In memoriam Madame Mim::
Moralin   Teil I

Moralin unterdrückt Zweifel und Ängste, verschafft dem Konsumenten die wohltuende Illusion beruhigender Gewissheiten und ein unerschütterliches gutes Gewissen, und das überwältigende Gefühl, immer "moralisch " im Recht, allen anderes Denkenden überlegen und stets einer der "Guten" zu sein.

Der Beipacktext

Typische Nebenwirkungen sind Tunnelblick, Schwarz-Weiß-Sehen, wobei anders als bei der Farbenblindheit auch keine Graustufen mehr erkannt werden können, gestörte Selbstwahrnehmung, Emphatieverlust, Kritikresistenz, einhergehend mit Beratungsresistenz  und zunehmender Merkbefreitheit - und vor allem Rücksichtslosigkeit.
Die Rücksichtlosigkeit kann sich zu offener Aggressivität gegen "moralisch verkommene" Menschen ausweiten - bei bestem Gewissen des moralinabhängigen Täters.

Moralin wirkt interessanterweise bei Konsumenten, die zugleich Dealer sind, besonders stark, während zwangsweise verabreichtes Moralin nicht selten zu Abscheu, Brechreiz und Aggressivität gegenüber den Verbreitern führt.


Moralin ist im Grund genommen eine uralte Droge

Sie war schon im Altertum bekannt und wurde seit dem frühen Mittelalter vor allem in Kirchen und Klöstern gedealt. In Form der Moralinsäure wurde es von Dr. Nietzsche um 1880 isoliert, sein Versuch, eine „moralinfreie Tugend“ zu synthetisieren, darf als gescheitert betrachtet werden. In den letzten Jahrzehnten wurde Moralin in Form von Moralinsäure von sog. Busspredigern religöser und nicht-religiöser Art verbreitet - auch zwangsweise -  ansonsten nahm aber der Konsum seit der großen Moralinwelle der 1950-er Jahre deutlich ab. Auf der Straße wird Moralin mit Heuchelin und reichlich Blut und Sperma verschnitten und auf Papier verteilt gedealt. Eine weit verbreitetes Moralin- und Heuchelin-getränkten Papier ist unter dem Szene-Namen BILD (mit Großbuchstaben geschrieben) bekannt. In Österreich wird ein praktisch identischer Stoff „Krone“ genannt. Beim Moralinhandel haben die elektronischen Medien und seit einigen Jahren auch das Internet eine wachsende Bedeutung.
Seit etwa 2005 greift die Moralinabhängigkeit und - gemäß dem dem alten Szene-Spruch "wer fixt, der dealt" - der Moralinhandel auch in den bisher für resistent gehaltenen linken Kreisen um sich. Seit Beginn der Finanzkrise 2008 wurde Moralin wieder zur Massendroge.

Zur Ursache der Moralin-Welle, und zu Risiken und Nebenwirkungen des Moralin-Gebrauchs zwei aktuelle Blogartikel:

... zieh dir bitte etwas an ("twister" zum Revival des strengen Nacktheits-Tabus und dem Hang patriarchaler Gesellschaften die Oper von sexualisierter Gewalt - sofern sie, wie meistens Frauen und Kinder sind - zu ("moralisch") "Schuldigen" zu machen)
und
Die Kohl-Generation: Der Deckel auf dem Topf ("Momorulez" über den zeitgeschichtlichen Hintergrund vor dem Moralin zur Modedroge werden konnte).

Moralin ("moralinsauer") hat übrigens nur ganz entfernt etwas mit "Moral" im eigentlichen Sinne oder gar mit "Ethik" zu tun, aber sehr viel mit dem Moralisieren. Dabei geht es um subjektiven Wertvorstellungen, die  Moralisierer  / "Moralindealer" für allgemeingültig halten, und alle, die etwas sagen, schreiben oder gar tun zu wagen, was ihren subjektiven Wertvorstellungen nicht entspricht, als "sündig", "böse" oder "gefährlich", auf  jeden Fall aber als "schuldig" anprangern. (Hierzu der Aufsatz: Schuld - die Rückkehr ins Paradies von Sven Scholz.)
Letzten Ende lässt sich die Moralpredigt, vor allem in Form der Busspredigt, auf religiöse Praktiken und Traditionen zurückführen, in unserer Gesellschaft vor allem auf christliche Praktiken und Traditionen. Ein "Pionier" im Geschäft des Moralisierens war übrigens der "Kirchenlehrer" Augustinus, und Reformation und Gegenreformation, vor allem der Puritanismus, prägen das "abendländische Moralisieren" in besonderer Weise. Moralisieren, Moralprediger und sogar Puritaner gibt es bekanntlich auch im Islam.


Die 1950er in Deutschland

Ein Höhepunkt der "Moralpredigten" und der Moralpanik in (West-)Deutschland waren die 1950er Jahre. Das hing sicher mit der Schuldabwehr und Verdrängung der damals erst wenige Jahre zurückliegenden Naziverbrechen zusammen, aber auch mit den Bedrohungsängsten im "Kalten Krieg". Es ist eben einfach, sich als „Saubermann“ / „Sauberfrau“ zu profilieren, indem man dem Finger auf die Unmoral „der anderen“ zeigt und sich selbst den Anschein unerschütterlicher Moralität gibt.
Aber auch die DDR war ein Hort der "Moralpredigten" - vor allem, wenn dem "Klassenfeind" und dem "kapitalistischem Ausland" "moralische Verkommenheit" attestiert wurde. Karl Marx hätte das vermutlich "verkürzte Kapitalismuskritik" genannt und sich gruselnd abgewendet. Wahrscheinlich verlegte sich die DDR auf antikapitalistische Moralpredigten, weil eine offene und öffentliche Diskussion der politisch-ökonomischen Verhältnisse im "Westen" als Nebenergebnis auch die eigene Gesellschaft des "real existierenden Sozialismus" infrage gestellt hätte.


In Österreich geht das auch

In Österreich ist das Moralisieren eigentlich politischer und ökonomischer Sachverhalten vielleicht noch verbreiteter als in Deutschland. In der Nachkriegszeit hing das sicher auch mit dem Opfermythos zusammen – als „unschuldiges Opfer“ der bösen deutschen Nazis konnten vor allem rechte Österreicher eigene Verfehlungen, auch solche des Austrofaschismus vor der Nazi-Zeit, bequem „wegmoralisieren“. Auch heute noch, nach dem Aussterben der alten Faschisten, hat der „moralische Zeigefinger“ in der österreichischen Politik eine auffällig wichtige Rolle – vor allem auf der politischen Rechten. Damit bin ich bei einem entscheidenden Merkmal des Moralisierens (des "Moralins"), auch und gerade gegenüber echter moralischer Empörung: Verkürzte Kritik. Scheu vor Kritik der politischer Ökonomie, Scheu auch vor allen komplizierten Zusammenhängen, dafür eine Vorliebe für Schuldzuweisungen und Sündenbockdenken, statt mühsamer Suche nach Ursachen.
Die mit moralisierenden Appellen und moralisierten Schuldzuweisungen gespickten   Nahrungsmittelskandale sind ein Musterbeispiel: Den wirklichen Ursachen nachzugehen könnte ja unangenehm sein - und die "Schuld" etwa bei der "Billig-Mentalität" der Verbrauchen zu suchen, ohne zu fragen, woran es denn liegen könnte, dass die besagte Verbraucher beim Lebensmittelkauf auf den Cent sehen, riecht deutlich nach dem selbstgerechten "selber Schuld", das man von religiösen Moralpredigern kennt.


Ende Teil I


Martin Marheinecke


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