|
Geboren wurde das Rezept aus der Überlegung, was einen Eintopf
ausmacht, das habe ich mich nämlich schon immer gefragt, seitdem
ich ein Kind war. Als erstes würde man vermuten, der Name
suggeriert es schon, dass da alles Mögliche reinkommt, und
zwar alles in einen Topf. Ich hab mich immer gewundert, welche
Methode der Auswahl hinter den doch mannigfaltigen Bestandteilen
eines Eintopfs steckt. Manche sind der Ansicht, dass in einen Eintopf
tatsächlich halt alles reinkommt, was gerade so da ist. In
solchen Fällen schmeckt es dann auch oft so oder so ähnlich,
diese Vorgehensweise war früher unter den sogenannten „Alternativen“ sehr
verbreitet.
Die hießen so, weil sie ja einen alternativen Lebensstil
propagierten und lebten. Alternativ zu dem, was in Hippie-Zeiten
(stets mit herunter gezogenen Mundwinkeln auszusprechen) „das
Establishment“ genannt wurde. Also die Angepassten, also
die Eltern... und alle anderen über dreißig. Wie sich
inzwischen heraus gestellt hat, ist ihnen in den meisten Fällen
dann doch auch selbst nichts anderes übrig geblieben, zumindest
wenn sie eine Familie gegründet hatten, selbst zu einem Bestandteil
'des Systems' zu werden, auch wenn das
natürlich kaum einer vor sich selbst eingestehen würde.
Nachdem der Ausdruck aber schon im vorigen Jahrhundert ausgestorben
ist, sagt man heute einfach „die Gesellschaft“, weil
es ja auch das Selbe meint. Heutzutage kommt noch eine Spezial-Zutat
hinzu: die so genannte „Globalisierung“.
Und die... hat ja auch in unseren Küchen Einzug gehalten:
Wo wäre früher Quinoa zu finden gewesen oder Topinambur,
aber auch altes, fast archaisches Heimisches taucht wieder auf,
wie Mangold. Selbst Zuchini waren übrigens bei uns vor zwanzig
Jahren noch weitgehend unbekannt.
Was ist eigentlich die weltweit bekannteste Marke? Die meisten
von uns werden es wissen: Coca Cola – also auch etwas,
was durch den Magen geht. Forscher gehen davon aus, dass uns
im alltäglichen Leben ja nur zwei einzige Sachen ursprünglich
unsere Glückshormone beschert haben: Essen und Sex. Mutter
Natur hat das ganz pragmatisch und gefinkelt so eingerichtet,
schließlich
sollen wir, um die Evolution am Laufen zu halten, vornehmlich
zwei Dinge tun: Uns selbst erhalten und uns fortpflanzen. Essen
und Sex.
Heute haben wir einige Möglichkeiten mehr. Statt dem Thrill,
einem Rudel Wölfen gegenüber zu stehen haben wir Bungee
Jumping, denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Ach ja – Brot.
Irgendwie unterschied man früher hauptsächlich zwischen
hellem und dunklem Brot, Weizen- oder Roggenbrot sozusagen. Also
heute
kannst
du gut
und gern jeden Tag des Jahres ein anderes Brot essen: Zwiebelbrot,
Olivenbrot, Sonnenblumen..., Naan, Ciabatta, ..., du weißt
ja selbst.
Wow! Eine fast unendliche Auswahl. Das eben ist eine
der Auswirkungen der neuen Zeit, dem Wassermann-Zeitalter, das
die Hippies ehedem
für uns alle eingeläutet haben. Also die Vielfalt überrollt
uns – das Füllhorn des Wassermanns ist für uns geöffnet!
Das betrifft alle Bereiche unseres Lebens und die Auswahl wird
täglich größer. Heute erscheinen wahrscheinlich
in einer Woche mehr Bücher als ein Mensch in seinem Leben
lesen kann. Übrigens ist jedes zehnte Sachbuch ein Esoterikbuch...
Du willst endlich das Kochrezept wissen? Das ist gar nicht so einfach
zu erklären. Nachdem ich mir den Kopf darüber zerbrochen
hatte, dass es also mal zwei grundlegende Herangehensweisen an
das Thema Eintopf zu geben scheint, nämlich einerseits,
zu nehmen was verfügbar ist, oder eine spezifische Auswahl
zu treffen, also Zutaten auszuwählen, kam ich auf eine Idee:
Ich erfinde mein ganz persönliches Lieblingsrezept! Ich
brauchte ja nur eines zu tun: Eine Liste der Zutaten zusammen
zu stellen, die ich sehr gerne esse – was bitte sollte
da anderes herauskommen als meine eigene Überdrüber-Leibspeise?
Was könnte daran verkehrt sein, der sogenannte Idealpartner
ist doch auch nichts anderes als die Summe der Eigenschaften,
die er/sie haben sollte, oder? Ok, da passen im realen Leben
nicht immer alle Zutaten zusammen, so mancher Partner erweist
sich als ungenießbar oder braucht einfach nur noch flambiert
zu werden, wenn er schon mal punschgetränkt ist.
Also, du wirst es schon durchschaut haben: Dein Wassermann-Eintopf-Rezept
musst du dir selbst ausdenken, du brauchst es nur intuitiv anzugehen.
Dann wird es zu einem spirituellen Erlebnis! Betrachte es als spirituellen
Prozess, dein ganz persönliches Rezept zu finden. Du wirst
auf eine Reise durch deine kulinarischen Sehnsüchte gehen,
genieße es! Es wird sozusagen das Patchwork-Rezept der neuen
Zeit schlechthin, ganz auf deine persönlichen Bedürfnisse
zugeschnitten.
