|
Den Grundbesitzern aus Adel und Kirche, die in ihren Privatforsten jagten und die sie auch entsprechend gestalteten – aus Hainbuchen und anderen Gehölzen schuf man lebende Heckengänge, in die man das Wild trieb, das so in die am Ende des Ganges gelegten Schlingen, Gruben und Netzte gehen musste – wurde aber im Lauf der Zeit immer klarer, dass Waldbesitz auch einen Wert an sich bedeutete und dass er deshalb zu erhalten war.
Im 14. Jahrhundert entstanden nämlich viele Städte, es wüteten die Bauernkriege, die Pest, der Dreißigjährige Krieg. Alles zusammen trug dazu bei, dass mehr und mehr Dörfer wüst fielen: entweder, weil die Dörfler der Pest zum Opfer gefallen waren, wie man früher annahm, oder weil die Aussicht auf Freiheit und Wohlstand sie in die Städte gelockt hatte: die Wüstung als frühestes Beispiel von Landflucht in Deutschland. Jedenfalls erkannten die Grundherren das Gebot der Stunde, vergrößerten ihre Forste um die Fläche der aufgelassenen Dörfer und stellten sie – nicht ganz uneigennützig - in den Dienst der Städte, die Stadtwälder und Stadtforsten dringend brauchten.
Schützt den Wald
In diesen stadtnahen Forsten wurden die ersten Waldschutzmaßnahmen eingeleitet: einige Wälder nahe Frankfurt am Main durften schon im 13. Jahrhundert nicht mehr gerodet werden. Im Jahre 1343 wurden die Bürger von Dortmund verpflichtet, Laubholz in der Nähe ihrer Stadt anzubauen. Im Jahr 1368 säte ein privater Unternehmer im Nürnberger Reichswald erstmals Kiefern und bis zum 16. Jahrhundert breitete sich das „Tannensäen“ bis nach Mecklenburg aus.
So wurden die Forsten zwar ab dem 15. und 16. Jahrhundert durch zahlreiche Forstordungen der Grundherren geschützt (seit dem Spätmittelalter wurde zum Beispiel ein Schutz der Eibe durchgesetzt), aber ihr Aussehen wurde immer mehr durch die Nutzungsinteressen der Städte bestimmt: Forsten wurden zu Nadelwäldern, während die als Niederwald genutzten Bauernwälder als Laubgehölze bestehen blieben. Dieser Gegensatz zwischen „Wald“ und „Forst“ verschärfte sich derart, dass im 19. Jahrhundert im Grimmschen Wörterbuch der „Forst“ als „Nadelwald“, der „Wald“ als „Laubwald“ Aufnahme fand.
Während des Mittelalters wuchsen die Städte nach Anzahl und Größe: ihr Holzverbrauch war exorbitant. Schneller, als die Natur den Wald hatte aufbauen können, schneller, als die prähistorischen Siedler ihn verändert und die historischen ihn hatten in Ackerland verwandeln können, fraßen ihn die Städte.
Das Erste, was man zur Errichtung einer Stadt benötigte, waren Holz und Wasser; das erste Bauwerk, das man errichtete, war die Wassermühle: deren einzige nicht aus Holz bestehenden Bauteile waren die Mühlsteine.
Und so ging das immer weiter: Man benötigte Holz für Wälle, Mauern und Stadttore, Holz für die Häuser und deren Fundamente, Holz für die Bohlen- und Bretterwege, für Brücken, Schleusen, Kais und Landungsbrücken und natürlich auch für den Schiffsbau selbst und nicht zuletzt für den Transport von Waren in der frühen Form des Containers, dem Holzfass.
In der unmittelbaren Umgebung einer Stadt stand bald kein Wald mehr. Dies war auch beabsichtigt, denn man musste schon von weitem erkennen können, wer sich der Stadt näherte: im Falle eines feindlichen Angriffs schloss man besser rechtzeitig die schweren hölzernen Stadttore, zückte die Holzbögen und Holzpfeile und vertraute auf ein freies Schussfeld. In jedem Winter mussten große Mengen Holz in die Stadt gebracht werden, damit die Häuser beheizt werden konnten, denn besonders jene Stadtbewohner, die es zu etwas gebracht hatten, die High Society der Stadt, hatten es auch im Winter gerne warm – woraus häufig zusätzliche Holzkosten entstanden, wenn ein Funke aus einer der vielen offenen Feuerstellen auf ein Haus oder gar auf die ganze Stadt übergriff: dann musste alles so schnell wie möglich gelöscht und wieder aufgebaut werden, auf Kosten der Wälder.
