|
Eine Spezialität des europäischen „Neuheidentums“ ist seine Vielfältigkeit. Doch was Segen ist, kann auch Fluch sein. Während wir dreimal monatlich daran scheitern uns zu organisieren übernehmen radikale Minoritäten die Public Diplomacy für uns.
Neu-„Heiden“ verschiedener Traditionen, Wicca, Asatru, Celtoi, Freiflieger und Andere, machen einander heutzutage mehr Probleme, als alle christlichen Kirchen, deren Sekten eingeschlossen, gemeinsam. Zwar glauben nicht alle, das Patentrezept für die Wiederbelebung unserer Kulturen zu haben, aber viele. Und viele andere glauben zu wissen, dass es bei den jeweils anderen Strömungen gar nichts wieder zu beleben sei. Oder sogar, dass selbst die jeweils eigene Gruppe auf keine nennenswerte Verbindung mit den ursprünglichen europäischen Religionen habe. Wie viele Gruppen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das „Neuheidentum“ endlich unter einem Dach zu vereinen, haben wir in den letzten Jahren kommen, scheitern und wieder gehen gesehen? Wie viele wurden von Radikalen sub-Gruppierungen übernommen und radikalisiert oder haben sich nach anfänglichem Enthusiasmus in der Bedeutungslosigkeit verloren?
Irgendwie scheint es, dass es vollkommen zwecklos ist, die verschiedenen „Heidnischen“ Religionen und Kulturen Europas irgendwie zu koordinieren. Dabei wäre es – und ich bin mitnichten die erste, die das sagt oder schreibt – so wichtig!
„Das Christentum“ gibt es nicht!
Ein Dachverband könnte wäre eine Lobby, die all jenen, die mit dem erstarkenden „Neuheidentum“ in Kontakt treten wollen einen Ansprechpartner geben. Momentan erinnert das „Neuheidentum“ eher an die Muslimische Glaubensgemeinschaften, die in Millionen Sekten zerstreut ist die nicht im Geringsten organisiert sind. Sicherlich einer der Punkte, an dem der Dialog zwischen Islam und dem Christentum vielfach gescheitert ist: „Den Islam“ gibt es nämlich nicht. Genau so wenig wie „das Neuheidentum“. Und im Übrigen genauso wenig wie „das Christentum“, „das Judentum“, „den Buddhismus“ oder „den Hinduismus“. Aber „das Christentum“ hat wenigstens mit der römisch katholischen Kirche und dem Papst eine Institution, die Ansprechpartner sein kann und eine bedeutende Zahl der Christen unter sich vereint. Und neuerdings sprechen ja durchaus auch Katholiken, Protestanten und Orthodoxe miteinander und koordinieren von Zeit zu Zeit sogar einmal, wie sie nach Außen auftreten.
Mit einer Stimme sprechen
Was mit den Weltreligionen in Sachen „mit einer Stimme sprechen“ passiert ist weiters mitnichten ein auf Religionsgemeinschaften begrenztes Phänomen. Es ist eher die logische Begleiterscheinung der Demokratie, sowie demokratisch-humanistisch beeinflusster Gesellschaften, selbst wenn sie selbst nicht aus Demokratie arbeiten. Wie viele zähe Verhandlungen braucht die UNO um sich auf eine Resolution, eine gemeinsame Darstellung, zu einigen? Oft wird es als Erfolg gewertet, dass überhaupt ein gemeinsames Statement zu Stande kommt, dessen ungeachtet, ob es das Papier, auf dem es gedruckt wird überhaupt wert ist. Und selbst dann werden Stimmen laut die „Wir haben nicht dafür gewählt!“ schreien.
Natürlich passiert in den einzelnen Staaten genau dasselbe. Selbst innerhalb der einzelnen Parteien, was in letzter Zeit immer wieder auch in den Medien über deutlich ist. Man denke hier zum Beispiel an die „Affäre Pauli“ in der CSU oder an die „Wir sind SPÖ“-Rebellion innerhalb der SPÖ nach den Wahlen 2006 in Österreich.