Wassermann hilft uns, er steht nicht zuletzt für die Auflösung
starrer Grenzen und wir können im Supermarkt des Lebens in
einer halben Stunde Zutaten aus allen fünf Kontinenten auf
unseren Gabentisch zaubern. Soll ich jetzt das Straußensteak
nehmen oder die Beutelteufel-Leber? Voodoo ist mir zu blutig und
Buddhismus schmeckt fad. Aber wir wollen ja keine vorgefertigten
Rezepte, wir sind ja selbst unseres Glückes Schmied, äh,
Eintopfs Koch. Und Kochrezepte sind sowieso irgendwo rückständiger
Quatsch. Schließlich weiß ich selbst am besten, was
mir schmeckt, und irgendein Gewürz war immer noch irgendwo
drinnen, das mir so gar nicht behagt hat oder sich als schwer verdaulich
herausgestellt hat. Also wird´s der kluge Mensch auch einfach
weglassen, wir wollen doch grad in der Küche nicht dogmatisch
werden und die Zeiten, wo Großmutters Rezepte lockten, sind
längst vorbei.
Dass der Kümmel im Kohl die Blähungen mindert und das
Pektin des Apfels die Ente verdaulicher macht wusste die Großmutter
allerdings sehr wohl, ob´s ihr bewusst war oder nicht – aber
wir wollen heute unsere eigenen Erfahrungen machen und das ist
auch gut so, wer die Freiheit hat, sich sein eigenes Süppchen
zu kochen, sollte das wohl auch tun.
Diese neue freie Küche, die so genannte „Nouvelle Cuisine
Liberté“, in deutschen Landen auch unter dem Sammelbegriff
Heiden-Eintopf bekannt, zeichnet sich eben dadurch aus, dass du
deine ganz eigenen,
persönlichen Zutaten reinhauen kannst. Wichtig ist nur, dass
der Topf urtypisch über einem offenen Feuer schmurgelt, am
besten im Wald, aber es geht zur Not auch auf einer Terrasse,
Hauptsache es wird daneben ein Räucherstäbchen abgebrannt.
Wenn du noch ein paar Segenssprüche reinhauchst kann das nur
von Vorteil sein, dann schmeckt´s nicht nur besser, das Feuer
wird dann ganz sicher auch gleichmäßiger und wohlwollender
brennen.
Solltest du zufällig Gäste haben, wundere dich nicht,
wenn sie alle etwas an deinem Lieblingsrezept auszusetzen haben,
das liegt in der Natur der Sache, schließlich weißt
du ja auch selbst, dass sie alle bloß bemitleidenswerte Nixchecker
sind, wenn sie dein Leib- und Seele-Gericht nicht abgrundtief toll
finden. Dafür ist es ja auch dein Spezialrezept – und
da braucht dir keiner was dreinreden, schließlich lässt
du dich ja nicht als Eso-Light abstempeln. Du sagst am besten einfach
sowas wie: „Ha! Thymian! Ich hatte auch meine Thymian-Phase,
aber das ist schon lange her.“
Du kannst dir natürlich schon Tipps geben lassen, du vergibst
dir ja auch nichts – egal was du hinzufügst, es bleibt
dein ganz persönliches Rezept – ja somit ein Unikat,
die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass niemand auf der Welt
genau deine Zutaten verwendet. Wenn du sicher gehen willst, kombiniere
einfach Kartoffelsalat mit Schokotorte. Oder nenn es einfach prä-keltisch
beeinflussten aber an das britische Neudruidentum angelehten, von
Huna inspirierten Neo-Euro-Schamanismus mit Elementen aus Reiki,
dem westafrikanischen Voodoo und dem frühen zoroastrischen
Mystizismus
mit ein paar zusätzlichen, heißen
Tipps von Isis, Merlin, Balzaooth, dem Maya-Kalender, den
Hopi, Hademar
Bankhofer,
Frater
V.D., den
Elders der Blauwale und ein paar alten Bekannten von den Plejaden.
Oder eben einfacher: Wassermann-Eintopf.
Sollte das alles nichts nützen und die Leute immer noch am
Essen rummäkeln und dich das etwa zu nerven beginnen, schieß einfach
den Bock ab, indem du den Spieß umdrehst und halt ein wenig
flunkerst, indem du sagst: „Das Rezept ist uralte, überlieferte
Familientradition“. Du wirst sehen, da klappt die Kinnlade
nach unten und die Spucke bleibt weg. Das ist der ultimative Party-Joker.
(Auch wenn du vorher von Orishas, Kahunas und Kachinas erzählt
hast, du kannst immer noch einflechten, dass deine Lieblings-Pixies
in der Buche da drüben so heißen und du sie von deiner
Großmutter in Pflege übernommen hast.)
Noch ein Insider-Tipp: Sieh zu, dass eine Weide in der Nähe
ist. Kräuterhexen wissen, deren Rinde enthält natürliches
Aspirin. Falls dir nämlich am nächsten Morgen zufällig
der Kopf schwirren sollte, muss es ja nicht unbedingt der selbstgebraute
Met gewesen sein und du kannst dich nach ein paar Tassen Rindentee
dann viel unbeschwerter an die Verbesserung deines ganz persönlichen
Rezeptes machen.
Vorerst mal: Guten Appetit!
|