Das
Böse in der Religion der Yoruba
"Ohne das Schlechte gibt es das Gute nicht", lautet (sinngemäß)
ein Sprichwort im odù Okana-Sodde der Diloggun in der Lukumí-Tradition.
Dieses Sprichwort ist ein Hinweis auf die Relativität des Bösen oder
Schlechten in dem Weltbild der Yoruba-Religion. Allgemein gilt erstens, daß etwas,
das für den Einen schlecht ist, für jemand Anderen gar nicht so schlecht
sein muß; zweitens, daß ein Unglück auf einer höheren Ebene
durchaus segensreich sein kann, auch wenn dies dem Menschen nicht unmittelbar
einsichtig ist; drittens daß unsere menschlichen Wertmaßstäbe
im Spiel kosmischer Mächte nicht von Belang sind; und viertens, daß das
Gute nur wahrgenommen werden kann, wenn man das Schlechte kennt. Es widerspräche
der Idee von einem kosmischen Gleichgewicht, nur das Böse oder nur das Gute
in der Welt zu wähnen. Dieses Gleichgewicht manifestiert sich in dem Orisha
Eshú.
Der Untertitel des Buches Echu-Elegguá von Adrián de Souza Hernández
drückt diese Vorstellung aus: "Das dynamische Gleichgewicht der Existenz".
Das kosmische Gleichgewicht, welches sich unserer menschlichen Betrachtung weitgehend
entzieht, wird in seiner Veränderlichkeit von Eshú fortlaufend wiederhergestellt.
Eshú arbeitet wie ein universelles Selbststeuerungsmodul, das empfindlich
auf geringste Gleichgewichtsschwankungen reagiert. Daß sich in diesem kybernetischen
Prozeß auch Vorfälle ereignen, die dem Menschen unverständlich,
unangenehm oder schmerzlich vorkommen, ist aus höherer Sicht nur von geringer
Bedeutung.
Eshú ist in frühen Übersetzungen oft mit dem (christlichen)
Teufel oder Satan identifiziert worden. Diese Vorstellung ist fälschlicherweise
entstanden, wohl weil der Mensch dazu neigt, Unberechenbarkeit als für ihn
potenziell gefährlich und daher böse zu werten. Eshú ist beides,
gut und böse. Beides war im urzeitlichen Chaos undifferenziert vorhanden
und bildete das kosmische Dunkel, welches der Aufenthaltsraum Eshús war.
Und erst als sich das aché konzentrierte und als Olódùmarè manifestierte,
als Licht in das Dunkel kam und sich zu expandieren begann, und als Èlà als
ordnende, positive und konstruktive Kraft in der Welt wirksam wurde 24), ergab
sich eine Polarisierung, in der für Eshú nur das unkalkulierbare,
chaotische Element übrigblieb.25)
Die Ajogún [wörtlich: "Krieger", nicht zu
verwechseln mit den tres guerreros (Ibora)] stehen als eine Armee
von Widersachern Eshú zur Verfügung, um allzu selbstsichere
und überhebliche Erdenwesen auszubremsen, ihren Pfad zu blockieren,
sie zum Halten oder gar zum Scheitern zu bringen. Zu ihnen gehören
Ikú (Tod), Àrùn (Krankheit), Òfò (Verlust,
Schwund), Égbà (Lähmung), Èse (Sorgen,
Beschwerden, Gebrechen), Oran (schwere Probleme), Epe (Verwünschung,
Fluch), Ewon (Gefangenschaft), Omìmì (Erdbeben) und
viele mehr. Die Ajogún sind keine Orishas oder Irunmole,
sondern gehören zu den Igbamole, den 200 "linken Imale" oder
Dämonen.26)
Olósi (Alósi, Alúsi, Elési) entspricht
am ehesten der christlichen Vorstellung vom Teufel, weil er als "gefallener
Engel" dargestellt wird, der von der Seite Olódùmarès
verstoßen wurde. In einigen Quellen gilt er als ein (Aspekt
von) Eshú.27) Im odù-Ifá Ejiogbe der Lukumí-Tradition
erhält er mephistophelische Züge, als er einen Omobatala
28), der sich der schwarzen Magie hingibt, zu seinem Sklaven macht.