Public Diplomacy
Trotzdem haben wir gelernt, mit der Situation umzugehen. Großteils, indem wir sie ignorieren. Was ein einzelner Politiker des Regimes XY im Staat YZ zu CNN sagt wird zur Meinung des gesamten Landes, auch wenn es in Wirklichkeit noch nicht einmal die Meinung seiner Partei ist. Das Problem dabei ist, dass es uns „Neuheiden“ genauso ergeht. Die Medien berichten über die extremistischen Minderheiten innerhalb der „Bewegung“: Wicca, die jeden Bezug zur Realität verloren haben, Rechtsextreme Pseudoasatru oder Keltische „Druiden“ die ihrem Klientel das Geld aus der Tasche ziehen. Doch während es dort, wo es einen Dachverband (z.B. die Regierung in einem Staat) gibt, der wenigstens einen nennenswerten Anteil der Bevölkerung vertritt, eine „offizielle“ Stimme gibt, die dann eine Presseaussendung schreibt in der steht „was XY gesagt hat, ist seine persönliche Meinung und spiegelt nicht die Meinung des Staates YZ wieder!“ und mit ein Bisschen Glück bringen es die Medien sogar. Es ist nur eine sehr kleine und nachträgliche Schadensbegrenzung, aber immerhin das.
„Viva la Revolution“ im Halb-verborgenen
Manche „neuheidnische“ Gruppe da draußen wartet wahrscheinlich insgeheim auf die „neuheidnische“ Revolution, die die Christen aus Europa vertreibt und uns über Nacht wieder zu dem macht, was wir einmal waren. Andere sagen sich, dass sich sowieso niemals irgendetwas an der momentanen Situation ändern wird und unsere Kinder nun mal lernen müssen damit zu leben von ihrer „neuheidnischen“ Mutter in der Schule blamiert zu werden. Oder eben ihre Religion und Kultur im Halb-verborgenen, immer mit Angst vor dem „entdeckt werden“ betreiben zu müssen. Andere wieder haben Angst dass ein derartiger Dachverband von den Radikalen übernommen und noch mehr Schaden anrichten würde. Leider vollkommen zu Recht, denn in der Vergangenheit waren es ausgerechnet diese radikalen Gruppen, die das Wort ergriffen haben und der absolute Großteil des christlich-naturwissenschaflichen Mainstreams hat nicht den Hauch einer Ahnung wie viele vollkommen normale, gemäßigte „Neuheiden“ heute in Europa leben. Ich glaube, dass wir selbst das weitaus unterschätzen.
Das Rampenlicht übernehmen
Kein Dachverband dieser Welt kann perfekt sein und keiner ist es jemals gewesen! Die Angst, radikale Gruppierungen könnten diese Aufgabe übernehmen oder einen existenten Verband übernehmen ist nicht von der Hand zu weisen. Aber nichts desto trotz ist das keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, denn das „Neuheidentum“ ist in seiner halb-verborgenen Nische der christlich-naturwissenschaftlichen Mainstreamkultur Europas zu einer respektablen Minderheit heran gewachsen. Wir haben es nicht mehr nötig, uns dermaßen zu verstecken und der einzige Weg, radikale Gruppen aus dem Rampenlicht zu drängen, ist, es selbst zu übernehmen.
Streitereien über den „richtigen Weg“ und die „richtige Zukunft“ für uns und unsere Kinder können wir deswegen trotzdem noch weiterführen. Aber während wir das tun können wir genau so gut schon einmal ein paar erste Steine ins Fundament legen, indem wir Kontaktdatenbanken aller Strömungen schaffen, Treffen und Konferenzen organisieren (die sich wunderbar zum Austragen der so geliebten Streitereien eignen) und, zu aller erst, als liberale, gemäßigte Bürger vom Schreibtisch nebenan die Gegenstimme zu radikalen Minoritäten organisieren.
|