|
Stell dir vor, wir steigen in eine Zeitmaschine. Wir versetzen uns tausende von Jahren zurück, hinein in die einfachen Stämme der Welt. Auf einer Hügelspitze sehen wir eine Gruppe von Menschen. Sie tanzen um ein Feuer herum und singen. Dies sind die ersten uns bekannten Bilder von Ritualen. Nun, bewegen wir uns vorwärts in der Zeit, dahin wo die Menschen des semiariden Buschlandes „von Musik abhängig sind, um nahezu jede Ausformung ihres Lebens damit zu nähren“. Sie nutzen Musik in all ihren Zeremonien und Ritualen, mit denen sie Geburtstage, Hochzeiten, Initiationen und andere offizielle Anbetungen feiern. Jeder einzelne Anlass verfügt über ein maßgeschneidertes Set an Musik, ganz nach Bedarf. Jetzt, den Ozean überquerend, begeben wir uns nach Amerika. Die nordamerikanischen Ureinwohner nutzen ähnliche Rituale wie in Westafrika, welche Tanzen und Singen einbeziehen. Ein kleiner Unterschied besteht darin, dass die amerikanischen Ureinwohner Tiergeister während ihrer Rituale invozieren. Zurück in der europäischen Hemisphäre, das Europa im Mittelalter entwickelte die gregorianischen Gesänge im christlichen Gottesdienst. Einmal mehr waren diese Gesänge zur Anbetung einer Gottheit gedacht.
Das Chanten taucht in allen Zeitaltern und überall auf der Welt auf. Was ist der wichtigste Zweck des Singens in religiöser und spiritueller Verehrung? Es ist ein Mittel zur Anbetung und Verbindung mit einer Gottheit und mit Geistwesen. Es wird seit tausenden von Jahren „als ein Mittel zur Erweckung des verborgenen Selbst und zur Erreichung spirituellen Bewusstseins“ genutzt. Singen und nutzen der Musik ist eine Art, Bindungen und Gemeinschaften mit anderen aufzubauen, und es ist ein kraftvoller Weg, Energien für magische Arbeit zu erzeugen.
Skandieren hat viele Definitionen. Die Grundstruktur ist ein rhythmischer, zum Quasi-Singen aufgesetzter Text. Der Text, ausgerichtet und fokussiert auf ausgewählte Willenssätze (Affirmationen), richtet Energien darauf aus, Geistwesen, Gottheiten und Ziele zu invozieren. Wiederholungen im Gesang helfen dabei, das verborgene und höhere Selbst zu ermächtigen und einzuschwingen, um diese Ziele zu erreichen. Es verbindet Individuen in einer einzigen Einheit und bringt anvisierte Ziele zu Bewusstsein oder materialisiert sie. Singen ist eine einfache und natürliche Form körperlichen Verhaltens, um die Vibrationen zu erzeugen, die notwendig sind, um das verborgene Selbst auf höhere Energie einzustimmen und die spirituelle Bewusstheit auf bestimmte Ziele im Ritual zu lenken.
Chants in Wicca- und Heidenritualen
In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, kam die als Wicca bekannte neuheidnische Zauberei auf. Während der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte Wicca eine Auswahl an rituellen Modellen. Ein solcher Teil der Rituale war der Einsatz von Gesang, den Chants. Mit den Jahren wurden viele Gesänge für unterschiedlichste Anlässe und Zwecke komponiert. Es gibt nahezu unzählige veröffentlichte und unveröffentlichte Chants. Viele dieser Gesänge haben eine heiligen Raum erschaffen, haben die elementaren Geistwesen und Gottheiten invoziert und Zauber gefördert.
Gerald Gardner hat viele Gesänge genutzt. Zwei dieser Chants waren der Aradia-Chant und der Cernunnos-Chant. Mercury Publishing machte in den Nachdruck-Auflagen von Gardners Büchern „Witchcraft Today“ und „The Meaning of Witchcraft“ als erste Aufzeichnungen, diese Gesänge der Öffentlichkeit zugänglich. Der Zweck dieser Gesänge ist es, Göttin und Gott zu invozieren. Die Wiederholung des Textes stärkt und hebt die Energien für die Anrufung im heiligen Raum. Die Gesänge sind nicht in melodischen Tonstufen gesetzt. Der in einer poetischen und rhythmischen Form geschrieben Text brachte die Schwingungen des Unterbewusstseins nach oben zur Spitze des Energiekegels. Auch andere Gesänge wurden in Gardners Witchcrafttradition genutzt. Unter ihnen die bekannte „Witches’ Rune“ zur Ermächtigung und Erhöhung der Energien vor dem Zaubern oder der Magie.
