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Ilmo
Robert Von Rudloff
Hekate
In Ancient Greek Religion
1999/Horned Owl Publishing
ISBN: 0969606680 |
Über
den Autor
1986 gründete Ilmo Robert Von Rudloff gemeinsam
mit J. Bryony Lake das Forum und die dazugehörige Zeitung "Hecate's
Loom", die in Vancouver publiziert wurde. Diese jeweils zu
den großen Sabbaten erscheinende Zeitschrift sowie auch die
Plattform, sollte für Heiden eine Möglichkeit darstellen,
um ihre Gedanken und Spiritualität auszudrücken. Die Zeitschrift
wurde Anfang 1998 eingestellt.
1999 veröffentlichte der kanadische Autor das Buch "Hekate
- In Ancient Greek Religion", das aus seiner Dissertation entstand.
Der Autor Robert Von Rudloff hat sein Buch, der, wie er selbst
schreibt "wohl am meisten missverstandensten Gottheit der griechischen
Mythologie" gewidmet. Rudloff hat für dieses Werk eine
Fülle an Büchern verschiedener Autoren, alte Schriften
sowie Veröffentlichungen moderneren Datums herangezogen, um
so jeden Aspekt der Göttin genau in Betracht zu ziehen. Daraus
entstand ein zeitweise interessant zu lesendes Buch, das jedoch
an einigen Stellen Mängel aufweist.
Eine dieser Schwächen ist darin zu sehen, dass sich der Autor
scheinbar scheut, aus den von ihm zusammengetragenen Fakten auch
die richtigen Schlüsse zu ziehen. Statt dessen scheint er lieber
dem Leser die Konklusion zu überlassen und ergibt sich in Spekulationen.
"There's little evidence of
" (es gibt wenig Beweise)
oder "we only can asume
" (wir können nur vermuten)
sind einige Beispiele hierfür.
Das
Buch
Im ersten Kapitel befasst er sich mit zwei literarischen
Textstellen griechischer Dichter, in denen Hekate erwähnt wird.
So sind laut Rudloff "Theogonia" von Hesiod (aus "Works
and Days") und "Hymne für Demeter" von Homer
die beiden einzigen großen Werke der Antike, die sich auf
die Göttin beziehen.
In der "Theogonia" handelt eine ganze Textstelle nur über
Hekate, obwohl sie im übrigen Gedicht nicht vorkommt. Diese
Tatsache veranlasst den Autor zu dem Schluss, dass die Stelle nachträglich
hinzugefügt wurde. (S. 9)
Ferner meint er gerade durch den Umstand, dass die Göttin in
der übrigen antiken Literatur nur wenig erwähnt wird und
auch durch das Fehlen von eindeutig als Hekate-Kultstätten
erkennbaren Einrichtungen oder Tempeln, beispielsweise in Westgriechenland,
herausgefunden zu haben, dass der Hekate-Kult nicht so verbreitet
war, wie ursprünglich angenommen. Im Gegenteil, Rudloff ordnet
ihr eher die Rolle einer kleinen, wenn nicht unscheinbaren lokalen
Göttin zu. Aber auch hier bezieht er keine klare Stellung zu
seiner tatsächlichen Meinung.
Im zweiten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit einigen
Hekate-Kultstätten und antiken Fundstücken. Da sich die
Fundorte, beispielsweise von Hekate-Statuen sowie auch die Tempelanlagen
hauptsächlich in nicht von den Dorern besetzten Gebieten Griechenlands
befinden, schließt Rudloff daraus, dass der Hekate-Kult im
übrigen Griechenland eine untergeordnete Rolle spielte.
Tatsächlich scheinen nur zwei der ausgegrabenen Kultstätten
für die Hekate-Verehrung errichtet worden zu sein. Einer dieser
Tempel stand in der griechischen Stadt Argos. Von seiner Existenz
weiß man jedoch nur aus alten Überlieferungen, da heute
von dieser Kultstätte keine Überreste mehr vorhanden sind.
An allen anderen Heiligtümern trat die Göttin nur als
"Nebenperson" zu einem anderen Gott oder einer Göttin
in Erscheinung: In drei Fällen ist es Demeter, ein Mal Apollo
und ein anderes Mal Helios oder Hermes.
