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Im Außen erkennt man/frau sie an ihren außergewöhnlichen Ketten, Arm- und Fußbändern, sowie daran, dass sie meist einen Stock bei sich tragen. Zudem fällt auf, dass einige Menschen ihnen mit einem für unsere Begriffe ungewöhnlichen Gruß begegnen. Während sie auf die Knie fallen oder zumindest eine gebückte Haltung einnehmen flüstern sie ehrfürchtig: „Thogoza Makosi“, was soviel wie „Sei gegrüßt du Große/r“ bedeutet.
Ich habe mittlerweile unglaublich viele Geschichten über die Kräfte und Fähigkeiten der Sangomas gelesen und gehört. Und ich denke, vieles davon ist nicht wahr und entspringt den unersättlichen Fantasien weißer Köpfe, die die Fremdartigkeit einer indigenen Kultur „konsumieren“ oder auch „beurteilen“ möchten.
Das Schicksal hat mich beschenkt, indem es mir die Möglichkeit gab, durch meine eigene Initiation zur Sangoma im Jahr 2005 nicht nur einen sehr realen und tiefen Einblick in die Welt der Sangomas zu erhalten, sondern auch Teil einer außergewöhnlich reichhaltigen spirituellen Kultur sein zu dürfen.
2005 ist übrigens auch das Jahr in dem der Staat Südafrika gesetzlich festlegte, dass „Sangoma“ zu den staatlich anerkannten Berufen zählt. Das Zertifikat hierfür wird vom Amt ausgestellt, nachdem der/die Litfwasa, der Sangomalehrling sich bei einer/m angesehenen Sangoma einer Kutfwasa unterzieht.
Die Kutfwasa sind eine Reihe von geheimen Ritualen, die nur jenen Menschen zugänglich sind, die in sich den „call“ den Ruf spüren, Sangoma zu werden.
Der „call“ zeigt sich oft in Träumen, oder es kommt auch sehr häufig vor, dass Menschen mit der entsprechenden Begabung im Umfeld von Meistern
in eine tiefe Trance fallen. Oftmals beginnen sie sehr alte Sprachen zu sprechen, die sie niemals bewusst erlernt hatten oder sie erinnern sich geheimer Rituale.
Manche verspüren starke Schmerzen in den Beinen und Knochen. Diese Tatsache kann dazu führen, dass diese Menschen plötzlich zusammenbrechen und nicht mehr gehen können. Im südlichen Afrika wird in diesem Fall von der Sangomakrankheit gesprochen.
Wie lange diese Lehrzeit dauert, bestimmen das Talent des Lehrlings und die prüfende Wahrnehmung der/des ausbildenden Sangomas, in erster Linie aber die Ahnen dieser beiden. Die Unterschiedlichkeit der Ausbildungslängen ist frappant. Schließen so manche Sangomas erst nach 15jähriger Lehrzeit ab, gibt es andere, die bereits nach wenigen Wochen ihr Zertifikat erhalten. In jedem Fall muss der/die Lernende vor Abschluss seiner/ihrer Kutfwasa sein/ihr Können in verschiedensten Situationen unter Beweis stellen.
Wir Sangomas stehen in ständiger Verbindung mit der geistigen Welt und unseren Ahnen. Wir „channeln“ beim Heilen. Wir lassen zu, dass sich der Körper erinnert. Dieses Erinnern hat wenig zu tun mit dem Erinnern des westlichen Menschen über den Kopf. Sangomas versetzen sich mit jeder einzelnen Zelle ihres Körpers in jene Zeiten (oder Zustände) in denen sie sich mit einer bestimmten Energie in tiefer Verbundenheit fühlten. In einem solchen Augenblick ist der ganze Körper erfasst von dieser Kraft oder von dieser Situation an die er sich erinnert. Der ganze Körper schwingt und bebt. Unaufhörlich strömen Bilder oder Töne oder Stimmen durch den Körper.