Als die Wicca-Bewegung sich entwickelte, und neu Traditionen aufkamen, wurden innerhalb der Tradition neue Gesänge kreiert. Chants entsprechen dem Zweck nach einem Teils des Rituals. Heute veröffentlicht Starhawk’s Reclaiming Tradition ein Gesangsbuch, welches viele unterschiedliche Chants enthält, die während ihrer öffentlichen Rituale intoniert wurden. Das Buch ist in fünf Bereiche gegliedert, welche Gesänge für die Invokation von Elementarkräften, der Göttin, beider – Göttin und Gott, des Gottes, und verschiedene andere Gesänge enthalten. Mitglieder der heidnischen Gemeinschaft haben diese Gesänge komponiert. „We all Come from the Goddess“ von Z. Budapest und „Hoof and Horn“ von Ian Corrigan invozieren Göttin und Gott. Der berühmte Gesang “Air I am” gehört zum Bereich der Anrufung und Invokation von Elementarkräften. Der letzte Abschnitt des Gesangsbuches enthält verschiedene Gesänge für unterschiedliche Zwecke innerhalb eines Rituals.
Ellen Cannon Reed hat eine Sammlung von Heidenliedern und –gesängen unter dem Titel „Come and sing with me“ veröffentlicht. Reed hat nicht nur Gesänge für die Invokation einer Gottheit und zum Erschaffen eines heiligen Raumes in ihrer Sammlung, sondern auch Gesänge und Lieder, die für die Sabbate genutzt werden. Diese Gesänge wurden in ihrer Gruppe über Jahre genutzt. Die Veröffentlichung des Buches ermöglichte die Nutzung und Überlieferung für die gesamte heidnische Gemeinschaft.
Praxis der Durchführung von Chants
Chants werden in vielfältiger Weise verwendet. Eine Gruppe kann sie a cappella singen oder unter Begleitung von Instrumenten. Die einfachste Art ist im Kreis stehend und einander anschauend. Einige Chants wurden heute durch Bewegungen, Tanz oder Handgesten erweitert. Das Basiskonzept ist, dass jede dieser verschiedenen Möglichkeiten der Durchführung dabei hilft, die zur magischen Arbeit und zum Gebet notwendigen Energien zu erzeugen und zu stärken. Die Gesänge geben nicht vor, wie sie aufzuführen sind. Daher hängt die Performanz stark von den individuellen Gruppen und von der Stimmung und Atmosphäre ab, die erzeugt werden soll.
A cappella ist die einfachste Methode zu singen. Da es weder Begleitung noch einen Takt im Hintergrund gibt, hängt diese Art zu singen von den musikalischen Fähigkeiten des Einzelnen ab. Von einer Gruppe könnte es größere Fähigkeiten erfordern, aber es kann eine mächtige Methode der Performanz sein. Es kann ebenso eine hervorragende Art sein, Rituale mit Gesängen durchzuführen, wenn keine Instrumente verfügbar sind, oder wenn in mündlicher Tradition gelehrt wird. Es kann genauso eine tolle Möglichkeit sein, Energien zu jeder beliebigen Zeit aufzubringen.
Perkussions- oder Holzblasinstrument sind die populärsten und am meisten genutzten Begleitinstrumente. Trommeln sind populär, weil sie sowohl den Takt halten, als auch rhythmische Impulse geben. Dies kann auch helfen, einen guten und stabilen Rhythmus zu halten, wenn er durch einen Tanz begleitet wird. Zu den Trommeln hinzugesellte Rasseln geben eine angenehme Stimmung, während sie außerdem den Energiefluss fördern. Holzblasinstrument wie Flöten oder Blockflöten können Volumen hinzufügen und die Melodieführung unterstreichen, diejenigen unterstützen, für die der Gesang neu ist. Holzblasinstrumente können helfen, der magischen Erfahrung eine angenehme Stimmung hinzuzufügen. Andere Instrumente können in Abhängigkeit von den musikalischen Fähigkeiten derjenigen eingesetzt werden, die zur Gruppe gehören. Es gibt zahllose Arten wie man Chants begleiten kann, wenn man kreative Ideen nutzt.
Tänze, Handgesten und Bewegungen intensivieren die Energien eines Chants und fügen neue Energien hinzu. Der Ursprung, welcher mit Tänzen, Bewegungen und Instrumenten in Kombination mit Gesängen verbunden wird, ist dass „die erste ausgestreckte Hand, die nach dem Mond, den Sternen oder der Sonne greift, und der anschließende Ruf der Ehrfurcht der Menschheit erster Tanz, erstes Ritual und erstes Gebet waren“. In der Moderne, wenn wir skandieren und tanzen und mit der Erfahrung verbunden sind, dann setzen wir diesen Akt des Gebetes und des Rituals der Menschheit fort. Ein Beispiel für Bewegung wäre, dass sich die Teilnehmer im Uhrzeigersinn bewegen während sie singen. Ein einfacher Tanzschritt kann während der Bewegung genutzt werden. Das ist die Art, um unter Nutzung der Energien der Teilnehmer einen sakralen Raum zu schaffen. Der Tanzschritt, die Handhaltung und die Bewegung im Uhrzeigersinn würden helfen und Energien verstärken. Die Göttin- und Gottes-Symbole zu nutzen während die Chants bei der Invokation gesungen werden wäre ein weiteres Beispiel für Handgesten im Ritual. Die Gruppe bewegt die Hände in Göttinen-Position während die Priesterin invoziert. Dann wird der Chant gesungen während ihre Hände zum Mond zeigen, die Energien der Göttin erreichend und herunterholend. Das gleiche gilt für den Gott-Chant.
Ende Teil I
|