Hekate
und das Pantheon
Ein sehr interessantes Kapitel ist die Beziehung
zwischen Hekate und den anderen Göttern, wie Artemis, Apollo,
Helios, Hermes oder Kybele. Die Aufschlussreichste ist hier jene
mit Persephone und Demeter, die der Göttin den Namen "dreigestaltig"
einbrachte.
Homer erzählt in der "Hymne für Demeter" (S.
22), dass Persephone, die Tochter der Demeter, von Hades in die
Unterwelt entführt wurde. Verzweifelt wanderte die Mutter neun
Tage umher auf der Suche nach ihrem Kind. Hekate hörte die
Schreie der Persephone und ging zu Demeter, um ihr darüber
zu berichten. Die beiden Frauen wandten sich schließlich an
Helios, den Sonnengott, der daraufhin vermittelnd eingriff und Hades
die Rückgabe von Persephone befahl.
Nach Persephones Rückkehr wurde Hekate zu ihrer ständigen
Begleiterin und Beschützerin. So wurden Hekate-Statuen und
Altäre manchmal außerhalb der Tempel aufgestellt, die
Demeter und Persephone geweiht waren.
Der Abschnitt über die Beziehung der drei Göttinnen ist
sehr abwechslungsreich geschrieben. Am informativsten dürfte
wohl für den Leser in diesem Zusammenhang sein, dass Hekate
in der Antike als die junge Begleiterin der Persephone bekannt war
- wird sie doch heute immer mit der alten Weisen assoziiert (S.
67).
Eine Missinterpretation begeht Rudloff bei der Beschreibung der
Beziehung von Hekate und Artemis, die Hesiod in seiner Theogonia
als Schwestern bezeichnet. Der Autor vertieft diese Verbindung der
beiden dadurch, in dem er sich gleich auf eine ganze Reihe von Legenden
bezieht, in denen junge Mädchen entweder durch einen plötzlichen
Tod oder durch Selbstmord eine Transformation durch die Göttin
Artemis erfuhren. Sie wurden so zu ihren unsterblichen Begleiterinnen
und wurden oft in Hekate umbenannt, weil sie als Schutzpatronin
der jungen Frauen galt.
Wo Rudloff gleich eine ganze Reihe an Legenden zu sehen glaubt,
sind tatsächlich nur zwei Fälle überliefert: Nämlich
jener der Iphigenie (sie wurde von ihrem Vater Agamemnon geopfert
um Artemis zu besänftigen) und der eines unbekannten Mädchens
aus Ephesus. Interessant ist, dass er sich in seinem Buch auch nur
auf diese zwei Begebenheiten bezieht (S. 68/69).
Weiter erscheint es auch etwas seltsam, dass Rudloff die Beziehung
zwischen Hermes und Hekate nur an Hand einer Textstelle aus Hesiods
Theogonia erklären will (S.80):
"and she is good in the stables, with Hermes, to increase the
stock" (und sie ist gut im Stall zusammen mit Hermes, um den
Bestand zu vermehren). Hermes wurde zwar unter anderem mit Schafen
und Rindern assoziiert, jedoch vermutet Rudloff, Hesiod hätte
den Gott vielleicht nur in die Theogonia integriert, um die Erde
zu symbolisieren. Im weiteren Verlauf dieses Abschnitts erwähnt
er nichts mehr über die Herkunft der Beziehung zwischen Hekate
und Hermes. Statt dessen beschäftigt er sich mit den gemeinsamen
Kultstätten der beiden Gottheiten.
Damit muss man unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass die Verbindung
zwischen Hermes und Hekate hauptsächlich darin bestand, dass
beide der Erde zugeordnet sind. Meiner Meinung nach eine sehr fragwürdige
Interpretation.
Das letzte Kaptitel ist zugleich das Interessanteste: Rudloff befasst
sich hier mit den verschiedensten "Gesichtern" der Göttin:
So bietet sie als Propylaia (die vor den Toren) Schutz gegen äußere
Bedrohungen, auch gegen dämonische und magische. Daher kommt
es, dass Hekate-Statuen vor allem an den Eingängen von Häusern
gefunden wurden (S. 92).
