|
Neue Sklaverei
Trotz allen (internationalen/zeitgenössischen wie historischen) abolitionistischen Versuchen, die Sklaverei abzuschaffen, scheint die heutige Lage in Bezug auf das Sklaventum zwar verändert – doch die Sklaverei ist nicht verschwunden; sie hat sich nur verändert. Heute gibt es mehr SklavInnen als während des transatlantischen Sklavenhandels im 17. und 18. Jahrhundert.1 Früher bedeutete Sklaverei der legale Besitz eines Menschen. Was heute an dessen Stelle getreten ist, ist die totale (psychische wie physische) Kontrolle eines Menschen über einen anderen - welche mit Gewalt erlangt und durchgesetzt wird. In der Praxis läuft dies auf Besitztum hinaus, lediglich ohne Legalität. Und ohne Legalität fällt auch die Verantwortung weg, die ein Teil des alten Sklaventums war.
Der Soziologe Kevin Bales (2001) nennt folgende Gründe für den momentanen Sachverhalt:
„Für die Verschiebung von der alten Sklaverei hin zur explosionsartigen Ausbreitung der neuen sind zwei Faktoren von entscheidender Bedeutung. Beim ersten handelt es sich um das dramatische Anwachsen der Weltbevölkerung nach dem zweiten Weltkrieg. [….] Das größte Bevölkerungswachstum ist in den Ländern zu verzeichnen, in denen heute Sklaverei am häufigsten anzutreffen ist. […] In Ländern, die schon vorher arm waren, übersteigt die schiere Bevölkerungszahl die verfügbaren Ressourcen. Die Menschen dort, ohne Arbeit und zunehmend verängstigt, da die natürlichen Lebensgrundlagen immer knapper werden, verzweifeln allmählich, und ein Menschenleben ist nicht mehr viel wert. Insbesondere in den Regionen, in denen die Sklaverei als fester Bestandteil der alten Kultur fortbestand, wuchs durch die Bevölkerungsexplosion das Reservoir potentieller Sklaven ungeheuer an und drückte ihren Preis. Der zweite ausschlaggebende Faktor, dass diese Länder parallel zur Bevölkerungsexplosion einem rapiden sozialen und wirtschaftlichen Wandel unterworfen waren. In zahlreichen Entwicklungsländern verhalf die Modernisierung den Eliten zu ungeheurem Reichtum und zementierte oder verschärfte die Armut der großen Mehrheit. [….]“ 2
Vorsichtig geschätzte Zahlen lassen international gerechnet mit einer Anzahl von ungefähr 200 Millionen Sklaven weltweit rechnen.3 Warum diese Zahl so gewaltig ist, lässt sich daraus erklären, dass die Sklaverei im 21. Jahrhundert viele Gesichter hat: Apartheid, Kolonialismus, Frauenhandel, Zwangsheirat, „Versandhausbräute“, „Hausangestellte“, Schuldknechtschaft, Zwangsarbeit, Ausbeutung, Menschen-/Kinder-/Frauenhandel, Zwangsprostitution (um nur einige Formen aufzuzählen).
Gegenüberstellung: 4
| Alte Sklaverei |
Neue Sklaverei |
Besitzrecht juristisch abgesichert |
Besitzrecht vermieden |
Hoher Kaufpreis |
Äußerst geringer Kaufpreis |
Niedriger Profit |
Sehr hoher Profit |
Knappheit an potentiellen Sklaven |
Überschuss an potentiellen Sklaven |
Langfristiges Besitzverhältnis |
Kurzfristiges Besitzverhältnis |
Sklaven werden behalten |
Man entledigt sich der Sklaven |
Ethnische Unterschiede wichtig |
Ethnische Unterschiede unwichtig |
Die neuen Sklavenhändler liefern alles, wonach der Markt verlangt, unabhängig von Religion/Rasse/Nationalität des/r Sklaven/Sklavin. Lieferbar ist alles, was sich der Kunde erträumt vom billigen minderjährigen Teppichknüpfer aus Pakistan; dem kubanischen Zuckerrohrschneider afroamerikanischer Abstammung bis hin zur philippinischen Jungfrau für den europäischen Sexmarkt. Diese Menschen werden strategisch, gewaltsam unter Kontrolle gebracht, physisch wie psychisch gebrochen und bis hin zu ihrer totalen Vernichtung taktisch ausgebeutet. Wenn sich die SklavInnen durch Krankheit/Unfall oder durch andere Umstände als unrentabel/oder zu kostenintensiv erweisen, werden sie schlichtweg „entsorgt“(auf die Straße geschmissen, ausgesetzt oder sogar ermordet). Man schlägt bis zum “Schluss“ aus ihnen Kapital und presst alles aus ihnen heraus, was zu Geld gemacht werden kann.
