In memoriam Madame Mim::
Wer hat dich, du deutscher Wald?   Teil III
Frage an einen Mythos - Ja, wer hat ihn nun aufgebaut, so hoch da droben, den schönen Wald, wie es im Originaltext von Joseph von Eichendorffs Lied „Der Jäger Abschied“ so wehmütig-rhetorisch heißt?

In der Endphase der römischen Zivilisation in Mittel- und Westeuropa gab es also eine Trennung zwischen Stadt und Land, Kultur und Natur, Zivilisation und Barbarei, wie man sie zuvor in Germanien nicht gekannt hatte. Eindeutig – und anders als in Eichendorffs Lied – fiel die Bewertung zu Gunsten der Zivilisation, der Kultur und der Stadt aus und zu Gunsten einer klaren Trennung dieser von der (barbarischen) Natur, also besonders vom Wald, der nur als potenzielles Kolonialisierungsland und als Rohstofflieferant betrachtet wurde.


Nach dem römischen Reich

Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches und in der Völkerwanderungszeit nahm die Zivilisation zu Gunsten der prähistorischen Siedelweise wieder ab; mit dem Mittelalter begann, von Frankreich ausgehend, die Rezivilisierung. Dabei wurden aber, entgegen einer weit verbreiteten Annahme, nicht die vom Menschen verlassenen Wälder durch Rodung wieder urbar gemacht; vielmehr wurde der Rückfall in die nicht ortsfeste, prähistorische Siedelweise während der Völkerwanderungen durch die Gründung der ersten, ortsfesten mittelalterlichen Dörfer nach und nach beendet.
Weltliche und geistliche Grundherren wurden – meist im Auftrag des Königs – zu Eckpfeilern politischer, ökonomischer und geistlicher Stabilität in einer Wildnis, die man säuberlich von der Kulturlandschaft separiert zu halten wünschte: Im Jahre 795 n.Chr. bestimmte Karl der Große im Capitulare villis, dass die Grundherrschaft zu verhindern habe, dass sich wieder, wie früher, Wald auf ehemaligem Ackerland ausbreite.
In den Dörfern und ihren Fluren gab es nun ortsfesten privaten Grundbesitz, und dieser Innenbereich der Kernflur war von einem Außenbereich des Waldes umgeben, der gewöhnlich Allgemeinbesitz war. Der Wald wurde zum unkolonisierten, wilden Außenbereich jeder Flur, zu einer bedrohlichen Wildnis, einer Gegenwelt nicht nur im abstrakten Sinn.

Im Wald, so überliefern Märchen und Sagen, leben wilde Tiere, Bären und Wölfe, aber die wilden Tiere sind früher seltener in den Wäldern Mitteleuropas vorgekommen als später in Grimms Märchen: über Wolfsjagden zum Beispiel führte man Buch, sie fanden selten statt, nicht einmal eine in jedem Jahr. Die „wilden Tiere“ erscheinen eher als Metaphern für etwas, das den nun zivilisierten, (grund-)besitzenden, ortsansässigen Menschen aus der Wildnis bedrohte: man fürchtete sich ja auf einmal auch vor anderen „Wilden“, vor Zauberern, Hexen, Zwergen, Riesen, Räubern und der sagenhaften „Wilden Jagd“.
Diese Angst vor dem Wilden im Walde entstand möglicherweise aus der Begegnung der relativ jungen Zivilisation mit den nach alter Weise noch „unzivilisiert“ lebenden Zeitgenossen, die sich der Kolonisation widersetzten und in einen Staat nicht integrieren ließen.