Doch diese diabolische Entität verliert sich dermaßen
in der Menge der yorubischen Gottheiten, daß ein Vergleich
mit dem Teufel im zoroastrischen Dualismus der christlichen Kirche
nicht zutreffend erscheint.
Elénìní, übersetzt mit "Widerstand" oder "Hindernis",
sind jene selbsterzeugten Dämonen, die den Menschen an seiner
Selbstverwirklichung, seinem Glück, seinem Erfolg und seiner
Erfüllung hindern. Diese "Dämonen" sind zum
Beispiel selbstzerstörerische Angewohnheiten, zwanghaftes
Suchtverhalten, Neurosen, Furchtsamkeit oder auch Wut und Haß,
mangelndes Selbstwertgefühl oder Selbstvertrauen. Diese (vielen
Menschen allzu vertrauten) "Geister" versetzen den Menschen
in einen scheinbar ausweglosen Zustand der (Selbst-)Verhexung,
verbauen den Weg zu spirituellem Wachstum und verderben jede Möglichkeit,
seiner Bestimmung gemäß zu leben und zu handeln. 29)
Omo-Arayé sind - wörtlich übersetzt - die "Kinder
von Erdenwesen", also menschliche Geschöpfe. Gemeint
sind Menschen, die böswillig sind und die Macht und den Vorsatz
haben, anderen Menschen oder ihrer Umwelt Schaden zuzufügen.30)
Ìyámi und Àjé (Eléye) gehören
mit Sicherheit nicht in die Kategorie des "Bösen",
obwohl in Ifá-Quellen die unheilvollen, schädlichen
Kräfte dieser - weiblichen - Wesen oft einseitig hervorgehoben
werden. Während das Wort Àjé meist mit "Hexe(n)" übersetzt
wird und Eléye soviel wie "Herrin der Vögel" bedeutet,
weist der Name Ìyámi - "Meine Mutter" -
auf den wahren Hintergrund dieser Wesen hin.31) Der Umstand, daß Frauen
aufgrund ihrer Fähigkeit, zu empfangen und Kinder zu bekommen,
oder aber aufgrund ihrer Menstruation, magische und potenziell
gefährliche Kräfte zugedacht werden, hat auch in der
abendländischen Geschichte eine lange Tradition und verdient
zweifellos eine umfassendere und differenziertere Erörterung,
als es an dieser Stelle möglich ist. Die Ìyámi
oder Àjé werden durch verübte Missetaten oder
Blutvergießen angezogen und provoziert, das gestörte
ethische Gleichgewicht wiederherzustellen und zu sühnen. Sie
bedienen sich dabei gerne der Tiergestalt, insbesondere der von
Vögeln und Fledermäusen 32), und pflegen sich des Nachts
auf der Brust ihrer Opfer niederzulassen, an ihren Eingeweiden
zu fressen und ihnen die Lebenskraft auszusaugen, sie unfruchtbar
oder impotent zu machen.
Dem Kult der Ìyámi und der Huldigung der "Frauen-Kraft" ist
in Afrika der Gèlèdè-Bund gewidmet. In diesem Kult haben
die weiblichen Orishas Yemoja (Yemayá) und Òsun (Ochún)eine
tragende Bedeutung.33)
Zu den übrigen Orishas läßt sich sagen, daß sie
alle über Charakterzüge und Kräfte verfügen,
die der Mensch entweder als gut oder als böse werten würde,
was wie schon gesagt auf höherer Ebene von keinerlei Belang
ist. Wenn Ogún die schwächere Spezies der stärkeren
unterliegen läßt, so ist dies im Kontext menschlicher
Zivilisation zweifellos negativ zu bewerten, und das ist auch richtig
so; auf kosmologischer Ebene jedoch ist das evolutionäre Prinzip
in erster Linie ein Fakt, in zweiter Linie sogar eine gutzuheißende
Notwendigkeit. Die Erkrankung an AIDS - ein Akt von Babalú Ayé -
ist unfraglich um jeden Preis zu vermeiden; doch auf höherer
Ebene beinhaltet die Infektion einen transformativen Aspekt, die
Chance zur spirituellen Reifung. Es gibt keine "guten Orishas" oder "bösen
Orishas".
