In memoriam Madame Mim::
Moralin   Teil II

Moralin unterdrückt Zweifel und Ängste, verschafft dem Konsumenten die wohltuende Illusion beruhigender Gewissheiten und ein unerschütterliches gutes Gewissen, und das überwältigende Gefühl, immer "moralisch " im Recht, allen anderes Denkenden überlegen und stets einer der "Guten" zu sein.

Sehr viel wichtiger als "Moralpredigten" sind in der heutige Gesellschaft "Skandale"

Nicht die echte, sondern die, die z. B. von den erwähnten Boulevardmedien zu solchen erklärt werden. Ein "Skandal" in diesem Sinne ist einfach ein Verhalten, das nicht ganz der Norm entspricht, die das betreffende Medium nach außen vertritt. Auch in der Politik wird gerne skandalisiert und moralisiert. Meistens wird dabei auch kräftig geheuchelt, denn Heuchelei und Selbstgerechtigkeit gehören zum Geschäft mit der künstlich erzeugten moralischen Empörung.

Bei "Prominenten" reichen ein Seitensprung, ein unbedachtes Wort, ein Wutanfall, ein Glas zuviel oder vielleicht schon ein verrutschter BH zum "Skandal", aber auch normale Menschen sind vor Skandalisierung ihres Verhaltens in dem Moment nicht nicht mehr sicher, in dem sie in den Blickwinkel der medialen Öffentlichkeit geraten.

Auffällig ist, wie groß der Anteil solcher Skandale, die in Wirklichkeit zum normalen menschlichen Leben dazugehören, in den alten und "neuen" Medien inzwischen ist. Hauptsache, es muss nicht tiefgehend analysiert werden. Es ist ja so angenehm, wenn an der Finanzkrise ein paar "gierige Zocker" und vor allen "wir alle, die wir über unsere Verhältnisse gelebt haben" (man hört das Moralin geradezu triefen) "schuld" sind. Moralisieren statt analysieren.

Puritanische, von moralischem Druck erfüllte, Gesellschaften, in dem jeder kleine Fehler, jedes nicht normgerechtes Verhalten sanktioniert werden kann, und sei es in Form einer hämischen Schlagzeile in der "BILD", vertragen sich auch aus zwei anderen Gründen schlecht mit Demokratie und offener Gesellschaft:

In der "durchmoralisierten" Gesellschaft mit der "moralischen Wächterinstanz" der skandalfreudigen Medien (und zunehmend auch der durch Twitter und Facebook sichtbar gemachten öffentlichen Empörung in Form von "Shitstorms" - die dann gierig von den personell ausgedünnten und unter Erfolgsdruck stehenden Redaktionen der "großen Medien" aufgegriffen werden) auf die wir zutreiben, können nur die (seltenen) Tugendbolde und die besonders geschickten Heuchler und Täuscher in öffentlichen Ämtern Karriere machen. Ein Willy Brand mit seinen Bordelbesuchen und Seitensprüngen hätte es heute schwer - vielleicht hätte auch ein starker Raucher wie Helmut Schmidt keine Chance mehr, deutscher Kanzler zu werden. Es hat schon seine Gründe, dass Angela Merkel ihr Privatleben vor der Öffentlichkeit verbirgt - wohl weniger, weil sie "etwas Schlimmes" zu verbergen hätte, sondern weil schon zu viele Politiker über "Privatsachen" gestolpert sind. (Damit meine ich ausdrücklich keine plagigierten Doktorarbeiten oder "Gefälligkeiten" durch "befreundete Geschäftsleute" - , Wulff, Guttenberg usw. sind zwar auch über Medien-Skandale gestolpert, allerdings sind sie eher gescheiterte Heuchler als integre Politiker mit kleinen Fehlern.)

Es ist zu bezweifeln, ob braven und angepasste Tugendhelden auch die Besten für ein politisches Amt sind - Heuchler sind es jedenfalls nicht.

Die andere Gefahr geht von Denunzianten aus. Das Gefühl, moralisch im Recht zu sein, und die feste Überzeugung, es mit moralisch verkommenen Individuen (z. B. "Sozialschmarotzern") zu tun zu haben, beseitigt zuverlässig moralische Hemmungen zu petzen oder im Extremfall andere Menschen ans Messer zu liefern.

Die moderne technische Infrastruktur erleichtert den aufmerksame Hobbydetektiven das Handwerk. Damit meine ich nicht "das Internet" als solches, wie es neophobe Medienvertreter und Politiker so gern als moralische Bedrohung an die Wand malen, sondern z. B. die eifrigen Leserreporter, die willig und billig den Boulevardmedien zuarbeiten. Oder die Möglichkeiten zur anonymen Anzeige, die, geht es nach einigen "Medienpolitikern", sogar als "Alarmknopf" in Browser eingebaut werden sollen.

Moral ist Modedroge, nicht nur bei uns, sondern stärker noch in den USA. (Ein hochrangiger Politiker in "wilder Ehe", wie der amtierende deutsche Bundespräsident Gauk wäre in den USA wahrscheinlich nicht denkbar. Offen schwule Politiker haben dort nachweislich erhebliche Probleme - und das, obwohl Deutschland an sich in Sachen Homophobie-Bekämpfung weit hinter den USA herhinkt.)


Moral(isieren) ist in

Erstens ist Moralisieren "in", weil alte christliche, vor allem puritanische, Traditionen fortwirken - und in Zeiten der Krisen, des Wandels, gern auf "bewährte Tugenden" zurückgegriffen wird. (Es ist übrigens bemerkenswert, dass Theologen in der deutschen Politik offensichtlich als besonders moralisch integer wahrgenommen werden - allen begründeten Zweifeln an der moralische Integrität der Kirchen als Institution und vieler ihrer hohen Vertreter zum Trotz.)

Zweitens, weil das Gefühl einer allgemeinen, diffusen Angst, einer abstrakten Bedrohung, Schuldzuweisungen an "die Anderen" fördert. Moralisieren erleichtert die Schuldzuweisung, auch an Opfer, ungemein.

Drittens, weil es eine allgemeine Tendenz zur Transparenz des persönlichen Lebens gibt - bei gleichzeitiger Intransparenz der Behörden, Großunternehmen, Verbänden, politischen Parteien, kurz, der Institutionen. Vielleicht sollte man das nicht Transparenz, sondern Geheimnislosigkeit nennen, eingefordert mit der Universal-Begründung: "Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten".

Viertens, weil Analysen über die moralisierte Empörung hinaus so schwierig sind - und weil sie unangenehme Tatsachen und Zusammenhänge an Licht bringen könnten.

Fünftens, weil die Idee, dass ein moralisch einwandfreies Leben durch institutionellen Druck und durch Kontrolle und Strafe durchsetzbar sein könnte, geradezu verlockend für einen bestimmten Typ "Entscheider" in Politik und Wirtschaft ist - und sogar als Wohltat verkauft werden kann. ("Es ist nur zu Ihrem eigenen Besten.")

Als Sechsten und letzten Grund (es gibt sicher noch mehr) sehe ich, dass die Vorstellung, Gefahren möglichst vollständig ausschalten zu können und auch zu müssen, mit der Anzahl "abstrakter" oder in ihrem Ausmaß schwer einschätzbarer Gefahren zunimmt.

Typischerweise liegt die Entscheidung, ob etwas riskant ist, nicht im Ermessen des Einzelnen. Diese Entscheidung treffen staatliche oder andere institutionelle Stellen (z. B. Krankenkassen, Versicherungen) für ihn.


Martin Marheinecke


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