Die sesshafte, ländliche Bevölkerung aber rückte gegen den Wald – ihre Gegenwelt – vor: im ortsnahen Bereich schlug man Holz zum Brennen und Bauen, und zwar schneller, als die Bäume wuchsen. So schlug man sie wieder, wenn sie kaum Armdicke erreicht hatten, und die Pflanzen bildeten erneut Stockausschläge, die wieder „geerntet“ wurden: neben, oder vom Dorf aus gesehen vor dem ursprünglichen Hochwald - dem „Wald, so hoch da droben“ - entstand nun der Niederwald mit seinen eher buschähnlichen Bäumen. Da nicht alle Bäume die intensive Niederwaldnutzung überlebten, fand (und findet) man in den Niederwäldern Hainbuche, Hasel und Birke, Ulme, Linde und Eibe, während die ohnehin auf dem Rückzug befindlichen Buchen eingehen, wenn man ihre Stämme wiederholt abschlägt.
In den Niederwäldern gewann man auch das Laubheu, das man, wie seit vorgeschichtlicher Zeit, als Winterfutter in die Ställe brachte. Das Vieh wurde von den Dörfern aus zur Weide in den Wald getrieben, und es entstanden die bewaldeten Weideflächen, die Hut- oder Hutewälder, in denen die Bäume es ebenfalls schwer hatten, in die Höhe zu wachsen, denn ihre jungen Triebe wurden immer wieder vom Vieh verbissen. Schaffte es ein Baum, so hoch zu wachsen, dass die Zungen von Kühen und Schafen seine Spitze nicht mehr erreichen konnten, so wurden ihm die seitlichen Blätter abgezupft, aber zumindest konnte nun aus dem Trieb ein Baum werden, dem man allerdings an seinem verwachsenen, narbigen Stamm zeitlebens ansah, dass das Vieh an ihm geknabbert hatte.

In den Hudewäldern breiteten sich nur die Pflanzen ungehindert aus, die vom Vieh als Nahrung verschmäht wurden, weil sie Dornen oder Stacheln hatten, Nadeln oder ledrige Blätter, oder weil sie bitter schmeckten: Wachholder, Silberdistel, Stechpalme, Kiefer, Heidekraut und Ginster. Zu schlechter Letzt wurde aus dem Hudewald eine offene Heide.
In den dorfnahen Wäldern schonte man nur die Bäume, die einen besonderen Wert hatten, vor allen Dingen die Eichen, deren Früchte man als Eichelmast von den Bäumen schlug, unter die man im Herbst die Schweine trieb. Einerseits verhinderte man durch das Verfüttern der vielen Eicheln natürlich das Aufkommen eines neuen Eichenwalds; andererseits schufen die bodendurchwühlenden Schweine ideale Bedingungen für das Aufwachsen der Bäume aus den wenigen Eicheln, die sie übersehen hatten. Diese wuchsen, da sie genügend Raum dafür hatten, zu riesigen Hudeeichen heran, entwickelten ein weit ausladendes Geäst und standen auf lange genutzten Heiden und Niederwäldern, wo man sie als Überhälter über dem Hasel- Weiden- und Hainbuchengesträuch stehen ließ. So entstanden aus den Niederwäldern die Mittelwälder, aus denen man nur dann Eichen schlug, wenn man Holz zum Hausbau brauchte.
Aus den Zweigen und dem Laub von Ulmen, Linden und Eschen gewann man dem Vieh Winterfutter, zu welchem Zweck man laubtragende Äste immer wieder abschnitt, „schneitelte“. Die Bäume entwickelten so eine kopfartige Krone, die nach einiger Zeit aussah wie die Krone einer Kopfweide: sehr groß wurden die an den Wegrändern stehenden Ulmen, Linden und Eschen nicht.

Mittelalterliche Dörfer hatten die Wildnis gleichsam von sich weg geschoben: sie lagen in einem inneren Kreis der Markung mit Äckern, Wiesen und Gärten; dieser lag seinerseits im Kreis der vom Dorf erschaffenen und intensiv genutzten Nieder- Mittel- und Hutwälder und weit von der Siedlung entfernt schloss sich der Kreis der „richtigen“ Wälder in denen, wenigstens nach Eichendorffs Vorstellung, „einsam Rehe grasen“.
Es muss etwas daran gewesen sein an dieser Vorstellung, denn die Rehe finden wir in einem alten Jägerlied wieder: Ich schieß den Hirsch im wilden Forst heißt es da, im tiefen Wald das Reh – wie Eichendorff also ordnet das Volkslied das Reh dem wilden Wald zu, was ein bisschen befremdlich wäre, machte uns das Lied nicht noch auf eine andere Zweiteilung der mittelalterlichen Welt aufmerksam: neben „Wildnis“ und „Zivilisation“ gab es die Teilung in Adel und Bauern, Privatbesitz und Allgemeinbesitz, Wald und Forst: der Wald war Allmende, also Gemeinbesitz der Bauern oder, sofern es den Hochwald betraf, niemandes Besitz; der Forst war Eigentum und Jagdwald des Adels und der Kirchenfürsten, weswegen es nun niemanden mehr wundern sollte, dass sich der edle Hirsch im adligen Forst (an-) treffen ließ, das mindere Reh eher im gemeinen Wald.


Ende Teil III


Rivka


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