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Doch was ich an den Leuten um mich herum beobachte und empfinde,
ist ein zunehmendes Gefühl von Zynismus, Hilflosigkeit, und
eine Mischung von Angst und Gleichgültigkeit. Sie werden dessen,
was sie in den Nachrichten hören, müde, und sie haben
nur soundsoviel Zeit und Energie, es aufzunehmen. Fast jeder fühlt
Stress,Überlastung und Machtlosigkeit. Daher konzentriert
man sich mehr und mehr auf das Persönliche und darauf, ein
abgeschirmtes Leben zu führen, und auf den geflissentlichen
Versuch, auszublenden, was verstörend ist … während
man damit weitermacht, neue Autos zu kaufen, zu shoppen und einen
Teil des
amerikanischen Traums zu leben. Sie recyceln ihre Zeitungen, ihre
Aluminiumdosen und Glasflaschen und Joghurtbehälter aus Plastik,
tun gerade genug, um das Konsumentengewissen zu erleichtern. Sie
installieren Sicherheitssysteme, um ihre Häuser zu schützen
(und in weniger wohlhabenden Vierteln bringen sie Eisenstäbe
an den Fenstern an, damit niemand einbrechen kann).
„Militärische Macht
ist der einzige starke Aktivposten, der Amerika übrig geblieben
ist“
las ich kürzlich
irgendwo.
Amerika befindet sich auf einer Gratwanderung. Alles kann
in jedem Augenblick explodieren. Viele sind sich bewusst, dass
sie
sich unterdrückt fühlen, aber diese Gefühle können
zu Gunsten positiverer Emotionen bei Seite geschoben werden. Da
gibt es die unmittelbaren Stossdämpfer durch Freunde und persönliche
Interessen. „Das Leben geht weiter“… trotz allem,
was auf der politischen, der kulturellen und jeder anderen Ebene
vor sich geht. Und es wird so lange weitergehen, bis die Grenze
der Belastbarkeit erreicht ist. Doch niemand will wahrnehmen, dass
diese Grenze der Belastbarkeit schon bald erreicht sein oder das
persönliche Leben durcheinander gebracht werden könnte.
Die Tatsache, dass alle unsere Kriege „da drüben“ eher
als hier ausgefochten werden, lässt alle unsere Kriege irreal
erscheinen und unsere unmittelbare Umgebung realer.
Dies ist die psychologische
Dynamik, die hier wirksam ist. Ich fühle die Unterströmungen, wo immer ich hingehe. Und
die, die das Land kontrollieren stellen sicher, dass wir mehr als
genug Ablenkung und Unterhaltung haben. Es steht uns frei, uns
zu beklagen, frei zu protestieren (innerhalb von Grenzen), frei
zu wählen. Doch Amerika dreht sich weiter um Geld und Spaßhaben.
Auf den ersten Blick sieht alles nicht so schlimm aus, wenigstens
nicht hier. Gerade jetzt ist es beinah Sommer und das Wetter ist
herrlich. Es gibt Straßenfeste, und Bauernmärkte bieten
Produkte aus ökologischem Landbau zum Verkauf, man kann gute
Filme sehen, in Cafes herumhängen und so weiter. Ich gehe
selbst zu den Bauernmärkten, ich gehe zu guten Filmen, ich
sitze in Cafes und arbeite an meinem Schreiben …
Das Leben geht weiter, obwohl es mehr und mehr gewalttätige
Zwischenfälle um uns herum gibt und die Leute ängstlicher
und ängstlicher werden, weniger und weniger offen und vertrauensvoll.
Hier in Seattle passieren Schießereien nicht selten, (obwohl
anscheinend in plötzlichen, kurzen Ausbrüchen), in Einkaufszentren,
auf Schulhöfen, in Ladengeschäften und Restaurants. (Dies
ist ein wachsender Trend in den USA, nicht nur in Seattle.) Nicht
weit von mir, gerade die Strasse herunter, in eben jener sich am
See entlang erstreckenden Gegend, wo sie die Bäume und Häuser
abreißen, gab es vor ein paar Jahren eine Schießerei,
in der mehrere Menschen getötet wurden. Ein wütender
Mann ging in ein Bürogebäude, in dem er einmal gearbeitet
hatte und fing an zu schießen, dann floh er. Praktisch unser
ganzer Bezirk wurde stillgelegt, als die Polizei das Gebiet nach
dem geflohenen Schützen durchkämmte. Uns wurde gesagt,
wir sollten die Türen schließen und nicht nach draußen
gehen. In den Lokalnachrichten sah ich das Hausdach und den Garten
meines eigenen Hauses (Hubschrauber flogen dicht über alle
Häuser meiner Nachbarschaft bis weit in die Nacht hinein und
filmten, während sie kreisten).
Wo kann Amerika hingehen, jetzt, da schon so viel zerstört
worden ist (Natur, Gebäude, die Verfassung, die Länder,
in die wir eingedrungen sind). Wo kann Amerika hingehen, wenn eine
wirkliche Grundlage niemals existierte. Wo kann Amerika hingehen,
wenn es so viel Schuld gibt. Wo kann Amerika hingehen, wenn die
Kultur selbst vom Militär gekidnappt wurde. Wo kann Amerika
hingehen, wenn die Ideale von Freiheit und Demokratie niemals wirklich
gewesen sind.
Ich fühle mich zerrissen zwischen der Radikalen, die ich
im Herzen bin und dem Wunsch, mich selbst vor Ungerechtigkeit zu
schützen. Ich fühle, dass ich nur zu leicht die Grenzlinien überschreiten
könnte. Ich kann mich von dieser Gesellschaft nicht vollständig
absondern, obwohl ich mich dem Mainstream-Amerika immer entfremdet
gefühlt habe.
Neulich sprach ich mit einer 19-jährigen Frau, einer Studentin
der Universität Washington, und ich war überwältigt
von einem Gefühl von Traurigkeit. Ich dachte: wie kann das
Leben in diesen trockenen und paranoiden Zeiten sie wohl begeistern.
Ich begriff, wie unterschiedlich wir waren wegen der verschiedenen
Zeiten, in denen wir aufwuchsen: sie in der ersten Hälfte
des 21. Jahrhunderts, ich in der interessanten Wildheit der 60er.
Die
60er waren eine Zeit der Dringlichkeit und Erforschung und des
Protests und der Neugier. Jetzt scheint es, als sei Amerika
in einer Sackgasse gelandet, an einem bedeutenden Wendepunkt angekommen… aber
anstatt sich dem zu stellen, ziehen wir uns in unsere separierten
Leben zurück und hoffen, dass der schlechte Traum vorübergehen
wird.
Das ist es, was in Amerika passiert. Ich weiß nicht, was
aus diesem Land werden wird, jedoch es scheint, es ist selbstzerstörerisch
und befindet sich auf seinem letzten Zug durch die Gemeinde, vor
dem Fall.
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