Diese Erinnerungen sind der Leitfaden des traditionellen Heilens im südlichen Afrika. Sangomas entnehmen ihr Wissen über das Heilen ihrem Unbewussten, ihren Ahnen. Ein interessanter Aspekt in diesem Zusammenhang scheint mir die Tatsache, dass es für Ahnen und Unbewusstes auf dem gesamten Kontinent in jeglicher Sprache immer nur einen Begriff gibt.
Eine gute Sangomameisterin /ein guter Sangomameister gibt der/dem Lernenden möglichst viel Raum und Platz, um auf die eigene Stimme zu hören.
Die Lernenden sollen am eigenen Körper erfahren, welche oftmals ungenutzten Kräfte im Körper schlummern, um die Selbstheilkräfte anzuregen und zu stärken. Zudem teilt der Sangomalehrer sein eigenes Wissen mit dem Lehrling. Immer in dem Rahmen, wie es die jeweiligen Ahnen zulassen. Somit darf Wissen in einem ständigen gegenseitigen Austausch wachsen und sich vermehren. Üblicherweise arbeiten Sangomas mit ihren Lehrern auch nach der Kutfwasa häufig zusammen, um dieses Wissen beständig zu vermehren und in Austausch zu bringen. Sollte ein Austausch mit den Sangomas aus anderen Kreisen erwünscht sein, erfordert dies das Einverständnis aller Beteiligten, weil das Ahnenwissen aller Beteiligten in einen größeren
Umkreis gebracht wird. Diese Regel soll vor Missbrauch und Machtansprüchen schützen.
Sangomas arbeiten mit den verschiedensten Mitteln. Sehr häufig
kennen sie sich extrem gut mit den Kräutern und Pflanzen Afrikas
aus. Viele Medikamente der modernen westlichen Medizin entstammen
in ihren Basisbestandteilen diesen „Sangomaküchen“.
(Kräuterkasten der Sangomas)
Die systemische Psychologie übernahm in der Basis für das Familienstellen die Grundsätze des Knochenorakels, welches im südlichen Afrika sehr häufig befragt wird, um Zusammenhänge mit Ahnenkonstellationen zu erfassen.
Der wohl interessanteste Aspekt ist der Umgang mit dem, was wir im Westen oftmals einfach als „hochfrequente Energie“ bezeichnen. Wer einmal erlebt hat, wie intensiv die Schwingungen der Meister auf einen unbedarften Körper wirken, verliert jeglichen Zweifel.
Sangomas werden in ihrem Umfeld oft als „Staubsauger der Nation“ bezeichnet. Ihre Aufgabe ist es Energien umzuwandeln. Niedere Frequenzen in höhere Frequenzen zu transformieren. Jede Emotion, jedes Gefühl beinhaltet eine „schwache“ und eine „starke“ Seite. So kann Angst zum Beispiel lähmend wirken, oder sie kann als enorme Antriebskraft genutzt werden, um jemand aus einer gefahrvollen Situation zu lenken. Wir beurteilen Gefühle und Emotionen danach, ob sie uns in unserer augenblicklichen Alltagswelt dienlich sind. Oder wir bewerten die Annehmlichkeit für Psyche und Körper. Unsere Seele kennt diese Art von Wertung nicht. Ihre Sichtweise ist weit und offen und beinhaltet
die Erfahrungen vieler Generationen, Inkarnationen und evolutionärer
Inhalte. Kann dieser Erlebnisreichtum miteinbezogen werden, ändert sich unser Handlungsspielraum, unsere Wahrnehmungsmöglichkeit und auch unser emotionales Befinden.
Rituale erleichtern unserem dreidimensionalen Körper oftmals
das Wahrnehmen dieser anderen Frequenz. Sie erleichtern das Wahrnehmen
der Seele. Unsere Konsumwelt dürstet so sehr nach Spiritualität,
dass bereits Gewohnheiten als Rituale bezeichnet werden. So spricht
der westliche Mensch von einem Frühstücksritual oder
vom Duschritual oder gar vom Ritual des „Shoppens“.
Ich denke oftmals darüber nach, wie dieser Wortmissbrauch
wohl auf indigene Menschen wirken mag.
Ende Teil I
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