Doch nicht nur der Feuer-, sondern auch der mittelalterliche Glaubenseifer forderte seinen Tribut: Für den Bau der Münchner Frauenkirche, die nicht einmal einer der größten Dome des Mittelalters war, benötigte man allein über 2000 Baumstämme.
Heiliger Sankt Florian, schon unser Haus, zünd andre an
Holz wurde knapper und teurer. Also versuchte man, zu sparen: statt reiner Holzbauten errichtete man Fachwerkhäuser, Kachelöfen ersetzten das offene Feuer, Backöfen unterhielt man gemeinschaftlich am Rande der Stadt, und wo die Stadtbürger als so genannte Ackerbürger Landwirtschaft betrieben, verlagerte man die Scheunen an den Stadtrand, um ein Übergreifen von Heustockbränden oder sich entzündendem Getreide auf die Stadt zu verhindern.
Ganze Wälder gingen in den Untergrund, wenn man Städte in Richtung feuchter oder sumpfiger Niederungen erweiterte: Potsdam zum Beispiel steht, als Stadterweiterung von Berlin, nahezu komplett auf Eichenpfählen.
Da boten die Stadtwälder, die die meisten Städte schon früh von Königshäusern oder Grundbesitzern erhalten hatten, kaum einen Ausgleich. Zwar nahmen hier die Schutzbestimmungen für Wälder ihren Ausgang, aber ohne diese wären die Stadtwälder bald verschwunden gewesen. So hatte man im Nürnberger Reichswald mit der Aussaat von Kiefern begonnen – aber in einem Wald, der seinen Namen verdient hätte, hätte man niemals die Licht liebende Kiefer ausbringen können: ein Indiz dafür, dass dieser Wald nur noch als Rechtsbegriff bestand, als man mit der Aussaat begann.
So blieben in der Nähe der Städte Wälder, wenn überhaupt, nur als Niederwälder bestehen, manchmal nur als Eichenschälwälder oder Lohwälder, in denen man die Rinde von den Eichen löste, um Gerberlohe zu gewinnen. Richtete man ausnahmsweise Mittelwälder ein, wurden diese so intensiv genutzt, dass die Überhälter schief und krumm in die Höhe wuchsen. Weidebuchen und Hudeeichen standen ohne Schutz vor Wind und Wetter und so isoliert, wie im Wald natürlicher Weise niemals.
Buchenwälder gab es nur noch in stadtfernen Lagen; in Stadtnähe gab es bestenfalls nur noch Gehölze aus Eichen, Hainbuchen, Birken, Hasel- und anderen Sträuchern. Die Grenze zwischen den Buchenhochwäldern höherer Lagen und den Eichen-Hainbuchen- und Eichen- Birkenwäldern des Hügellands und der Ebene gab es also nicht nur aus klimatischen Gründen.
Die Waldzerstörung durch Städte- und Schiffsbau erfolgte gründlich. Der gewaltige Bedarf, der während des Mittelalters durch ortsfeste Siedlungen und Verstädterung eingetreten war, schien unaufhaltsam in die gleiche ökologische Katastrophe der Versteppung zu führen, die zum Ende vieler antiker Hochkulturen beigetragen hatte – und im humanistisch geprägten Abendland wusste man das.
Nachtrag
Das Gedicht, dessen vier Strophen den Artikelabsätzen vorangestellt sind, lautet vollständig:
Der Jäger Abschied
Wer hat dich, du schöner Wald,
Aufgebaut so hoch da droben?
Wohl den Meister will ich loben,
So lang noch mein Stimm erschallt.
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!
Tief die Welt verworren schallt,
Oben einsam Rehe grasen,
Und wir ziehen fort und blasen,
Dass es tausendfach verhallt:
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!
Banner, der so kühle wallt!
Unter deinen grünen Wogen
Hast du treu uns auferzogen,
Frommer Sagen Aufenthalt!
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!
Was wir still gelobt im Wald,
Wollens draußen ehrlich halten,
Ewig bleiben treu die Alten:
Deutsch Panier, das rauschend wallt,
Lebe wohl,
Schirm dich Gott, du schöner Wald!
(Joseph Freiherr von Eichendorff, 1788 – 1857)
Literatur:
Hansjörg Küster, Geschichte des Waldes, Von der Urzeit bis zur Gegenwart, Verlag C.H. Beck, München 1998
Albrecht Lehmann / Klaus Schriewer (Hg.), Der Wald – ein deutscher Mythos?, Dietrich Reimer Verlag, Berlin, Hamburg 2000
Gerhard Schulz, Romantik, Geschichte und Begriff, Beck’sche Reihe, München 1996
|