Anmerkungen
1) Beide Sprüche entstammen je einem Orakelzeichen (odù)
von Ifá, der erste dem Zeichen Oyeku-Ogbe, der zweite Obara-Meji.
2) Was dabei an dem monotheistischen
Bekenntnis zu Olódùmarè zweifeln
läßt, ist der Umstand, daß das urzeitliche Dunkel,
welches von ihm partiell erleuchtet wurde, der Aufenthaltsbereich
der Gottheit Èsù (Eshú, Echu, Exu) ist; ferner,
daß Olódùmarè die Erde "schwängerte" und
bewohnbar machte, welche von der Gottheit Onilé verkörpert
wird; schließlich, daß die Erde zu Beginn der Schöpfung
von den Wassern des Ozeans bedeckt war, die von Olóòkun
regiert werden, bis sie von dem von Olódùmarè zur
Weltschöpfung beauftragten Obàtálá zurückgedrängt
wurden, indem er Olóòkun auf dem Grund des Ozeans
festkettete. Und was ist mit Oro Ainá, dem grimmen Feuer
des Erdkerns? Selbst wenn man konzediert, daß Obàtálá als
Orìsànlá (der "große Orisha")
als Sohn Olódùmarès zu betrachten ist, und
die Orakelgottheit Òrunmìlà als Sohn von Obàtálá gilt,
dann bleiben neben Olódùmarè mindestens noch Èsù,
Onilé und Olóòkun, die ihm gleichzuordnen
wären. Peter Morton Williams schreibt in An Outline of the
Cosmology and Cult Organization of the Oyo Yoruba (in: Africa XXXIV,
1964, S. 245): "The Earth is the domain of the goddess Onile,
Earth-Owner, who is sometimes simply called Ile, i.e. Earth personified.
She is conceptually the counterpart of the Sky God (Olórun,
Anm. TA), since Earth and Sky are coeval; and she is asserted by
those Yoruba who worship her to have existed before the other gods,
the orisa. ..."
Kólá Abímbolá bemerkt in seinem Artikel
Spirituality and Applied Ethics: An African Perspective, West Africa
Review (2001), ISSN: 1525-4488: "Although Obàtálá,
just as the other gods, is lesser than Olódùmarè,
it is quite clear from Ifá poems that three divinities have
aleays coexisted with Olódùmarè. These are
Obàtálá, Ifá, and Èsù." Abímbolá führt
die monotheistische Theorie auf einen christlichen Einfluß zurück.
Die von den Yoruba überlieferte Mythologie erweist sich übrigens
in mehr als diesem einen Fall als inkohärent. Insbesondere
der Weltschöpfungsmythos ist zu interpretationsbedürftig,
als daß er als logische Argumentationsgrundlage in Betracht
käme.
Der Name Olórun bedeutet übersetzt "Himmelsherr" oder "Eigner
des Himmels", wird auf Cuba aber oft mit der Sonne gleichgesetzt. Olófi
oder Olófin bedeutet dasselbe wie aláfin, nämlich "Schloßherr" oder "Palastinhaber",
also Herrscher oder König.
3) Die afroamerikanischen Religionen
haben gewisse Gemeinsamkeiten mit den antiken Mysterienkulten,
in denen ja auch - fernab der
etablierten Staatsreligion - echte Gotteserfahrungen gemacht wurden.
Auch jene pflegten Geheimhaltung der Riten, führten Initiationen
durch, erzeugten Trance-Zustände.
4) Horst E. Miers: Lexikon des
Geheimwissens, Freiburg 1986, S. 291: "Während der
Magier die Gottheit sozusagen herunterholt, erhebt sich der Mystiker
zur Gottheit hin, und der Adept macht
sich selbst zur Gottheit, indem er ihrem Ideal nachstrebt."
