nicht
sooo ernst zu nehmen. Dieser Effekt hat zu Beginn dieses
Jahres hier im deutschsprachigen Raum eine merkwürdige neue
Stilblüte
getrieben. Man stelle sich nur vor, ein Verlag würde eine
Zeitschrift herausgeben mit dem Titel Zeitschrift für
die Frau und dessen esoterische Spezialausgaben mit dem
Titel versehen:
Buddhismus - Zeitschrift für die Frau, abgesehen
vom darin enthaltenen Sexismus wäre das langweilig, mehr
wohl noch
Islam - Zeitschrift für die Frau, abgesehen davon,
dass das Religionskriege entfachen würde, oder Christ
- Zeitschrift für die Frau würde doch eher als
geschmacklos empfunden werden, schätze ich, außer
vielleicht "LYDIA
- Die christliche Zeitschrift für die Frau", die
wirklich existiert.
Voodoo - Zeitschrift für die Frau andererseits
wäre
wohl zu abschreckend.
 Wundert es allerdings unsereine(n) groß, wenn ein trendiges,
fast schon zum Lifestyle-Thema verkommenes Wort wie Wicca (das,
für jene, denen es noch nicht bekannt ist, ebenso eine existierende
Religion bezeichnet) plötzlich als Spezialausgabe-Titel auf
einem Möchtegern-Lifestyle-Magazin prangt. Dass die Zeitschrift
trendig rüberkommen würde, kann allerdings nicht behauptet
werden, die erste Ausgabe zu Beginn dieses Jahres kam von der Aufmachung
her viel eher wie Das aktuelle Blatt für die Esoterikerin
ab fünfzig rüber. Abgesehen vom Inhalt – wo ich
der Versuchung, auch darüber meinen ätzenden Sabber zu
verkleckern, wohl letztendlich nicht ganz widerstehen werde können – fällt
bei der Lektüre eines auf: die Inserate werden beherrscht
von (kostenpflichtigen) 0190er-Nummern. Das liest sich dann etwa
so:
Partnerzusammenführung 0190..., Elfriede legt Ihnen die
Karten 0190..., Hellsehen, Pendeln, Kaffeesatz lesen 0190...
(um nur einen
Euro pro Minute, das ist der Preishit), Prometheus Sternen Tarot,
Pegasus Astroline...
Beratung gibt es hier unter anderem von Lebensberaterin Luna,
Hellseherin Anne, Lilit – Mutter der alten Magie oder Engel
des Lichts Elli-Marie ... da fühlt man sich sogleich gut aufgehoben.
Die Google-Suche nach den Stichworten wicca und "zeitschrift
für die frau" ergibt interessanterweise momentan genau
zwei einsame Treffer, www.confessio.de schreibt in einem davon:
Als Spezialausgabe der Zeitschrift für die Frau kann man
derzeit ein Heft mit dem Titel „Wicca“ erwerben. Die
Zielgruppe stellen dabei weniger neuheidnische Junghexen dar, die
Anschluß an eine Hexengemeinschaft („Coven“)
für magische Rituale suchen, wie es der Titel vermuten lassen
könnte. Statt dessen wird stärker die „normale“ Hausfrau
angesprochen, die sich zwischen, Kochrezepten, Horoskop und Kreuzworträtsel über
Tarot-Karten und Gesundheitstipps mit Aloe Vera und Heiledelsteinen
belesen will. Dazu gibt es jede Menge Inserate von selbsternannten
Magiern, Hellsehern und Wahrsagerinnen, die ihre Dienste der Lebens-
und Schicksalsberatung mit kostenpflichtigen Telefonnummern anbieten.
Auf dem Markt dieser neuen esoterischen „Telefonseelsorge“ ist
inzwischen ein heftiger Konkurrenzkampf im Gange. Offenbar lässt
sich mit solchen Angeboten anonymer und magisch autorisierter Lebensberatung
viel Geld verdienen. Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf kirchliche
Seelsorgeangebote sollte sorgfältig bedacht werden.
Ich nehme an, da eine Religion, die sowieso belächelt wird,
weil sie sich magischer Praktiken bedient, und daher wohl in den
selben nicht ernst zu nehmenden Topf zu werfen ist wie Voodoo und
anderer Humbug, wurde die Tatsache, dass damit die Religion gleichen
Namens mehr als verunglimpft wird, seitens der Herausgeber wohl
nicht ernsthaft wahrgenommen.
(Inwieweit Wicca wirklich als Religion bezeichnet werden kann und
darf, muss wohl ein anderes Mal gesondert betrachtet werden.)
Ein edler Ritter und viel Gekeife
Nachdem dieses Thema für sich anscheinend noch nicht genug
Anlass zum Kopfschütteln gegeben hatte, kam noch eine saftige
Pointe oben drauf. Einen wackereren deutschen Bundesbürger,
den Lesern des WurzelWerk Forums wohlbekannt, ließ diese
marketingstrategische, ethisch wohl eher verwerfliche Vorgehensweise,
nicht kalt und er zog die persönliche Konsequenz, sich das
Label Wicca als Marke schützen zu lassen, wohl gutgläubig
in der Absicht, dadurch noch größeres Unheil zu vermeiden
und den um sich greifenden kommerziellen Missbrauch anzuprangern.
Was dann auf den armen Mann zukam, ist ausführlich in unseren
zum Thema veröffentlichten Artikeln und im WurzelWerk Forum
nachzulesen, das als einer der zwei Austragungsorte der nun folgenden
Schlammschlacht – Verzeihung: Diskussion – offiziell
so deklariert worden war. Denn was nun folgte, war nicht mehr als
der wenig höflich vorgebrachte Vorwurf, was ihm denn einfiele,
sich die deutschen Rechte am Namen einer Religion zu sichern. Dass
er von Anfang an das Angebot gemacht hatte, die Rechte an der Schutzmarke
jederzeit gerne – und an wen auch immer, der glaubhaft machen
konnte, das Interesse der religiösen Bewegung im Augenmerk
zu haben und wenigstens von einer Handvoll Menschen als repräsentativ
angesehen zu werden – weiterzugeben, das scheint die meisten
derer, die sich über seine Untat ereiferten, nicht interessiert
zu haben, auch nicht, nachdem er es immer wieder im sich entwickelnden „Online-Tribunal“ wiederholt
hatte.
Ende Teil I
|