Als Propolos (die führende Begleiterin) war sie in den antiken
Mythen vor allem für einige Götter und Göttinnen
wie Persephone oder Artemis von Bedeutung (S. 100).
Phosphoros (Lichtbringer) ist einer der geläufigsten Beinamen
für Hekate. Auf den meisten Abbildungen wird sie mit zwei oder
nur einer Fackel in der Hand gezeigt (S. 102).
Auch der Titel Kourotrophos (Hebamme) passt zu beinahe allen griechischen
Göttinnen. Mit diesem Ausdruck meinten die Griechen, dass die
Göttinnen über die Geburt eines Kindes wachten. In Hekates
Fall impliziert dieser Ausdruck eher, dass sie als Göttin für
Frauen gesehen wurde. (S. 107)
Auch der Beiname Chthonia (von der Erde) kann allen griechischen
Götter zugeordnet werden, weil er auf die Attribute Fruchtbarkeit,
Früchte, Geburt, Leben und Tod hinweist (S. 112). So hatten
laut Rudloff auch Zeus und Apollo, die eigentlich mehr dem Element
Luft zugeschrieben wurden, durchaus chthonic (also erdige) Aspekte.
Bei Hekate kamen diese Eigenschaften zu Beginn ihrer Verehrung 400
vor Christus noch nicht so sehr zur Geltung, sondern traten erst
im 5. Jahrhundert vor Christus auf.
Auch der Beiname "Göttin der Wegkreuzungen" - Enodia
(die an der Straße) - wurde erst in der späteren Literatur
verwendet (S. 114). So hatten Wegkreuzungen immer etwas mit Reinigung
oder Bannung zu tun. Hekate-Statuen waren vor allem an Kreuzungen
zu finden, von denen drei Wege abgingen. Wahrscheinlich sollte die
Skulptur die bösen Geister aus allen Richtungen abwehren.
Wenn
man dem Autor glauben darf, sind auch diese Eigenschaften hauptsächlich
dafür verantwortlich, dass die Göttin in der modernen
Zeit eine Wandlung von der Jungfrau zur weisen Alten erfuhr. Während
sie von den Griechen als junges Mädchen gesehen wurde, taucht
sie nur in der römischen Literatur ein paar Mal als alte Frau
auf.
Ihre Gestalt als dreifaltige Göttin erhielt sie wahrscheinlich
vom Bildhauer Alkmenes im 5. Jahrhundert vor Christus, als er eine
Statue der Demeter-Persephone-Hekate auf der Akropolis in Athen
meißelte (S. 118).
Wer das Buch "Hekate - In Ancient Greek Religion" zur
Hand nimmt, erhält eine in vielen Punkten interessante Lektüre
- vielleicht mit vielen neuen Erkenntnissen - und ein paar schönen
Illustrationen von Randie Feil.
Allerdings sind die Ausführungen des Autors an einigen Stellen
mit Vorsicht zu genießen. Störend erscheint nicht nur
die Tatsache, dass der Autor es verabsäumt hat, bei der Fülle
an zusammengetragenen Materialien und Nachforschungen seine Meinung
klar zu äußern. Er hat aus den von ihm gesammelten Werken
an bestimmten Stellen auch die falschen Schlüsse gezogen.
Verwirrend ist darüber hinaus, dass einige Bücher, die
Robert Von Rudloff offenbar in sein Buch integrieren wollte, in
der Bibliografie nicht enthalten sind. So verweisen beispielsweise
einige Fußnoten auf "Johnston 1991" - doch im Anhang
ist das entsprechende Werk nicht gelistet.
Persönlich gesehen finde ich es schade, dass sich Robert von
Rudloff für sein Buch, das, wie er schreibt, aus seiner Dissertation
heraus entstanden ist, nicht noch ein bisschen mehr Zeit genommen
hat. Lesenswert ist "Hekate - In Ancient Greek Religion"
auf jeden Fall - trotz einiger Vorbehalte.
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