5) Kurt Aram: Magie und Zauberei
in der Alten Welt, Wiesbaden 1998, S. 10: "Das magische Weltbild findet sich bei allen "Natursichtigen",
das mystische bei allen Religiösen und das mechanische bei
allen Rationalisten. Bei den "Natursichtigen" herrscht
die Beschwörung, bei den Religiösen die Versenkung (Meditation),
bei den Rationalisten die Beobachtung. ... Der erste glaubt an
Geister, der zweite an Gott, der dritte an das Gehirn. ... Das
magische Weltbild belebt den ganzen Kosmos, das mystische beseelt,
das mechanische konstruiert ihn." Aram definiert Magie als "Natursichtigkeit",
ein "natürliches Schauungsvermögen", und seine
Kräfte (S. 71).
6) Joseph M. Murphy: Santeria. African Spirits in America, Boston
1993, S. 8-20.
7) Die Begriffe Égún (eégún) und Egúngún
sind synonym für die (Geister der verstorbenen) Vorfahren
(lt. Michael Marcuzzi, pers. Korrespondenz, Nov. 2004). Mitunter
bezeichnet Egúngún aber auch die Gottheit der verstorbenen
Vorfahren (Fasina Falade: Ifá, The Keys to it's Understanding,
2002, S. 506) sowie ihren (afrikanischen) Kult. Egúngún
heißen auch die Maskentänzer, die die kollektive Gottheit
der Geister der Vorfahren verkörpern. Die Egúngún
bilden in Afrika eine Geheimgesellschaft (nur aus Männern
bestehend), aus der sich diese Tänzer rekrutieren. Allerdings
stellen die Égúngún-Tänzer die Égún
nicht nur dar, sie sind die Égún (ähnlich wie
auch eine von einem Orisha besessene Person identisch mit demselben
ist). Die historische Entstehung des Kultes findet ihren mythologischen
Niederschlag u.a. in der Geburt von Egúngún, dem
neunten Sohn von Oyá (einem weiblichen Orisha!), dessen
Gesicht von Ameisen zerfressen wurde, der daher eine Maske trug
und später ein berühmter Maskentänzer wurde (im
odù-Ifá Okanran-Ogunda, nach persönlicher Auskunft
von Michael Marcuzzi). Siehe auch John Mason: Four New World Yoruba
Rituals (1993), S. 28ff und Judith Gleason: Oya. In Praise of an
African Goddess, 1992, S. 69-150, sowie ihren Artikel Egungun,
The Return of the Ancestor in Masquerade Form Among the Yoruba.
Die 9 ist die mystische Zahl von Oyá, die daher auch - und
zwar vorwiegend im brasilianischen Candomblé - Yansa ("Mutter
der Neun") genannt wird. Bemerkenswerterweise heißt
auf Cuba ein toque batá für Oyá "Oyá bí'kú" ("Oyá gebar
den Tod").
Auf Cuba und in der gesamten Neuen Welt ist Totenkult der Egúngún-Maskentänzer
nicht mehr anzutreffen. Er wurde später (nach den Angaben von George Brandon
in The Dead Sell Memories, 1993, S. 86) etwa zwischen 1856 und 1870) zum Teil
durch den Kardec'schen Spiritismus ersetzt.
8) Im Orakel der Kaurimuscheln
(Merindiloggun) heißt es
auch, ein Orisha "spräche" durch ein bestimmtes
odù, welches ihm "gehört". Hierbei ist allerdings
zu berücksichtigen, daß die Merindiloggun (Diloggun)
nicht Ifá ansprechen und folglich auch nicht vom Babalawo,
dem Ifá-Priester, benutzt werden. Die odù heißen
zwar in vielen Fällen genauso oder ähnlich wie die odù von
Ifá, haben jedoch anderen Inhalt, wirken auf einem anderen
Niveau und verkörpern in einigen Fällen auch andere metaphysische
Prinzipien. Es heißt, die odù der Merindiloggun seien
von den odù-Ifá "geboren" worden. (Achtung:
nicht alle Zeichen der Merindiloggun entsprechen ihren gleichnamigen
Pendants in Ifá!) Die Diloggun werden von den Orisha-Priestern,
den Olochas, Olorishas oder Santeros/as gehandhabt, und durch sie "sprechen" die
Orishas (jeweils ganz bestimmte in jedem einzelnen odù)
und (in Okana-Sodde) die Égún. In Ifá spricht
Orunmila, der "Zeuge der Schöpfung" (elerí ìpín).