Die drei grundlegenden Formen
der neuen Sklaverei 5
1. Leibeigenschaft
Kommt der alten Sklaverei am ehesten gleich. Eine Person wird
in fortwährende Knechtschaft hineingeboren oder verkauft/eingefangen;
in diesem Fall wird die Eigentümerschaft oft abgesichert.
Die Kinder des Sklaven werden meist ebenfalls als Eigentum behandelt
und können vom Sklavenhalter verkauft werden. (Mauretanien!!)
2. Schuldknechtschaft
Ist weltweit die gebräuchlichste Form von Sklaverei. Eine
Person verpfändet sich gegen ein Darlehen; Dauer und Art des
Dienstes sind nicht festgelegt, und die geleistete Arbeit verringert
die ursprüngliche Schuld nicht. Sie kann sogar auf nachfolgende
Generationen weitergegeben werden. Ein Besitzrecht ist nicht festgeschrieben,
stattdessen unterliegt der Schuldarbeiter völlig der physischen
Kontrolle durch den Sklavenhalter. (Indien!!)
3. Vertragssklaverei
Zeigt wie die modernen Arbeitsbeziehungen ausgenutzt werden, um
die neue Sklaverei zu verschleiern. Verträge werden angeboten,
die einen Arbeitsplatz etwa in einer Werkstatt oder einer Fabrik
garantieren, doch wenn die Menschen dorthin transportiert wurden
müssen sie feststellen, dass sie sich in die Sklaverei
begeben haben. Man bedient sich des Vertrags als eines Köders,
um eine Person in die Sklaverei zu locken, aber auch, um der
Versklavung den Anschein von Legalität zu verleihen. (Südostasien,
Brasilien, Thailand!!!)
Diese drei Formen der neuen Sklaverei treten im Alltag auch in verschiedenen Mischformen untereinander auf – in dieser Aufzählung ausgenommene Formen der Sklaverei sind die Zwangsarbeit oder auch die Ritualsklaverei (Sklaverei in Zusammenhang mit religiösen Aspekten) bzw. die politische Versklavung (beispielsweise Kindersoldaten).
Ein Verweis zur Thematik des Kultsklaven:
„Die Familie des Getöteten musste noch einen ihrer Angehörigen opfern, in der Regel ein Mädchen oder eine junge Frau. Die Außerwählte wurde jedoch nicht getötet, sondern nach Alor Uno geschickt, wo sie- in früheren Zeiten- dem Dienst der Göttin geweiht war. Kultsklaven (Osu) waren für immer verdammt [...].In Alor Uno leben heute Tausende von Osu, oder genauer ihre Nachkommen. Nur ist es nicht länger möglich, sie zu zwingen, als Kultsklavinnen in der Nähe des Schreins zu leben.“ 6
Fußnoten:
1 Global View, Nr. 1/2004, Year of Abolition of Slavery, Österreichische Liga für die Vereinten Nationen und Akademisches Forum für Außenpolitik, Wien, S. 7, Barbara M. Schildknecht, Vizepräsidentin AFA
2 Kevin Bales Die neue Sklaverei, deutsche Ausgabe, München 2001, S 21, 22; Original: “Disposable People: New Slavery in the Global Economy”, University of California Press, 1999
3 Global View, Nr. 1/2004, Year of Abolition of Slavery, Österreichische Liga für die Vereinten Nationen und Akademisches Forum für Außenpolitik, Wien, S. 8, Barbara M. Schildknecht, Vizepräsidentin AFA
4 Siehe: Kevin Bales Die neue Sklaverei, deutsche Ausgabe, München 2001, S 26; Original: “Disposable People: New Slavery in the Global Economy”, University of California Press, 1999
5 vgl. Kevin Bales Die neue Sklaverei, deutsche Ausgabe, München 2001, S 31, 32; Original: “Disposable People: New Slavery in the Global Economy”, University of California Press, 1999
6 Narr Francke, “Der Kreuzzug“, Faszination des Okkulten: Diskurse zum Übersinnlichen, Hrsg. Wolfgang Müller-Funk/Christa Agnes Tuczay, S 352, Atemmpto Verlag GmbH + CO.KG, Tübingen 2008
Ende Teil II
|