Allerdings haben Oriates (Olorishas, die Spezialisten für
Diloggun sind) in der Neuen Welt durch Doppel-odùs Zugriff
auf den Ifá-Korpus erlangt. Dafür besitzen sie nicht
die Kompetenz, über das zwölfte Zeichen (Eyila Chebora)
hinaus zu lesen.
9) Siehe hierzu Michael Marcuzzi:
Dancing with the Divine(r): Batá Drumming, Ifá Divination
and Orisha Worship in Cuba, Toronto 1996.
10) Für Fasina Falade ist Orí die höchste und
wichtigste aller Gottheiten (Ifá: The Keys to It's Understanding,
Lynwood 2002, S. 483). In Ijo Orunmila zitiert Falade das odù Ofun-Irete,
in welchem Orí gar als der Urheber von Ifá bezeichnet
wird.
11) Der Begriff Eledá wird in der Literatur unterschiedlich
verwendet. In Olódùmarè, God in Yoruba Belief
führt E. Bolaji Idowu Elédá als Namen von Olódùmarè mit
der Bedeutung "Schöpfer" auf (1994:39), der sich
aber auch auf Orishanla (Obatala) beziehen kann (1994:71). Michael
Atwood Mason nennt in seinem Artikel Spiritual Genetics für
die CLBA Eleda den Schutzengel (guardian angel), der den persönlichen
Orisha des Menschen (patron divinity) aussucht. In seinem Buch
Living Santería setzt er eledá mit diesem Orisha
gleich (2002:50). Auch Raul Canizares schreibt in Walking with
the Night:"Santeria teaches that, just as everyone has an
earthly mother and father, each person also has an orisha mother
and father. ... Of the two orisha parents each person has, one
asserts him- or herself more strongly on that person's life, becoming
such a person's primary spiritual parent. These primary spiritual
parents are called eledás." (1992:54) Der Oriate Miguel "Willie" Ramos
sieht in seinem Artikel Ashé: Divine Essence of Existence
(auf seiner Seite Eleda.org) Eledá, den "Schöpfer",
als die Präsenz Oloruns im menschlichen Kopf an, als "den
stillen aber aufmerksam beobachtenden Zeugen der menschlichen Existenz,
dem am Ende Bericht erstattet wird". Vielleicht fungiert der "Schöpfer" hier
als eine Art Gewissen.
12) Sowohl Fasina Falade (Ijo
Orunmila) als auch Bolaji Idowu (Olódùmarè: God in Yoruba Belief, 1994, S.
173) nennen das himmlische Orí-Doppel Enìkejì.
Für Idowu ist Ìpònrí das Schicksalslos
des Orí (S.171).
13) Während in nahezu jedem Buch über die Religion der
Yoruba und die Santería eine mehr oder weniger zutreffende
und selten umfassende Charakterisierung der Orishas zu finden ist,
so existieren doch einige Basistexte, die sich ausschließlich
den Orishas oder auch nur je einem einzigen von ihnen widmen. Zu
den ersteren gehören z.B.: Los Orishas en Cuba von Natalia
Bolívar Aróstegui oder Black Gods - Orisa Studies
in the New World von John Mason und Gary Edwards; spezielle Werke
sind etwa Echu-Elegguá: Equilibrio dinámico de la
existencia von Adrián de Souza Hernández, Africa's
Ogun, Old World and New von Sandra Barnes, Òsun across the
Waters: A Yoruba Goddess in Africa and the Americas von Joseph
M. Murphy und Mei-Mei Sanford (Hrsg.), Oya. In Praise of an African
Goddess von Judith Gleason, Olóòkun: Owner of Rivers
and Seas von John Mason sowie die Hefte von Raul Canizares und
Fá'lokun Fatunmbi.
14) Für eine Beschreibung der körperlichen religiösen
Erfahrung s. Michael Atwood Mason: Living Santería. Rituals
and Experiences in an Afro-Cuban Religion, Smithsonian Institution
Press, Washington 2002.
15) Zu diesen Irunmole gehören unter anderem die odù von
Ifá, die das kosmische Geschehen organisieren und lenken.
Es gibt Hinweise darauf, daß diese odù, die eigentlich
Orakelzeichen darstellen, aber in diesem Sinne auch metaphysische
Kraft-Patterns sein müssen, ebenfalls - wenn auch auf einer
höheren geistigen Ebene - Orishas sind (s. Rowland Abiodun:
Hidden Power, in Òsun across the Waters, S. 15-16). Wenigstens
können die odù die ihnen ensprechenden Orishas generieren
oder sich in sie verwandeln, wie etwa Osetura sich zu Eshú transformiert.
Andererseits gebar Òsun (Ochún) Osetura (in eben
diesem odù). Ogún wird im odù Ogundameji geboren,
erhält aber in einer diesem Zeichen zugeordneten Legende den
Namen Ogundameji (Philip John Neimark, The Way of the Orisa, 1993,
S. 86-87), transformiert sich also wieder zum odù. Oyá wird
in Osa-Ogunda "geboren" (Gleason, Oya. In Praise of an
African Goddess, 1992, S. 183-189). Nach Fela Sowande und Fagbemi
Ajanaku (neben Anderen) gehören die olódù, die
ersten 16 odù, zu den ersten Irunmole, die von Olódùmarè zur
Erde gesandt wurden (s. den Artikel Ifá). Auch hier läßt
sich wieder ein fließender Übergang zwischen Ifá,
repräsentiert durch die odù, und Orisha feststellen.
Es scheint sich hierbei um unterschiedliche Manifestationsstufen
auf der Skala zwischen Geist über Energie zur Materie zu handeln,
wobei das odù als eine Idee oder ein Prinzip anzusehen ist,
das als Irunmole oder Orisha energetische Gestalt annimmt, zur
Kraft wird, die sich dann in weltlichen Phänomenen manifestiert,
materialisiert oder inkarniert.
16) Añá und Ajala Mopin werden vereinzelt nicht
den Orishas zugerechnet. Añá wird von Felipe García
Villamil aus Matanzas nicht als Orisha, sondern "a manifestation
of the same vital force, aché, the power or the strength
of all things, that the orichas express and personify" angesehen
(María Teresa Vélez: Drumming for the Gods, 2000,
S. 48). Für Kólá Abímbolá ist
Ajala Mopin "a spiritual entity ... who is not regarded as
a divinity" (Spirituality and Applied Ethics: An African Perspective,
West Africa Review 2001, ISSN: 1525-4488).
17) Hierin liegt der Grund, warum
der Ahnenkult in seiner Wichtigkeit noch vor der Verehrung der
Orishas rangiert, obwohl die Orishas
in der Hierarchie der Geistigkeit und der spirituellen Energie
höher stehen als die Égún: Ohne die Égún
gäbe es keinen Orisha. Es heißt, der Tote (bzw. der
Tod) "gebäre" den Orisha: Égún (Ikú)
lobí Ochá.
Fasina Falade schreibt in Ijo Orunmila (im Kapitel Life's Circle): "After
reincarnating back home, the world is a market place and heaven is home, we
reveal our efforts while in the material form. If your character was developed,
you elevate into Orisa. If not you prepare to return as Egun." In demselben
Buch, im Kapitel Cosmology, definiert Falade: "Orisa: Deified ancestors.
Spirits that came into the world and were recognized for their deeds. There
are three types: Orile, Idile, and Inu. - Egun: Departed ancestors. Those who
have come and left the world. These must continue to elevate themselves spiritually
to become Orisa."
Die etymologische Bedeutung des Wortes òrìsà ist nach
wie vor strittig, und dem entsprechend wird das Wort uneinheitlich gehandhabt.
Während John Mason die Übersetzung als selected head, also "erwählter
Kopf" favorisiert, zitiert er in seinem Buch Orin òrìsà auch
Modupe Oduyoye: "It is not part of the word òrìsà which
means 'head', it is the whole. Òrìsà (and Òrìsè)
is one single word..."(1992:4). Mason äußert seine Assoziation
mit den Gottesnamen Olisa, Lisa, Lesa und Leza. Er liefert eine übergreifende
Definition: "Òrìsà can be spoken of as the venerated,
spiritual heads of the first rank and age selected by God to be repositories
of àse, concealed divine power of command and transformation."
Michael Marcuzzi mißtraut der Übersetzung als selected head zutiefst.
Er wies darauf hin, daß die tonalen Markierungen (gekennzeichnet durch
Betonungszeichen) nicht den geringsten Hinweis auf diese Wortbedeutung nahelegen.
Er lieferte auch ein Beispiel gegen die Auslegung des Wortes als "deifizierter
Vorfahr": Oníbodè, der von Idowu als Torwächter zwischen
Himmel und Erde dargestellt wird (Olódùmarè, 1994:174)
und in der Neuen Welt als Echu Oní Boddé zu einem Aspekt von
Eleggua wurde (Aróstegui, 1994:62), werde - so Marcuzzi - in den odù Ifá Okanran
Oyeku und Ogbe Iyonu ausdrücklich als Orisha deklariert, hätte jedoch
niemals auf Erden gelebt (pers. Korrespondenz, Nov. 2004).
18) Migene González-Wippler nennt Orunmila anstelle von
Oyá. (Santería. African Magic in Latin America, New
York 1990, S. 180)
19) Obatala gilt in all seinen
Aspekten als Oberhaupt der Orisha funfun. Ochún wird von Isabel Castellanos in A River of
Many Turns (enthalten in Òsun across the Waters, S. 40)
den Weißen Orishas zugeordnet, Oricha Oko von John Mason
(Orin Orisa, S. 121).
20) Vgl. Hierzu Edgar Allan Poe:
The Masque of the Red Death; Prinz Prospero feiert mit einer
ausgewählten Zahl Höfischer
in seinem von der Außenwelt abgeriegelten Schloß einen
Maskenball, während draußen im Land vor den Toren des
Schlosses die Pest wütet. Jedes Zimmer des Schlosses ist in
einer bestimmten Farbe gehalten. Einer seiner Gäste findet
im schwarzen Gemach eine Person, die sich als ein Pesttoter verkleidet
hat. Prospero gebietet wütend, ihr diese geschmacklose Maskierung
herunterzureißen; doch zum Schrecken der Anwesenden befindet
sich niemand hinter der Maske. Da wußten alle, daß der
Rote Tod, die Pest, auch in ihr freches Refugium Einzug gehalten
hatte, und einer nach dem anderen sanken sie tot zu Boden.
21) Hinter dem Numen, dem Namen
und der Figur von Oddudua (Oduduwa) verbirgt sich (wie hinter
Obatala) ein komplexes Mysterium mit
verzweigten physischen und metaphysischen Bezügen. Die mythologische
Ablösung von Obatala durch Oduduwa in der Weltschöpfung
scheint eine Reflexion politischer Geschehnisse gewesen zu sein;
schließlich hatte Oduduwa (Oddudua) sein Volk nach Nigeria,
genauer gesagt nach Ile-Ife geführt und die damalige Bevölkerung
mehr und mehr unterdrückt. Dem Ursprung der Yoruba liegt also
eine Invasion und eine stetige Durchsetzung und Vermischung mit
der Urbevölkerung zugrunde, deren Schöpfergottheit jedoch
Obatala (Orishanla) war. Woher diese Invasoren kamen, ist Gegenstand
abenteuerlicher Theorien, die geradezu mythische Züge tragen:
So will J. Olamide Lucas (The Religion of the Yorubas, 1942) belegt
wissen, daß die ursprüngliche Heimat der Yoruba Ägypten
gewesen sei. Andere Quellen behaupten gar, Oduduwa sei aus Mekka
geflohen. Der politische Führer Oduduwa wird von den Yoruba
als ihr Urahn angesehen. Er gilt sozusagen als der Prinzipal der Égún.
Er steht in Verbindung mit dem Ogboni-Bund, der sich dem Kult von
Onile, der Erde widmet (siehe E. Bolaji Idowu: Olódùmarè -
God in Yoruba Belief, S. 22-29, für eine exzellente Ausführung
des Themenkomplexes).
John Mason liefert in Orin Orisa einige esoterische Aspekte zum "Oduduwa-Komplex",
die nur eine Idee von der ganzen Tiefe seines Mysteriums vermitteln. Mason
vertritt neben Anderen die Auffassung, daß zwischen einem (männlichen)
Odùdúà und einer (weiblichen) Odùa zu unterscheiden
sei (S. 221). Nach meiner Ansicht stellt Oddua (Odùa) lediglich eine
sprachliche Wortverkürzung des Namens Oddudua (Oduduwa, Odùdúà)
dar.
22) Heriberto Feraudy Espino führt Aganju als den Nachfolger
von Shangó auf dem Thron des aláfin von Oyo auf (Yoruba.
Un acercamiento a nuestras raices, La Habana 1993, S. 31).
23) Dies ist die Aussage des "17. odù" des Ifá-Korpus,
Osetura. Vgl. hierzu auch George Spencer Brown: Only Two Can Play
This Game.
24) Èlà wird oft als "das Gute" oder "die
Kraft, die Dinge richtigstellt" übersetzt. In der Ifá-Kosmologie
stellt Èlà die Kraft dar, die sich in der materiellen
Welt als das Irunmole (der Orisha) Orunmila manifestiert.
25) In der Yoruba-Religion wie
in der modernen Chaostheorie stellen die Begriffe "Chaos" oder "Zufall" nur technisch
bedingte Vereinfachungen für Kausalprozesse dar, die der Mensch
nicht voraussehen oder nachvollziehen kann. In der Chaoswissenschaft
spricht man vom "Schmetterlingseffekt", der bezeichnet,
daß selbst ein so feiner Impuls wie der Schlag eines Schmetterlingsflügels
in einer bestimmten Konstellation von Gegebenheiten einen Hurrikan
auf der anderen Seite des Erdballs verursachen (GEO-Wissen: Chaos
+ Kreativität, 11/1993, S. 132-133, 188).
26) Die Ajogún gehören zu den im Orakel zu spezifizierenden
Urhebern einer "schlechten Orientation" (ibi, osogbo)
des jeweiligen Zeichens.
27) Siehe Julio García
Cortez: The Ocha, 2000, S. 97.
28) Wörtlich: "Sohn Obatalas"; Menschen, deren
Wesen jeweils von einem bestimmten Orisha regiert wird, werden
als deren Kinder (Söhne/Töchter) bezeichnet. Der persönliche
Orisha eines Menschen gilt als sein Schutzpatron und wird traditionell
mit dem Ifá-Orakel ermittelt. Es ist dies derselbe Orisha,
dem die betreffende Person in der Kariocha-Initiation geweiht wird,
und der von ihr in Trance Besitz ergreifen wird. Für einen
Omobatala ist es traditionell Tabu, sich magischer Handlungen zu
bedienen.
29) Siehe Idowu, Olódùmarè, 1994, S. 178,
sowie Fa'lokun Fatunmbi, Ìbà'se Òrìsà,
1994, S. 189: "In Ifá cosmology there is no 'Devil'.
Negativism, pain, suffering and injustice are frequently the work
of spiritual forces that are called 'elénìní'.
The elénìní come into existence as a result
of personal resistance to spiritual transformation ...".
30) Siehe Idowu, Olódùmarè, 1994, S. 177-178: "Omo
ar'aiyé and Elénìnì draw their power
from the evil principle which is described comprehensively as Aiyé - "The
World". Here resides the concentrated power of evil. ... In
aiyé, ... we meet unmitigated evil in its essence, malignant,
obstructing, spoiling, out-and-out diabolic."
31) Wir erinnern uns, daß in den achtziger Jahren die abendländischen "Hexen" als "Weise
Frauen" wiederentdeckt wurden.
32) Siehe auch Sergius Golowin:
Symbole aus dem Sagenkreis der Weisen Frauen, im Lexikon der
Symbole, München 1992, S. 258-259,
wo als Boten abendländischer Hexen ebenfalls Fledermäuse
und Eulen aufgeführt werden.
33) Siehe hierzu David O. Ogungbile:
Eérìndínlógún
in Òsun across the Waters von Murphy und Sanford 2001, S.
194-195; Iris Hahner-Herzog: Im Zeichen der "Mütter",
der Gelede-Bund der Yoruba (Web-Artikel für die Universität
Linz, 2002). Potenziell verfügen aber alle Frauen über "Vogel-Kraft".
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mit Genehmigung des Autors.
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